Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Islamischer Religionsunterricht GK · Haupttermin 2021
Thema: Islamische Ethik, Zusammenleben und Dialog · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Muna Tatari
Stellvertreter Gottes: Würde und Aufgabe des Menschen
[...] Der Schöpfungsplan Gottes, den Menschen zu erschaffen, wird in Sure 2,30–39 mittels
der Figur der Engel zunächst mit Zweifel und Bedenken kommentiert, die aufgrund des am-
bivalenten Potenzials des Menschen auch ihre Berechtigung zu haben scheinen. Die negati-
ven Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten, wie sie der Text vermittelt, werden von
5 Gott auch nicht negiert, sondern aufgenommen und in einen größeren Kontext gestellt. Im
Fortgang der Geschichte offenbart sich der vertrauensvolle Zuspruch Gottes in das Gute aller
Menschen: Der Mensch ist nicht nur vernunftbegabt und mit kreativen Fähigkeiten ausge-
stattet, er wird auch gezeichnet als ein Wesen, das trotz seiner Schwächen immer wieder in
der Lage gesehen wird, für Gottes Weisung empfänglich zu sein.
10 In der Ermutigung Gottes, dass der Mensch, so er seiner inneren Natur folgt (vgl. Sure 30,30),
einen Weg zu Gott finden wird, liegt der Grundstein der islamischen Anthropologie. Er be-
steht darin, dass der Mensch in die Verantwortung gerufen ist, die von Gott im Menschen
angelegte Gottverbundenheit und Gottessehnsucht zu pflegen und zu gestalten. Der Mensch
ist auf diesem Lebensweg nicht allein gelassen. Er hat Gottes Versprechen, dass er als sein
15 Schöpfer, Erhalter und Vollender ( rabb) immer wieder Weisung und Orientierung geben
wird. Der Koran, der die dialogische Beziehung zwischen Gott und Mensch veranschaulicht,
ist eine der vielen Kommunikationswege Gottes (vgl. Sure 42,51). Er bleibt als Offenba-
rungsschrift lebendig durch das Bemühen der Menschen aller Zeiten, seinen Worten durch
ihren reflektierenden und gestaltenden Umgang mit ihm einen Raum in ihrem Leben zu ge-
20 ben.
Unter der vorrangigen Perspektive, dem Schöpfungsplan Gottes zu entsprechen, leitete die
islamische Theologie aus ihren Quellen grundlegende Werte ab, mit denen die gottgegebene
Würde jedes Menschen (vgl. Sure 17,70) zu sichern sei: den Schutz des Lebens, der Vernunft,
der Religion, der Familie und des Besitzes. [...]
25 Die Verantwortung des Menschen, die Schöpfung nach der Vision Gottes von Gerechtigkeit,
Barmherzigkeit und Liebe zu gestalten, bündelt sich im koranischen Begriff des khalifa. Die
gängige Übersetzung ins Deutsche als »Stellvertreter« wird dann ihrem theologischen Gehalt
gerecht, wenn sie mit der Vorstellung konnotiert 1 ist, dass der Mensch aufgerufen ist, den
göttlichen Schöpfungsplan zu ergründen und Gott auf diesem Weg menschlicher Erkenntnis-
30 und Handlungsfähigkeit zuzuarbeiten. Der große mittelalterliche Gelehrte al-Ghazali (gest.
1111) sieht diese Korrespondenz 2 darin begründet, dass der Mensch nach dem Bilde Gottes,
des Barmherzigen, geschaffen wurde, und zwar ausgehend von der koranischen Schöpfungs-
erzählung (vgl. Sure 2,30–39), indem er die Namen, die Gott lehrt, als die 99 Namen Gottes
interpretiert, die mit Gottes lebensspendendem Atem auch im Menschen angelegt sind. Der
35 Mensch kann so zum einen seine Korrespondenz zu Gott entdecken, im menschlichen Ge-
genüber die göttliche Fülle erahnen und entsprechend dieser Korrespondenz verantwortungs-
voll und achtsam ( taqwa) in der Schöpfung handeln. Dieses Vertrauenspfand Gottes
( amana), das der Mensch annimmt, macht ihn potenziell zu etwas Besonderem in der Schöpf-
ung, und zwar in dem Maße, in dem er sich seiner selbst in dieser Hinsicht bewusst wird.
40 Inwieweit für diese Aufgabe die menschliche Willensfreiheit eine unabdingbare Vorausset-
zung ist, hat die islamische Theologie unterschiedlich beantwortet. Einerseits hat eine der
großen theologischen Schulen (die Asch’ariya) einen Weg zwischen vollkommener Willens-
freiheit und absoluter Prädestination 3 über das Konzept der willentlichen Aneignung von
Gott geschaffener Handlungen ( kasb) gesucht. Andererseits hat es seit den Anfängen der is-
45 lamischen Theologie auch die Ansicht gegeben, dass eine – wenngleich auch nicht absolut
verstandene – Willens- und Handlungsfreiheit Voraussetzung für die Übernahme von Ver-
antwortung und unabdingbar für das Prinzip der Gerechtigkeit ist (so die Qadariya und
Mu’taziliya).
Der Mensch handelt nach koranischer Auffassung nicht absichtlich böse (Sure 20,115). Al-
50 lerdings sind es seine allzu menschlichen Schwächen wie Ignoranz, Überheblichkeit, Anma-
ßung und Unersättlichkeit, die ihn immer wieder von Gott entfernen. Damit ist nach korani-
scher Vorstellung in der Regel auch das Beziehungssystem ( din), in das der Mensch einge-
bunden ist und das neben der Beziehung des Menschen zu Gott auch die Beziehung zu sich
selbst, den Mitmenschen, den Pflanzen und Tieren und der Schöpfung an sich umfasst, emp-
55 findlich und gegebenenfalls auch nachhaltig gestört. Dieses Oszillieren 4 des Menschen zwi-
schen seinen Möglichkeiten, Gott näher zu stehen, als es die Engel tun (vgl. Sure 5,54) oder
auf eine der niedrigsten Ebenen zurückzufallen (vgl. Sure 95), macht ganz grundsätzlich sein
Dasein aus. In der islamischen Konzeption scheint die Prozesshaftigkeit zwischen dem nie
absolut gedachten Bösen – auch Kain wird nicht als der absolut Böse dargestellt – und nie
60 absolut Guten – auch der Prophet Muhammad hat gefehlt – besonders betont. [...]
Gott, so legt die koranische Adamserzählung nahe, erwartet keine Perfektion im Sinne eines
unfehlbaren Menschen, wohl aber eine eigene Anstrengung ( dschihad), Gott so nahe als
möglich zu kommen, also das Beste aus sich zu machen und die eigenen destruktiven Impulse
nach Kräften zu bändigen. Al-Ghazali beschreibt diesen dschihad als Weg der Selbsterkennt-
65 nis und Selbsterziehung. Der Mensch weiß sich bei dieser Anstrengung jedoch vom reichen
Segen Gottes begleitet, der im Koran verspricht, dass jede noch so kleine Bewegung zum
Guten mehrfach durch Gottes Segen verstärkt wird. Gott kann, da er die Sehnsucht des Men-
schen nach ihm als Teil seiner Natur erschaffen hat, als initiale 5 Kraft dieses Bemühens ver-
standen werden.
70 Diesem tendenziell positiven Menschenbild, das der Koran vermittelt, steht das große Leid
der Menschen entgegen, das andere Menschen verursachen. Auch wenn der Mensch sich
nach besten Kräften bemüht, es bleibt augenscheinlich ein Überschuss an unerlöstem Leid,
das – spätestens in eschatologischer 6 Perspektive – zurück in Gottes Hand fällt. Vergebung
und Versöhnung aufgrund von Einsicht und Reue können auch dann noch geschehen, sie sind
75 aber islamisch nicht ohne die Mitwirkung aller Beteiligten zu denken. Gott vergibt, anders
formuliert, nicht am Opfer vorbei.
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)
Muna Tatari ist islamische Theologin.
1 konnotiert: gedanklich verknüpft
2 Korrespondenz: Entsprechung, wechselseitige Beziehung
3 Prädestination: göttliche Vorherbestimmung
4 oszillieren: schwingen, schwanken
5 initial: auslösend
6 eschatologisch: hier: im Hinblick auf das Leben nach dem Tod
3. Erörtern Sie unter Einbezug des bisher Erarbeiteten und mithilfe selbst gewählter konkreter Beispiele, inwiefern sich ein muslimisches Menschenbild auf das gesellschaftliche Miteinander der Gegenwart auswirken kann, und nehmen Sie zum Schluss begründet Stellung. (26 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Erörtern Sie unter Einbezug des bisher Erarbeiteten und mithilfe selbst gewählter konkreter Beispiele, inwiefern sich ein muslimisches Menschenbild auf das gesellschaftliche Miteinander der Gegenwart auswirken kann, und nehmen Sie zum Schluss begründet Stellung.
Lösung: Ausgewogene Erörterung mit konkreten Gegenwartsbeispielen zu positiven und problematischen Auswirkungen sowie begründetem Schlusssurteil.
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