Aufgabe HT 2 - Teil I: Übersetzung · Abitur NRW Griechisch LK · Haupttermin · fortgeführt 2022

Thema: Übersetzung griechischer Prosa (Platon, Herodot) · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · fortgeführt (2022)

Aufgabenstellung

I. Übersetzungsaufgabe

Übersetzen Sie den griechischen Text in angemessenes Deutsch.

Text:

Der Sprecher kritisiert, wie die meisten Menschen ihre Prioritäten wählen: Sie strebten allein nach Angenehmem und neigten zu übermäßiger Selbstliebe, fehlendem Verantwortungsbewusstsein und dazu, anderen die Schuld zuzuweisen. Wer so lebt, meint dennoch, seiner Seele damit etwas Gutes zu erweisen. Der Sprecher beurteilt das Verhalten eines jeden, der seine Prioritäten auf diese Weise setzt, wie folgt:

1 Βλάπτει γάρ. Οὐδʼ, ὁπόταν ἡδοναῖς παρὰ λόγον χαρίζηται, τότε οὐδαμῶς τιμᾷ.

2 Ἀτιμάζει δὲ κακῶν καὶ μεταμελείας ἐμπιμπλὰς αὐτήν. Οὐδέ γε, ὁπόταν αὖ τἀναντία

3 τοὺς ἐπαινουμένους πόνους καὶ φόβους καὶ ἀλγηδόνας καὶ λύπας μὴ διαπονῇ

4 καρτερῶν, ἀλλὰ ὑπείκῃ, τότε οὐ τιμᾷ ὑπείκων. Ἄτιμον γὰρ αὐτὴν ἀπεργάζεται δρῶν

5 τὰ τοιαῦτα σύμπαντα. Οὐδʼ, ὁπόταν ἡγῆται τὸ ζῆν πάντως ἀγαθὸν εἶναι, τιμᾷ.

6 Ἀτιμάζει δʼ αὐτὴν καὶ τότε. Τὰ γὰρ ἐν Ἅιδου πράγματα πάντα κακὰ ἡγουμένης τῆς

7 ψυχῆς εἶναι ὑπείκει καὶ οὐκ ἀντιτείνει διδάσκων τε καὶ ἐλέγχων, ὡς οὐκ οἶδεν – οὐδʼ

8 εἰ τἀναντία πέφυκεν μέγιστα εἶναι πάντων ἀγαθῶν ἡμῖν τὰ περὶ τοὺς θεοὺς τοὺς ἐκεῖ.

9 Οὐδὲ μήν, πρὸ ἀρετῆς ὁπόταν αὖ προτιμᾷ τις κάλλος, τοῦτʼ ἔστιν οὐχ ἕτερον ἢ ἡ τῆς

10 ψυχῆς ὄντως καὶ πάντως ἀτιμία. Ψυχῆς γὰρ σῶμα ἐντιμότερον οὗτος ὁ λόγος φησὶν

11 εἶναι ψευδόμενος. Οὐδὲν γὰρ γηγενὲς Ὀλυμπίων ἐντιμότερον. Ἀλλʼ ὁ περὶ ψυχῆς

12 ἄλλως δοξάζων ἀγνοεῖ, ὡς θαυμαστοῦ τούτου κτήματος ἀμελεῖ. Οὐδέ γε, ὁπόταν

13 χρήματά τις ἐρᾷ κτᾶσθαι μὴ καλῶς ἢ μὴ δυσχερῶς φέρῃ κτώμενος, δώροις ἄρα τιμᾷ

14 τότε τὴν αὑτοῦ ψυχήν – παντὸς μὲν οὖν λείπει. Τὸ γὰρ αὐτῆς τίμιον ἅμα καὶ καλὸν

15 ἀποδίδοται σμικροῦ χρυσίου. Πᾶς γὰρ ὅ τʼ ἐπὶ γῆς καὶ ὑπὸ γῆς χρυσὸς ἀρετῆς οὐκ

16 ἀντάξιος.

Übersetzungshilfen:

Zeile · Griechischer Text · Erklärung / Übersetzungshilfe

Z. 1 · βλάπτει · ergänzen Sie als Akkusativobjekt: Βλάπτει γὰρ ‹τὴν ψυχήν›. (Das Subjekt ist hier und im Folgenden in der Argumentation des Sprechers ein Mensch, der die falschen Prioritäten setzt, vgl. Hinführung zum Text.)

Z. 1 · παρά mit Akkusativ · hier: gegen

Z. 1 · χαρίζομαι mit Dativ · hier: sich einer Sache hingeben

Z. 1 · τότε οὐδαμῶς τιμᾷ · ergänzen Sie als Akkusativobjekt: τότε ‹τὴν ψυχήν› οὐδαμῶς τιμᾷ

Z. 2 · ἡ μεταμελεία · die Reue

Z. 2 · ἐμπίμπλημι mit Genitiv

ἐμπιμπλάς · mit etwas anfüllen

Part. Präs. Akt. Nom. Sg. m

Z. 2 – 4 · οὐδέ … οὐ · übersetzen Sie als verstärktes οὐδέ

Z. 2; 8 · τἀναντία · im Gegenteil; umgekehrt

Z. 3 · τοὺς ἐπαινουμένους · es wird auf eine gegenteilige Lebensauffassung hingewiesen als die der in dem Einleitungstext erwähnten Menschen

Z. 3 – 4 · διαπονέω καρτερῶν · standhaft ertragen

Z. 4 · τότε οὐ τιμᾷ ὑπείκων · ergänzen Sie als Akkusativobjekt aus Zeile 2: τότε οὐ ‹αὐτὴν› τιμᾷ ὑπείκων

Z. 4 · ἀπεργάζομαι mit doppeltem Akkusativ · etwas zu etwas machen

Z. 4 · δρῶν · Part. Präs. Akt. Nom. Sg. m von δράω – handeln; tun

Z. 5 · τὸ ζῆν · der Subjektsakkusativ des AcI

Z. 5 · πάντως · ausschließlich; in jeder Hinsicht

Z. 5 · τιμᾷ · ergänzen Sie als Akkusativobjekt: ‹αὐτὴν›

Z. 6 – 7 · τὰ … ἐν Ἅιδου πράγματα πάντα κακὰ ἡγουμένης τῆς ψυχῆς εἶναι · stellen Sie den Genitivus absolutus wie folgt um: τῆς … ψυχῆς τὰ ἐν Ἅιδου πράγματα πάντα κακὰ εἶναι ἡγουμένης

Z. 7 · διδάσκων τε καὶ ἐλέγχων · ergänzen Sie als Akkusativobjekt: διδάσκων τε καὶ ἐλέγχων ‹αὐτήν› (αὐτήν nimmt τῆς ψυχῆς, Z. 6 – 7, wieder auf)

Z. 7 – 8 · οὐδʼ εἰ · auch nicht ob

Z. 8 · πέφυκεν … εἶναι · übersetzen Sie: … ihrem Wesen nach … sind

Z. 8 · τὰ περὶ τοὺς θεοὺς τοὺς ἐκεῖ · die Verhältnisse bei den dortigen Göttern

Z. 9 · οὐδέ … οὐχ · übersetzen Sie als verstärktes οὐδέ

Z. 9 · Οὐδὲ μὴν πρὸ ἀρετῆς ὁπόταν αὖ προτιμᾷ τις κάλλος, … · stellen Sie um: Οὐδὲ μήν τις ‹τιμᾷ τὴν ψυχήν›, ὁπόταν αὖ προτιμᾷ κάλλος πρὸ ἀρετῆς, ‹ἀλλὰ› τοῦτʼ ἔστιν …

Z. 9 · τις · ergänzen Sie als Bezugswort ἄνθρωπος

Z. 10 – 11 · Ψυχῆς γὰρ σῶμα ἐντιμότερον οὗτος ὁ λόγος φησὶν εἶναι ψευδόμενος. · stellen Sie um: Οὗτος γὰρ ὁ λόγος ψευδόμενός φησιν σῶμα ἐντιμότερον εἶναι ψυχῆς.

Z. 11 · γηγενής, -ές · aus der Erde stammend

Z. 11 · οἱ Ὀλύμπιοι · die Himmlischen; die olympischen Götter

Z. 11 · ἐντιμότερον · ergänzen Sie ein ἐστίν

Z. 11 · ὁ · Gemeint ist ein Mensch.

Z. 13 · τὰ χρήματα · hier: die (materiellen) Besitztümer; die Schätze

Z. 13 · δυσχερῶς φέρω · hier: Unbehagen/Abneigung empfinden

Z. 14 · αὑτοῦ · ≈ ἑαυτοῦ

Z. 14 · παντὸς μὲν οὖν λείπει · übersetzen Sie: weit gefehlt

Z. 14 · τὸ … αὐτῆς τίμιον · das Wertvolle an ihr …

Z. 15 · ἀποδίδομαι mit Genitiv · für etwas verkaufen

Z. 15 – 16 · οὐκ ἀντάξιος · ergänzen Sie als Kopula: οὐκ ἀντάξιός ‹ἐστιν›

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - Teil I: Übersetzung · Abitur NRW Griechisch LK · Haupttermin · fortgeführt 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Übersetzen Sie den griechischen Text in angemessenes Deutsch.

Lösung: Er schädigt sie (seine Seele) ja. Und er ehrt sie auch dann auf keinerlei Art und Weise, wenn er sich gegen die Vernunft den Lüsten hingibt. Vielmehr entehrt er sie, indem er sie mit Übeln und mit Reue anfüllt. Und auch dann, wenn er umgekehrt die empfohlenen Anstrengungen, Ängste, Schmerzen und Beschwernisse nicht standhaft erträgt, sondern ihnen nachgibt, ehrt er (sie) nicht, indem er ja nachgibt. Denn er macht sie ehrlos durch diese ganzen derartigen Handlungen. Und auch nicht, wenn er glaubt, dass das Leben in jeder Hinsicht gut ist, ehrt er (sie). Vielmehr entehrt er sie auch in diesem Fall. Denn wenn die Seele die Verhältnisse im Hades ausnahmslos für Übel hält, dann gibt er (ihr) nach und widersetzt sich (ihr) nicht, indem er sie belehrt und sie überführt, dass sie nichts weiß – auch nicht ob im Gegenteil die Verhältnisse bei den dortigen Göttern ihrem Wesen nach für uns die größten aller Güter sind. Und auch ehrt ein Mensch gewiss nicht (die Seele), wenn er andererseits die Schönheit der Tugend vorzieht, sondern das ist nichts anderes als eine wirkliche und vollkommene Entehrung der Seele. Denn diese Ansicht behauptet, dass der Körper mehr Ehre verdient als die Seele, und lügt damit. Denn nichts aus der Erde Stammendes verdient mehr Ehre als die olympischen Götter. Vielmehr weiß derjenige, der über die Seele eine andere Meinung vertritt, nicht, dass er damit dieses wunderbare Eigentum missachtet. Und auch nicht, wenn jemand danach strebt, materielle Besitztümer auf nicht schöne Art und Weise zu erwerben, oder wenn er bei ihrem Erwerb keine Abneigung empfindet, dann ehrt er seine eigene Seele etwa durch Geschenke – weit gefehlt. Denn das zugleich Wertvolle und Schöne an ihr verkauft er für wenig Gold. Denn alles Gold auf und unter der Erde ist nicht gleichwertig mit Tugend.

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