Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften 2021 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg)

Abiturprüfung Geschichte-Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2021, LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg): 1 Aufgabe mit Lösungen.

Themen der Prüfung: Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · Rassenpolitik, Völkermord und Vergangenheitsbewältigung · Kalter Krieg und Kubakrise · Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration

Aufgabe 1 · Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich

Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Erläutern Sie anhand des Textes die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse während der Hochindustrialisierung im deutschen Kaiserreich. Gehen Sie dabei besonders auf den Wandel der Rolle der Frau ein. Arbeiten Sie im Anschluss Bebels Frauenbild heraus. (34 Punkte)

3.

Setzen Sie sich damit auseinander, inwieweit sich die von Bebel im Text kritisierte Ungleichbehandlung von Frauen und Männern bei der Bezahlung bis in die Gegenwart verändert hat. (24 Punkte)

Materialgrundlage

August Bebel: Die Frau und der Sozialismus. Zürich 1879 (1. Aufl.), hier 1909 (50. Aufl.), 13. Kapitel (Die Erwerbsstellung der Frau: Entwicklung und Verbreitung der Frauenarbeit).

(Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)

Aus der Monographie „Die Frau und der Sozialismus“ von August Bebel¹:

1 [...] Das Streben der Frau nach selbständigem Erwerb und persönlicher Unabhängigkeit wird bis zu einem gewissen Grade von der bürgerlichen Gesellschaft als berechtigt anerkannt, ähnlich wie das Bestreben der Arbeiter nach freier Bewegung. Der Hauptgrund für dieses Entgegenkommen liegt in dem Klasseninteresse der Bourgeoisie². Die Bourgeoisie braucht die

5 volle Freigabe der männlichen und weiblichen Arbeitskräfte, um die Produktion aufs höchste entwickeln zu können. In dem Maße, wie Maschinerie und Technik sich vervollkommnen, der Arbeitsprozeß in immer mehr Einzelverrichtungen sich teilt und geringere technische Ausbildung und Kraft erfordert, andererseits die Konkurrenz der Industriellen untereinander und der Konkurrenzkampf ganzer Produktionsgebiete – Land gegen Land, Erdteil gegen Erdteil

10 – sich steigert, wird die Arbeitskraft der Frau immer mehr gesucht.

Die speziellen Ursachen, die zu dieser stets steigenden Anwendung der Frau in einer stets steigenden Anzahl von Erwerbszweigen führen, sind schon oben ausführlicher dargelegt worden. Die Frau findet neben dem Manne oder an seiner Stelle auch immer häufiger Beschäftigung, weil ihre materiellen Forderungen geringer sind als jene des Mannes. Ein aus ihrer

15 Natur als Geschlechtswesen hervorgehender Umstand zwingt sie, sich billiger anzubieten; sie ist durchschnittlich öfter als der Mann körperlichen Störungen unterworfen, die eine Unterbrechung der Arbeit herbeiführen und bei der Kombination und Organisation der Arbeitskräfte, die in der Großindustrie besteht, leicht Arbeitsunterbrechungen erzeugen. Schwangerschaft und Wochenbett verlängern solche Pausen. [...] Der Unternehmer nutzt diesen Umstand

20 aus und findet für die Unannehmlichkeiten, die er aus solchen Störungen hat, einen doppelten Ersatz in der Zahlung erheblich geringerer Löhne. Auch ist die Frau an den Ort ihres Aufenthaltes oder dessen nächste Umgebung gebunden; sie kann nicht, wie in den meisten Fällen der Männer, ihren Aufenthaltsort wechseln.

Weiter hat die Arbeit, namentlich der verheirateten Frauen [...], noch ihren besonderen Anreiz

25 für den Unternehmer. Als Arbeiterin ist die verheiratete Frau »viel aufmerksamer und gelehriger« als die unverheiratete; die Rücksicht auf ihre Kinder nötigt sie zur äußersten Anstrengung ihrer Kräfte, um den notwendigsten Lebensunterhalt zu erwerben, und so läßt sie sich manches bieten, was sich die unverheiratete Frau nicht bieten läßt und erst recht nicht der Arbeiter. Im allgemeinen wagt die Arbeiterin noch selten, sich mit ihren Arbeitsgenossen zur

30 Erlangung besserer Arbeitsbedingungen zu verbinden. Auch das erhöht in den Augen des Unternehmers ihren Wert; oft bildet sie sogar in seinen Händen einen guten Trumpf gegen widerspenstige männliche Arbeiter; sie besitzt ferner größere Geduld, gewandtere Fingerfertigkeit, einen entwickelteren Geschmackssinn, Eigenschaften, die sie für eine Menge Arbeiten geschickter machen als den Mann.

35 Diese weiblichen Tugenden weiß der tugendhafte Kapitalist voll zu würdigen, und so findet die Frau mit der Entwicklung unserer Industrie von Jahr zu Jahr ein immer größeres Anwendungsgebiet, aber – und das ist das Entscheidende – ohne ihre soziale Lage merkbar zu verbessern. Wird weibliche Arbeitskraft angewandt, so setzt sie häufig männliche Arbeitskraft frei³. Aber die verdrängte männliche Arbeitskraft will leben, sie bietet sich zu einem gerin-

40 geren Lohn an, und dieses Angebot drückt wieder auf die Löhne der Arbeiterin. Das Herabdrücken des Lohnes wird zu einer Schraube, die durch die stets in der Umwälzung begriffene Technik des Arbeitsprozesses in Bewegung gesetzt wird, namentlich da dieser Umwälzungsprozeß auch weibliche Arbeiter, durch Ersparnis von Arbeitskräften, freisetzt, was abermals das Angebot von »Händen« vermehrt. Neu auftauchende Industriezweige wirken dieser be-

45 ständigen Erzeugung von relativ überschüssiger Arbeitskraft einigermaßen entgegen, aber nicht stark genug, um dauernd bessere Arbeitsbedingungen zu erzielen. Wird doch in diesen Industrien, wie zum Beispiel in der elektrotechnischen, die männliche Arbeitskraft von der weiblichen verdrängt. So werden in der gesamten Kleinmotorenfabrik der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft die meisten Arbeitsmaschinen von Mädchen bedient. Jedes Steigen des

50 Lohnes über ein gewisses Maß veranlaßt den Unternehmer, auf weitere Verbesserung seiner Maschinen zu sehen, die willenlose, automatische Maschine an Stelle von menschlichen Händen und menschlichem Hirn zu setzen. Im Beginn der kapitalistischen Produktion steht auf dem Arbeitsmarkt der männliche Arbeiter fast nur dem männlichen Arbeiter gegenüber, jetzt wird Geschlecht gegen Geschlecht und in der Reihe weiter Alter gegen Alter ausgespielt.

55 Die Frau verdrängt den Mann, und die Frau wird wieder durch die Arbeit der jungen Leute und der Kinder verdrängt. Das ist die »sittliche Ordnung« in der modernen Industrie.

Dieser Zustand würde schließlich unerträglich, wirkte nicht die Macht der Organisation der Arbeiter in ihren Gewerkschaften demselben mit aller Macht entgegen. Diesen Organisationen sich anzuschließen, ist auch speziell für die Arbeiterin ein Gebot der Notwendigkeit, weil

60 sie als einzelne noch weit weniger widerstandsfähig gegenüber dem Unternehmer ist als der Arbeiter. Allmählich begreifen das auch die Arbeiterinnen. So waren den freien Gewerkschaften angeschlossen in Deutschland 1892 4.355, 1899 19.280, 1900 22.884, 1905 74.411, 1907 136.929, 1908 138.443. In allen deutschen Gewerkschaften 168.111. Im Jahre 1892 waren es nur 1,8 Prozent aller Mitglieder der Gewerkschaften, im Jahre 1908 7,6 Prozent. Nach dem

65 fünften internationalen Bericht über die Gewerkschaftsbewegung betrug die Zahl der weiblichen Mitglieder in Großbritannien 201.709, Frankreich 88.906, Österreich 46.401.

[...]

¹ August Bebel (1840 – 1913): Mitbegründer der späteren SPD, Reichstagsabgeordneter und Vorsitzender der SPD

² Die Bourgeoisie stellt in der marxistischen Weltsicht die herrschende Klasse in der kapitalistischen Gesellschaft dar, also das ‚Besitzbürgertum‘.

³ freisetzen: arbeitslos werden

Aufgabe 2 · Rassenpolitik, Völkermord und Vergangenheitsbewältigung

Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Aufgabe 2

Materialgrundlage

Zeugenaussage von Otto Wolken im 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess, 20. Verhandlungstag, 27. Februar 1964

Aus der am 27. Februar 1964 erfolgten Zeugenaussage von Otto Wolken 1 im sogenannten „Auschwitz-Prozess“ in Frankfurt a. M., der die Gräueltaten der Nationalsozialisten im Konzentrationslager Auschwitz zum Gegenstand der Verhandlung hatte:

1 […] Und ich kam nach Auschwitz I, also ins Stammlager Auschwitz. Der Weg vom Bahnhof bis ins Lager war ziemlich weit, und wir wurden von SS-Leuten begleitet, die sich unterwegs an uns heranmachten und fragten: „Hast du Geld? Hast du eine Uhr? Gib es her, du kriegst es sowieso nicht mehr zurück, das nimmt man dir doch eh alles weg. Gib es mir, ich werde dir

5 dann im Lager helfen!“ Und die also schon unterwegs begannen, uns Häftlingen abzuluchsen 2, was noch bei uns zu erben war. Und es waren Leute darunter, die schleppten sich mit schweren Koffern. [Pause]

7 Und dann kamen wir zum Lager. Na ja, es war wohl elektrisch geladener Draht, das erkannten wir an den Isolatoren, die dort waren. Aber drüber stand schwungvoll „Arbeit macht frei“.

10 Wir marschierten durch dieses Tor hinein. Links aus einem Block klang Walzermusik, die Musikkapelle übte. Ja, wir hatten gar nicht den Eindruck, daß wir hier in eine Hölle kamen, es sah alles so friedlich, so ruhig aus. Und dann wurden wir also zu einem Block gebracht, und da hieß es zunächst: „Alles ausziehen!“ Jeder bekam einen Sack. „Bitte die Effekten 3 in diesen Sack hineinzuwerfen.“ Mit diesem Sack gingen wir dann zur sogenannten Politischen

15 Abteilung 4. Und da gaben wir den Sack ab und bekamen dafür ein kleines Zettelchen, da war eine Nummer draufgeschrieben. Es wurde uns bedeutet 5, wir sollten das ja gut aufheben. Das ist wichtig für uns, denn sonst kriegen wir unsere Sachen nicht wieder zurück, wenn wir die Nummer verlieren. […]

18 Und dann wurde es Nacht. Wir wurden bei Nacht aus dem Block herausgetrieben und neben

20 dem Block auf den Appellplatz gestellt. Und dort mußten wir die ganze Nacht stehen. Es war eine sehr kühle Mainacht. Wind ging, kalter Regen rieselte hernieder auf uns. Wir standen und standen und standen, bis am Morgen.

23 Am Morgen begann dann die Prozedur des Rasierens. Es wurden uns an allen behaarten Körperstellen die Haare heruntergerissen mehr als rasiert, Seife gab es ja keine. Wir wurden ge-

25 schunden und nicht rasiert, dann mit dem berühmten Cuprex 6 eingeschmiert. Und da lernten wir erstmals kennen, was Lager bedeutet. Denn wenn wir also aus diesem Rasierzimmer herauskamen, mußten wir auf ein Podest steigen. Davor stand ein SS-Mann und begutachtete

28 uns, ob wir gut rasiert waren. Und wenn wir nicht gut rasiert waren, dann bekamen wir Prügel und wurden zurückgejagt, wiewohl wir ja gar nicht die Raseure waren, sondern nur die

30 Rasierten. Also wenn wir dann Gnade gefunden hatten, dann durften wir unter die Dusche gehen und auf der anderen Seite wieder hinaus auf einen freien Platz. Und dort standen wir, bis alles komplett war.

33 Dann gingen wir hinein in einen Block. Dort standen Häftlinge, die hatten jeder vor sich einen Haufen Kleider und warfen jedem ein Stück zu. „Da hast du alles nach Maß!“ Und man be-

35 kam ein Hemd. Ich bekam ein Kinderhemd, die Ärmel bis zum Ellbogen, vorne konnte ich es nicht zumachen, weil es zu klein war. Dafür bekam ich aber eine Hose, die für irgendeinen Riesen gepaßt hätte. Ich mußte sie viermal einwickeln, damit ich gehen konnte und nicht drüber stolperte. Von dort mußten wir wieder zur Politischen Abteilung zurück.

39 Und jetzt erst erfuhren wir, was diese kleinen Zettel, unsere Garderobezettel, für die wir sie

40 hielten, eigentlich bedeuteten: Wir mußten den Zettel zeigen, den linken Arm freimachen und bekamen unsere Nummern eintätowiert. Die Garderobezettel – das war unsere künftige Nummer! Es wurde uns klargemacht, daß wir in Hinkunft 7 nur mehr noch Nummern wären, keine Menschen mehr. […]

44 Ich habe hier früher schon erwähnt – anläßlich der Selektionen –, daß die Ungarntransporte

45 plötzlich eine Umwälzung im ganzen Betrieb mit sich brachten. Denn plötzlich funktionierte das Reisebüro Eichmann 8 wieder, und es kamen Tag für Tag vier, fünf, sechs, manchen Tags sogar zehn Züge nach Auschwitz. Auf der Rampe war großer Betrieb. Es wurden Tausende und Abertausende Menschen täglich vergast. Die Krematorien reichten nicht mehr aus, das anfallende Leichenmaterial aufzuarbeiten. Es wurden riesige Gräben gegraben, und zusätz-

50 lich zu der Arbeit im Krematorium wurden noch Tausende Leichen in offener Grube verbrannt. Tag und Nacht loderte das Feuer, nachts war der Himmel weithin blutrot gefärbt. Und wenn der Wind schlecht stand, hatten wir im Lager den Gestank des verbrannten Fleisches. [Pause]

54 Das „Sonderkommando“, dieses Kommando aus Häftlingen, das dazu bestellt war, die anfal-

55 lenden Leichen zu verarbeiten, war zu schwach, es mußte verstärkt werden. Es wurden daher vom Lagerarzt Doktor Thilo aus dem Transport Korfu 9 -Athen 400 griechische Juden zur Verstärkung des „Sonderkommandos“ eingeteilt. Sie weigerten sich, als sie an Ort und Stelle kamen, die Arbeit zu verrichten, und gingen als erste ins Gas. Und es wurden andere an ihre Stelle gesetzt.

60 Was war denn nun die Arbeit dieser Leute? Die Verwertung der Vergasten geschah so: Den Frauen wurden die Haare abgeschnitten, die wurden gesammelt für irgendwelche industriellen Zwecke. [Pause] Den Leichen wurde durch ein Team von sogenannten Zahnärzten der Goldzahnersatz aus dem Mund geholt und gesammelt – und das wurde sehr genau gemacht. Es gab eigene Formulare, da hieß es: „Aus der Leiche Nummer soundso.“ […]

1 Otto Wolken (1903 – 1975) wurde 1943 als Häftling nach Auschwitz deportiert. Da er Arzt war, wurde er von der SS als Häftlingsarzt im Quarantänelager Auschwitz-Birkenau eingesetzt. Im Lager machte er schriftliche Aufzeichnungen. 1964 wurde er im Rahmen des Auschwitz-Prozesses über die NS-Verbrechen als Zeuge vernommen.

2 abluchsen: trickreich abnehmen

3 die Effekten: persönliche Habseligkeiten wie Wertgegenstände, Reisegepäck und Kleidungsstücke

4 Politische Abteilung: eine Abteilung im Lager Auschwitz, in der die Häftlinge registriert und Häftlingsakten angelegt wurden

5 jemandem bedeuten: (jemanden) wissen lassen, aufklären

6 Cuprex: Mittel gegen Läuse

7 in Hinkunft: in Zukunft

8 Reisebüro Eichmann: zynischer Begriff für die Judentransporte aus ganz Europa in die Vernichtungslager, die von Adolf Eichmann (1906 – 1962), SS-Obersturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt, zusammen mit den lokalen Gestapostellen organisiert wurden. Eichmann wurde 1961 in Israel der Prozess gemacht, zum Tode verurteilt und 1962 hingerichtet.

9 Korfu: griechische Insel

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder. [22 Punkte]

2.

Erläutern Sie die historischen Hintergründe der nationalsozialistischen Rassenideologie, die für das Verständnis der geschilderten Ereignisse erforderlich sind, und ordnen Sie diese Ereignisse in die Etappen der NS-Rassenpolitik ab 1933 ein. Erläutern Sie im Anschluss die Phasen der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ in der BRD von 1945 bis zum Erscheinen des Textes. [34 Punkte]

3.

Schon in den 1960er-Jahren verlangten viele Deutsche in der Diskussion um die Auschwitz-Prozesse, man solle endlich einen Schlussstrich unter die NS-Zeit ziehen. Setzen Sie sich kritisch mit dieser Forderung im Hinblick auf die Gegenwart auseinander. [24 Punkte]

Aufgabe 3 · Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration

Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Aufgabenstellung

Materialgrundlage

Aus einem Artikel der Journalistin Jana Hensel aus der Zeitung „Die Zeit“ mit dem Titel „Wiedervereinigung: Lasst die Party ausfallen!“ vom 06. Februar 2020:

[...] In diesem Jahr wollen wir die Wiedervereinigung feiern. Ebenfalls deren 30. Geburtstag. Viele hoffen, dass die 2019 begonnene Party einfach so weitergehen kann. Denn es ist ja in unserem Land zu einer guten Gewohnheit geworden, die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung eng miteinander zu verbinden, sie derart dicht nebeneinanderzustellen, als wäre das eine so schön wie das andere. So, als bedeutete der Mauerfall – also der Moment, in dem die Menschen sich an den Grenzübergängen in die Arme fielen – bereits die Vereinigung.

Aber dem war natürlich nicht so.

[...]

Die Revolution und die Wiedervereinigung sind aufeinanderfolgende Daten, Daten mit einem Zusammenhang, aber zwei sehr unterschiedliche historische Ereignisse. Die Revolution war eine großartige, berauschende, rauschhafte Sache. Eine Stunde öffentlichen Glücks, um es in den Worten Hannah Arendts zu sagen. Und eine Sache der DDR-Bürger sowie, natürlich, der Osteuropäer.

Auch die Wiedervereinigung ist ein großer Moment in der deutschen Geschichte, keine Frage. Niemand, der bei Verstand ist, will sie rückgängig machen oder gar anzweifeln. Sie ist tatsächlich Realität geworden und wird es jedes Jahr mehr, je länger sie her ist. Und weil das so ist, weil wir heute ganz selbstverständlich und selbstbewusst mit und in ihr leben, können und müssen wir uns ihr noch einmal kritischer zuwenden. Wir müssen fragen: Was ist damals eigentlich wirklich passiert?

[...] Von Anfang an waren die Dominanz und Überlegenheit des Westens zu spüren, sie haben sich tief in die beiden Vertragswerke des Einigungsvertrages eingeschrieben. Es begann mit der Entscheidung über eine schnelle Wirtschafts- und Währungsunion, aber es hörte nicht auf mit Regelungen wie der sogenannten „Rückgabe vor Entschädigung“. Nicht einmal zu einer neuen gemeinsamen Verfassung ließ der Westen sich überreden. [...]

Die wenigen Monate vom Mauerfall bis zur Unterzeichnung des Einigungsvertrages Ende August 1990 lassen sich deshalb auch als die Geschichte einer abgewürgten ostdeutschen Emanzipation beschreiben.

Überall im Land, in vielen Kommunen, hatten sich nach dem Mauerfall Runde Tische gegründet. Bürgerinitiativen, die sich natürlich laienhaft, aber voller Motivation und im ständigen Ringen um Basisdemokratie mit dem Erbe des SED-Regimes beschäftigten, die sich einen Überblick über die Verhältnisse zu machen begannen, um hernach Formen der demokratischen Kontrolle und Selbstverwaltung zu begründen. Es wurden Stasi-Zentralen besetzt, neue Parteien und Bündnisse und Zeitungen gegründet. Es wurde das tatsächliche Ausmaß der Umweltschäden untersucht, man bereitete offene und freie Wahlen vor. Das war schon so etwas wie eine große gesellschaftliche Selbstfindung, eine kurze Episode hoher Politisierung.

Doch kaum hatte all das begonnen, wurde es mit der Einheit beendet. Danach ging es ausschließlich darum, die westdeutschen Strukturen auf die neu geschaffenen fünf neuen Länder zu übertragen. Und ein gewaltiger Elitentransfer von West nach Ost setzte sich in Gang.

Die danach sehr schnell eintretende Ernüchterung in Zahlen: Die Wahlbeteiligung sank binnen weniger Jahre von über 93,4 Prozent bei der Volkskammerwahl 1990 auf um die 50 Prozent bei den Landtagswahlen 1994. Auf die Frage, wie wichtig es wäre, in einer Gesellschaft mit einem pluralistischen Parteiensystem zu leben, antworten 1990 noch 89,5 Prozent mit „sehr wichtig“ oder „wichtig“; 1993 dann 43,1 Prozent. Das war auf dem Höhepunkt der Massenarbeitslosigkeit.

In jener Zeit wurde das Land von einer Streikwelle gegen Abwicklungen und Betriebsschließungen überrollt. Mehr als 1000 größere Proteste und Arbeitsniederlegungen hat es allein bis zum Ende des Jahres 1993 gegeben, der bekannteste Streik war jener der Kalikumpel in Bischofferode. Meist endete so etwas ohne nennenswerten Erfolg. „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“, hat Bärbel Bohley, die wohl wichtigste Stimme des Neuen Forums, damals gesagt. Der Satz ist hinterher oft zitiert worden. Denn jene Skepsis gegen die Demokratie, den Rechtsstaat und seine Institutionen stammt aus diesen Wiedervereinigungsjahren. Sie scheint sich, zynisch ausgedrückt, als eine bittere Mitgift der Wiedervereinigung geradezu weiterzuvererben.

Ja, die Ostdeutschen haben die Wiedervereinigung mehrheitlich gewollt. Sie haben dem Kohlschen Versprechen der blühenden Landschaften großen Glauben geschenkt. Sie wollten, wie gesagt, so schnell wie möglich über denselben Wohlstand wie die Westdeutschen verfügen. Aber sie haben sich eben auch geirrt. Sie sind ihren eigenen Träumen aufgesessen. Das ist eine bittere und tragische Wahrheit, sie ist Teil unserer Geschichte. Es macht aus ostdeutscher Perspektive keinen Sinn, diesen Irrtum zu leugnen. Aber es macht aus westdeutscher Perspektive auch keinen Sinn, ihn den Ostdeutschen immer wieder vorzuhalten. Und damit alles, was danach passierte, zu entschuldigen zu versuchen.

[...]

Ich weiß nicht, ob die Wiedervereinigung wirklich hätte besser laufen können, ich bin mir nicht einmal sicher, ob das 30 Jahre später noch die entscheidende Frage ist. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns den damaligen Verlauf der Ereignisse so ehrlich wie möglich und gern auch schonungslos erzählen müssen. Auch, damit die jüngeren Generationen sich dieser Geschichte annehmen. Damit sie sie als ihre eigene begreifen, damit ihr eigenes Gewordensein darin ein Zuhause finden kann. Erst wenn diese neue Art der selbstbewussten Aufarbeitung passiert ist, können wir, meinetwegen, auch die Wiedervereinigung feiern. Aber so weit sind wir leider nicht. Eigentlich stehen wir 30 Jahre später noch immer ganz am Anfang.

Anmerkungen: 1 Hannah Arendt (1906–1975): deutsch-amerikanische Journalistin, Historikerin und Hochschullehrerin; mit der „Stunde öffentlichen Glücks“ ist die durch die erfolgreiche Revolution eingetretene Euphorie gemeint. 2 hernach: danach. 3 Bergarbeiter in den ostdeutschen Kalisalz-Bergwerken. 4 Bärbel Bohley: (ost-)deutsche Bürgerrechtlerin, Mitbegründerin des „Neuen Forums“ in der DDR. 5 Neues Forum: Bürgerbewegung, die 1989/90 die Wende in der DDR entscheidend mitprägte.

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Erläutern Sie die historischen Hintergründe, die zum Verständnis des Textes erforderlich sind: die politischen Umbrüche in Osteuropa und in der DDR seit Mitte der 1980er Jahre sowie den Wiedervereinigungsprozess 1989/90. Arbeiten Sie heraus, wie Hensel die Rolle von „Ost“ und „West“ im Wiedervereinigungsprozess sieht. (34 Punkte)

3.

Setzen Sie sich kritisch mit der Sicht Hensels auf „Ost“ und „West“ auseinander. (24 Punkte)

Aufgabe 4 · Kalter Krieg und Kubakrise

Aufgabenstellung

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. [22 Punkte]

2.

Erläutern Sie die für das Textverständnis erforderlichen Ursachen sowie den Verlauf des Kalten Krieges zwischen 1945 und 1962 und stellen Sie die einzelnen Phasen der Kubakrise dar. Charakterisieren Sie im Anschluss daran, wie Greiner die Krise sieht. [34 Punkte]

3.

„Dass die Situation nicht eskalierte, ist vor allem einem zu verdanken: Nikita Chruschtschow.“ Beurteilen Sie, inwieweit Greiners These sachlich angemessen ist. [24 Punkte]

Materialgrundlage

Bernd Greiner: Als die Welt am Abgrund stand. In: ZEIT Geschichte Nr. 3/2012, 21. August 2012 (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)

Aus dem Artikel „Als die Welt am Abgrund stand“ des Historikers und Politologen Bernd Greiner:

Der Konflikt um die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba führte im Herbst 1962 an den Rand einer nuklearen Katastrophe. Dass die Situation nicht eskalierte, ist vor allem einem zu verdanken: Nikita Chruschtschow.

Die Luftaufnahmen ließen keinen Zweifel: Im Westteil Kubas waren sowjetische Raketenträger, Abschussrampen und ein Materiallager zu erkennen. Damit bestätigten sie einen Verdacht, den erste Aufklärungsflüge schon im September nahegelegt hatten: Die Sowjets stationierten heimlich atomar bestückte Raketen auf der Insel ihres Verbündeten Fidel Castro – unmittelbar vor Amerikas Küste.

Das Ausmaß der sowjetischen Geheimaktion, die bereits im Juli 1962 begonnen hatte, wurde erst später bekannt: Bis zum Herbst des Jahres waren insgesamt 42.000 Soldaten nach Kuba verschifft worden, darunter eine 10.000 Mann starke Kampftruppe. An Bord hatten sie konventionelle Kurzstreckenraketen für den Küstenschutz, 98 Sprengköpfe für nukleare Gefechtsfeldwaffen sowie 36 Atomraketen vom Typ R-12, die mit einer Reichweite von 2.000 Kilometern Verwüstungen weit im Inneren der USA hätten anrichten können.

[...]

Dass die Krise nicht eskalierte, lag auch, wenn nicht sogar in erster Linie an Nikita Chruschtschow – ein Aspekt, der gemeinhin nur unzureichend gewürdigt wird. Selbstverständlich hatte der Kremlchef mit dem Feuer gespielt. Als aber die USA sein Manöver wider Erwarten frühzeitig erkannt und die Seeblockade verhängt hatten, insistierte er auf äußerster Zurückhaltung. Im entscheidenden Moment brach er mit der Logik des Kalten Krieges: Statt Gleiches mit Gleichem zu vergelten, bemühte er sich um eine Entkrampfung der Situation.

So verzichteten die UdSSR und die Staaten des Warschauer Paktes auf jedwede militärische Mobilmachung. Weder wurden Reservisten einberufen noch Truppen verlegt, weder wurden Bomberstaffeln in Stellung gebracht noch Evakuierungspläne aktiviert. Auch klärte Chruschtschow umgehend die Befugnisse über die auf Kuba stationierten Waffen, indem er verfügte, dass die Mittelstreckenraketen und atomaren Gefechtsfeldwaffen unter keinen Umständen ohne seine Erlaubnis eingesetzt werden durften – nicht einmal im Falle einer durch Kampfhandlungen gestörten oder blockierten Kommunikation mit Moskau. Alle mit Raketen oder mit Sprengköpfen beladenen Frachter wurden sofort zurückgerufen. Seit dem frühen Morgen des 23. Oktober, 28 Stunden vor dem Inkrafttreten der Blockade, steuerten nur noch Schiffe mit ziviler Ladung Kuba an. Schließlich untersagte Chruschtschow jedwede Provokation an anderen Brennpunkten des Kalten Krieges. Insbesondere West-Berlin wurde von möglichen Repressalien ausgenommen.

Auch der entscheidende Schritt zur Beendigung der Krise wurde in Moskau getan, nachdem Chruschtschow – abweichend von seiner bis dahin gezeigten Zurückhaltung – am 26. Oktober doch noch versucht hatte, den Preis einer Lösung nach oben zu treiben: Die USA sollten im Gegenzug zu einem Abbau der Kuba-Raketen ihre Mittelstreckenraketen vom Typ Jupiter aus der Türkei abziehen. Hätten sich die USA auf diesen Handel eingelassen, wäre die UdSSR als gleichberechtigte Weltmacht anerkannt worden – und der Kreml hätte als Sieger des Kräftemessens um Kuba dagestanden.

Im Gegensatz zur Mehrheit seiner Berater wollte John F. Kennedy die Forderung nicht in Bausch und Bogen ablehnen und fädelte deshalb hinter dem Rücken des eigenen Krisenstabs ein Geheimtreffen seines Bruders mit dem sowjetischen Botschafter in Washington ein. Einen offiziellen „Raketentausch“, so die Mitteilung, lehnte der Präsident rigoros ab. Sollten die Sowjets aber binnen 24 Stunden den Rückzug ihrer Raketen ankündigen, würden die USA nach vier bis fünf Monaten auch die Jupiter-Raketen in der Türkei demontieren.

Chruschtschow zog die Notbremse

Dass Kennedy mit diesem geheimen Versprechen und der gleichzeitigen Drohung, Kuba zu besetzen, Chruschtschow zum Einlenken bewog, galt bis in jüngste Zeit als gesicherte Erkenntnis. In den neunziger Jahren zur Verfügung gestellte sowjetische Dokumente rücken den Ablauf jedoch in ein gänzlich anderes Licht: Sie belegen, dass Nikita Chruschtschow die Notbremse zog, ohne die amerikanische Reaktion auf seine Forderung nach einem „Raketenhandel“ abzuwarten. Die UdSSR, kündigte er am Morgen des 28. Oktober an, werde die Raketen abbauen, wenn die USA von ihren Invasionsplänen öffentlich Abstand nähmen und Kubas Sicherheit garantierten. Chruschtschow diktierte dieses Schreiben mehrere Stunden bevor er über Kennedys Geheiminitiative unterrichtet wurde. Es hatte also mit den Winkelzügen des US-Präsidenten nicht das Mindeste zu tun.

Der Kremlchef gab nach, weil er die Gefahr eines galoppierenden Kontrollverlustes erkannte. Entgegen allen Instruktionen hatten noch kurz zuvor zwei sowjetische Offiziere den Abschuss eines amerikanischen Aufklärers vom Typ U-2 über Kuba befohlen. Und in der Nacht war Castros Schreiben mit der Forderung nach einem präventiven Atomschlag gegen die USA eingegangen – für den Kremlchef ein Beleg, dass der „Máximo Líder“ wahnsinnig geworden war und die Situation aus dem Ruder zu laufen drohte.

Wie es scheint, wurde Nikita Chruschtschow an diesem Tag von seinen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg eingeholt, vom Wissen um die Eigendynamik einmal getroffener Entscheidungen. Wer angefangen hat zu schießen, kann nicht mehr aufhören, hatte er seinen Mitarbeitern stets gepredigt. Mit poststalinistischer Machtvollkommenheit ausgestattet, konnte er die Konsequenz aus diesen Einsichten ziehen.

Nicht mehr zu vermeiden war, dass die Kubakrise in den folgenden Jahren auf verschiedenen Schauplätzen des Kalten Krieges wie ein Brandbeschleuniger wirkte. Nachdem Chruschtschow 1964 gestürzt worden war, setzte sein Nachfolger Leonid Breschnew unter Verweis auf den Oktober 1962 ein nukleares Crashprogramm in Gang. Nie wieder sollte die UdSSR aus einer Position strategischer Unterlegenheit heraus handeln und zum Opfer atomarer Erpressung werden. Anfang der siebziger Jahre hatte man tatsächlich mit den USA gleichgezogen – um den Preis einer beispiellosen Aufheizung des Wettrüstens. [...]

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