Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften 2021 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Geschichte-Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 1 Aufgabe mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Einheit und Freiheit: Vormärz und Revolution 1848/49 · Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · Kriegsende 1918, Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft
Aufgabe 1 · Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich
Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs
Aufgabe 1
Materialgrundlage
Rosa Luxemburg: Frauenwahlrecht und Klassenkampf. In: Frauenwahlrecht! Herausgegeben zum Zweiten Sozialdemokratischen Frauentag von Clara Zetkin. Stuttgart 12. Mai 1912, S. 8 – 10
(Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
Aus dem Beitrag „Frauenwahlrecht und Klassenkampf“ von Rosa Luxemburg:
[...] Mehr als hundertfünfzigtausend gewerkschaftlich organisierte Arbeiterinnen bilden mit die Kerntruppen des wirtschaftlich kämpfenden Proletariats. Viele Zehntausende politisch organisierter Frauen sind um das Banner der Sozialdemokratie geschart; das sozialdemokratische Frauenorgan zählt über hunderttausend Abonnenten; die Forderung des Frauenwahlrechts steht auf der Tagesordnung des politischen Lebens der Sozialdemokratie.
Manch einer könnte gerade aus diesen Tatsachen heraus die Bedeutung des Kampfes um das Frauenwahlrecht unterschätzen. Er könnte denken: auch ohne die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts haben wir glänzende Fortschritte in der Aufklärung und Organisierung der Frauen erzielt, das Frauenwahlrecht ist wohl auch weiterhin keine dringende Notwendigkeit. Doch wer so denkt, unterliegt einer Täuschung. Die großartige politische und gewerkschaftliche Aufrüttelung der Massen des weiblichen Proletariats in den letzten anderthalb Jahrzehnten ist nur deshalb möglich geworden, weil die Frauen des arbeitenden Volkes trotz ihrer Entrechtung am politischen Leben und an den parlamentarischen Kämpfen ihrer Klasse den regsten Anteil nehmen. Die Proletarierinnen zehren bis jetzt vom Wahlrecht der Männer, an dem sie tatsächlich teilnehmen, wenn auch nur indirekt. Der Wahlkampf ist jetzt schon für große Massen der Frauen wie der Männer der Arbeiterklasse ein gemeinsamer. In allen sozialdemokratischen Wählerversammlungen bilden die Frauen ein zahlreiches, manchmal das überwiegende, stets ein regsames und leidenschaftlich beteiligtes Publikum. In allen Wahlkreisen, wo eine gefestigte sozialdemokratische Organisation besteht, verrichten die Frauen mit die Wahlarbeit. Sie sind es auch, denen ein großes Verdienst an der Verbreitung von Flugblättern, an dem Werben von Abonnenten für die sozialdemokratische Presse zufällt, diese wichtigste Waffe des Wahlkampfes.
Der kapitalistische Staat hat den Frauen des Volkes nicht verwehren können, daß sie alle diese Mühen und Pflichten im politischen Leben auf sich nahmen. Er selbst hat ihnen die Möglichkeit dazu Schritt für Schritt durch die Gewährung des Vereins- und Versammlungsrechts erleichtern und sichern müssen. Nur das letzte politische Recht, das Recht, den Wahlzettel abzugeben, unmittelbar über die Volksvertretung in den gesetzgebenden und verwaltenden Körpern zu entscheiden und diesen Körperschaften als Erwählte anzugehören, nur dieses Recht will der Staat den Frauen nicht zugestehen. Allein hier, wie auf allen anderen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens heißt es: »Wehre den Anfängen!« Der heutige Staat ist vor den proletarischen Frauen schon zurückgewichen, als er sie in öffentliche Versammlungen, in politische Vereine zuließ. Allerdings hat er das nicht aus freiem Willen getan, sondern der bitteren Not gehorchend, unter dem unwiderstehlichen Druck der aufstrebenden Arbeiterklasse. [...] Dank der Ausnützung des Vereins- und Versammlungsrechts haben sich die Proletarierinnen den regsten Anteil an dem parlamentarischen Leben, an den Wahlkämpfen errungen. Und nun ist es nur eine unabweisbare Folge, nur das logische Ergebnis der Bewegung, daß heute Millionen proletarischer Frauen selbstbewußt und trotzig rufen: Her mit dem Frauenwahlrecht!
Ehemals, in den schönen Zeiten des vormärzlichen Absolutismus, hieß es gewöhnlich von dem ganzen arbeitenden Volke, es sei »noch nicht reif« zur Ausübung politischer Rechte. Heute kann das nicht von den proletarischen Frauen gesagt werden, denn sie haben ihre Reife für die Ausübung politischer Rechte erwiesen. Weiß doch jeder, daß ohne sie, ohne die begeisterte Mithilfe der Proletarierinnen, die deutsche Sozialdemokratie am 12. Januar nimmermehr den glänzenden Sieg errungen, die 4 1/4 Millionen Stimmen erhalten hätte. Aber gleichwohl: das arbeitende Volk hat jedesmal seine Reife zur politischen Freiheit durch eine siegreiche revolutionäre Massenerhebung erweisen müssen. Erst wenn das Gottesgnadentum auf dem Thron und die Edelsten und Besten der Nation die schwielige Faust des Proletariats fest auf dem Auge und sein Knie auf ihrer Brust fühlten, erst dann kam ihnen auch blitzartig der Glaube an die politische »Reife« des Volkes. [...]
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie die ökonomischen und gesellschaftlichen Modernisierungsvorgänge in der Zeit der Zweiten Industriellen Revolution, besonders den Wandel der Stellung der Frau im deutschen Kaiserreich. Charakterisieren Sie danach die Einstellung der Autorin zur damaligen Lage der Frauen. [34 Punkte]
3.
Setzen Sie sich unter Einbeziehung des Textes mit der Frage auseinander, inwiefern Frauen in der Bundesrepublik Deutschland heute rechtlich und gesellschaftlich gleichgestellt sind. [24 Punkte]
Hinweis: Zusätzlich zur inhaltlichen Leistung (80 Punkte) können höchstens 20 Punkte für die Darstellungsleistung erreicht werden (Gesamt: 100 Punkte).
Aufgabe 2 · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft
Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs
Aufgabenstellung: Aufgabe 2
Materialgrundlage
Aus einer Rede von Heinrich Himmler 1, gehalten am 18. Februar 1937 vor SS-Gruppenführern in Bad Tölz (Bayern):
1 [...] Ich will Ihnen über diese Frage der Homosexualität ein paar Gedanken entwickeln. Es
2 gibt unter den Homosexuellen Leute, die stehen auf dem Standpunkt: was ich mache, geht nie-
3 manden etwas an, das ist meine Privatangelegenheit. Alle Dinge, die sich auf dem geschlecht-
4 lichen Sektor bewegen, sind jedoch keine Privatangelegenheit eines einzelnen, sondern sie
5 bedeuten das Leben und das Sterben des Volkes, bedeuten die Weltmacht und die Verschwei-
6 zerung 2. Das Volk, das sehr viele Kinder hat, hat die Anwartschaft auf die Weltmacht und
7 Weltbeherrschung. Ein gutrassiges Volk, das sehr wenige Kinder hat, besitzt den sicheren
8 Schein für das Grab, für die Bedeutungslosigkeit in 50 oder 100 Jahren, für das Begräbnis in
9 zweihundert und fünfhundert Jahren. [...]
10 Homosexualität bringt also jede Leistung, jeden Aufbau nach Leistung im Staat zu Fall und
11 zerstört den Staat in seinen Grundfesten. Dazu kommt folgendes: der Homosexuelle ist ein
12 durch und durch psychisch kranker Mensch. Er ist weich, er ist in jedem entscheidenden Fall
13 ein Feigling. Ich glaube, daß er da oder dort im Krieg tapfer sein kann, auf dem Gebiet der
14 Zivilcourage sind es jedoch die feigsten Männer, die es gibt.
15 Hiermit hängt zusammen, daß der Homosexuelle krankhaft lügt. [...]
16 Der Homosexuelle ist natürlich das geeignetste Objekt für jede Erpressung, erstens weil er
17 selbst straffällig ist, zweitens aber auch, weil er ein weicher Kerl ist und drittens, weil er wil-
18 lenlos und schlapp ist. [...]
19 Wir müssen uns darüber klar sein, wenn wir dieses Laster weiter in Deutschland haben, ohne
20 es bekämpfen zu können, dann ist das das Ende Deutschlands, das Ende der germanischen
21 Welt. Wir haben es leider nicht mehr so einfach wie unsere Vorfahren. Bei denen waren diese
22 einigen Wenigen Einzelfälle so abnormer Art. Der Homosexuelle, den man Urning 3 nannte,
23 wurde im Sumpf versenkt. Die Herren Professoren, die diese Leichen im Moor finden, sind
24 sich bestimmt nicht dessen bewußt, daß sie jeweils in neunzig von hundert Fällen einen Homo-
25 sexuellen vor sich haben, der mit seinem Gewand und allem im Sumpf versenkt wurde. Das
26 war nicht eine Strafe, sondern das war einfach das Auslöschen dieses anomalen 4 Lebens. Das
27 mußte entfernt werden, wie wir Brennesseln ausziehen, auf einen Haufen werfen und ver-
28 brennen. Das war kein Gefühl der Rache, sondern der Betreffende mußte weg.
29 So war es bei unseren Vorfahren. Bei uns ist das leider, muß ich sagen, nicht mehr möglich.
30 Im Rahmen der SS möchte ich ganz klar folgendes darlegen. Ich betone ausdrücklich, daß
31 ich genau weiß, was ich sage. Dies ist selbstverständlich nicht für Führerbesprechungen be-
32 stimmt, sondern das können Sie in einzelnen Unterhaltungen gesprächsweise dem einen oder
33 anderen erzählen:
34 Wir haben in der SS heute immer noch pro Monat einen Fall von Homosexualität. In der
35 gesamten SS werden im Jahr ungefähr acht bis zehn Fälle vorkommen. Ich habe mich nun
36 zu Folgendem entschlossen: Diese Leute werden selbstverständlich in jedem Fall öffentlich
37 degradiert und ausgestoßen und werden dem Gericht übergeben. Nach Abbüßung der vom
38 Gericht festgesetzten Strafe werden sie auf meine Anordnung in ein Konzentrationslager ge-
39 bracht und werden im Konzentrationslager auf der Flucht erschossen. Das wird jeweils dem
40 Truppenteil, dem der Betreffende angehört hat, von mir durch Befehl bekannt gegeben. Da-
41 durch hoffe ich, daß ich diese Art von Menschen aus der SS auch bis zum letzten herausbe-
42 komme, um wenigstens das gute Blut, das wir in der Schutzstaffel haben, und diese werdende
43 Gesundung blutlicher Art, die wir für Deutschland groß ziehen, frei zu halten.
44 Damit ist aber die Frage für das gesamte Deutschland noch nicht gelöst. Man darf sich näm-
45 lich nicht über folgendes täuschen. Wenn ich den Homosexuellen vor Gericht ziehe und ihn
46 einsperren lasse, dann ist der Fall ja nicht erledigt, sondern der Homosexuelle kommt aus dem
47 Gefängnis genauso homosexuell heraus, wie er hineingekommen ist. Damit ist also die ge-
48 samte Frage nicht bereinigt. [...]
1 Heinrich Himmler (1900 – 1945), Reichsführer (der) SS und Chef der Deutschen Polizei
2 Verschweizerung: gemeint ist eine Annäherung an die politischen Verhältnisse der Schweiz im Sinne von Neutralität durch Isolierung und Verzicht auf Weltgeltung.
3 Urning: im 19. Jahrhundert geprägter Begriff für Homosexuelle
4 anomal: nicht normal
Fest, Joachim C.: Heinrich Himmler. Geheimreden 1933 bis 1945 und andere Ansprachen. Frankfurt a. M., Berlin, Wien 1974, S. 93 – 104 (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, welche Rolle,Integration‘ und,Ausgrenzung‘ für die angestrebte nationalsozialistische,Volksgemeinschaft‘ spielen. Erläutern Sie danach weitere Elemente der NS-Ideologie, die zum Teil im Text erkennbar sind, und charakterisieren Sie abschließend Himmlers Haltung zur Homosexualität. [34 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, inwiefern die rechtliche und gesellschaftliche Situation Homosexueller im heutigen Deutschland von Himmlers Vorstellungen abweicht. [24 Punkte]
Aufgabe 3 · Einheit und Freiheit: Vormärz und Revolution 1848/49
Abiturprüfung 2021 · Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs
Aufgaben zur Textquelle (Brief des Abgeordneten Gustav Moritz Hallbauer vom 1. Mai 1849):
Materialgrundlage
Aus einem Brief des Abgeordneten Gustav Moritz Hallbauer 1 vom 1. Mai 1849 an einen sächsischen Freund:
Frankfurt a. M., 1. Mai 1849
1 Seit meinem letzten Briefe haben wir hier manchen Sturm erlebt, bevor die Verfassung zustande kam. Ich meinerseits war langsam, doch sicher zu der Idee des preußischen Erbkaisertums gelangt; es wurzelt diese Ansicht so fest in meiner Überzeugung, daß es mir scheint, sie
5 verstehe sich von selbst und jeder intelligente Mann müsse sie teilen. Es gab aber einen riesenhaften Kampf, um diese Ansicht und die danach gestaltete Verfassung gegen die unlauteren 2 Elemente der Ultramontanen 3 und Ultrademokraten hier im Parlament durchzusetzen. Als es geschehen war, atmete man wieder freier; der Tag dieses Siegs und vorzüglich der Abend, wo man sich von rechts und links in der heitersten Geselligkeit zusammenfand, wird mir unver-
10 geßlich bleiben. Man glaubte, daß nun der Schlund der Revolution geschlossen sei, und daß sich alles Weitere von selbst machen werde. Allerdings hat die Verfassung einige Bedenken 4; doch an diese Bedenken sich zu hängen, dazu ist die Zeitbewegung zu großartig und zu gefährlich. Nur das eine ist not 5, dem Strome dieser Bewegung eine ebene Bahn anzuweisen, und dieser Endzweck wäre durch unbedingte Annahme der Verfassung erreicht worden. Daß die
15 Fürsten einen wahnsinnigen Widerstand leisten würden, konnten wir nicht glauben; denn die Verfassung ist der Sieg, die alleinige Rettung des Monarchismus; das mußte jedem klar sein, der nur einigermaßen die hiesige 6 Sachlage kennt; jedermann muß das sehen, nur die Fürsten sehen es nicht; sie haben geglaubt, daß eine zweite Volkserhebung wegen Ermattung 7 des durch die Torheiten 8 der Demokraten hart geplagten Volks nicht eintreten werde, und daß sie
20 schon etwas riskieren könnten. Das scheint eine Täuschung; die Fürsten haben eine neue Revolution heraufbeschworen, die zu den äußersten Besorgnissen Veranlassung gibt; bereits ist die Erregung in Süddeutschland ungeheuer, wahrscheinlich dringt sie auch in den Norden; die Wahrscheinlichkeit liegt vor, daß deutsche Truppen gegeneinander in den Kampf geführt werden; ob sich für solchen Fall der preußische König (dieser Unglücksmann unserer Zeit) auf
25 seine Bajonette 9 wird verlassen können, ist zu bezweifeln; in Preußen herrscht wieder der roheste Absolutismus, der einen großen Kampf in Preußen gegen sich heraufbeschwören wird, und dieser Kampf wird sich so gestalten, daß er zugleich als ein Kampf für die deutsche Sache gelten wird. Deshalb hoffe ich immer noch, daß Preußen für die deutsche Sache gewonnen und so die deutsche Einheit (natürlich für jetzt ohne Österreich) gerettet wird. [...]
30 Die National-Versammlung kommt nun in eine gefährliche Lage; zwar von Bajonetten und äußerer Gewalt haben wir nichts zu fürchten, und was Ihr auch immer für Nachrichten aus Frankfurt hört, Ihr braucht unsertwillen nicht in Sorge zu sein; in jetziger Zeit, wo der Boden überall schwankt, fühlen wir uns hier sicherer als an jedem anderen Orte. [...]
35 Wir haben nun die schwierige Aufgabe vor uns, festzuhalten an der Verfassung, der doch die Spitze fehlt; eine Formel muß gefunden werden, um dennoch das preußische Erbkaisertum aufrecht zu erhalten; wenn wir uns in der Oberhauptsfrage wieder spalten und so ein Loch in die Verfassung machen, so wird die Erhebung in Deutschland den Einheitspunkt verlieren, die Reaktion wird für jetzt siegen, in wenigen Jahren aber wird ein Umsturz kommen, der mit Beseitigung der Fürsten beginnen wird. [...]
40 [So] kämpfen wir jetzt für einen Kaiser, der es nicht sein will, und der unser entschiedener Gegner ist. [...] – Heute wird man sich wohl in den Klubs 10 einigen über die Formel, wie die Verfassung ins Leben geführt und dem preußischen Königshaus die Würde des Oberhauptes offen gelassen werden soll. [...]
1 Gustav Moritz Hallbauer (1808–1887): Jurist und Politiker, 1848–1849 Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung für das Königreich Sachsen, zunächst in der Fraktion Deutscher Hof, später Westendhall.
2 unlauter: unehrlich
3 Ultramontanismus bezeichnet einen papsttreuen politischen Katholizismus des 19. Jahrhunderts.
4 Bedenken: meint hier diskussionswürdige Aspekte der Verfassung
5 ist not: ist notwendig
6 hiesige: örtliche
7 Ermattung: Erschöpfung
8 Torheiten: Dummheiten
9 Bajonett: Stichwaffe (am Gewehr) von Soldaten
10 Klubs: Fraktionen/Gruppierungen der Nationalversammlung
1.
Geben Sie den Gedankengang und die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder. (22 Punkte)
2.
Erläutern Sie, wie die Revolution im März 1848 verlief, und welche wichtigen Debatten und Beschlüsse, die auch im Text angesprochen werden, die seit Mai 1848 tagende Nationalversammlung prägten. Ordnen Sie danach die Position Hallbauers im politischen Spektrum der Nationalversammlung ein. (34 Punkte)
3.
Hallbauer behauptet, „die Reaktion wird für jetzt siegen, in wenigen Jahren aber wird ein Umsturz kommen, der mit Beseitigung der Fürsten beginnen wird“. Beurteilen Sie, inwieweit Hallbauers Prognose sich auch auf lange Sicht erfüllt hat. (24 Punkte)
Aufgabe 4 · Kriegsende 1918, Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise
Abiturprüfung 2021 · Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs
Materialgrundlage
Aus dem Artikel „Das Trauerspiel von Versailles“ der Braunschweigischen Landeszeitung vom 29. Juni 1919:
Zitiert nach: https://www.hausderpressefreiheit.de/Home/Geschichte-im-Spiegel-der-Presse/Zeitstrahl/1918-1932/1918-1919/Braunschweigische-Landeszeitung-29.-Juni-1919-.html (letzter Zugriff: 08.03.2021). Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.
Versailles, 28. Juni. Der Friedensvertrag ist, wie vorgesehen, um 3 Uhr nachmittags im Schlosse unterzeichnet worden.
3 Der Vorhang fiel. Ein halbes Jahrhundert deutscher Größe ist verloren durch einen Schandvertrag, unter den deutsche Hände eine bedingungslose Unterschrift setzten. Deutsches Land
5 und deutsches Volk sind losgerissen vom deutschen Staatskörper, unsere Wehrmacht ist zerschlagen, die Flotte verloren, Handel und Industrie sind mit dem Verlust unserer Kolonien und unserer Seegeltung zermorscht 1, und wie die Kärrner 2 im alten Aegypten müssen wir Sklavenarbeit leisten, um eine Pyramide von Gold für die Feinde zu schaffen, weil das entnervte deutsche Volk in seiner Mehrheit vor den Feinden stand wie Faust vor dem Teufel:
10 „Was willst du, böser Geist, von mir? [...] Ich gebe jede Wahl dir frei!“ 3
Jede Wahl! Mit grausamer Folgerichtigkeit stürzte das unerbittliche Schicksal unser Volk in den Abgrund, nachdem dieses Volk zwei Jahre lang den heuchlerischen Reden feindlicher Staatsmänner mehr Glauben geschenkt hatte als seinen nationalen Führern, nachdem es, verblendet durch den Glauben an Völkerversöhnung und ewigen Frieden, selber an den Abgrund
15 trat. [...] Im Dezember 1916 hat der deutsche Kaiser in Gemeinschaft mit seinen Bundesgenossen den Feinden den Versöhnungsfrieden angeboten, und aus den Aeußerungen des bulgarischen Ministerpräsidenten Radoslawow wissen wir, daß der Vierbund 4 auf Grund der gemäßigten Bedingungen, die er den Feinden stellen wollte, mit Bestimmtheit deren Bereitschaft zum Frieden erwartete. Diese Erwartung schlug fehl, und als ein Jahr später die sogenannte
20 Friedenspolitik der parlamentarischen Mehrheit einsetzte, hatten Friedensangebote weniger Aussicht auf Erfolg als vorher. Sie halfen nur den Kriegswillen der Feinde stählen und untergruben in Deutschland den harten Willen zum Durchhalten in einer Zeit, in der uns das Schicksal die Bedingung stellte: Kampf bis aufs Messer oder Untergang. Von einer weltfremden Demokratie wurde der Boden bereitet, auf dem die Internationale 5 in Deutschland säen und
25 ernten konnte. Aber nur in Deutschland! Die Internationale in den Ländern unserer Feinde hat es sich mit leeren Redensarten genügen lassen 6 und hat den Vernichtungskampf gegen Deutschland bis zum Ende mitdurchgeführt. Was international schien, war nicht international. Es war nur eine nationale Verirrung unter den Deutschen allein, eine Verirrung, die den Wahn gebar 7, Deutschland brauche nur die Waffen hinzuwerfen, um den Krieg mit einem
30 Versöhnungsfrieden zu beenden. Als die Völker um die Entscheidung rangen, rief Scheidemann sein: „Macht Schluß!“ im deutschen Reichstag [...] und ein Erzberger 8 machte sich anheischig 9, den Versöhnungsfrieden in einer einzigen Stunde zu schaffen. Mußte unter solchen Umständen das politisch ungeschulte und als Weltmacht junge Volk nicht zu der Ueberzeugung kommen, daß Fürstenehrgeiz und Offziersdünkel einen billigen Frieden verschmäh-
35 ten, um wahnwitzigen Großmachtgedanken zu frönen? 10 Daß unser Volk des Krieges müde war, das war nach den ungeheuren Opfern an Gut und Blut nur allzu verständlich. Hätte es aber Führer gehabt wie England und Frankreich, nur solche Führer, die ihm sagten, daß Deutschland zu einem Sklavenvolk erniedrigt werde, wenn es den fürchterlichen Endkampf scheue, dann hätte Deutschland niemals die Waffen niedergelegt, ehe ein ehrenvoller Friede erstritten
40 war, denn in ihm lebte noch immer der Geist Friedrichs des Großen; und die Vaterlandsliebe, die vor einem Jahrhundert die Freiheitskriege, vor einem halben Jahrhundert die Wiedergeburt des Deutschen Reiches möglich machte, lohte 11 in den Herzen noch ebenso heiß wie einst. Aber der Wille zum Endkampf wurde erstickt von der grauen Theorie der Völkerversöhnung und brach zusammen, als die Feinde ohne Reserven den letzten Ansturm begannen,
45 nachdem der deutsche Angriff durch schmählichen Verrat mißlungen war.
Hegel 12 sagte: Die Geschichte wird von den Ideen gemacht! Er hat recht, denn unseren Zusammenbruch verdanken wir nur der Idee, wie die Feinde ihren Sieg einer Idee verdanken. Aber ein Treitschke 13 urteilte treffender als Hegel, wenn er sagte: „Männer sind es, welche die Geschichte machen!“ und uns haben die Männer, die uns nicht nur zum militärischen, son-
50 dern auch zum politischen Siege führen konnten, gefehlt. Wir hatten Denker und Dichter auf den Ministersesseln, aber keine Staatsmänner.
1 zermorscht: morsch geworden, zerfallen
2 Kärrner: Karren-Zieher, menschliches Zugtier
3 Zitat aus Johann Wolfgang von Goethes Drama „Faust“
4 Vierbund: Bündnis aus dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, dem Osmanischen Reich und Bulgarien
5 Internationale: im eigentlichen Sinn ist damit der internationale Zusammenschluss von Arbeiterorganisationen gemeint; hier sind mit der „Internationalen“ allerdings vermutlich verallgemeinernd alle politisch linksstehenden Organisationen gemeint.
6 hat sich genügen lassen: hat sich mit etwas zufrieden gegeben
7 Wahn gebar: Irrglauben hervorbrachte
8 Philipp Scheidemann (1865 – 1939): deutscher Politiker (SPD), verlangte bereits am 15. Mai 1917 von allen kriegsführenden Staaten die Einstellung aller Kämpfe; Matthias Erzberger (1875 – 1921): deutscher Politiker (Zentrum), unterzeichnete als Bevollmächtigter der Reichsregierung und Leiter der Waffenstillstandskommission den Waffenstillstand von Compiègne vom 11. November 1918.
9 sich anheischig machen: (abwertend gemeint) sich anbiedern, sich verpflichten
10 frönen: sich einer Sache hingeben
11 lohen: brennen
12 Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831): deutscher Philosoph
13 Heinrich Gotthard von Treitschke (1834 – 1896): deutscher Historiker, politischer Publizist und Mitglied des Reichstags
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie den für das Textverständnis erforderlichen militärischen Kriegsverlauf, die politischen Veränderungen in Deutschland zwischen 1917 und 1918 sowie die Friedensverhandlungen von Versailles samt ihren Ergebnissen. Charakterisieren Sie danach die Position des Verfassers zu Kriegsende und Friedensschluss. [34 Punkte]
3.
Prüfen Sie, ob die Darlegungen des Verfassers sachlich angemessen sind. [24 Punkte]
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.
- NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · 7 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration · 6 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · 5 Aufgaben · 50 % Wahrscheinlichkeit
- Kalter Krieg und Kubakrise · 5 Aufgaben · 45 % Wahrscheinlichkeit
- Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus · 4 Aufgaben · 45 % Wahrscheinlichkeit
- Kriegsende 1918, Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise · 3 Aufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
Andere Prüfungen 2021
GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021) · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021) · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)