Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Aufgabenstellung:
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. (22 Punkte)
2.
Erläutern Sie anhand des Textes die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse während der Hochindustrialisierung im deutschen Kaiserreich. Gehen Sie dabei besonders auf den Wandel der Rolle der Frau ein. Arbeiten Sie im Anschluss Bebels Frauenbild heraus. (34 Punkte)
3.
Setzen Sie sich damit auseinander, inwieweit sich die von Bebel im Text kritisierte Ungleichbehandlung von Frauen und Männern bei der Bezahlung bis in die Gegenwart verändert hat. (24 Punkte)
Materialgrundlage
August Bebel: Die Frau und der Sozialismus. Zürich 1879 (1. Aufl.), hier 1909 (50. Aufl.), 13. Kapitel (Die Erwerbsstellung der Frau: Entwicklung und Verbreitung der Frauenarbeit).
(Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
Aus der Monographie „Die Frau und der Sozialismus“ von August Bebel¹:
1 [...] Das Streben der Frau nach selbständigem Erwerb und persönlicher Unabhängigkeit wird bis zu einem gewissen Grade von der bürgerlichen Gesellschaft als berechtigt anerkannt, ähnlich wie das Bestreben der Arbeiter nach freier Bewegung. Der Hauptgrund für dieses Entgegenkommen liegt in dem Klasseninteresse der Bourgeoisie². Die Bourgeoisie braucht die
5 volle Freigabe der männlichen und weiblichen Arbeitskräfte, um die Produktion aufs höchste entwickeln zu können. In dem Maße, wie Maschinerie und Technik sich vervollkommnen, der Arbeitsprozeß in immer mehr Einzelverrichtungen sich teilt und geringere technische Ausbildung und Kraft erfordert, andererseits die Konkurrenz der Industriellen untereinander und der Konkurrenzkampf ganzer Produktionsgebiete – Land gegen Land, Erdteil gegen Erdteil
10 – sich steigert, wird die Arbeitskraft der Frau immer mehr gesucht.
Die speziellen Ursachen, die zu dieser stets steigenden Anwendung der Frau in einer stets steigenden Anzahl von Erwerbszweigen führen, sind schon oben ausführlicher dargelegt worden. Die Frau findet neben dem Manne oder an seiner Stelle auch immer häufiger Beschäftigung, weil ihre materiellen Forderungen geringer sind als jene des Mannes. Ein aus ihrer
15 Natur als Geschlechtswesen hervorgehender Umstand zwingt sie, sich billiger anzubieten; sie ist durchschnittlich öfter als der Mann körperlichen Störungen unterworfen, die eine Unterbrechung der Arbeit herbeiführen und bei der Kombination und Organisation der Arbeitskräfte, die in der Großindustrie besteht, leicht Arbeitsunterbrechungen erzeugen. Schwangerschaft und Wochenbett verlängern solche Pausen. [...] Der Unternehmer nutzt diesen Umstand
20 aus und findet für die Unannehmlichkeiten, die er aus solchen Störungen hat, einen doppelten Ersatz in der Zahlung erheblich geringerer Löhne. Auch ist die Frau an den Ort ihres Aufenthaltes oder dessen nächste Umgebung gebunden; sie kann nicht, wie in den meisten Fällen der Männer, ihren Aufenthaltsort wechseln.
Weiter hat die Arbeit, namentlich der verheirateten Frauen [...], noch ihren besonderen Anreiz
25 für den Unternehmer. Als Arbeiterin ist die verheiratete Frau »viel aufmerksamer und gelehriger« als die unverheiratete; die Rücksicht auf ihre Kinder nötigt sie zur äußersten Anstrengung ihrer Kräfte, um den notwendigsten Lebensunterhalt zu erwerben, und so läßt sie sich manches bieten, was sich die unverheiratete Frau nicht bieten läßt und erst recht nicht der Arbeiter. Im allgemeinen wagt die Arbeiterin noch selten, sich mit ihren Arbeitsgenossen zur
30 Erlangung besserer Arbeitsbedingungen zu verbinden. Auch das erhöht in den Augen des Unternehmers ihren Wert; oft bildet sie sogar in seinen Händen einen guten Trumpf gegen widerspenstige männliche Arbeiter; sie besitzt ferner größere Geduld, gewandtere Fingerfertigkeit, einen entwickelteren Geschmackssinn, Eigenschaften, die sie für eine Menge Arbeiten geschickter machen als den Mann.
35 Diese weiblichen Tugenden weiß der tugendhafte Kapitalist voll zu würdigen, und so findet die Frau mit der Entwicklung unserer Industrie von Jahr zu Jahr ein immer größeres Anwendungsgebiet, aber – und das ist das Entscheidende – ohne ihre soziale Lage merkbar zu verbessern. Wird weibliche Arbeitskraft angewandt, so setzt sie häufig männliche Arbeitskraft frei³. Aber die verdrängte männliche Arbeitskraft will leben, sie bietet sich zu einem gerin-
40 geren Lohn an, und dieses Angebot drückt wieder auf die Löhne der Arbeiterin. Das Herabdrücken des Lohnes wird zu einer Schraube, die durch die stets in der Umwälzung begriffene Technik des Arbeitsprozesses in Bewegung gesetzt wird, namentlich da dieser Umwälzungsprozeß auch weibliche Arbeiter, durch Ersparnis von Arbeitskräften, freisetzt, was abermals das Angebot von »Händen« vermehrt. Neu auftauchende Industriezweige wirken dieser be-
45 ständigen Erzeugung von relativ überschüssiger Arbeitskraft einigermaßen entgegen, aber nicht stark genug, um dauernd bessere Arbeitsbedingungen zu erzielen. Wird doch in diesen Industrien, wie zum Beispiel in der elektrotechnischen, die männliche Arbeitskraft von der weiblichen verdrängt. So werden in der gesamten Kleinmotorenfabrik der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft die meisten Arbeitsmaschinen von Mädchen bedient. Jedes Steigen des
50 Lohnes über ein gewisses Maß veranlaßt den Unternehmer, auf weitere Verbesserung seiner Maschinen zu sehen, die willenlose, automatische Maschine an Stelle von menschlichen Händen und menschlichem Hirn zu setzen. Im Beginn der kapitalistischen Produktion steht auf dem Arbeitsmarkt der männliche Arbeiter fast nur dem männlichen Arbeiter gegenüber, jetzt wird Geschlecht gegen Geschlecht und in der Reihe weiter Alter gegen Alter ausgespielt.
55 Die Frau verdrängt den Mann, und die Frau wird wieder durch die Arbeit der jungen Leute und der Kinder verdrängt. Das ist die »sittliche Ordnung« in der modernen Industrie.
Dieser Zustand würde schließlich unerträglich, wirkte nicht die Macht der Organisation der Arbeiter in ihren Gewerkschaften demselben mit aller Macht entgegen. Diesen Organisationen sich anzuschließen, ist auch speziell für die Arbeiterin ein Gebot der Notwendigkeit, weil
60 sie als einzelne noch weit weniger widerstandsfähig gegenüber dem Unternehmer ist als der Arbeiter. Allmählich begreifen das auch die Arbeiterinnen. So waren den freien Gewerkschaften angeschlossen in Deutschland 1892 4.355, 1899 19.280, 1900 22.884, 1905 74.411, 1907 136.929, 1908 138.443. In allen deutschen Gewerkschaften 168.111. Im Jahre 1892 waren es nur 1,8 Prozent aller Mitglieder der Gewerkschaften, im Jahre 1908 7,6 Prozent. Nach dem
65 fünften internationalen Bericht über die Gewerkschaftsbewegung betrug die Zahl der weiblichen Mitglieder in Großbritannien 201.709, Frankreich 88.906, Österreich 46.401.
[...]
¹ August Bebel (1840 – 1913): Mitbegründer der späteren SPD, Reichstagsabgeordneter und Vorsitzender der SPD
² Die Bourgeoisie stellt in der marxistischen Weltsicht die herrschende Klasse in der kapitalistischen Gesellschaft dar, also das ‚Besitzbürgertum‘.
³ freisetzen: arbeitslos werden

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder.
Lösung: Strukturierte Textwiedergabe mit Einleitung (Autor, Textsorte, Ort/Datum, Adressaten, Thema, Kernaussage) sowie Darstellung von Gedankengang und Hauptaussagen im Konjunktiv der indirekten Rede.
2. Erläutern Sie anhand des Textes die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse während der Hochindustrialisierung im deutschen Kaiserreich. Gehen Sie dabei besonders auf den Wandel der Rolle der Frau ein. Arbeiten Sie im Anschluss Bebels Frauenbild heraus.
Lösung: Umfassende historische Einordnung der Hochindustrialisierung (Wirtschaft, Gesellschaft, Wandel der Frauenrolle) sowie Analyse von Bebels Frauenbild anhand von Textbelegen.
3. Setzen Sie sich damit auseinander, inwieweit sich die von Bebel im Text kritisierte Ungleichbehandlung von Frauen und Männern bei der Bezahlung bis in die Gegenwart verändert hat.
Lösung: Differenzierte Erörterung mit Pro- und Contra-Argumenten zur heutigen Entlohnungssituation von Männern und Frauen (Gender Pay Gap) sowie ein begründetes Fazit.
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