Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Rassenpolitik, Völkermord und Vergangenheitsbewältigung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Aufgabe 2

Materialgrundlage

Zeugenaussage von Otto Wolken im 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess, 20. Verhandlungstag, 27. Februar 1964

Aus der am 27. Februar 1964 erfolgten Zeugenaussage von Otto Wolken 1 im sogenannten „Auschwitz-Prozess“ in Frankfurt a. M., der die Gräueltaten der Nationalsozialisten im Konzentrationslager Auschwitz zum Gegenstand der Verhandlung hatte:

1 […] Und ich kam nach Auschwitz I, also ins Stammlager Auschwitz. Der Weg vom Bahnhof bis ins Lager war ziemlich weit, und wir wurden von SS-Leuten begleitet, die sich unterwegs an uns heranmachten und fragten: „Hast du Geld? Hast du eine Uhr? Gib es her, du kriegst es sowieso nicht mehr zurück, das nimmt man dir doch eh alles weg. Gib es mir, ich werde dir

5 dann im Lager helfen!“ Und die also schon unterwegs begannen, uns Häftlingen abzuluchsen 2, was noch bei uns zu erben war. Und es waren Leute darunter, die schleppten sich mit schweren Koffern. [Pause]

7 Und dann kamen wir zum Lager. Na ja, es war wohl elektrisch geladener Draht, das erkannten wir an den Isolatoren, die dort waren. Aber drüber stand schwungvoll „Arbeit macht frei“.

10 Wir marschierten durch dieses Tor hinein. Links aus einem Block klang Walzermusik, die Musikkapelle übte. Ja, wir hatten gar nicht den Eindruck, daß wir hier in eine Hölle kamen, es sah alles so friedlich, so ruhig aus. Und dann wurden wir also zu einem Block gebracht, und da hieß es zunächst: „Alles ausziehen!“ Jeder bekam einen Sack. „Bitte die Effekten 3 in diesen Sack hineinzuwerfen.“ Mit diesem Sack gingen wir dann zur sogenannten Politischen

15 Abteilung 4. Und da gaben wir den Sack ab und bekamen dafür ein kleines Zettelchen, da war eine Nummer draufgeschrieben. Es wurde uns bedeutet 5, wir sollten das ja gut aufheben. Das ist wichtig für uns, denn sonst kriegen wir unsere Sachen nicht wieder zurück, wenn wir die Nummer verlieren. […]

18 Und dann wurde es Nacht. Wir wurden bei Nacht aus dem Block herausgetrieben und neben

20 dem Block auf den Appellplatz gestellt. Und dort mußten wir die ganze Nacht stehen. Es war eine sehr kühle Mainacht. Wind ging, kalter Regen rieselte hernieder auf uns. Wir standen und standen und standen, bis am Morgen.

23 Am Morgen begann dann die Prozedur des Rasierens. Es wurden uns an allen behaarten Körperstellen die Haare heruntergerissen mehr als rasiert, Seife gab es ja keine. Wir wurden ge-

25 schunden und nicht rasiert, dann mit dem berühmten Cuprex 6 eingeschmiert. Und da lernten wir erstmals kennen, was Lager bedeutet. Denn wenn wir also aus diesem Rasierzimmer herauskamen, mußten wir auf ein Podest steigen. Davor stand ein SS-Mann und begutachtete

28 uns, ob wir gut rasiert waren. Und wenn wir nicht gut rasiert waren, dann bekamen wir Prügel und wurden zurückgejagt, wiewohl wir ja gar nicht die Raseure waren, sondern nur die

30 Rasierten. Also wenn wir dann Gnade gefunden hatten, dann durften wir unter die Dusche gehen und auf der anderen Seite wieder hinaus auf einen freien Platz. Und dort standen wir, bis alles komplett war.

33 Dann gingen wir hinein in einen Block. Dort standen Häftlinge, die hatten jeder vor sich einen Haufen Kleider und warfen jedem ein Stück zu. „Da hast du alles nach Maß!“ Und man be-

35 kam ein Hemd. Ich bekam ein Kinderhemd, die Ärmel bis zum Ellbogen, vorne konnte ich es nicht zumachen, weil es zu klein war. Dafür bekam ich aber eine Hose, die für irgendeinen Riesen gepaßt hätte. Ich mußte sie viermal einwickeln, damit ich gehen konnte und nicht drüber stolperte. Von dort mußten wir wieder zur Politischen Abteilung zurück.

39 Und jetzt erst erfuhren wir, was diese kleinen Zettel, unsere Garderobezettel, für die wir sie

40 hielten, eigentlich bedeuteten: Wir mußten den Zettel zeigen, den linken Arm freimachen und bekamen unsere Nummern eintätowiert. Die Garderobezettel – das war unsere künftige Nummer! Es wurde uns klargemacht, daß wir in Hinkunft 7 nur mehr noch Nummern wären, keine Menschen mehr. […]

44 Ich habe hier früher schon erwähnt – anläßlich der Selektionen –, daß die Ungarntransporte

45 plötzlich eine Umwälzung im ganzen Betrieb mit sich brachten. Denn plötzlich funktionierte das Reisebüro Eichmann 8 wieder, und es kamen Tag für Tag vier, fünf, sechs, manchen Tags sogar zehn Züge nach Auschwitz. Auf der Rampe war großer Betrieb. Es wurden Tausende und Abertausende Menschen täglich vergast. Die Krematorien reichten nicht mehr aus, das anfallende Leichenmaterial aufzuarbeiten. Es wurden riesige Gräben gegraben, und zusätz-

50 lich zu der Arbeit im Krematorium wurden noch Tausende Leichen in offener Grube verbrannt. Tag und Nacht loderte das Feuer, nachts war der Himmel weithin blutrot gefärbt. Und wenn der Wind schlecht stand, hatten wir im Lager den Gestank des verbrannten Fleisches. [Pause]

54 Das „Sonderkommando“, dieses Kommando aus Häftlingen, das dazu bestellt war, die anfal-

55 lenden Leichen zu verarbeiten, war zu schwach, es mußte verstärkt werden. Es wurden daher vom Lagerarzt Doktor Thilo aus dem Transport Korfu 9 -Athen 400 griechische Juden zur Verstärkung des „Sonderkommandos“ eingeteilt. Sie weigerten sich, als sie an Ort und Stelle kamen, die Arbeit zu verrichten, und gingen als erste ins Gas. Und es wurden andere an ihre Stelle gesetzt.

60 Was war denn nun die Arbeit dieser Leute? Die Verwertung der Vergasten geschah so: Den Frauen wurden die Haare abgeschnitten, die wurden gesammelt für irgendwelche industriellen Zwecke. [Pause] Den Leichen wurde durch ein Team von sogenannten Zahnärzten der Goldzahnersatz aus dem Mund geholt und gesammelt – und das wurde sehr genau gemacht. Es gab eigene Formulare, da hieß es: „Aus der Leiche Nummer soundso.“ […]

1 Otto Wolken (1903 – 1975) wurde 1943 als Häftling nach Auschwitz deportiert. Da er Arzt war, wurde er von der SS als Häftlingsarzt im Quarantänelager Auschwitz-Birkenau eingesetzt. Im Lager machte er schriftliche Aufzeichnungen. 1964 wurde er im Rahmen des Auschwitz-Prozesses über die NS-Verbrechen als Zeuge vernommen.

2 abluchsen: trickreich abnehmen

3 die Effekten: persönliche Habseligkeiten wie Wertgegenstände, Reisegepäck und Kleidungsstücke

4 Politische Abteilung: eine Abteilung im Lager Auschwitz, in der die Häftlinge registriert und Häftlingsakten angelegt wurden

5 jemandem bedeuten: (jemanden) wissen lassen, aufklären

6 Cuprex: Mittel gegen Läuse

7 in Hinkunft: in Zukunft

8 Reisebüro Eichmann: zynischer Begriff für die Judentransporte aus ganz Europa in die Vernichtungslager, die von Adolf Eichmann (1906 – 1962), SS-Obersturmbannführer im Reichssicherheitshauptamt, zusammen mit den lokalen Gestapostellen organisiert wurden. Eichmann wurde 1961 in Israel der Prozess gemacht, zum Tode verurteilt und 1962 hingerichtet.

9 Korfu: griechische Insel

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder. [22 Punkte]

2.

Erläutern Sie die historischen Hintergründe der nationalsozialistischen Rassenideologie, die für das Verständnis der geschilderten Ereignisse erforderlich sind, und ordnen Sie diese Ereignisse in die Etappen der NS-Rassenpolitik ab 1933 ein. Erläutern Sie im Anschluss die Phasen der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ in der BRD von 1945 bis zum Erscheinen des Textes. [34 Punkte]

3.

Schon in den 1960er-Jahren verlangten viele Deutsche in der Diskussion um die Auschwitz-Prozesse, man solle endlich einen Schlussstrich unter die NS-Zeit ziehen. Setzen Sie sich kritisch mit dieser Forderung im Hinblick auf die Gegenwart auseinander. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder.

Lösung: Strukturierte Wiedergabe von Textart, Autor, historischem Kontext, Gedankengang und Hauptaussagen der Zeugenaussage von Otto Wolken (27. Februar 1964).

2. Erläutern Sie die historischen Hintergründe der nationalsozialistischen Rassenideologie, die für das Verständnis der geschilderten Ereignisse erforderlich sind, und ordnen Sie diese Ereignisse in die Etappen der NS-Rassenpolitik ab 1933 ein. Erläutern Sie im Anschluss die Phasen der ‚Vergangenheitsbewältigung‘ in der BRD von 1945 bis zum Erscheinen des Textes.

Lösung: Darstellung der NS-Rassenideologie, Einordnung in die vier Etappen der NS-Judenverfolgung seit 1933 sowie Erläuterung der Phasen der Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis 1964.

3. Schon in den 1960er-Jahren verlangten viele Deutsche in der Diskussion um die Auschwitz-Prozesse, man solle endlich einen Schlussstrich unter die NS-Zeit ziehen. Setzen Sie sich kritisch mit dieser Forderung im Hinblick auf die Gegenwart auseinander.

Lösung: Differenzierte und argumentativ abgewogene Erörterung der Schlussstrich-Forderung mit Bezug auf die Gegenwart sowie ein begründetes persönliches Fazit.

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