Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Aufgabenstellung
Materialgrundlage
Aus einem Artikel der Journalistin Jana Hensel aus der Zeitung „Die Zeit“ mit dem Titel „Wiedervereinigung: Lasst die Party ausfallen!“ vom 06. Februar 2020:
[...] In diesem Jahr wollen wir die Wiedervereinigung feiern. Ebenfalls deren 30. Geburtstag. Viele hoffen, dass die 2019 begonnene Party einfach so weitergehen kann. Denn es ist ja in unserem Land zu einer guten Gewohnheit geworden, die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung eng miteinander zu verbinden, sie derart dicht nebeneinanderzustellen, als wäre das eine so schön wie das andere. So, als bedeutete der Mauerfall – also der Moment, in dem die Menschen sich an den Grenzübergängen in die Arme fielen – bereits die Vereinigung.
Aber dem war natürlich nicht so.
[...]
Die Revolution und die Wiedervereinigung sind aufeinanderfolgende Daten, Daten mit einem Zusammenhang, aber zwei sehr unterschiedliche historische Ereignisse. Die Revolution war eine großartige, berauschende, rauschhafte Sache. Eine Stunde öffentlichen Glücks, um es in den Worten Hannah Arendts zu sagen. Und eine Sache der DDR-Bürger sowie, natürlich, der Osteuropäer.
Auch die Wiedervereinigung ist ein großer Moment in der deutschen Geschichte, keine Frage. Niemand, der bei Verstand ist, will sie rückgängig machen oder gar anzweifeln. Sie ist tatsächlich Realität geworden und wird es jedes Jahr mehr, je länger sie her ist. Und weil das so ist, weil wir heute ganz selbstverständlich und selbstbewusst mit und in ihr leben, können und müssen wir uns ihr noch einmal kritischer zuwenden. Wir müssen fragen: Was ist damals eigentlich wirklich passiert?
[...] Von Anfang an waren die Dominanz und Überlegenheit des Westens zu spüren, sie haben sich tief in die beiden Vertragswerke des Einigungsvertrages eingeschrieben. Es begann mit der Entscheidung über eine schnelle Wirtschafts- und Währungsunion, aber es hörte nicht auf mit Regelungen wie der sogenannten „Rückgabe vor Entschädigung“. Nicht einmal zu einer neuen gemeinsamen Verfassung ließ der Westen sich überreden. [...]
Die wenigen Monate vom Mauerfall bis zur Unterzeichnung des Einigungsvertrages Ende August 1990 lassen sich deshalb auch als die Geschichte einer abgewürgten ostdeutschen Emanzipation beschreiben.
Überall im Land, in vielen Kommunen, hatten sich nach dem Mauerfall Runde Tische gegründet. Bürgerinitiativen, die sich natürlich laienhaft, aber voller Motivation und im ständigen Ringen um Basisdemokratie mit dem Erbe des SED-Regimes beschäftigten, die sich einen Überblick über die Verhältnisse zu machen begannen, um hernach Formen der demokratischen Kontrolle und Selbstverwaltung zu begründen. Es wurden Stasi-Zentralen besetzt, neue Parteien und Bündnisse und Zeitungen gegründet. Es wurde das tatsächliche Ausmaß der Umweltschäden untersucht, man bereitete offene und freie Wahlen vor. Das war schon so etwas wie eine große gesellschaftliche Selbstfindung, eine kurze Episode hoher Politisierung.
Doch kaum hatte all das begonnen, wurde es mit der Einheit beendet. Danach ging es ausschließlich darum, die westdeutschen Strukturen auf die neu geschaffenen fünf neuen Länder zu übertragen. Und ein gewaltiger Elitentransfer von West nach Ost setzte sich in Gang.
Die danach sehr schnell eintretende Ernüchterung in Zahlen: Die Wahlbeteiligung sank binnen weniger Jahre von über 93,4 Prozent bei der Volkskammerwahl 1990 auf um die 50 Prozent bei den Landtagswahlen 1994. Auf die Frage, wie wichtig es wäre, in einer Gesellschaft mit einem pluralistischen Parteiensystem zu leben, antworten 1990 noch 89,5 Prozent mit „sehr wichtig“ oder „wichtig“; 1993 dann 43,1 Prozent. Das war auf dem Höhepunkt der Massenarbeitslosigkeit.
In jener Zeit wurde das Land von einer Streikwelle gegen Abwicklungen und Betriebsschließungen überrollt. Mehr als 1000 größere Proteste und Arbeitsniederlegungen hat es allein bis zum Ende des Jahres 1993 gegeben, der bekannteste Streik war jener der Kalikumpel in Bischofferode. Meist endete so etwas ohne nennenswerten Erfolg. „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“, hat Bärbel Bohley, die wohl wichtigste Stimme des Neuen Forums, damals gesagt. Der Satz ist hinterher oft zitiert worden. Denn jene Skepsis gegen die Demokratie, den Rechtsstaat und seine Institutionen stammt aus diesen Wiedervereinigungsjahren. Sie scheint sich, zynisch ausgedrückt, als eine bittere Mitgift der Wiedervereinigung geradezu weiterzuvererben.
Ja, die Ostdeutschen haben die Wiedervereinigung mehrheitlich gewollt. Sie haben dem Kohlschen Versprechen der blühenden Landschaften großen Glauben geschenkt. Sie wollten, wie gesagt, so schnell wie möglich über denselben Wohlstand wie die Westdeutschen verfügen. Aber sie haben sich eben auch geirrt. Sie sind ihren eigenen Träumen aufgesessen. Das ist eine bittere und tragische Wahrheit, sie ist Teil unserer Geschichte. Es macht aus ostdeutscher Perspektive keinen Sinn, diesen Irrtum zu leugnen. Aber es macht aus westdeutscher Perspektive auch keinen Sinn, ihn den Ostdeutschen immer wieder vorzuhalten. Und damit alles, was danach passierte, zu entschuldigen zu versuchen.
[...]
Ich weiß nicht, ob die Wiedervereinigung wirklich hätte besser laufen können, ich bin mir nicht einmal sicher, ob das 30 Jahre später noch die entscheidende Frage ist. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns den damaligen Verlauf der Ereignisse so ehrlich wie möglich und gern auch schonungslos erzählen müssen. Auch, damit die jüngeren Generationen sich dieser Geschichte annehmen. Damit sie sie als ihre eigene begreifen, damit ihr eigenes Gewordensein darin ein Zuhause finden kann. Erst wenn diese neue Art der selbstbewussten Aufarbeitung passiert ist, können wir, meinetwegen, auch die Wiedervereinigung feiern. Aber so weit sind wir leider nicht. Eigentlich stehen wir 30 Jahre später noch immer ganz am Anfang.
Anmerkungen: 1 Hannah Arendt (1906–1975): deutsch-amerikanische Journalistin, Historikerin und Hochschullehrerin; mit der „Stunde öffentlichen Glücks“ ist die durch die erfolgreiche Revolution eingetretene Euphorie gemeint. 2 hernach: danach. 3 Bergarbeiter in den ostdeutschen Kalisalz-Bergwerken. 4 Bärbel Bohley: (ost-)deutsche Bürgerrechtlerin, Mitbegründerin des „Neuen Forums“ in der DDR. 5 Neues Forum: Bürgerbewegung, die 1989/90 die Wende in der DDR entscheidend mitprägte.
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)
2.
Erläutern Sie die historischen Hintergründe, die zum Verständnis des Textes erforderlich sind: die politischen Umbrüche in Osteuropa und in der DDR seit Mitte der 1980er Jahre sowie den Wiedervereinigungsprozess 1989/90. Arbeiten Sie heraus, wie Hensel die Rolle von „Ost“ und „West“ im Wiedervereinigungsprozess sieht. (34 Punkte)
3.
Setzen Sie sich kritisch mit der Sicht Hensels auf „Ost“ und „West“ auseinander. (24 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder.
Lösung: Strukturierte Analyse von Textart, Thema, Kernaussage, Gedankengang und Hauptaussagen des Artikels von Jana Hensel.
2. Erläutern Sie die historischen Hintergründe, die zum Verständnis des Textes erforderlich sind: die politischen Umbrüche in Osteuropa und in der DDR seit Mitte der 1980er Jahre sowie den Wiedervereinigungsprozess 1989/90. Arbeiten Sie heraus, wie Hensel die Rolle von „Ost“ und „West“ im Wiedervereinigungsprozess sieht.
Lösung: Historische Einordnung (Umbruch Ost-/Mitteleuropa, Entwicklung DDR 1989, Einigungsprozess 1990) und Herausarbeitung von Hensels Sichtweise.
3. Setzen Sie sich kritisch mit der Sicht Hensels auf „Ost“ und „West“ auseinander.
Lösung: Kritische Erörterung von Hensels Thesen unter Einbeziehung gegensätzlicher Perspektiven sowie Formulierung eines fundierten Fazits.
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
‹ Aufgabe 3 · LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2022