Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften 2021 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg)

Abiturprüfung Geschichte-Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg): 1 Aufgabe mit Lösungen.

Themen der Prüfung: Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus · Kriegsende 1918, Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · Kalter Krieg und Kubakrise

Aufgabe 1 · Kriegsende 1918, Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Beschreiben Sie anhand des Textes die internationalen Ursachen der Weltwirtschaftskrise, ihre sozialen Folgen in Deutschland und die wirtschaftspolitischen Maßnahmen, mit denen die Regierung Brüning ihr begegnen wollte. Erklären Sie im Anschluss das von Breitscheid angesprochene „System, mit Notverordnungen zu regieren“. (34 Punkte)

3.

Diskutieren Sie, wie erfolgreich die von Breitscheid kritisierte Krisenpolitik Brünings in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht war. (24 Punkte)

Materialgrundlage:

Rede des Abgeordneten Dr. Rudolf Breitscheid (SPD). In: Verhandlungen des Reichstags, Bd. 446 (1930), Berlin 1932, Sp. 2080 – 2081, 54. Sitzung, 14. Oktober 1931.

(Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original. Zwischenrufe anderer Parlamentarier wurden aufgrund besserer Lesbarkeit ausgelassen.)

Aus der Reichstagsrede von Dr. Rudolf Breitscheid (SPD) am 14. Oktober 1931:

1 [...] Aber die wichtigeren Vorgänge spielten sich im wirtschaftlichen Bereich ab, beginnend mit den furchtbaren Devisenabzügen im Sommer, insbesondere im Juli, mit der Flucht aus der Mark, mit der Kapitalflucht guter Patrioten aus Deutschland. 1 Und wiederum konnte sich daran die Lehre knüpfen, daß ein Land in der Lage des unsrigen aufs höchste daran interes-

5 siert ist und interessiert sein muß, daß das Ausland in seine innere Entwicklung Vertrauen setzt. [...]

Zu gleicher Zeit aber wurde damals der Beweis erbracht, und er ist immer wieder in den letzten Monaten erbracht worden – der Herr Reichskanzler hat in seiner gestrigen Rede darauf hingewiesen –, daß die Krisis, in der wir uns befinden, eine Weltkrisis ist und daß sie nicht

10 zuletzt mit Weltmitteln gelöst werden muß. Dabei bestreitet niemand, daß bei uns in Deutschland sehr schwere Fehler gemacht worden sind, die unsere wirtschaftliche und finanzielle Situation verschärfen mußten. Aber ein Blick auf die übrigen Staaten genügt, um die Behauptungen zurückzuweisen, daß das deutsche Unglück aus einem verfehlten Regierungssystem herrühre, daß es nicht die Republik, daß es nicht die Demokratie und daß es wahrhaftig nicht

15 der Marxismus gewesen ist, der uns in diese Krisis geführt hat.

Niemand wird den Vereinigten Staaten von Amerika nachsagen können, daß sie unter marxistischem Einfluß ständen, und die Krise ist dort im Grunde vielleicht größer und schwerer als bei uns.

Und weiter ist festzustellen, daß es nicht allein die Notwendigkeit, Reparationen an die Sie-

20 gerstaaten zu zahlen, gewesen ist, die unsere Not und unser Elend heraufbeschworen hat. Sicherlich, es ist gar nicht zu bestreiten, und alle Welt ist sich heute darüber klar, daß die Reparationen internationale Fehlleitung des Kapitals bedeutet haben, die Wirtschaft und Finanzen, nicht nur bei uns, sondern auch in anderen Staaten aufs ungünstigste beeinflussen mußte, daß diese Reparationszahlungen den Blutkreislauf gestört haben.

25 [...]

Wenn wir noch einen Blick in aller Eile auf Deutschland speziell werfen, so haben wir in diesen Monaten den gewaltigen und das Land erschütternden Zusammenbruch von Banken und großen Konzernen erlebt. Was haben wir daraus entnommen? Was haben wir daraus gelernt? Zunächst einmal ein besseres Verständnis für die Behauptung von den immensen

30 wirtschaftlichen Fähigkeiten und Künsten der sogenannten großen Wirtschaftsführer! Niemand hat mehr versagt als diese großen Wirtschaftsführer.

[...] Aber wir kommen damit allein, daß wir von dem Versagen der Wirtschaftsführer sprechen, nicht weiter. Nach unserer Meinung ist das, was sich in den letzten Monaten ergeben hat, ein Beweis für das Versagen des privatkapitalistischen Systems.

35 Das steht hinter allem, was sich ereignet hat, das steht hinter der deutschen Krisis, das steht hinter der Weltkrisis, das steht hinter den einzelnen Erscheinungen der letzten Wochen und Monate. Man wird diesen Erscheinungen nicht gerecht, wenn man versucht, sie für sich allein zu behandeln; man muß sie als das Symptom einer Erschütterung des privatwirtschaftlichen Systems hinstellen.

40 Vor allem aber haben wir in dieser Zeit das unendliche Wachsen der Not im deutschen Volk festgestellt, das Wachsen der Not insbesondere der Arbeiterklasse, der Arbeitenden aller Art. Die ungeheure Erwerbslosigkeit ist nicht damit abgetan, daß man auf ihre Ziffer hinweist, sondern es ist nötig, im Auge zu behalten, daß unter diesen Millionen zahlreiche Erwerbslose sind, die seit Jahr und Tag außer Arbeit stehen, die nicht nur wirtschaftlich ruiniert, sondern

45 selbstverständlich auch demoralisiert sind.

All dieser Not nun hat die Reichsregierung, hat das erste Kabinett Brüning durch Notverordnungen zu begegnen gesucht. Daß uns dieses System, mit Notverordnungen zu regieren, grundsätzlich zuwider ist, brauche ich nicht zu versichern.

Sie (zu den Kommunisten) haben am wenigsten Anlaß, das zu bezweifeln. Sie haben uns doch

50 immer einen Vorwurf daraus gemacht, daß wir auf dem Boden der Demokratie stehen. Im Prinzip ist das Regieren nach Notverordnungen in Ihrem Sinne.

Wir sind diejenigen, die stets für Hochhaltung der Demokratie und des Parlamentarismus eingetreten sind. Aber für die Aufrechterhaltung des Parlamentarismus ist erste Voraussetzung, daß das Parlament sich selber bejaht, und daß nicht große Teile der Volksvertretung das Sys-

55 tem der Demokratie selber grundsätzlich ablehnen und das parlamentarische System höchstens als einen Mechanismus zum Sturz einer Regierung ansehen. Dieses Selbstbejahen des Parlaments ist bei uns leider seit den Wahlen vom vorigen Jahre nicht mehr der Fall. Hier haben wir links und rechts große Parteien, die das Parlament im Grunde nicht wollen, die es verurteilen, die die Diktatur auf ihre Fahne geschrieben haben.

60 So ist es die politische Not, die zu den Notverordnungen und ihrem System führt und führen mußte. [...]

1 Devisenabzüge und Kapitalflucht: Im Sommer 1931 kam es zum Verkauf bzw. zur Kündigung von Anleihen und Investments ausländischer, aber auch inländischer Investoren, die ihr investiertes Geld vom deutschen Anlagemarkt abzogen. Breitscheid bezeichnet letztere Investoren sarkastisch als „gute Patrioten“.

Aufgabe 2 · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]

2.

Erläutern Sie die für das Verständnis des Textes erforderlichen historischen Hintergründe zur Machtübernahme und zum Ausbau der Macht durch die Nationalsozialisten sowie zu deren Bemühen, eine „Volksgemeinschaft“ zu schaffen, im Zeitraum von 1933 bis zur Rede. Arbeiten Sie danach heraus, welche Haltung Goebbels jüdischen Künstlern und Kulturschaffenden gegenüber einnimmt. [34 Punkte]

3.

Der Journalist Georg Diez sagte 2017: „Kunst ist Freiheit. Kunst braucht Freiheit. Und Freiheit braucht Kunst.“ Diskutieren Sie auf dieser Grundlage kritisch Goebbels’ Haltung zur Kunst in Deutschland. [24 Punkte]

Materialgrundlage:

• Die Verfolgung und Ermordung der Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 bis 1945 (Band 1: Deutsches Reich, 1933 – 1937), hrsg. von Götz Aly u. a., München 2008, S. 743 – 745 (Die Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.)

• Georg Diez: Fragt nicht, was Kunst soll oder darf. In: Der Spiegel – Online (03.12.2017)

Historische Quelle:

Aus einer Rede von Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, auf der Jahrestagung der Reichskulturkammer und der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ in Berlin am 26. November 1937:

1 [...] Nur so 1 haben wir im Bereiche des deutschen Kulturlebens ohne nennenswerte Erschütte-

rung eine Frage lösen können, die gerade auf diesem Gebiet in der vornationalsozialistischen

Zeit für schlechterdings unlösbar galt: Wir haben die Juden beseitigt und Führung und Reprä-

sentanz des deutschen Geisteslebens der Nation und der Welt gegenüber wieder in deutsche

5 Hände gelegt. Was das bedeutet, kann nur der ermessen, der eine Vorstellung davon besitzt,

wie tief der jüdische Einfluß gerade in das deutsche Kulturleben eingedrungen war. Nirgendwo

herrschte und dominierte der Jude so uneingeschränkt und ungestört wie gerade hier. Wenn

man sich vergegenwärtigt, daß wir – ganz abgesehen von den Juden, die schon bei Ausbruch

der nationalsozialistischen Revolution rechtzeitig als Emigranten das Weite suchten – seit

10 1933 annähernd dreitausend Juden aus dem deutschen Kulturleben entfernt, gleichzeitig aber

auch die leer gewordenen Stellen mit Deutschen besetzt haben, ohne daß bei diesem riesigen

Personenschub eine auch nur in Betracht kommende Stagnation im deutschen Kulturleben

eintrat; wenn man weiterhin dabei bedenkt, daß es sich hier in der Hauptsache selbstverständ-

lich um ausschlaggebende Stellen handelte – die übten ja im allgemeinen führende Funktio-

15 nen im öffentlichen Leben aus, so kann man sich ungefähr eine Vorstellung davon machen,

wieviel Arbeit hier geleistet wurde und wie leicht der eine oder andere personelle Mißgriff

dem erreichten Ziel gegenüber wiegt. In keiner deutschen Zeitung schreibt heute mehr ein

Jude, und trotzdem erscheinen die Zeitungen zahlreicher und besser aufgemacht denn je. Auf

keiner Bühne tritt heute mehr ein Jude auf, und trotzdem spielen die Theater, und sie sind

20 überfüllt wie nie. In keinem Film wirkt heute noch ein Jude mit, und trotzdem produzieren

wir Filme, zahl- und erfolgreicher denn je.

Noch klingt uns in den Ohren das Geschrei unserer Gegner, es sei unmöglich, die Juden aus

dem deutschen Kulturleben zu entfernen, da sie nicht ersetzt werden könnten. Wir haben es

getan, und es geht besser als zuvor! Auf diesem Gebiet ist die Forderung des Nationalsozia-

25 lismus restlos durchgeführt worden, und die Welt hat den Beweis vor Augen, daß das Kultur-

leben eines Volkes auch, und zwar sinn- und zweckgemäß, ausschließlich von seinen eigenen

Söhnen verwaltet, geführt und repräsentiert werden kann.

Wie tief der jüdische Ungeist in das deutsche Kulturleben eingedrungen war, das zeigte in

erschreckenden und geradezu grauenerregenden Formen die in München als warnendes Bei-

30 spiel durchgeführte Ausstellung der „Entarteten Kunst“ 2. Wir sind ihretwegen vielfach in der

sogenannten Weltpresse angegriffen worden, aber es hat sich bis heute kein ausländischer

Enthusiast gefunden, der zur Wiedergutmachung dieser Kulturbarbarei etwa bereit gewesen

wäre, die in München ausgestellten „Kunstschätze“ zu kaufen und sie damit für die Ewigkeit

zu retten. Sie mögen sie nicht, aber sie verteidigen sie. Und sie verteidigen sie nicht aus kultu-

35 rellen, sondern lediglich aus politischen Gründen. Es bedarf kaum einer wegwerfenden Hand-

bewegung, um sich mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen. Aber auch in Deutschland

hat dieses Vorgehen hier und da Mißverständnisse hervorgerufen.

Man war zwar mit der allgemeinen Tendenz dieser Bereinigung eines kulturellen Notstandes

einverstanden, behielt sich aber vor, im einzelnen leise Einwände zu erheben. Diese Einwände

40 klangen sehr nach dem Motto derer, die ehedem wegen unserer Judenfeindschaft erhoben

wurden: Man dürfe das Kind nicht mit dem Bade ausschütten 3, man sei ja auch antisemitisch,

aber was zu viel sei, sei eben zu viel. – [...]

Man meinte, man solle diese Entwicklung sich selbst auswirken lassen, sie werde sich so am

ehesten totlaufen. Man hätte dasselbe in der Innenpolitik über den Marxismus oder über den

45 Parlamentarismus, in der Wirtschaft über den Klassenkampf oder über den Standesdünkel 4,

in der Außenpolitik über den Versailler Vertrag oder über den Raub der deutschen Souverä-

nitätsrechte sagen können. So etwas läuft sich nicht tot; das muß beseitigt werden. Je

gründlicher, schneller und radikaler das geschieht, um so besser! [...]

Wie gesund eine solche Reinigungskur war, das zeigt die Reaktion beim Publikum und vor

50 allem bei den Käuferschichten der Großen Deutschen Kunstausstellung 5 im Haus der Deut-

schen Kunst in München.

1 Goebbels bezieht sich hier auf die „Säuberung“ des Kulturlebens, über die er zuvor spricht.

2 Die Ausstellung „Entartete Kunst“ von Juli bis September 1937 in München war eine von den Nationalsozialisten organisierte Propagandaausstellung über von der erwünschten Norm der Nationalsozialisten abweichende Kunst.

3 Redewendung im Sinne von „Man sollte es nicht übertreiben!“

4 Standesdünkel: bezeichnet den spezifischen Hochmut eines Standes gegenüber anderen, als niedriger erachteten Ständen.

5 1937 fand die „Erste Große Deutsche Kunstausstellung“ statt, sodass „Entartete Kunst“ und die vom Regime geförderte Kunst, die sogenannte „Deutsche Kunst“, einander gegenübergestellt wurden.

Aufgabe 3 · Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus

Abiturprüfung 2021 · Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Erläutern Sie die innenpolitischen Rahmenbedingungen sowie die ideologische Veränderung des Nationalismus im deutschen Kaiserreich in den Jahren 1871 bis 1893. Arbeiten Sie heraus, wie Lange die Juden sieht und wie er ihr Verhältnis zum Deutschen Reich darstellt. (34 Punkte)

3.

Bewerten Sie die Aussagen Langes aus der Perspektive der Gegenwart. (24 Punkte)

Materialgrundlage

Friedrich Lange: Reines Deutschtum. Grundzüge einer nationalen Weltanschauung. Berlin 1893, zit. nach der dritten Aufl. 1904, S. 93 – 101 (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)

Aus dem Buch „Reines Deutschtum“ des Journalisten Friedrich Lange¹ aus dem Jahre 1893:

[...] Was uns not tut, ist eine große Vereinigung der ehrlich und mutig Deutschgesinnten, welche sich weder auf eine konservative, noch liberale, noch irgendwelche politische oder kirchliche Schablone eingattern² läßt, dafür aber alles bewilligt, was das Deutschtum nach innen und außen festigt, alles verneint, was es zersplittert und schwächt.

[...]

Weil aber ein solches Ausleben in innerlicher Harmonie einem Volke nur dann möglich ist, wenn seine Einzelnen einander gleichartig sind oder sich wenigstens als gleichartig empfinden, so ist die nächste Forderung für die Nationalpartei, die ich mir als Vorkämpferin solcher Ziele denke, die Ausscheidung der Elemente, die wir nach dem allen heutigen Deutschen ohne Ausnahme innewohnenden Bewußtsein als ungleichartig, völlig wesensverschieden empfinden. Allen Deutschen ohne Ausnahme sage ich mit vollem Bewußtsein, denn auch von den freiwilligen Schildknappen³ des Judentums, den Mitgliedern der deutsch-freisinnigen Partei⁴ oder von den Arbeitern, die sich von einem Singer⁵ und Genossen an der Nase führen lassen, wird keiner mir einreden, daß er nicht gegen die angeborene Art der jüdischen Rasse schon bei den Gutwilligen, geschweige denn bei den Übelwollenden eine Abneigung empfände. Aber einige von ihnen zwingen aus falsch verstandener Humanität solche Regung nieder, die meisten nehmen um politischen und finanziellen Nutzens willen die jüdische Bundesgenossenschaft⁶, die in Wahrheit eine Despotie⁷ ist, auf sich, und weil für einen Mann, der frei sein könnte, solche Knechtschaft ein schimpfliches Gefühl ist, so reden sie anderen und, wenns gelingen will, auch ihrem eigenen Gewissen ein, daß sie aus Überzeugung Beschützer des Judentums seien. Das ist menschlich, aber nicht eben männlich.

Die Hauptbedingung für die künftige Nationalpartei, ein starkes, dem ganzen deutschen Volke verständliches Bedürfnis, wäre also erfüllt. Dennoch fehlt viel daran, daß eine solche Partei schon in naher Zukunft entstände oder in unseren Parlamenten Einfluß gewänne. Denn noch lange wird es trotz der überall aufleuchtenden Erkenntnis dauern, bis die Mehrzahl des Volkes die Lösung der Judenfrage als eine der dringlichsten unter allen unseren politischen Aufgaben betrachten lernt, noch länger vielleicht, bis die vorhandenen Parteiformen zerschlagen sind und diese neue an ihre Stelle getreten ist.

[...]

Das wichtigste ist: nun, nachdem wir politisch einig sind, mit dem Genius⁸ unseres Volkes möglichst allein zu sein und zu bleiben, das asiatische Judentum also auszuscheiden oder sonst in sicherer Form unschädlich zu machen. Ich fasse hier mit dem Ausdruck Judentum diejenigen der Rasse anhaftenden Eigenschaften zusammen, welche von uns als Gegensatz und Hemmnis⁹ unserer sittlichen Rasseneigenschaften empfunden werden. Natürlich weiß ich so gut wie irgend jemand einen ehrenhaften Juden von einem verwerflichen zu unterscheiden; desgleichen empfinde ich es in der Seele aller ehrlich gutwilligen Juden als eine starke Prüfung, daß die Erregung des Deutschtums sich nun auch gegen diejenigen richten muß, die wissend nicht gesündigt haben und sich an den Maßlosigkeiten ihrer Rassegenossen unschuldig fühlen dürfen. Ist aber erst einmal die deutsche Geduld erschöpft und wird die Frage aufgeworfen, so wäre es eine Verschleierung der Wahrheit, wenn man nicht Rasse gegen Rasse ausspielte, sondern den Wahn aufrecht erhielte, daß doch hier und da ein Jude durch eifriges Bemühen zum Deutschen geworden sei oder werden könne. [...]

Es wird einzelne beglückte Gegenden in Deutschland geben, wo man noch heute von einer Judenfrage praktisch nichts weiß und demnach in ungestörtem Genusse altgewohnter Menschlichkeitsideale auch von Maßregeln gegen die Juden nichts wissen mag. Aber die Bewohner solcher Gegenden machen es sich denn doch gar zu leicht mit ihrer Duldung; als Tugend wird man sie ihnen jedenfalls nicht anrechnen dürfen, da sie keine Gelegenheit haben, sie zu erproben. Sie mögen in eine Hochburg des deutschen Judentums gehen, zum Beispiel nach Berlin, und sie werden nach einer Wanderung durch die Reichshauptstadt besser als aus hundert Broschüren die tatsächliche Bedeutung der Judenfrage in Deutschland erkennen. [...]

¹ Friedrich Lange (1852 – 1917) war ein deutscher Journalist. Er gehörte zu den führenden Publizisten der völkischen Bewegung des wilhelminischen Kaiserreichs und plante die Gründung einer ‚Nationalpartei‘ als Sammlungsbewegung für verschiedene konservative und nationalistische Parteien, die aber scheiterte.

² eingattern, hier: festlegen

³ Schildknappen, hier im Sinne von Helfer

⁴ Deutsche Freisinnige Partei: liberale Partei, die von 1884 – 1893 bestand und die u. a. die Gleichstellung aller Religionsgruppen forderte

⁵ Gemeint ist Paul Singer (1844 – 1911), Berliner Textilfabrikant jüdischen Glaubens, zunächst liberaler, später sozialdemokratischer Politiker und Reichstagsabgeordneter.

⁶ Bundesgenossenschaft, gemeint ist: Gemeinschaft

⁷ Despotie: Unterdrückung, Diktatur

⁸ Genius: Schöpfergeist, Genie, Begabung

⁹ Hemmnis: Beschränkung, Einschränkung

Aufgabe 4 · Kalter Krieg und Kubakrise

Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. (22 Punkte)

2. Erläutern Sie, wie sich der Kalte Krieg seit 1945 entwickelte und welche Stationen die Kuba-Krise von 1962 durchlief. Charakterisieren Sie im Anschluss die Haltung des Verfassers zum Kalten Krieg wie auch zur Kuba-Krise. (34 Punkte)

3. Beurteilen Sie, inwiefern das Ende des Kalten Krieges auf ein hartes Auftreten der USA gegenüber der Sowjetunion zurückzuführen ist, wie es der BND verlangte. (24 Punkte)

(Hinweis: Weitere 20 Punkte werden gemäß Bewertungsbogen für die Darstellungsleistung vergeben.)

Materialgrundlage:

Aus einem Schreiben des Bundesnachrichtendienstes vom 13. November 1962:

Überlegungen zur Kubakrise

[...] Wenn auch die Gründe für die so plötzliche und wenig verschleierte Errichtung der sowjetischen Raketenbasen auf Kuba – die doch zumindest von längerer Hand geplant und bereitgestellt gewesen sein müssen – nicht ganz klar sind, so wird man doch vorerst dieser Hypothese die grösste Glaubwürdigkeit zusprechen dürfen, nämlich das CHRUSCHTSCHEW im November den „grossen Plan“ einer kombinierten Aktion gegen die Positionen KENNEDYs in Gang setzen wollte, um das weltpolitische Gleichgewicht zu seinen Gunsten zu verändern (was ihm bisher in Berlin nicht gelungen) und den von ihm angestrebten und dringend benötigten Erfolg zu erzielen.

Als Elemente dieses geplanten Vorgehens auf breiter Front zeichneten sich bereits CHRUSCHTSCHEWs Besuch der UNO in New York, der Abschluss eines „Sonderfriedens“ mit Pankow, innenpolitische Reformpläne zur Aufwertung der Sowjetpolitik und jetzt die Raketendrohung von Kuba ab. [...] Die strategische Festsetzung auf Kuba sollte dabei sicherlich als Hebelpunkt für eine grossangelegte Zangenbewegung dienen, als deren zweiter Hebelarm Berlin gedacht war. [...]

Vor allem dürfte die Krise zu einer Neubeurteilung des tatsächlichen weltpolitischen Kräfteverhältnisses und zu Abstrichen an der bisher akzeptierten Selbsteinschätzung CHRUSCHTSCHEWs führen; das könnte heissen, dass CHRUSCHTSCHEWs Versuch, das Gleichgewicht zu seinen Gunsten zu verändern mit der Einsicht endet, dass in Wirklichkeit für ihn ein Gleichgewicht minus besteht.

Die historische Bedeutung der Ereignisse der letzten Woche liegt vor allem aber darin, dass hier erstmals seit 1945 eine direkte Konfrontation USA-SU stattgefunden hat, wobei Moskau angesichts dieser direkten Initiative gegen eine indirekte Aggression und Salamitaktik vorerst den Rückzug angetreten hat. Zugleich traten dabei die machtpolitischen Realitäten der Gegenwart unverhüllt und unverfälscht zu Tage; UNO, Neutrale, die Marionette CASTRO – aber auch die Alliierten Amerikas wurden dabei zu blossen Nebenfiguren und Handlagern der Entscheidungen zwischen den beiden Weltmächten.

KENNEDY hat damit jedoch nur das erste Gefecht gewonnen, die eigentliche „grosse Schlacht“ steht noch immer bevor. Wenn der psychologische Erfolg dieser Aktion auch nicht gering eingeschätzt werden da[rf] und noch manche Verschiebungen bewirken wird, ist die Lage für die USA noch keineswegs zu KENNEDYs Gunsten geklärt und Kristallisationspunkte für weiter[e] Krisen bleiben:

a) Kuba bleibt weiter in CASTROs Hand, dessen Stellung zwar geschwächt ist, aber der weiterhin erhebliche Ungelegenheiten bereiten kann. Mit seinem Interventionsverzicht hat sich KENNEDY einer wichtigen Waffe begeben, nämlich der Ausbreitung des Kommunismus mit einem Gegenstoss entgegenzutreten, wie das im Libanon, in Laos und in Vietnam nicht ohne Erfolg praktiziert wurde, er hat damit ohne Gegengabe praktisch CHRUSCHTSCHEWs „Verbot der Konterrevolution“ akzeptiert.

b) Das durchaus verständliche und wahrscheinlich auch nach amerikanisch-demokratischem Rezept notwendig gewesene Einlenken KENNEDYs hat CHRUSCHTSCHEW zugleich wieder grössere Möglichkeiten eröffnet, die Initiative erneut an sich zu reissen und damit den Vorsprung KENNEDYs wieder wettzumachen;

c) Die nebensächliche Rolle der NATO in der Kubakrise könnte sehr leicht zu einer Gewohnheit werden, die dann in einer „Entspannung zwischen NATO und Warschauer Pakt“ ihren Ausdruck finden würde. CHRUSCHTSCHEW wird sicher früher oder später mit der Lockung aufwarten, dass KENNEDY seine unsicheren Verbündeten ebenso opfern soll, wie er es selbst mit CASTRO getan habe, und damit zumindest neue Spannungen in die NATO tragen (was vorerst der Hauptzweck des sowjetisch-türkischen Tauschangebotes über „türkische Basen“ gewesen ist !).

Ob die sich bietende Chance einer echten Wendung im kalten Krieg zu Gunsten des Westens wahrgenommen wird, hängt davon ab, welche Lehren KENNEDY selbst aus der Kubakrise zieht. Er steht vor der Entscheidung, die richtigen Folgen zu ziehen oder wieder in das alte Geleise zurückzufallen und aus dem Ausgang der Kubakrise „neue Hoffnungen für Verhandlungen und einen sowjetisch-amerikanischen Ausgleich zu schöpfen“.

Vieles spricht für die letztere Möglichkeit, weil die aufgeschreckten „Gänse des amerikanischen Kapitols“ ziemlich unmissverständlich von „Kompromißbereitschaft“ und nicht, wie weiland in Rom, von „Gefahr“ schnattern. CHRUSCHTSCHEW hätte es dann leicht, seine Niederlage in einen Erfolg zu verwandeln.

Der Bundesnachrichtendienst und die Kuba-Krise. Dokumente aus den Akten des BND, Nr. 3, hrsg. von Bodo Hechelhammer, Berlin 2015, S. 73–78.

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