Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Kalter Krieg und Kubakrise · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Aufgabenstellung
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie die für das Textverständnis erforderlichen Ursachen sowie den Verlauf des Kalten Krieges zwischen 1945 und 1962 und stellen Sie die einzelnen Phasen der Kubakrise dar. Charakterisieren Sie im Anschluss daran, wie Greiner die Krise sieht. [34 Punkte]
3.
„Dass die Situation nicht eskalierte, ist vor allem einem zu verdanken: Nikita Chruschtschow.“ Beurteilen Sie, inwieweit Greiners These sachlich angemessen ist. [24 Punkte]
Materialgrundlage
Bernd Greiner: Als die Welt am Abgrund stand. In: ZEIT Geschichte Nr. 3/2012, 21. August 2012 (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
Aus dem Artikel „Als die Welt am Abgrund stand“ des Historikers und Politologen Bernd Greiner:
Der Konflikt um die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba führte im Herbst 1962 an den Rand einer nuklearen Katastrophe. Dass die Situation nicht eskalierte, ist vor allem einem zu verdanken: Nikita Chruschtschow.
Die Luftaufnahmen ließen keinen Zweifel: Im Westteil Kubas waren sowjetische Raketenträger, Abschussrampen und ein Materiallager zu erkennen. Damit bestätigten sie einen Verdacht, den erste Aufklärungsflüge schon im September nahegelegt hatten: Die Sowjets stationierten heimlich atomar bestückte Raketen auf der Insel ihres Verbündeten Fidel Castro – unmittelbar vor Amerikas Küste.
Das Ausmaß der sowjetischen Geheimaktion, die bereits im Juli 1962 begonnen hatte, wurde erst später bekannt: Bis zum Herbst des Jahres waren insgesamt 42.000 Soldaten nach Kuba verschifft worden, darunter eine 10.000 Mann starke Kampftruppe. An Bord hatten sie konventionelle Kurzstreckenraketen für den Küstenschutz, 98 Sprengköpfe für nukleare Gefechtsfeldwaffen sowie 36 Atomraketen vom Typ R-12, die mit einer Reichweite von 2.000 Kilometern Verwüstungen weit im Inneren der USA hätten anrichten können.
[...]
Dass die Krise nicht eskalierte, lag auch, wenn nicht sogar in erster Linie an Nikita Chruschtschow – ein Aspekt, der gemeinhin nur unzureichend gewürdigt wird. Selbstverständlich hatte der Kremlchef mit dem Feuer gespielt. Als aber die USA sein Manöver wider Erwarten frühzeitig erkannt und die Seeblockade verhängt hatten, insistierte er auf äußerster Zurückhaltung. Im entscheidenden Moment brach er mit der Logik des Kalten Krieges: Statt Gleiches mit Gleichem zu vergelten, bemühte er sich um eine Entkrampfung der Situation.
So verzichteten die UdSSR und die Staaten des Warschauer Paktes auf jedwede militärische Mobilmachung. Weder wurden Reservisten einberufen noch Truppen verlegt, weder wurden Bomberstaffeln in Stellung gebracht noch Evakuierungspläne aktiviert. Auch klärte Chruschtschow umgehend die Befugnisse über die auf Kuba stationierten Waffen, indem er verfügte, dass die Mittelstreckenraketen und atomaren Gefechtsfeldwaffen unter keinen Umständen ohne seine Erlaubnis eingesetzt werden durften – nicht einmal im Falle einer durch Kampfhandlungen gestörten oder blockierten Kommunikation mit Moskau. Alle mit Raketen oder mit Sprengköpfen beladenen Frachter wurden sofort zurückgerufen. Seit dem frühen Morgen des 23. Oktober, 28 Stunden vor dem Inkrafttreten der Blockade, steuerten nur noch Schiffe mit ziviler Ladung Kuba an. Schließlich untersagte Chruschtschow jedwede Provokation an anderen Brennpunkten des Kalten Krieges. Insbesondere West-Berlin wurde von möglichen Repressalien ausgenommen.
Auch der entscheidende Schritt zur Beendigung der Krise wurde in Moskau getan, nachdem Chruschtschow – abweichend von seiner bis dahin gezeigten Zurückhaltung – am 26. Oktober doch noch versucht hatte, den Preis einer Lösung nach oben zu treiben: Die USA sollten im Gegenzug zu einem Abbau der Kuba-Raketen ihre Mittelstreckenraketen vom Typ Jupiter aus der Türkei abziehen. Hätten sich die USA auf diesen Handel eingelassen, wäre die UdSSR als gleichberechtigte Weltmacht anerkannt worden – und der Kreml hätte als Sieger des Kräftemessens um Kuba dagestanden.
Im Gegensatz zur Mehrheit seiner Berater wollte John F. Kennedy die Forderung nicht in Bausch und Bogen ablehnen und fädelte deshalb hinter dem Rücken des eigenen Krisenstabs ein Geheimtreffen seines Bruders mit dem sowjetischen Botschafter in Washington ein. Einen offiziellen „Raketentausch“, so die Mitteilung, lehnte der Präsident rigoros ab. Sollten die Sowjets aber binnen 24 Stunden den Rückzug ihrer Raketen ankündigen, würden die USA nach vier bis fünf Monaten auch die Jupiter-Raketen in der Türkei demontieren.
Chruschtschow zog die Notbremse
Dass Kennedy mit diesem geheimen Versprechen und der gleichzeitigen Drohung, Kuba zu besetzen, Chruschtschow zum Einlenken bewog, galt bis in jüngste Zeit als gesicherte Erkenntnis. In den neunziger Jahren zur Verfügung gestellte sowjetische Dokumente rücken den Ablauf jedoch in ein gänzlich anderes Licht: Sie belegen, dass Nikita Chruschtschow die Notbremse zog, ohne die amerikanische Reaktion auf seine Forderung nach einem „Raketenhandel“ abzuwarten. Die UdSSR, kündigte er am Morgen des 28. Oktober an, werde die Raketen abbauen, wenn die USA von ihren Invasionsplänen öffentlich Abstand nähmen und Kubas Sicherheit garantierten. Chruschtschow diktierte dieses Schreiben mehrere Stunden bevor er über Kennedys Geheiminitiative unterrichtet wurde. Es hatte also mit den Winkelzügen des US-Präsidenten nicht das Mindeste zu tun.
Der Kremlchef gab nach, weil er die Gefahr eines galoppierenden Kontrollverlustes erkannte. Entgegen allen Instruktionen hatten noch kurz zuvor zwei sowjetische Offiziere den Abschuss eines amerikanischen Aufklärers vom Typ U-2 über Kuba befohlen. Und in der Nacht war Castros Schreiben mit der Forderung nach einem präventiven Atomschlag gegen die USA eingegangen – für den Kremlchef ein Beleg, dass der „Máximo Líder“ wahnsinnig geworden war und die Situation aus dem Ruder zu laufen drohte.
Wie es scheint, wurde Nikita Chruschtschow an diesem Tag von seinen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg eingeholt, vom Wissen um die Eigendynamik einmal getroffener Entscheidungen. Wer angefangen hat zu schießen, kann nicht mehr aufhören, hatte er seinen Mitarbeitern stets gepredigt. Mit poststalinistischer Machtvollkommenheit ausgestattet, konnte er die Konsequenz aus diesen Einsichten ziehen.
Nicht mehr zu vermeiden war, dass die Kubakrise in den folgenden Jahren auf verschiedenen Schauplätzen des Kalten Krieges wie ein Brandbeschleuniger wirkte. Nachdem Chruschtschow 1964 gestürzt worden war, setzte sein Nachfolger Leonid Breschnew unter Verweis auf den Oktober 1962 ein nukleares Crashprogramm in Gang. Nie wieder sollte die UdSSR aus einer Position strategischer Unterlegenheit heraus handeln und zum Opfer atomarer Erpressung werden. Anfang der siebziger Jahre hatte man tatsächlich mit den USA gleichgezogen – um den Preis einer beispiellosen Aufheizung des Wettrüstens. [...]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder.
Lösung: Strukturierte Textanalyse mit Einleitung (Autor, Textsorte, Datum, Thema, Kernaussage) sowie systematischer Darstellung des Gedankengangs und der Hauptaussagen.
2. Erläutern Sie die für das Textverständnis erforderlichen Ursachen sowie den Verlauf des Kalten Krieges zwischen 1945 und 1962 und stellen Sie die einzelnen Phasen der Kubakrise dar. Charakterisieren Sie im Anschluss daran, wie Greiner die Krise sieht.
Lösung: Historische Einbettung (Ursachen und Verlauf des Kalten Krieges 1945–1962, Phasen der Kubakrise) sowie kritische Charakterisierung von Greiners geschichtswissenschaftlicher Perspektive.
3. „Dass die Situation nicht eskalierte, ist vor allem einem zu verdanken: Nikita Chruschtschow.“ Beurteilen Sie, inwieweit Greiners These sachlich angemessen ist.
Lösung: Differenziertes Sachurteil zu Greiners These unter Abwägung von Argumenten pro und contra sowie begründetes abschließendes Fazit.
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