Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften 2021 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Geschichte-Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2021, LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 1 Aufgabe mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Einheit und Freiheit: Vormärz und Revolution 1848/49 · Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · Kalter Krieg und Kubakrise
Aufgabe 1 · Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus
Aufgabenstellung:
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. (22 Punkte)
2.
Erläutern Sie die außenpolitischen, wirtschaftlichen und ideologischen Hintergründe des deutschen Imperialismus von den 1880er Jahren bis zur Entstehungszeit des Textes, soweit sie zum Verständnis des Textes erforderlich sind. Charakterisieren Sie danach Rohrbachs Haltung zur kolonialisierten Bevölkerung. (34 Punkte)
3.
Setzen Sie sich mit der folgenden heutigen Auffassung auseinander und beziehen Sie dabei Rohrbachs Aussagen über die Bevölkerung der Kolonien ein: „Wir sehen die außereuropäische Welt nach wie vor mit dem imperialen Auge und behandeln ihre Bewohner nicht viel besser als in der Kolonialzeit.“ (24 Punkte)
Hinweis zur Darstellungsleistung: Für die sprachliche und argumentative Darstellungsleistung werden bis zu 20 Punkte vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).
Materialgrundlage
Paul Rohrbach: Deutsche Kolonialwirtschaft. Kulturpolitische Grundsätze für die Rassen- und Missionsfragen. Berlin-Schöneberg 1909, S. 10 – 14. (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
Zitat in Aufgabe 3 aus: Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte. 3. Aufl. München 2019, hier: S. 19.
Aus dem Buch „Deutsche Kolonialwirtschaft. Kulturpolitische Grundsätze für die Rassen- und Missionsfragen“ von Paul Rohrbach (1909):
[...] Man braucht die Tatsächlichkeit der mancherlei Missionsberichte über „erweckte“ und geistig geförderte Neger im einzelnen Falle gar nicht direkt anzuzweifeln, wiewohl hier erfahrungsmäßig genug fromme Selbsttäuschung der Missionsarbeiter mit unterläuft – aber selbst wenn es gelingt, einzelne besonders ausgewählte und einem langen intensiven Erziehungs- und Beeinflussungsprozeß unterworfene Individuen einer an sich niederen Rasse soweit zu entwickeln, daß ihr moralisches Niveau an das der weißen Rasse heranzureichen scheint, so ist damit natürlich nicht das geringste für den Vergleich von Rasse zu Rasse bewiesen. Ein solcher kann nur auf Grund zahlreicher und lange fortgesetzter Beobachtungen des Massendurchschnitts oder auf Grund von historisch-politischen oder ökonomischen Vergleichen ganzer Perioden erfolgen. [...]
Für die Betrachtung nationaler Kulturaufgaben in unseren afrikanischen Kolonien muß also die Tatsache, daß der Neger Repräsentant einer niedrigeren Rasse als die unserige ist, den Ausgangspunkt bilden, und zwar in moralisch-politischer, wie in ökonomisch-kultureller Beziehung. Weiter müssen wir uns darüber klar sein, daß das Ziel jeder praktischen Kolonisationsarbeit die wirtschaftliche Nutzbarmachung der in Besitz genommenen Gebiete zugunsten der besitzenden Nation bildet. Die beiden Grundfragen der Kolonialwirtschaft in diesem Sinne sind die der Bodennutzung auf der einen, der Eingeborenennutzung auf der anderen Seite. Wenn daher unter anderem die Aufgabe dieser Kolonisation auch dahin erklärt wird, sie solle den allgemeinen Kulturstand des Landes heben, die Eingeborenen zivilisieren, sie sittlich entwickeln usw., so kann dergleichen immer nur unter der Voraussetzung verstanden werden, daß damit jenem oben genannten eigentlichen und Hauptzweck gedient wird. Religiöse, humanitäre und überhaupt sittliche Erwägungen können z. B. vom Standpunkt einer Missionsgesellschaft aus sicher den Selbstzweck einer Tätigkeit in den Kolonien bilden; für eine Kolonialwirtschaft können sie das aber in keiner Weise sein, ebensowenig wie für irgend eine andere politische oder ökonomische Organisation der Welt. Natürlich ist damit nicht gesagt, daß Kolonisation und Moral nichts miteinander zu tun hätten, oder daß sie an sich gegensätzlicher Natur seien. Kolonisieren ist eine zugleich staatliche und wirtschaftliche Tätigkeit, und ebensowenig wie das gesamte Staats- und Wirtschaftsleben sich dauernd gesund entwickeln kann, wenn die staats- und wirtschaftsbildenden Faktoren die Normen der allgemeinen menschlichen und historischen Sittlichkeit außer acht lassen, so gut müssen diese Gebote auch die Methode und den Vorgang des Kolonisierens maßgebend beeinflussen. Wir haben gesehen, daß nur vollkommene Harmlosigkeit oder unbelehrbarer Dogmatismus die Rassenfrage in Afrika mit dem Satz abtun können: „Die Schwarzen sind Menschen wie wir.“ Wir sind der Überzeugung, daß sie das durchaus nicht sind, weder in dem Sinne, daß gegenwärtig Volkstum oder Einzelpersönlichkeit bei ihnen so hoch bewertet werden könnten wie bei uns, noch in dem weiteren Verständnis, daß ihnen als unvermischter Rasse für absehbare Zeit eine derartige Entwicklungsfähigkeit zugestanden werden könnte, daß sie durch diese imstande wären, voll die Daseinsstufe der weißen Rasse zu gewinnen. Wenn jemand aber diese zunächst bloß negative Erkenntnis lediglich dahin interpretieren wollte, daß dem Eingeborenen das Menschentum im wesentlichen überhaupt abzusprechen und er nur als lebendige Arbeitsmaschine zur Gütererzeugung zu betrachten sei, so wäre das vom sittlichen wie vom praktischen Standpunkt aus gleich verwerflich. Wo humane Erwägungen und das Bewußtsein der sittlichen Fürsorgepflicht gegenüber den Unterworfenen schlechthin ausgeschaltet werden, da entstehen derartige Zustände, wie sie unter dem Namen der Kongogreuel zu einer trotz aller mit untergelaufenen tendenziösen Übertreibungen immer noch beklagenswerten Notorietät gelangt sind. [...]
Unsere Kolonisation in Afrika steht vor der Aufgabe, sich mit der untergeordneten Rasse, die wir im Besitz der vorhandenen wirtschaftlichen Produktionsmittel, des Grund und Bodens und der Arbeitskraft finden, in doppeltem Sinne auseinander zu setzen: derart, daß erstens die in den Eingeborenen steckende physische Leistungsfähigkeit mit dem größtmöglichen Nutzeffekt für die kolonisierende Nation zur Verwendung gelangt, und daß zweitens gleichzeitig eine möglichst weitgehende Entwicklung der den afrikanischen Stämmen innewohnenden allgemeinen Fertigkeiten nach der Richtung hin stattfindet, daß sowohl unsere nationalen Interessen als auch das Recht der Eingeborenen auf die Erreichung einer ihrer Stufe des Menschentums entsprechenden Daseinsform gewahrt bleiben. Auf der einen Seite ist dabei die Gefahr zu vermeiden, daß bei den Eingeborenen infolge einer falschen „kulturellen“ Beeinflussung die Idee entsteht, ihre gehobenen Fertigkeiten und ihre physische Mehrkraft gegenüber den Kolonisatoren eines Tages zu deren gewaltsamer Vernichtung zu benutzen, auf der anderen Seite aber die, daß an Stelle ihrer moralischen und materiellen Förderung ihre bloße brutale Unterdrückung und Ausbeutung gesetzt wird. Zwischen diesen beiden gleich verkehrten und gleich schädlichen Extremen wird sich unsere afrikanische Kolonialpolitik ihren Weg suchen müssen. [...]
Aufgabe 2 · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft
Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Aufgabenstellung:
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)
2.
Erläutern Sie die wirtschaftlichen Regelungen des Versailler Vertrages, die zum Verständnis des Textes erforderlich sind, sowie die ideologischen Grundlagen und die Maßnahmen der NS-Wirtschaftspolitik bis 1935. Charakterisieren Sie im Anschluss daran die wirtschaftspolitischen Standpunkte Adolf Hitlers, die im Text erkennbar werden. (34 Punkte)
3.
Beurteilen Sie, inwiefern die im Text von Hitler beschriebene NS-Wirtschaftspolitik geeignet war, die wirtschaftliche Krise in Deutschland zu überwinden. (24 Punkte)
Hinweis: Für die Darstellungsleistung können bis zu 20 Punkte erzielt werden. (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte)
Materialgrundlage:
Adolf Hitler: Erklärung der Reichsregierung auf der fünften Sitzung des Reichstages am 21. Mai 1935. In: Verhandlungen des Reichstags. IX. Wahlperiode 1933. Band 458. Stenographische Berichte. Anlagen zu den Stenographischen Berichten. Berlin 1936, S. 40 – 41.
Aus einer Rede Adolf Hitlers vor dem Reichstag am 21. Mai 1935:
[...]
1 Nach einem vierjährigen Krieg, der an sich der gesamten nationalen Volkswirtschaft schon
furchtbare Schäden zugefügt hatte, zwangen die siegreichen Gegner das deutsche Volk unter
ein Friedensdiktat, das – bar¹ jeder politischen und wirtschaftlichen Vernunft – das am Ende
des Krieges sich ergebende Verhältnis der Kräfte zur rechtlichen Grundlage des Lebens der
5 Völker für immer machen will. Ohne jede Prüfung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen
und Gesetze, ja in direktem Gegensatz zu ihnen werden einerseits die ökonomischen Mög-
lichkeiten gedrosselt², andererseits aber außerhalb jeder Wirklichkeit liegende Leistungsan-
sprüche gestellt. Unter der Generalbezeichnung „Wiedergutmachung“ erfolgt die Zerstörung
der deutschen Wirtschaft. [...]
10 Es stellt ein schlechtes Zeugnis für das wirtschaftliche Verständnis unserer damaligen poli-
tischen Gegner aus, daß sie die Unmöglichkeit der weiteren Erfüllung unbegrenzter, ja man-
chesmal geradezu unverständlicher Forderungen erst dann einzusehen begannen, als durch
dieses ihr Verhalten nicht nur die deutsche Nationalwirtschaft restlos zugrunde gerichtet war,
sondern auch die Wirtschaft der anderen Länder dem nachzufolgen begann.
15 Das Ergebnis dieses Wahnsinns aber war in Deutschland eine stillgelegte Industrie, eine
vernichtete Landwirtschaft, ein ruinierter Mittelstand, ein verödeter Handel, eine überschul-
dete Gesamtwirtschaft, durch und durch zerrüttete öffentliche Finanzen, 6 1/2 Millionen regis-
trierte, in Wirklichkeit aber mehr als 7 1/2 Millionen tatsächliche Erwerbslose!
[...] Der Verlauf des Krieges und besonders die Folgen der Nachkriegspolitik werden der-
20 einst als eine klassische, wenn auch furchtbare Widerlegung gelten können jener naiven Mei-
nung – die aber leider vor dem Kriege das Denken mancher Staatsmänner beherrschte –, daß
der wirtschaftliche Vorteil eines europäischen Staates am besten gefördert würde durch die
wirtschaftliche Vernichtung eines anderen.
Die wirtschaftliche Friedensbelastung der deutschen Nation auf der einen Seite sowie ihre
25 welt- und binnenwirtschaftliche Benachteiligung auf der anderen zwingen aber jede Staats-
führung, sie mag nun wollen oder nicht, den gegebenen Verhältnissen Rechnung zu tragen.
[...] Es ist wirtschaftlich gesehen wenig vernünftig, aus natürlich gegebenen Agrar- und Roh-
stoffgebieten künstlich Industrieländer zu machen und umgekehrt die menschenüberfüllten
Industriestaaten zu einer primitiven Rohstoff- oder gar Rohstoff-Ersatzerzeugung zu zwingen.
30 [...] In eben dem Maße, in dem der fehlende internationale Absatz uns zur Einschränkung im
Einkauf verpflichtet, wird – um die deutsche Arbeitskraft nicht brachliegen³ zu lassen – ver-
sucht werden müssen, die fehlenden Rohstoffe entweder durch komplizierte Verfahren selbst
zu gewinnen oder, wenn dies nicht möglich ist, sie zu ersetzen. Diese Aufgabe kann aber nur
durch eine planmäßig geleitete Wirtschaft gelöst werden, – ein gefährliches Unternehmen,
35 weil jeder Planwirtschaft nur zu leicht die Verbürokratisierung und damit die Erstickung der
ewig schöpferischen privaten Einzelinitiative folgt. Wir können aber im Interesse unseres
Volkes nicht wünschen, daß durch eine sich dem Kommunismus nähernde Wirtschaft und
der daraus bedingten Einschläferung der Produktionsenergie die mögliche Gesamtleistung
unserer vorhandenen Arbeitskraft vermindert wird und somit der allgemeine Lebensstandard,
40 statt eine Verbesserung, erst recht eine Verschlechterung erfährt. Diese Gefahr wird noch
erhöht durch die Tatsache, daß jede Planwirtschaft nur zu leicht die harten Gesetze der wirt-
schaftlichen Auslese der Besseren und der Vernichtung der Schwächeren aufhebt oder zumin-
dest einschränkt zugunsten einer Garantierung der Erhaltung auch des minderwertigsten Durch-
schnitts auf Kosten der höheren Fähigkeit, des höheren Fleißes und Wertes und damit zu Las-
45 ten des allgemeinen Nutzens.
Wenn wir also trotz solcher Erkenntnisse diesen Weg beschritten haben, dann geschah es
unter dem härtesten Zwang der Notwendigkeit. Was in den 2 1/2 Jahren auf dem Gebiet einer
planmäßigen Arbeitsbeschaffung, einer planmäßigen Marktregulierung, einer planmäßigen
Preis- und Lohngestaltung erreicht wurde, hat man noch wenige Jahre vorher für gänzlich un-
50 möglich gehalten. Allein es gelang nur dadurch, daß wir hinter diese scheinbar so trockenen
wirtschaftlichen Maßnahmen die lebendige Energie der ganzen Nation stellten. Eine Unzahl
sachlicher und psychologischer Voraussetzungen mußten zu dem Zweck aber erst geschaffen
werden. Um das Funktionieren der nationalen Wirtschaft sicherzustellen, war es notwendig,
zunächst eine unbedingte Ruhe in die ewige Bewegung der Lohn- und Preisbildung zu brin-
55 gen. Es war weiter erforderlich, allen nicht aus einem höheren national wirtschaftlichen Inte-
resse kommenden Eingriffen die treibenden Voraussetzungen zu entziehen, – das heißt die
von der Lohn- und Preispolitik lebenden Klassenorganisationen beider Lager aufzuheben⁴.
Die Zerschlagung der Kampfgewerkschaften sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeitneh-
mer erforderte die analoge Beseitigung der von diesen Interessentengruppen ausgehaltenen
60 und sie dafür stützenden politischen Parteien. Dies wieder zwang zur Einführung einer neuen
konstruktiven und lebendigen Verfassung und zu einem neuen inneren Reichs- und Staatsauf-
bau! Sollte das alles aber mehr sein als rein äußerliche Organisationsänderungen, dann mußte
das Volk selbst zu einem neuen gesellschaftlichen Denken und Leben erzogen werden. [...]
¹ bar: ohne
² gedrosselt, hier: gebremst
³ brachliegen, hier: ungenutzt bleiben
⁴ gemeint sind die Arbeitgeberverbände und die Gewerkschaften
Aufgabe 3 · Einheit und Freiheit: Vormärz und Revolution 1848/49
Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Aufgabenstellung:
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. (22 Punkte)
2. Erläutern Sie die politischen Hintergründe, die für das Verständnis des Textes erforderlich sind, mit Blick auf den Konflikt zwischen liberal-nationalen und restaurativen Kräften in Deutschland von 1815 bis Ende März 1848. Arbeiten Sie danach heraus, welche Möglichkeiten der Verfasser der freien Presse zuschreibt. (34 Punkte)
3. Beurteilen Sie, inwiefern die Medien der Gegenwart die Möglichkeiten verwirklichen, die der Text der freien Presse zuschreibt. (24 Punkte)
Materialgrundlage
„Preßfreiheit“. In: Die Wage. Zeitschrift zur Besprechung der Angelegenheiten des Volkes. Hrsg. v. Karl Vette, Carl Volckhausen und Gustav Adolf Wolff, Probeblatt Nr. 1, 25. März 1848, S. 2 – 3.
Zitiert nach: http://www.westfaelische-geschichte.de/que1178 (letzter Zugriff: 08.03.2021)
(Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
Aus einem Kommentar eines unbekannten Redakteurs in der Zeitschrift „Die Wage“ zur Gewährung der Pressefreiheit durch die Regierung des Fürstentums Lippe vom 25. März 1848:
Es ist billig, daß wir zuerst von dem reden, dem diese Zeitschrift ihre Entstehung verdankt, wovon ihr Bestehn abhangen wird. Wir können ohne Rückhalt zu unsern Lesern reden, denn wir haben Preßfreiheit errungen. Wir können ohne Rückhalt reden, d. h. mit andern Worten, wir können die Wahrheit reden, denn die Ketten sind gesprengt, welche Willkühr und Tyrannenwahn dem freien Wort angelegt hatten. Etwas Andres als Wahrheit aber wollen wir nicht reden. „Zwischen uns und unsern Lesern soll Wahrheit sein.“ Wir wollen ihnen keine Redensarten auftischen, an die wir selbst nicht glauben, wir wollen keine Freude heucheln, wo Zorn und Groll uns durchzuckt, keine Ergebenheit, wo das Herz sie uns nicht eingiebt; wir wollen nicht zurückhalten mit dem, was uns Gerechtigkeit scheint, wir wollen es nicht verdecken, selbst nicht mit dem durchlöcherten ‚Mantel der christlichen Liebe‘; wir wollen es offen sagen, was wir lieben, ebenso offen aber auch aussprechen, was wir hassen. Die Censur ist aufgehoben, die Presse ist frei!
Mit Wehmut, erröthend vor Schaam werden unsere Nachkommen einst die Blätter der Geschichte aufschlagen, wo es geschrieben stehen wird mit großer, leserlicher Schrift, wie es im deutschen Vaterlande aussah bis zum Jahre 1848 nach Christi Geburt. Sie werden die Worte finden: Censur und Censoren, sie werden nicht begreifen, was die Worte bedeuten; wenn sie nachsuchen in den Wörterbüchern des Alterthum’s, dann werden sie zweifelnd nicht glauben wollen, und wenn sie es glauben müssen, dann wird die wuthgeballte Faust ihre Empfindungen und Gefühle bezeugen.
Aus dem schönen Lande Italien, ‚wo die Citronen und Orangen blühn‘, stammt die Erfindung, den freien Gedanken, das freie Wort in Fesseln zu schlagen. Die tödlichste Waffe päpstlichen Hasses gegen den protestantischen Geist der Freiheit war die Censur. Die Deutschen haben bisher unglückliche Griffe in der Nachahmung fremder Nationen gethan. Die protestantischen Päpste haben ihre Meister in Rom vielleicht noch übertroffen in Handhabung der Censur.
Der deutsche Bundestag hat kaum Etwas Andres gethan, als Bücher verboten, Verlagshandlungen verboten, Censurgesetze geschmiedet, statt daß es seine heilige Pflicht gewesen wäre, für Deutschlands Wohl zu sorgen, und es war so Viel zu sorgen. Es war kein Scherz, es war der fürchterlichste Ernst, wenn gesungen wurde:
„Wer die Wahrheit kennet und saget sie frei,
Der kommt nach Berlin auf die Hausvogtei.“
Aber das gaben die Machthaber freilich nicht zu, daß sie die Wahrheit unterdrücken wollten: nur auf die Unwahrheit, hieß es immer mit grobem Hohn, sei es abgesehen. Wenn Bücher verboten wurden, so sprachen sie: es sei Unwahrheit darin, wenn Zeitungen herauszugeben untersagt ward, so sprachen sie: es werden wahrscheinlich Unwahrheiten darin gesagt werden; wenn Schriftsteller die Gebrechen der Verwaltung, die Mängel der Verfassung rügten, so hieß es: das sind Lügen oder es ist Hochverrath. Richter, von denen bestellt, die angegriffen waren, richteten den Unglücklichen und zufällig ward er fast immer verurtheilt. Ja die Wahrheit darf man sagen, nur die Unwahrheit nicht, so redeten die Herren vom Regiment! Wir hätten sie gerne gefragt: was ist Wahrheit? Aber sie ließen sich auf Erörterungen nicht ein. Mit der Wahrheit sah es bei ihnen aber also aus; – ich erwähne nur ein Beispiel unter tausenden: In einem Lande wurden rationalistische Schriften verboten, im anderen fromme Traktätlein.
Doch wenden wir uns zurück von der traurigen Zeit, von der Zeit des Todesschlafes in Deutschland: es erregt nur Groll, wenn man daran zurückdenkt, des Grolles ist aber genug vorhanden, er braucht nicht mehr gesteigert zu werden!
Das Volk ist erwacht: es will Frühling werden auf der deutschen Erde.
Die Preßfreiheit ist uns Bürge für die bessere Zukunft. Wir wollen nicht einmal Gewicht darauf legen, daß die Preßfreiheit einem jeden das Recht sichert, seine Meinung zu äußern, wir wollen kein Gewicht darauf legen, denn der Schriftsteller sind im Verhältniß wenige, der Lesenden die meisten. Aber die freie Presse bürgt dafür, daß wir nicht stehen bleiben, daß wir fortschreiten, daß wir uns weiter entwickeln werden. Die freie Presse wird die Verfassung hüten, wie ein Geizhals seine Schätze, sie wird mit scharfem Auge ein Wächter sein der Verwaltung. Die freie Presse wird auftreten je nach Bedürfniß, bald drohend, bald ermuthigend, bald warnend, bald bittend. Sie wird an dem Veralteten rütteln mit unermüdlicher Hand, bis der letzte Stein hinabrollt; sie wird in die Hütten der Armen und Verlassenen treten, wird für sie predigen von den Dächern; sie wird in die finstern Aktenstuben, wo Spinnen und Eulen hausen, die Ungerechtigkeit verfolgen.
Mein Volk, du hast den Wunsch nach Preßfreiheit jetzt freilich ausgesprochen, aber Du kennest ihren Werth noch nicht ganz, du hast ihre Vorzüge noch nicht erprobt; du hast dich in ihrem Strahle noch nicht gesonnt; aber du scheust wenigstens das Licht nicht, das sie verbreiten wird, wie die thun, deren Befehl sie dir so lange entzogen hat. Ich hoffe es, mein Volk, du wirst es erkennen, was sie bedeutet, du wirst sie liebgewinnen, du wirst sie festhalten wie dein theuerstes Kleinod. – Halte sie fest!
Anmerkungen zum Text
billig: angemessen
abhangen: abhängen
Rückhalt: Zurückhaltung
Censur / Censor: Überprüfung von Druckerzeugnissen im Auftrag der Regierenden; Beamter, der die Druckzeugnisse überprüft
protestantische Päpste: vermutlich gemeint: deutsche Landesfürsten, da sie ihren jeweiligen Landeskirchen vorstanden
deutscher Bundestag: Versammlung der Vertreter der Fürsten und freien Städte des Deutschen Bundes in Frankfurt a. M. (Bundesversammlung)
Hausvogtei: königlich-preußisches Gefängnis in Berlin
Gebrechen: Mängel, Fehler
rationalistische Schriften: im Sinne von: nicht-religiöse, aufklärerische Schriften
Traktätlein: kleine Schrift mit religiösem Inhalt (abwertend)
Bürge: Gewährsmann, jemand, der Garantie und Sicherheit bietet
Kleinod: Kostbarkeit, Schmuck
1.
2.
3.
Aufgabe 4 · Kalter Krieg und Kubakrise
Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Aufgabe 4
Aufgabenstellung
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. (22 Punkte)
2.
Erläutern Sie, wie es zum Kalten Krieg kam und wie er sich von 1945 bis 1962 entwickelte. Gehen Sie dabei vor allem auf die einzelnen Etappen der Kubakrise ein. Charakterisieren Sie im Anschluss die Position Chruschtschows in der Kubakrise. (34 Punkte)
3.
„Dieser Prozess des Kampfes wird andauern, solange es in der Welt zwei sozial-politische Systeme gibt […]". Diskutieren Sie, inwiefern der Gegensatz zwischen Ost und West durch das Ende des Kalten Krieges und der kommunistischen Ideologie in Osteuropa 1990/91 bis heute überwunden ist. (24 Punkte)
Hinweis: Für die Darstellungsleistung können zusätzlich bis zu 20 Punkte erreicht werden.
Materialgrundlage
Aus dem Schreiben des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei der Sowjetunion Nikita Chruschtschow an den kubanischen Regierungschef Fidel Castro vom 30.10.1962:
Lieber Genosse Fidel Castro!
1 Wir haben Ihren Brief vom 28. Oktober und die Berichte über die Gespräche, die Sie und auch Präsident Dorticós¹ mit unserem Botschafter geführt haben, erhalten.
5 Wir verstehen Ihre Lage und berücksichtigen die Schwierigkeiten, die Sie jetzt haben, in der ersten Übergangsetappe nach der Beseitigung der höchsten Spannung, die durch den drohenden Überfall seitens der amerikanischen Imperialisten, den Sie von Stunde zu Stunde erwartet hatten, entstanden war.
10 Wir verstehen, dass für Sie bestimmte Schwierigkeiten entstanden sind, da wir der Regierung der USA zugesagt haben, die Raketen als Angriffswaffe aus Kuba abzuziehen, im Tausch gegen die Verpflichtung der USA, auf eine Invasion Kubas durch Truppen der USA und ihrer Verbündeten in der westlichen Hemisphäre² zu verzichten sowie die sogenannte „Quarantäne“ aufzuheben, das heißt die Blockade Kubas zu beenden. Das führte zur Beendigung des Konflikts in der Zone des Karibischen Meers, der, wie Sie gut verstehen, die Gefahr des Zusammenstoßes zweier Großmächte und des Umschlagens in einen Weltkrieg mit Atomraketen in sich barg.
[…]
15 Wenn wir, Stimmungen im Volk nachgebend, uns an der Leine einiger aufgebrachter Bevölkerungsschichten führen ließen und uns geweigert hätten, ein vernünftiges Abkommen mit der Regierung der USA zu schließen, hätte wahrscheinlich ein Krieg angefangen, in dessen Verlauf Millionen Menschen umgekommen wären, und die am Leben Gebliebenen würden sagen, dass die Führer daran schuld seien, die keine notwendigen Maßnahmen zur Verhütung dieses vernichtenden Krieges unternommen hätten.
20 Diese Verhütung des Krieges und des Überfalls auf Kuba hing nicht nur von Maßnahmen ab, die unsere Regierungen ergriffen haben, sondern auch von den Handlungen feindlicher Kräfte, die sich in Ihrer unmittelbaren Nähe befinden. Deshalb musste man die Lage insgesamt berücksichtigen.
[…]
25 Bei uns hatte sich die Meinung gebildet, dass die Imperialisten wie gebannt auf unsere strategischen Raketen auf Kuba starrten: Sie waren erschrocken, und aus Furcht, dass diese Raketen abgeschossen würden, konnten sie darauf verfallen, die Raketen durch ein Bombardement unbrauchbar zu machen oder die Invasion Kubas zu unternehmen. Und man muss sagen, dass sie die Raketen unbrauchbar machen konnten. Deshalb, so wiederhole ich, war Ihr Alarm völlig begründet.
30 Im Telegramm vom 27. Oktober haben Sie uns vorgeschlagen, als erste einen Schlag mit Kernwaffen auf das Territorium des Gegners zu führen. Sie verstehen natürlich, welche Folgen das gehabt hätte. Es wäre nicht einfach ein überraschender Angriff gewesen, sondern der Beginn eines atomaren Weltkriegs.
Lieber Genosse Castro, ich halte diesen Vorschlag für falsch, obwohl ich Ihre Beweggründe verstehe.
35 Wir haben äußerst verantwortungsvolle Stunden durchlebt, da ein atomarer Weltkrieg beginnen konnte. Natürlich hätten wir den USA in diesem Falle riesige Verluste beigebracht, aber auch die Sowjetunion und das ganze sozialistische Lager hätten schwer gelitten. Was Kuba betrifft, das kubanische Volk, so ist es sogar schwer zu sagen, wie alles enden konnte. Kuba wäre zuerst im Feuer des Krieges verbrannt. Es gibt keinen Zweifel, dass das kubanische Volk heroisch gekämpft hätte, aber, dass es heroisch umgekommen wäre, daran ist auch nicht zu zweifeln. Wir führen jedoch den Kampf gegen die Imperialisten nicht, um zu sterben, sondern um alle unsere Möglichkeiten zu nutzen, in diesem Kampf weniger zu verlieren und mehr zu gewinnen, um zu siegen, um den Sieg des Kommunismus zu erringen.
40 Jetzt haben wir als Ergebnis der durchgeführten Maßnahmen das Ziel erreicht, das wir uns gesetzt hatten, als wir mit Ihnen vereinbarten, Raketen auf Kuba zu stationieren. Wir haben die verpflichtende Erklärung der USA, nicht selber auf Kuba einzudringen und auch ihre Verbündeten aus den Ländern Lateinamerikas davor zurückzuhalten. Alles das haben wir ohne Atomschlag erzwungen.
45 Wir meinten, dass man alle Möglichkeiten nutzen musste, um Kuba zu verteidigen, um die Unabhängigkeit, die Souveränität Kubas zu festigen, eine militärische Aggression unmöglich zu machen und einen atomaren Weltkrieg in der gegebenen Etappe auszuschließen.
Das haben wir erreicht.
50 Hier haben wir natürlich Zugeständnisse gemacht, einen Kompromiss geschlossen; wir haben nach dem Prinzip Zugeständnis für Zugeständnis gehandelt. Die USA haben ebenfalls ein Zugeständnis gemacht, sie haben vor der ganzen Welt die Verpflichtung abgegeben, Kuba nicht anzugreifen.
55 Wenn man also vergleicht: Aggression seitens der USA und ein atomarer Krieg oder der Kompromiss, Zugeständnis für Zugeständnis, Unantastbarkeit der Kubanischen Republik und Verhütung eines Weltkriegs – ich denke, dass die Bilanz eines solchen Vergleichs völlig eindeutig ist.
60 Natürlich können wir uns bei der Verteidigung Kubas wie auch anderer sozialistischer Staaten nicht auf Erklärungen der Regierung der USA verlassen. Wir treffen weiterhin alle Maßnahmen, um unsere Verteidigungskraft zu stärken und unsere Kräfte zu vergrößern für den Fall eines notwendigen Gegenschlags. […]
65 Das Wesentliche, das wir erreicht haben, ist die Verhütung einer Aggression seitens des äußeren Feindes zur gegebenen Zeit. Wir meinen, dass wir dem Aggressor eine Niederlage beigebracht haben. Er hatte sich darauf vorbereitet, Kuba zu überfallen, wir haben ihn davor zurückgehalten und zwingen ihn, vor der Weltöffentlichkeit zu erklären, dass er das in dieser Etappe nicht tun wird. Wir schätzen das als großen Sieg ein. Die Imperialisten verzichten natürlich nicht auf den Kampf gegen den Kommunismus. Aber wir haben auch unsere Pläne und werden unsere Maßnahmen treffen. Dieser Prozess des Kampfes wird andauern, solange es in der Welt zwei sozial-politische Systeme gibt, solange eines von ihnen – und wir wissen, dass das unser kommunistisches System ist – nicht in der ganzen Welt siegt und triumphiert.
[…]
¹ Osvaldo Dorticós Torrado (1919 – 1983) war kubanischer Revolutionär und Staatspräsident der Republik Kuba von 1959 bis 1976, bis er vom Ministerpräsidenten und Regierungschef Fidel Castro abgelöst wurde.
² die Verbündeten in der westlichen Hemisphäre: die Verbündeten in der westlichen Welt (gemeint sind insbesondere die Verbündeten der USA aus den Ländern Lateinamerikas)
Aus: Anatoli I. Gribkow: Im Dienste der Sowjetunion. 1997, S. 486 ff. (Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.)
1.
2.
3.
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