Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Kalter Krieg und Kubakrise · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs
Aufgabenstellung:
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. (22 Punkte)
2. Erläutern Sie, wie sich der Kalte Krieg seit 1945 entwickelte und welche Stationen die Kuba-Krise von 1962 durchlief. Charakterisieren Sie im Anschluss die Haltung des Verfassers zum Kalten Krieg wie auch zur Kuba-Krise. (34 Punkte)
3. Beurteilen Sie, inwiefern das Ende des Kalten Krieges auf ein hartes Auftreten der USA gegenüber der Sowjetunion zurückzuführen ist, wie es der BND verlangte. (24 Punkte)
(Hinweis: Weitere 20 Punkte werden gemäß Bewertungsbogen für die Darstellungsleistung vergeben.)
Materialgrundlage:
Aus einem Schreiben des Bundesnachrichtendienstes vom 13. November 1962:
Überlegungen zur Kubakrise
[...] Wenn auch die Gründe für die so plötzliche und wenig verschleierte Errichtung der sowjetischen Raketenbasen auf Kuba – die doch zumindest von längerer Hand geplant und bereitgestellt gewesen sein müssen – nicht ganz klar sind, so wird man doch vorerst dieser Hypothese die grösste Glaubwürdigkeit zusprechen dürfen, nämlich das CHRUSCHTSCHEW im November den „grossen Plan“ einer kombinierten Aktion gegen die Positionen KENNEDYs in Gang setzen wollte, um das weltpolitische Gleichgewicht zu seinen Gunsten zu verändern (was ihm bisher in Berlin nicht gelungen) und den von ihm angestrebten und dringend benötigten Erfolg zu erzielen.
Als Elemente dieses geplanten Vorgehens auf breiter Front zeichneten sich bereits CHRUSCHTSCHEWs Besuch der UNO in New York, der Abschluss eines „Sonderfriedens“ mit Pankow, innenpolitische Reformpläne zur Aufwertung der Sowjetpolitik und jetzt die Raketendrohung von Kuba ab. [...] Die strategische Festsetzung auf Kuba sollte dabei sicherlich als Hebelpunkt für eine grossangelegte Zangenbewegung dienen, als deren zweiter Hebelarm Berlin gedacht war. [...]
Vor allem dürfte die Krise zu einer Neubeurteilung des tatsächlichen weltpolitischen Kräfteverhältnisses und zu Abstrichen an der bisher akzeptierten Selbsteinschätzung CHRUSCHTSCHEWs führen; das könnte heissen, dass CHRUSCHTSCHEWs Versuch, das Gleichgewicht zu seinen Gunsten zu verändern mit der Einsicht endet, dass in Wirklichkeit für ihn ein Gleichgewicht minus besteht.
Die historische Bedeutung der Ereignisse der letzten Woche liegt vor allem aber darin, dass hier erstmals seit 1945 eine direkte Konfrontation USA-SU stattgefunden hat, wobei Moskau angesichts dieser direkten Initiative gegen eine indirekte Aggression und Salamitaktik vorerst den Rückzug angetreten hat. Zugleich traten dabei die machtpolitischen Realitäten der Gegenwart unverhüllt und unverfälscht zu Tage; UNO, Neutrale, die Marionette CASTRO – aber auch die Alliierten Amerikas wurden dabei zu blossen Nebenfiguren und Handlagern der Entscheidungen zwischen den beiden Weltmächten.
KENNEDY hat damit jedoch nur das erste Gefecht gewonnen, die eigentliche „grosse Schlacht“ steht noch immer bevor. Wenn der psychologische Erfolg dieser Aktion auch nicht gering eingeschätzt werden da[rf] und noch manche Verschiebungen bewirken wird, ist die Lage für die USA noch keineswegs zu KENNEDYs Gunsten geklärt und Kristallisationspunkte für weiter[e] Krisen bleiben:
a) Kuba bleibt weiter in CASTROs Hand, dessen Stellung zwar geschwächt ist, aber der weiterhin erhebliche Ungelegenheiten bereiten kann. Mit seinem Interventionsverzicht hat sich KENNEDY einer wichtigen Waffe begeben, nämlich der Ausbreitung des Kommunismus mit einem Gegenstoss entgegenzutreten, wie das im Libanon, in Laos und in Vietnam nicht ohne Erfolg praktiziert wurde, er hat damit ohne Gegengabe praktisch CHRUSCHTSCHEWs „Verbot der Konterrevolution“ akzeptiert.
b) Das durchaus verständliche und wahrscheinlich auch nach amerikanisch-demokratischem Rezept notwendig gewesene Einlenken KENNEDYs hat CHRUSCHTSCHEW zugleich wieder grössere Möglichkeiten eröffnet, die Initiative erneut an sich zu reissen und damit den Vorsprung KENNEDYs wieder wettzumachen;
c) Die nebensächliche Rolle der NATO in der Kubakrise könnte sehr leicht zu einer Gewohnheit werden, die dann in einer „Entspannung zwischen NATO und Warschauer Pakt“ ihren Ausdruck finden würde. CHRUSCHTSCHEW wird sicher früher oder später mit der Lockung aufwarten, dass KENNEDY seine unsicheren Verbündeten ebenso opfern soll, wie er es selbst mit CASTRO getan habe, und damit zumindest neue Spannungen in die NATO tragen (was vorerst der Hauptzweck des sowjetisch-türkischen Tauschangebotes über „türkische Basen“ gewesen ist !).
Ob die sich bietende Chance einer echten Wendung im kalten Krieg zu Gunsten des Westens wahrgenommen wird, hängt davon ab, welche Lehren KENNEDY selbst aus der Kubakrise zieht. Er steht vor der Entscheidung, die richtigen Folgen zu ziehen oder wieder in das alte Geleise zurückzufallen und aus dem Ausgang der Kubakrise „neue Hoffnungen für Verhandlungen und einen sowjetisch-amerikanischen Ausgleich zu schöpfen“.
Vieles spricht für die letztere Möglichkeit, weil die aufgeschreckten „Gänse des amerikanischen Kapitols“ ziemlich unmissverständlich von „Kompromißbereitschaft“ und nicht, wie weiland in Rom, von „Gefahr“ schnattern. CHRUSCHTSCHEW hätte es dann leicht, seine Niederlage in einen Erfolg zu verwandeln.
Der Bundesnachrichtendienst und die Kuba-Krise. Dokumente aus den Akten des BND, Nr. 3, hrsg. von Bodo Hechelhammer, Berlin 2015, S. 73–78.
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. (22 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung entsprechend den Kriterien der Textanalyse historischer Quellen.
2. Erläutern Sie, wie sich der Kalte Krieg seit 1945 entwickelte und welche Stationen die Kuba-Krise von 1962 durchlief. Charakterisieren Sie im Anschluss die Haltung des Verfassers zum Kalten Krieg wie auch zur Kuba-Krise. (34 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung zur historischen Einordnung und Quellenkritik.
3. Beurteilen Sie, inwiefern das Ende des Kalten Krieges auf ein hartes Auftreten der USA gegenüber der Sowjetunion zurückzuführen ist, wie es der BND verlangte. (24 Punkte)
Lösung: Individuelle Urteilsbildung unter Abwägung von Argumenten.
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