Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Kriegsende 1918, Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Beschreiben Sie anhand des Textes die internationalen Ursachen der Weltwirtschaftskrise, ihre sozialen Folgen in Deutschland und die wirtschaftspolitischen Maßnahmen, mit denen die Regierung Brüning ihr begegnen wollte. Erklären Sie im Anschluss das von Breitscheid angesprochene „System, mit Notverordnungen zu regieren“. (34 Punkte)

3.

Diskutieren Sie, wie erfolgreich die von Breitscheid kritisierte Krisenpolitik Brünings in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht war. (24 Punkte)

Materialgrundlage:

Rede des Abgeordneten Dr. Rudolf Breitscheid (SPD). In: Verhandlungen des Reichstags, Bd. 446 (1930), Berlin 1932, Sp. 2080 – 2081, 54. Sitzung, 14. Oktober 1931.

(Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original. Zwischenrufe anderer Parlamentarier wurden aufgrund besserer Lesbarkeit ausgelassen.)

Aus der Reichstagsrede von Dr. Rudolf Breitscheid (SPD) am 14. Oktober 1931:

1 [...] Aber die wichtigeren Vorgänge spielten sich im wirtschaftlichen Bereich ab, beginnend mit den furchtbaren Devisenabzügen im Sommer, insbesondere im Juli, mit der Flucht aus der Mark, mit der Kapitalflucht guter Patrioten aus Deutschland. 1 Und wiederum konnte sich daran die Lehre knüpfen, daß ein Land in der Lage des unsrigen aufs höchste daran interes-

5 siert ist und interessiert sein muß, daß das Ausland in seine innere Entwicklung Vertrauen setzt. [...]

Zu gleicher Zeit aber wurde damals der Beweis erbracht, und er ist immer wieder in den letzten Monaten erbracht worden – der Herr Reichskanzler hat in seiner gestrigen Rede darauf hingewiesen –, daß die Krisis, in der wir uns befinden, eine Weltkrisis ist und daß sie nicht

10 zuletzt mit Weltmitteln gelöst werden muß. Dabei bestreitet niemand, daß bei uns in Deutschland sehr schwere Fehler gemacht worden sind, die unsere wirtschaftliche und finanzielle Situation verschärfen mußten. Aber ein Blick auf die übrigen Staaten genügt, um die Behauptungen zurückzuweisen, daß das deutsche Unglück aus einem verfehlten Regierungssystem herrühre, daß es nicht die Republik, daß es nicht die Demokratie und daß es wahrhaftig nicht

15 der Marxismus gewesen ist, der uns in diese Krisis geführt hat.

Niemand wird den Vereinigten Staaten von Amerika nachsagen können, daß sie unter marxistischem Einfluß ständen, und die Krise ist dort im Grunde vielleicht größer und schwerer als bei uns.

Und weiter ist festzustellen, daß es nicht allein die Notwendigkeit, Reparationen an die Sie-

20 gerstaaten zu zahlen, gewesen ist, die unsere Not und unser Elend heraufbeschworen hat. Sicherlich, es ist gar nicht zu bestreiten, und alle Welt ist sich heute darüber klar, daß die Reparationen internationale Fehlleitung des Kapitals bedeutet haben, die Wirtschaft und Finanzen, nicht nur bei uns, sondern auch in anderen Staaten aufs ungünstigste beeinflussen mußte, daß diese Reparationszahlungen den Blutkreislauf gestört haben.

25 [...]

Wenn wir noch einen Blick in aller Eile auf Deutschland speziell werfen, so haben wir in diesen Monaten den gewaltigen und das Land erschütternden Zusammenbruch von Banken und großen Konzernen erlebt. Was haben wir daraus entnommen? Was haben wir daraus gelernt? Zunächst einmal ein besseres Verständnis für die Behauptung von den immensen

30 wirtschaftlichen Fähigkeiten und Künsten der sogenannten großen Wirtschaftsführer! Niemand hat mehr versagt als diese großen Wirtschaftsführer.

[...] Aber wir kommen damit allein, daß wir von dem Versagen der Wirtschaftsführer sprechen, nicht weiter. Nach unserer Meinung ist das, was sich in den letzten Monaten ergeben hat, ein Beweis für das Versagen des privatkapitalistischen Systems.

35 Das steht hinter allem, was sich ereignet hat, das steht hinter der deutschen Krisis, das steht hinter der Weltkrisis, das steht hinter den einzelnen Erscheinungen der letzten Wochen und Monate. Man wird diesen Erscheinungen nicht gerecht, wenn man versucht, sie für sich allein zu behandeln; man muß sie als das Symptom einer Erschütterung des privatwirtschaftlichen Systems hinstellen.

40 Vor allem aber haben wir in dieser Zeit das unendliche Wachsen der Not im deutschen Volk festgestellt, das Wachsen der Not insbesondere der Arbeiterklasse, der Arbeitenden aller Art. Die ungeheure Erwerbslosigkeit ist nicht damit abgetan, daß man auf ihre Ziffer hinweist, sondern es ist nötig, im Auge zu behalten, daß unter diesen Millionen zahlreiche Erwerbslose sind, die seit Jahr und Tag außer Arbeit stehen, die nicht nur wirtschaftlich ruiniert, sondern

45 selbstverständlich auch demoralisiert sind.

All dieser Not nun hat die Reichsregierung, hat das erste Kabinett Brüning durch Notverordnungen zu begegnen gesucht. Daß uns dieses System, mit Notverordnungen zu regieren, grundsätzlich zuwider ist, brauche ich nicht zu versichern.

Sie (zu den Kommunisten) haben am wenigsten Anlaß, das zu bezweifeln. Sie haben uns doch

50 immer einen Vorwurf daraus gemacht, daß wir auf dem Boden der Demokratie stehen. Im Prinzip ist das Regieren nach Notverordnungen in Ihrem Sinne.

Wir sind diejenigen, die stets für Hochhaltung der Demokratie und des Parlamentarismus eingetreten sind. Aber für die Aufrechterhaltung des Parlamentarismus ist erste Voraussetzung, daß das Parlament sich selber bejaht, und daß nicht große Teile der Volksvertretung das Sys-

55 tem der Demokratie selber grundsätzlich ablehnen und das parlamentarische System höchstens als einen Mechanismus zum Sturz einer Regierung ansehen. Dieses Selbstbejahen des Parlaments ist bei uns leider seit den Wahlen vom vorigen Jahre nicht mehr der Fall. Hier haben wir links und rechts große Parteien, die das Parlament im Grunde nicht wollen, die es verurteilen, die die Diktatur auf ihre Fahne geschrieben haben.

60 So ist es die politische Not, die zu den Notverordnungen und ihrem System führt und führen mußte. [...]

1 Devisenabzüge und Kapitalflucht: Im Sommer 1931 kam es zum Verkauf bzw. zur Kündigung von Anleihen und Investments ausländischer, aber auch inländischer Investoren, die ihr investiertes Geld vom deutschen Anlagemarkt abzogen. Breitscheid bezeichnet letztere Investoren sarkastisch als „gute Patrioten“.

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

Lösung: Individuelle Textanalyse und strukturierte Wiedergabe nach den vorgegebenen Kriterien.

2. Beschreiben Sie anhand des Textes die internationalen Ursachen der Weltwirtschaftskrise, ihre sozialen Folgen in Deutschland und die wirtschaftspolitischen Maßnahmen, mit denen die Regierung Brüning ihr begegnen wollte. Erklären Sie im Anschluss das von Breitscheid angesprochene „System, mit Notverordnungen zu regieren“. (34 Punkte)

Lösung: Individuelle historische Darstellung zu Krisenursachen, sozialen Folgen, Brünings Deflationspolitik und dem Präsidialsystem.

3. Diskutieren Sie, wie erfolgreich die von Breitscheid kritisierte Krisenpolitik Brünings in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht war. (24 Punkte)

Lösung: Individuelle differenzierte Erörterung mit kriterienorientiertem Fazit.

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