Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)
Aufgabenstellung
Aufgabenstellung:
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie die für das Verständnis des Textes erforderlichen historischen Hintergründe zur Machtübernahme und zum Ausbau der Macht durch die Nationalsozialisten sowie zu deren Bemühen, eine „Volksgemeinschaft“ zu schaffen, im Zeitraum von 1933 bis zur Rede. Arbeiten Sie danach heraus, welche Haltung Goebbels jüdischen Künstlern und Kulturschaffenden gegenüber einnimmt. [34 Punkte]
3.
Der Journalist Georg Diez sagte 2017: „Kunst ist Freiheit. Kunst braucht Freiheit. Und Freiheit braucht Kunst.“ Diskutieren Sie auf dieser Grundlage kritisch Goebbels’ Haltung zur Kunst in Deutschland. [24 Punkte]
Materialgrundlage:
• Die Verfolgung und Ermordung der Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 bis 1945 (Band 1: Deutsches Reich, 1933 – 1937), hrsg. von Götz Aly u. a., München 2008, S. 743 – 745 (Die Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.)
• Georg Diez: Fragt nicht, was Kunst soll oder darf. In: Der Spiegel – Online (03.12.2017)
Historische Quelle:
Aus einer Rede von Joseph Goebbels, Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, auf der Jahrestagung der Reichskulturkammer und der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ in Berlin am 26. November 1937:
1 [...] Nur so 1 haben wir im Bereiche des deutschen Kulturlebens ohne nennenswerte Erschütte-
rung eine Frage lösen können, die gerade auf diesem Gebiet in der vornationalsozialistischen
Zeit für schlechterdings unlösbar galt: Wir haben die Juden beseitigt und Führung und Reprä-
sentanz des deutschen Geisteslebens der Nation und der Welt gegenüber wieder in deutsche
5 Hände gelegt. Was das bedeutet, kann nur der ermessen, der eine Vorstellung davon besitzt,
wie tief der jüdische Einfluß gerade in das deutsche Kulturleben eingedrungen war. Nirgendwo
herrschte und dominierte der Jude so uneingeschränkt und ungestört wie gerade hier. Wenn
man sich vergegenwärtigt, daß wir – ganz abgesehen von den Juden, die schon bei Ausbruch
der nationalsozialistischen Revolution rechtzeitig als Emigranten das Weite suchten – seit
10 1933 annähernd dreitausend Juden aus dem deutschen Kulturleben entfernt, gleichzeitig aber
auch die leer gewordenen Stellen mit Deutschen besetzt haben, ohne daß bei diesem riesigen
Personenschub eine auch nur in Betracht kommende Stagnation im deutschen Kulturleben
eintrat; wenn man weiterhin dabei bedenkt, daß es sich hier in der Hauptsache selbstverständ-
lich um ausschlaggebende Stellen handelte – die übten ja im allgemeinen führende Funktio-
15 nen im öffentlichen Leben aus, so kann man sich ungefähr eine Vorstellung davon machen,
wieviel Arbeit hier geleistet wurde und wie leicht der eine oder andere personelle Mißgriff
dem erreichten Ziel gegenüber wiegt. In keiner deutschen Zeitung schreibt heute mehr ein
Jude, und trotzdem erscheinen die Zeitungen zahlreicher und besser aufgemacht denn je. Auf
keiner Bühne tritt heute mehr ein Jude auf, und trotzdem spielen die Theater, und sie sind
20 überfüllt wie nie. In keinem Film wirkt heute noch ein Jude mit, und trotzdem produzieren
wir Filme, zahl- und erfolgreicher denn je.
Noch klingt uns in den Ohren das Geschrei unserer Gegner, es sei unmöglich, die Juden aus
dem deutschen Kulturleben zu entfernen, da sie nicht ersetzt werden könnten. Wir haben es
getan, und es geht besser als zuvor! Auf diesem Gebiet ist die Forderung des Nationalsozia-
25 lismus restlos durchgeführt worden, und die Welt hat den Beweis vor Augen, daß das Kultur-
leben eines Volkes auch, und zwar sinn- und zweckgemäß, ausschließlich von seinen eigenen
Söhnen verwaltet, geführt und repräsentiert werden kann.
Wie tief der jüdische Ungeist in das deutsche Kulturleben eingedrungen war, das zeigte in
erschreckenden und geradezu grauenerregenden Formen die in München als warnendes Bei-
30 spiel durchgeführte Ausstellung der „Entarteten Kunst“ 2. Wir sind ihretwegen vielfach in der
sogenannten Weltpresse angegriffen worden, aber es hat sich bis heute kein ausländischer
Enthusiast gefunden, der zur Wiedergutmachung dieser Kulturbarbarei etwa bereit gewesen
wäre, die in München ausgestellten „Kunstschätze“ zu kaufen und sie damit für die Ewigkeit
zu retten. Sie mögen sie nicht, aber sie verteidigen sie. Und sie verteidigen sie nicht aus kultu-
35 rellen, sondern lediglich aus politischen Gründen. Es bedarf kaum einer wegwerfenden Hand-
bewegung, um sich mit ihren Argumenten auseinanderzusetzen. Aber auch in Deutschland
hat dieses Vorgehen hier und da Mißverständnisse hervorgerufen.
Man war zwar mit der allgemeinen Tendenz dieser Bereinigung eines kulturellen Notstandes
einverstanden, behielt sich aber vor, im einzelnen leise Einwände zu erheben. Diese Einwände
40 klangen sehr nach dem Motto derer, die ehedem wegen unserer Judenfeindschaft erhoben
wurden: Man dürfe das Kind nicht mit dem Bade ausschütten 3, man sei ja auch antisemitisch,
aber was zu viel sei, sei eben zu viel. – [...]
Man meinte, man solle diese Entwicklung sich selbst auswirken lassen, sie werde sich so am
ehesten totlaufen. Man hätte dasselbe in der Innenpolitik über den Marxismus oder über den
45 Parlamentarismus, in der Wirtschaft über den Klassenkampf oder über den Standesdünkel 4,
in der Außenpolitik über den Versailler Vertrag oder über den Raub der deutschen Souverä-
nitätsrechte sagen können. So etwas läuft sich nicht tot; das muß beseitigt werden. Je
gründlicher, schneller und radikaler das geschieht, um so besser! [...]
Wie gesund eine solche Reinigungskur war, das zeigt die Reaktion beim Publikum und vor
50 allem bei den Käuferschichten der Großen Deutschen Kunstausstellung 5 im Haus der Deut-
schen Kunst in München.
1 Goebbels bezieht sich hier auf die „Säuberung“ des Kulturlebens, über die er zuvor spricht.
2 Die Ausstellung „Entartete Kunst“ von Juli bis September 1937 in München war eine von den Nationalsozialisten organisierte Propagandaausstellung über von der erwünschten Norm der Nationalsozialisten abweichende Kunst.
3 Redewendung im Sinne von „Man sollte es nicht übertreiben!“
4 Standesdünkel: bezeichnet den spezifischen Hochmut eines Standes gegenüber anderen, als niedriger erachteten Ständen.
5 1937 fand die „Erste Große Deutsche Kunstausstellung“ statt, sodass „Entartete Kunst“ und die vom Regime geförderte Kunst, die sogenannte „Deutsche Kunst“, einander gegenübergestellt wurden.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder.
Lösung: Ausarbeitung einer strukturierten Textanalyse gemäß den Kriterien der amtlichen Lösungsvorgaben (Einleitung mit formalen Kriterien, Thema, Kernaussage, Gedankengang und Hauptaussagen).
2. Erläutern Sie die für das Verständnis des Textes erforderlichen historischen Hintergründe zur Machtübernahme und zum Ausbau der Macht durch die Nationalsozialisten sowie zu deren Bemühen, eine „Volksgemeinschaft“ zu schaffen, im Zeitraum von 1933 bis zur Rede. Arbeiten Sie danach heraus, welche Haltung Goebbels jüdischen Künstlern und Kulturschaffenden gegenüber einnimmt.
Lösung: Ausarbeitung der historischen Kontexte (Machtübernahme/Machtausbau, Volksgemeinschaft nach innen und außen) sowie analytische Herausarbeitung von Goebbels' Haltung und Sprache gegenüber jüdischen Kulturschaffenden.
3. Der Journalist Georg Diez sagte 2017: „Kunst ist Freiheit. Kunst braucht Freiheit. Und Freiheit braucht Kunst.“ Diskutieren Sie auf dieser Grundlage kritisch Goebbels’ Haltung zur Kunst in Deutschland.
Lösung: Ausarbeitung einer differenzierten historischen Erörterung/Beurteilung des Diez-Zitats im Kontrast zu Goebbels' Kunstauffassung inklusive eines begründeten Fazits.
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