Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 · Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Erläutern Sie die innenpolitischen Rahmenbedingungen sowie die ideologische Veränderung des Nationalismus im deutschen Kaiserreich in den Jahren 1871 bis 1893. Arbeiten Sie heraus, wie Lange die Juden sieht und wie er ihr Verhältnis zum Deutschen Reich darstellt. (34 Punkte)

3.

Bewerten Sie die Aussagen Langes aus der Perspektive der Gegenwart. (24 Punkte)

Materialgrundlage

Friedrich Lange: Reines Deutschtum. Grundzüge einer nationalen Weltanschauung. Berlin 1893, zit. nach der dritten Aufl. 1904, S. 93 – 101 (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)

Aus dem Buch „Reines Deutschtum“ des Journalisten Friedrich Lange¹ aus dem Jahre 1893:

[...] Was uns not tut, ist eine große Vereinigung der ehrlich und mutig Deutschgesinnten, welche sich weder auf eine konservative, noch liberale, noch irgendwelche politische oder kirchliche Schablone eingattern² läßt, dafür aber alles bewilligt, was das Deutschtum nach innen und außen festigt, alles verneint, was es zersplittert und schwächt.

[...]

Weil aber ein solches Ausleben in innerlicher Harmonie einem Volke nur dann möglich ist, wenn seine Einzelnen einander gleichartig sind oder sich wenigstens als gleichartig empfinden, so ist die nächste Forderung für die Nationalpartei, die ich mir als Vorkämpferin solcher Ziele denke, die Ausscheidung der Elemente, die wir nach dem allen heutigen Deutschen ohne Ausnahme innewohnenden Bewußtsein als ungleichartig, völlig wesensverschieden empfinden. Allen Deutschen ohne Ausnahme sage ich mit vollem Bewußtsein, denn auch von den freiwilligen Schildknappen³ des Judentums, den Mitgliedern der deutsch-freisinnigen Partei⁴ oder von den Arbeitern, die sich von einem Singer⁵ und Genossen an der Nase führen lassen, wird keiner mir einreden, daß er nicht gegen die angeborene Art der jüdischen Rasse schon bei den Gutwilligen, geschweige denn bei den Übelwollenden eine Abneigung empfände. Aber einige von ihnen zwingen aus falsch verstandener Humanität solche Regung nieder, die meisten nehmen um politischen und finanziellen Nutzens willen die jüdische Bundesgenossenschaft⁶, die in Wahrheit eine Despotie⁷ ist, auf sich, und weil für einen Mann, der frei sein könnte, solche Knechtschaft ein schimpfliches Gefühl ist, so reden sie anderen und, wenns gelingen will, auch ihrem eigenen Gewissen ein, daß sie aus Überzeugung Beschützer des Judentums seien. Das ist menschlich, aber nicht eben männlich.

Die Hauptbedingung für die künftige Nationalpartei, ein starkes, dem ganzen deutschen Volke verständliches Bedürfnis, wäre also erfüllt. Dennoch fehlt viel daran, daß eine solche Partei schon in naher Zukunft entstände oder in unseren Parlamenten Einfluß gewänne. Denn noch lange wird es trotz der überall aufleuchtenden Erkenntnis dauern, bis die Mehrzahl des Volkes die Lösung der Judenfrage als eine der dringlichsten unter allen unseren politischen Aufgaben betrachten lernt, noch länger vielleicht, bis die vorhandenen Parteiformen zerschlagen sind und diese neue an ihre Stelle getreten ist.

[...]

Das wichtigste ist: nun, nachdem wir politisch einig sind, mit dem Genius⁸ unseres Volkes möglichst allein zu sein und zu bleiben, das asiatische Judentum also auszuscheiden oder sonst in sicherer Form unschädlich zu machen. Ich fasse hier mit dem Ausdruck Judentum diejenigen der Rasse anhaftenden Eigenschaften zusammen, welche von uns als Gegensatz und Hemmnis⁹ unserer sittlichen Rasseneigenschaften empfunden werden. Natürlich weiß ich so gut wie irgend jemand einen ehrenhaften Juden von einem verwerflichen zu unterscheiden; desgleichen empfinde ich es in der Seele aller ehrlich gutwilligen Juden als eine starke Prüfung, daß die Erregung des Deutschtums sich nun auch gegen diejenigen richten muß, die wissend nicht gesündigt haben und sich an den Maßlosigkeiten ihrer Rassegenossen unschuldig fühlen dürfen. Ist aber erst einmal die deutsche Geduld erschöpft und wird die Frage aufgeworfen, so wäre es eine Verschleierung der Wahrheit, wenn man nicht Rasse gegen Rasse ausspielte, sondern den Wahn aufrecht erhielte, daß doch hier und da ein Jude durch eifriges Bemühen zum Deutschen geworden sei oder werden könne. [...]

Es wird einzelne beglückte Gegenden in Deutschland geben, wo man noch heute von einer Judenfrage praktisch nichts weiß und demnach in ungestörtem Genusse altgewohnter Menschlichkeitsideale auch von Maßregeln gegen die Juden nichts wissen mag. Aber die Bewohner solcher Gegenden machen es sich denn doch gar zu leicht mit ihrer Duldung; als Tugend wird man sie ihnen jedenfalls nicht anrechnen dürfen, da sie keine Gelegenheit haben, sie zu erproben. Sie mögen in eine Hochburg des deutschen Judentums gehen, zum Beispiel nach Berlin, und sie werden nach einer Wanderung durch die Reichshauptstadt besser als aus hundert Broschüren die tatsächliche Bedeutung der Judenfrage in Deutschland erkennen. [...]

¹ Friedrich Lange (1852 – 1917) war ein deutscher Journalist. Er gehörte zu den führenden Publizisten der völkischen Bewegung des wilhelminischen Kaiserreichs und plante die Gründung einer ‚Nationalpartei‘ als Sammlungsbewegung für verschiedene konservative und nationalistische Parteien, die aber scheiterte.

² eingattern, hier: festlegen

³ Schildknappen, hier im Sinne von Helfer

⁴ Deutsche Freisinnige Partei: liberale Partei, die von 1884 – 1893 bestand und die u. a. die Gleichstellung aller Religionsgruppen forderte

⁵ Gemeint ist Paul Singer (1844 – 1911), Berliner Textilfabrikant jüdischen Glaubens, zunächst liberaler, später sozialdemokratischer Politiker und Reichstagsabgeordneter.

⁶ Bundesgenossenschaft, gemeint ist: Gemeinschaft

⁷ Despotie: Unterdrückung, Diktatur

⁸ Genius: Schöpfergeist, Genie, Begabung

⁹ Hemmnis: Beschränkung, Einschränkung

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

Lösung: Individuelle textanalytische Ausarbeitung gemäß den Vorgaben der Abiturprüfung.

2. Erläutern Sie die innenpolitischen Rahmenbedingungen sowie die ideologische Veränderung des Nationalismus im deutschen Kaiserreich in den Jahren 1871 bis 1893. Arbeiten Sie heraus, wie Lange die Juden sieht und wie er ihr Verhältnis zum Deutschen Reich darstellt. (34 Punkte)

Lösung: Individuelle historische Erläuterung und Textanalyse gemäß den Kriterien der Abiturprüfung.

3. Bewerten Sie die Aussagen Langes aus der Perspektive der Gegenwart. (24 Punkte)

Lösung: Individuelle historisch-kritische Bewertung und Fazit auf Basis heutiger verfassungsrechtlicher und demokratischer Maßstäbe.

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