Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Kriegsende 1918, Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 · Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs

Materialgrundlage

Aus dem Artikel „Das Trauerspiel von Versailles“ der Braunschweigischen Landeszeitung vom 29. Juni 1919:

Zitiert nach: https://www.hausderpressefreiheit.de/Home/Geschichte-im-Spiegel-der-Presse/Zeitstrahl/1918-1932/1918-1919/Braunschweigische-Landeszeitung-29.-Juni-1919-.html (letzter Zugriff: 08.03.2021). Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.

Versailles, 28. Juni. Der Friedensvertrag ist, wie vorgesehen, um 3 Uhr nachmittags im Schlosse unterzeichnet worden.

3 Der Vorhang fiel. Ein halbes Jahrhundert deutscher Größe ist verloren durch einen Schandvertrag, unter den deutsche Hände eine bedingungslose Unterschrift setzten. Deutsches Land

5 und deutsches Volk sind losgerissen vom deutschen Staatskörper, unsere Wehrmacht ist zerschlagen, die Flotte verloren, Handel und Industrie sind mit dem Verlust unserer Kolonien und unserer Seegeltung zermorscht 1, und wie die Kärrner 2 im alten Aegypten müssen wir Sklavenarbeit leisten, um eine Pyramide von Gold für die Feinde zu schaffen, weil das entnervte deutsche Volk in seiner Mehrheit vor den Feinden stand wie Faust vor dem Teufel:

10 „Was willst du, böser Geist, von mir? [...] Ich gebe jede Wahl dir frei!“ 3

Jede Wahl! Mit grausamer Folgerichtigkeit stürzte das unerbittliche Schicksal unser Volk in den Abgrund, nachdem dieses Volk zwei Jahre lang den heuchlerischen Reden feindlicher Staatsmänner mehr Glauben geschenkt hatte als seinen nationalen Führern, nachdem es, verblendet durch den Glauben an Völkerversöhnung und ewigen Frieden, selber an den Abgrund

15 trat. [...] Im Dezember 1916 hat der deutsche Kaiser in Gemeinschaft mit seinen Bundesgenossen den Feinden den Versöhnungsfrieden angeboten, und aus den Aeußerungen des bulgarischen Ministerpräsidenten Radoslawow wissen wir, daß der Vierbund 4 auf Grund der gemäßigten Bedingungen, die er den Feinden stellen wollte, mit Bestimmtheit deren Bereitschaft zum Frieden erwartete. Diese Erwartung schlug fehl, und als ein Jahr später die sogenannte

20 Friedenspolitik der parlamentarischen Mehrheit einsetzte, hatten Friedensangebote weniger Aussicht auf Erfolg als vorher. Sie halfen nur den Kriegswillen der Feinde stählen und untergruben in Deutschland den harten Willen zum Durchhalten in einer Zeit, in der uns das Schicksal die Bedingung stellte: Kampf bis aufs Messer oder Untergang. Von einer weltfremden Demokratie wurde der Boden bereitet, auf dem die Internationale 5 in Deutschland säen und

25 ernten konnte. Aber nur in Deutschland! Die Internationale in den Ländern unserer Feinde hat es sich mit leeren Redensarten genügen lassen 6 und hat den Vernichtungskampf gegen Deutschland bis zum Ende mitdurchgeführt. Was international schien, war nicht international. Es war nur eine nationale Verirrung unter den Deutschen allein, eine Verirrung, die den Wahn gebar 7, Deutschland brauche nur die Waffen hinzuwerfen, um den Krieg mit einem

30 Versöhnungsfrieden zu beenden. Als die Völker um die Entscheidung rangen, rief Scheidemann sein: „Macht Schluß!“ im deutschen Reichstag [...] und ein Erzberger 8 machte sich anheischig 9, den Versöhnungsfrieden in einer einzigen Stunde zu schaffen. Mußte unter solchen Umständen das politisch ungeschulte und als Weltmacht junge Volk nicht zu der Ueberzeugung kommen, daß Fürstenehrgeiz und Offziersdünkel einen billigen Frieden verschmäh-

35 ten, um wahnwitzigen Großmachtgedanken zu frönen? 10 Daß unser Volk des Krieges müde war, das war nach den ungeheuren Opfern an Gut und Blut nur allzu verständlich. Hätte es aber Führer gehabt wie England und Frankreich, nur solche Führer, die ihm sagten, daß Deutschland zu einem Sklavenvolk erniedrigt werde, wenn es den fürchterlichen Endkampf scheue, dann hätte Deutschland niemals die Waffen niedergelegt, ehe ein ehrenvoller Friede erstritten

40 war, denn in ihm lebte noch immer der Geist Friedrichs des Großen; und die Vaterlandsliebe, die vor einem Jahrhundert die Freiheitskriege, vor einem halben Jahrhundert die Wiedergeburt des Deutschen Reiches möglich machte, lohte 11 in den Herzen noch ebenso heiß wie einst. Aber der Wille zum Endkampf wurde erstickt von der grauen Theorie der Völkerversöhnung und brach zusammen, als die Feinde ohne Reserven den letzten Ansturm begannen,

45 nachdem der deutsche Angriff durch schmählichen Verrat mißlungen war.

Hegel 12 sagte: Die Geschichte wird von den Ideen gemacht! Er hat recht, denn unseren Zusammenbruch verdanken wir nur der Idee, wie die Feinde ihren Sieg einer Idee verdanken. Aber ein Treitschke 13 urteilte treffender als Hegel, wenn er sagte: „Männer sind es, welche die Geschichte machen!“ und uns haben die Männer, die uns nicht nur zum militärischen, son-

50 dern auch zum politischen Siege führen konnten, gefehlt. Wir hatten Denker und Dichter auf den Ministersesseln, aber keine Staatsmänner.

1 zermorscht: morsch geworden, zerfallen

2 Kärrner: Karren-Zieher, menschliches Zugtier

3 Zitat aus Johann Wolfgang von Goethes Drama „Faust“

4 Vierbund: Bündnis aus dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn, dem Osmanischen Reich und Bulgarien

5 Internationale: im eigentlichen Sinn ist damit der internationale Zusammenschluss von Arbeiterorganisationen gemeint; hier sind mit der „Internationalen“ allerdings vermutlich verallgemeinernd alle politisch linksstehenden Organisationen gemeint.

6 hat sich genügen lassen: hat sich mit etwas zufrieden gegeben

7 Wahn gebar: Irrglauben hervorbrachte

8 Philipp Scheidemann (1865 – 1939): deutscher Politiker (SPD), verlangte bereits am 15. Mai 1917 von allen kriegsführenden Staaten die Einstellung aller Kämpfe; Matthias Erzberger (1875 – 1921): deutscher Politiker (Zentrum), unterzeichnete als Bevollmächtigter der Reichsregierung und Leiter der Waffenstillstandskommission den Waffenstillstand von Compiègne vom 11. November 1918.

9 sich anheischig machen: (abwertend gemeint) sich anbiedern, sich verpflichten

10 frönen: sich einer Sache hingeben

11 lohen: brennen

12 Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 – 1831): deutscher Philosoph

13 Heinrich Gotthard von Treitschke (1834 – 1896): deutscher Historiker, politischer Publizist und Mitglied des Reichstags

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]

2.

Erläutern Sie den für das Textverständnis erforderlichen militärischen Kriegsverlauf, die politischen Veränderungen in Deutschland zwischen 1917 und 1918 sowie die Friedensverhandlungen von Versailles samt ihren Ergebnissen. Charakterisieren Sie danach die Position des Verfassers zu Kriegsende und Friedensschluss. [34 Punkte]

3.

Prüfen Sie, ob die Darlegungen des Verfassers sachlich angemessen sind. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder.

Lösung: Strukturierte Analyse von Textsorte, Kontext, Gedankengang und Hauptaussagen des Artikels.

2. Erläutern Sie den für das Textverständnis erforderlichen militärischen Kriegsverlauf, die politischen Veränderungen in Deutschland zwischen 1917 und 1918 sowie die Friedensverhandlungen von Versailles samt ihren Ergebnissen. Charakterisieren Sie danach die Position des Verfassers zu Kriegsende und Friedensschluss.

Lösung: Darstellung des historischen Kontextes (Militär, Innenpolitik, Versailles) und Charakterisierung der Ideologie des Autors.

3. Prüfen Sie, ob die Darlegungen des Verfassers sachlich angemessen sind.

Lösung: Kritische Prüfung der Sachhaltigkeit der Autorenthesen und fundiertes abschließendes Gesamtfazit.

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