Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs
Aufgabenstellung: Aufgabe 2
Materialgrundlage
Aus einer Rede von Heinrich Himmler 1, gehalten am 18. Februar 1937 vor SS-Gruppenführern in Bad Tölz (Bayern):
1 [...] Ich will Ihnen über diese Frage der Homosexualität ein paar Gedanken entwickeln. Es
2 gibt unter den Homosexuellen Leute, die stehen auf dem Standpunkt: was ich mache, geht nie-
3 manden etwas an, das ist meine Privatangelegenheit. Alle Dinge, die sich auf dem geschlecht-
4 lichen Sektor bewegen, sind jedoch keine Privatangelegenheit eines einzelnen, sondern sie
5 bedeuten das Leben und das Sterben des Volkes, bedeuten die Weltmacht und die Verschwei-
6 zerung 2. Das Volk, das sehr viele Kinder hat, hat die Anwartschaft auf die Weltmacht und
7 Weltbeherrschung. Ein gutrassiges Volk, das sehr wenige Kinder hat, besitzt den sicheren
8 Schein für das Grab, für die Bedeutungslosigkeit in 50 oder 100 Jahren, für das Begräbnis in
9 zweihundert und fünfhundert Jahren. [...]
10 Homosexualität bringt also jede Leistung, jeden Aufbau nach Leistung im Staat zu Fall und
11 zerstört den Staat in seinen Grundfesten. Dazu kommt folgendes: der Homosexuelle ist ein
12 durch und durch psychisch kranker Mensch. Er ist weich, er ist in jedem entscheidenden Fall
13 ein Feigling. Ich glaube, daß er da oder dort im Krieg tapfer sein kann, auf dem Gebiet der
14 Zivilcourage sind es jedoch die feigsten Männer, die es gibt.
15 Hiermit hängt zusammen, daß der Homosexuelle krankhaft lügt. [...]
16 Der Homosexuelle ist natürlich das geeignetste Objekt für jede Erpressung, erstens weil er
17 selbst straffällig ist, zweitens aber auch, weil er ein weicher Kerl ist und drittens, weil er wil-
18 lenlos und schlapp ist. [...]
19 Wir müssen uns darüber klar sein, wenn wir dieses Laster weiter in Deutschland haben, ohne
20 es bekämpfen zu können, dann ist das das Ende Deutschlands, das Ende der germanischen
21 Welt. Wir haben es leider nicht mehr so einfach wie unsere Vorfahren. Bei denen waren diese
22 einigen Wenigen Einzelfälle so abnormer Art. Der Homosexuelle, den man Urning 3 nannte,
23 wurde im Sumpf versenkt. Die Herren Professoren, die diese Leichen im Moor finden, sind
24 sich bestimmt nicht dessen bewußt, daß sie jeweils in neunzig von hundert Fällen einen Homo-
25 sexuellen vor sich haben, der mit seinem Gewand und allem im Sumpf versenkt wurde. Das
26 war nicht eine Strafe, sondern das war einfach das Auslöschen dieses anomalen 4 Lebens. Das
27 mußte entfernt werden, wie wir Brennesseln ausziehen, auf einen Haufen werfen und ver-
28 brennen. Das war kein Gefühl der Rache, sondern der Betreffende mußte weg.
29 So war es bei unseren Vorfahren. Bei uns ist das leider, muß ich sagen, nicht mehr möglich.
30 Im Rahmen der SS möchte ich ganz klar folgendes darlegen. Ich betone ausdrücklich, daß
31 ich genau weiß, was ich sage. Dies ist selbstverständlich nicht für Führerbesprechungen be-
32 stimmt, sondern das können Sie in einzelnen Unterhaltungen gesprächsweise dem einen oder
33 anderen erzählen:
34 Wir haben in der SS heute immer noch pro Monat einen Fall von Homosexualität. In der
35 gesamten SS werden im Jahr ungefähr acht bis zehn Fälle vorkommen. Ich habe mich nun
36 zu Folgendem entschlossen: Diese Leute werden selbstverständlich in jedem Fall öffentlich
37 degradiert und ausgestoßen und werden dem Gericht übergeben. Nach Abbüßung der vom
38 Gericht festgesetzten Strafe werden sie auf meine Anordnung in ein Konzentrationslager ge-
39 bracht und werden im Konzentrationslager auf der Flucht erschossen. Das wird jeweils dem
40 Truppenteil, dem der Betreffende angehört hat, von mir durch Befehl bekannt gegeben. Da-
41 durch hoffe ich, daß ich diese Art von Menschen aus der SS auch bis zum letzten herausbe-
42 komme, um wenigstens das gute Blut, das wir in der Schutzstaffel haben, und diese werdende
43 Gesundung blutlicher Art, die wir für Deutschland groß ziehen, frei zu halten.
44 Damit ist aber die Frage für das gesamte Deutschland noch nicht gelöst. Man darf sich näm-
45 lich nicht über folgendes täuschen. Wenn ich den Homosexuellen vor Gericht ziehe und ihn
46 einsperren lasse, dann ist der Fall ja nicht erledigt, sondern der Homosexuelle kommt aus dem
47 Gefängnis genauso homosexuell heraus, wie er hineingekommen ist. Damit ist also die ge-
48 samte Frage nicht bereinigt. [...]
1 Heinrich Himmler (1900 – 1945), Reichsführer (der) SS und Chef der Deutschen Polizei
2 Verschweizerung: gemeint ist eine Annäherung an die politischen Verhältnisse der Schweiz im Sinne von Neutralität durch Isolierung und Verzicht auf Weltgeltung.
3 Urning: im 19. Jahrhundert geprägter Begriff für Homosexuelle
4 anomal: nicht normal
Fest, Joachim C.: Heinrich Himmler. Geheimreden 1933 bis 1945 und andere Ansprachen. Frankfurt a. M., Berlin, Wien 1974, S. 93 – 104 (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, welche Rolle,Integration‘ und,Ausgrenzung‘ für die angestrebte nationalsozialistische,Volksgemeinschaft‘ spielen. Erläutern Sie danach weitere Elemente der NS-Ideologie, die zum Teil im Text erkennbar sind, und charakterisieren Sie abschließend Himmlers Haltung zur Homosexualität. [34 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, inwiefern die rechtliche und gesellschaftliche Situation Homosexueller im heutigen Deutschland von Himmlers Vorstellungen abweicht. [24 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in strukturierter Form wieder.
Lösung: Strukturierte Analyse von Textart, Autor, Adressat, Thema, Gedankengang und Hauptaussagen gemäß offiziellem Erwartungshorizont.
2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, welche Rolle ,Integration‘ und ,Ausgrenzung‘ für die angestrebte nationalsozialistische ,Volksgemeinschaft‘ spielen. Erläutern Sie danach weitere Elemente der NS-Ideologie, die zum Teil im Text erkennbar sind, und charakterisieren Sie abschließend Himmlers Haltung zur Homosexualität.
Lösung: Ausführliche historische Erläuterung der Konzepte 'Integration' und 'Ausgrenzung', weiterer Elemente der NS-Ideologie und der Charakterisierung von Himmlers Haltung.
3. Beurteilen Sie, inwiefern die rechtliche und gesellschaftliche Situation Homosexueller im heutigen Deutschland von Himmlers Vorstellungen abweicht.
Lösung: Differenzierte Beurteilung der heutigen rechtlichen und gesellschaftlichen Lage im Kontrast zu Himmlers Vorstellungen sowie Formulierung eines fundierten Fazits.
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