Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs
Aufgabe 1
Materialgrundlage
Rosa Luxemburg: Frauenwahlrecht und Klassenkampf. In: Frauenwahlrecht! Herausgegeben zum Zweiten Sozialdemokratischen Frauentag von Clara Zetkin. Stuttgart 12. Mai 1912, S. 8 – 10
(Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
Aus dem Beitrag „Frauenwahlrecht und Klassenkampf“ von Rosa Luxemburg:
[...] Mehr als hundertfünfzigtausend gewerkschaftlich organisierte Arbeiterinnen bilden mit die Kerntruppen des wirtschaftlich kämpfenden Proletariats. Viele Zehntausende politisch organisierter Frauen sind um das Banner der Sozialdemokratie geschart; das sozialdemokratische Frauenorgan zählt über hunderttausend Abonnenten; die Forderung des Frauenwahlrechts steht auf der Tagesordnung des politischen Lebens der Sozialdemokratie.
Manch einer könnte gerade aus diesen Tatsachen heraus die Bedeutung des Kampfes um das Frauenwahlrecht unterschätzen. Er könnte denken: auch ohne die politische Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts haben wir glänzende Fortschritte in der Aufklärung und Organisierung der Frauen erzielt, das Frauenwahlrecht ist wohl auch weiterhin keine dringende Notwendigkeit. Doch wer so denkt, unterliegt einer Täuschung. Die großartige politische und gewerkschaftliche Aufrüttelung der Massen des weiblichen Proletariats in den letzten anderthalb Jahrzehnten ist nur deshalb möglich geworden, weil die Frauen des arbeitenden Volkes trotz ihrer Entrechtung am politischen Leben und an den parlamentarischen Kämpfen ihrer Klasse den regsten Anteil nehmen. Die Proletarierinnen zehren bis jetzt vom Wahlrecht der Männer, an dem sie tatsächlich teilnehmen, wenn auch nur indirekt. Der Wahlkampf ist jetzt schon für große Massen der Frauen wie der Männer der Arbeiterklasse ein gemeinsamer. In allen sozialdemokratischen Wählerversammlungen bilden die Frauen ein zahlreiches, manchmal das überwiegende, stets ein regsames und leidenschaftlich beteiligtes Publikum. In allen Wahlkreisen, wo eine gefestigte sozialdemokratische Organisation besteht, verrichten die Frauen mit die Wahlarbeit. Sie sind es auch, denen ein großes Verdienst an der Verbreitung von Flugblättern, an dem Werben von Abonnenten für die sozialdemokratische Presse zufällt, diese wichtigste Waffe des Wahlkampfes.
Der kapitalistische Staat hat den Frauen des Volkes nicht verwehren können, daß sie alle diese Mühen und Pflichten im politischen Leben auf sich nahmen. Er selbst hat ihnen die Möglichkeit dazu Schritt für Schritt durch die Gewährung des Vereins- und Versammlungsrechts erleichtern und sichern müssen. Nur das letzte politische Recht, das Recht, den Wahlzettel abzugeben, unmittelbar über die Volksvertretung in den gesetzgebenden und verwaltenden Körpern zu entscheiden und diesen Körperschaften als Erwählte anzugehören, nur dieses Recht will der Staat den Frauen nicht zugestehen. Allein hier, wie auf allen anderen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens heißt es: »Wehre den Anfängen!« Der heutige Staat ist vor den proletarischen Frauen schon zurückgewichen, als er sie in öffentliche Versammlungen, in politische Vereine zuließ. Allerdings hat er das nicht aus freiem Willen getan, sondern der bitteren Not gehorchend, unter dem unwiderstehlichen Druck der aufstrebenden Arbeiterklasse. [...] Dank der Ausnützung des Vereins- und Versammlungsrechts haben sich die Proletarierinnen den regsten Anteil an dem parlamentarischen Leben, an den Wahlkämpfen errungen. Und nun ist es nur eine unabweisbare Folge, nur das logische Ergebnis der Bewegung, daß heute Millionen proletarischer Frauen selbstbewußt und trotzig rufen: Her mit dem Frauenwahlrecht!
Ehemals, in den schönen Zeiten des vormärzlichen Absolutismus, hieß es gewöhnlich von dem ganzen arbeitenden Volke, es sei »noch nicht reif« zur Ausübung politischer Rechte. Heute kann das nicht von den proletarischen Frauen gesagt werden, denn sie haben ihre Reife für die Ausübung politischer Rechte erwiesen. Weiß doch jeder, daß ohne sie, ohne die begeisterte Mithilfe der Proletarierinnen, die deutsche Sozialdemokratie am 12. Januar nimmermehr den glänzenden Sieg errungen, die 4 1/4 Millionen Stimmen erhalten hätte. Aber gleichwohl: das arbeitende Volk hat jedesmal seine Reife zur politischen Freiheit durch eine siegreiche revolutionäre Massenerhebung erweisen müssen. Erst wenn das Gottesgnadentum auf dem Thron und die Edelsten und Besten der Nation die schwielige Faust des Proletariats fest auf dem Auge und sein Knie auf ihrer Brust fühlten, erst dann kam ihnen auch blitzartig der Glaube an die politische »Reife« des Volkes. [...]
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie die ökonomischen und gesellschaftlichen Modernisierungsvorgänge in der Zeit der Zweiten Industriellen Revolution, besonders den Wandel der Stellung der Frau im deutschen Kaiserreich. Charakterisieren Sie danach die Einstellung der Autorin zur damaligen Lage der Frauen. [34 Punkte]
3.
Setzen Sie sich unter Einbeziehung des Textes mit der Frage auseinander, inwiefern Frauen in der Bundesrepublik Deutschland heute rechtlich und gesellschaftlich gleichgestellt sind. [24 Punkte]
Hinweis: Zusätzlich zur inhaltlichen Leistung (80 Punkte) können höchstens 20 Punkte für die Darstellungsleistung erreicht werden (Gesamt: 100 Punkte).

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder.
Lösung: Strukturierte Textanalyse mit Einleitung (Autorin, Textsorte, Datum/Ort, Adressaten, Thema, Kernaussage) und Darstellung von Gedankengang und Hauptaussagen.
2. Erläutern Sie die ökonomischen und gesellschaftlichen Modernisierungsvorgänge in der Zeit der Zweiten Industriellen Revolution, besonders den Wandel der Stellung der Frau im deutschen Kaiserreich. Charakterisieren Sie danach die Einstellung der Autorin zur damaligen Lage der Frauen.
Lösung: Historische Einordnung der Zweiten Industriellen Revolution (Wirtschaft und Gesellschaft), Erläuterung des Wandels der Frauenrolle sowie Charakterisierung von Luxemburgs Haltung.
3. Setzen Sie sich unter Einbeziehung des Textes mit der Frage auseinander, inwiefern Frauen in der Bundesrepublik Deutschland heute rechtlich und gesellschaftlich gleichgestellt sind.
Lösung: Differenzierte Erörterung mit Pro- und Contra-Argumenten zur faktischen Gleichstellung der Frau in der BRD heute und abschließendem Fazit.
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