Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Thema: NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Arbeiten Sie heraus, welche Vorstellungen Hitler im Text von Erziehung und von der Rolle des Staates dabei entwickelt. Erläutern Sie danach, wie diese Vorstellungen im NS-Staat nach 1933 umgesetzt wurden, und welche Elemente der NS-Ideologie im Text erkennbar sind. (36 Punkte)

3.

Bewerten Sie die Erziehungsvorstellungen Hitlers. (22 Punkte)

Materialgrundlage:

Aus: Hitler: Mein Kampf. Eine kritische Edition, Bd. 2, hrsg. u. a. von Christian Hartmann. Berlin/München 2016, S. 1041 – 1057.

(Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.)

Aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ aus dem Jahre 1927:

1 [S]o wie im allgemeinen die Voraussetzung geistiger Leistungsfähigkeit in der rassischen

Qualität des gegebenen Menschenmaterials liegt, so muß auch im einzelnen die Erziehung

zuallererst die körperliche Gesundheit ins Auge fassen und fördern; denn in der Masse genom-

men wird sich ein gesunder, kraftvoller Geist auch nur in einem gesunden und kraftvollen

5 Körper finden. […]

Der völkische Staat hat in dieser Erkenntnis seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie

nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kern-

gesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten.

Hier aber wieder an der Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders die Förderung der

10 Willens- und Entschlußkraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit,

und erst als Letztes die wissenschaftliche Schulung.

Der völkische Staat muß dabei von der Voraussetzung ausgehen, daß ein zwar wissenschaft-

lich wenig gebildeter, aber körperlich gesunder Mensch mit gutem, festem Charakter, erfüllt

von Entschlußfreudigkeit und Willenskraft, für die Volksgemeinschaft wertvoller ist als ein

15 geistreicher Schwächling. Ein Volk von Gelehrten wird, wenn diese dabei körperlich degene-

rierte, willensschwache und feige Pazifisten sind, den Himmel nicht erobern, ja nicht einmal

auf dieser Erde sich das Dasein zu sichern vermögen. […]

Die körperliche Ertüchtigung ist daher im völkischen Staat nicht eine Sache des einzelnen,

auch nicht eine Angelegenheit, die in erster Linie die Eltern angeht und die erst in zweiter

20 oder dritter die Allgemeinheit interessiert, sondern eine Forderung der Selbsterhaltung des

durch den Staat vertretenen und geschützten Volkstums. So wie der Staat, was die rein wis-

senschaftliche Ausbildung betrifft, schon heute in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen

eingreift und ihm gegenüber das Recht der Gesamtheit wahrnimmt, indem er, ohne Befragung

des Wollens oder Nichtwollens der Eltern, das Kind dem Schulzwang 1 unterwirft, so muß in

25 noch viel höherem Maße der völkische Staat dereinst seine Autorität durchsetzen gegenüber

der Unkenntnis oder dem Unverständnis des einzelnen in den Fragen der Erhaltung des Volks-

tums. Er hat seine Erziehungsarbeit so einzuteilen, daß die jungen Körper schon in ihrer frü-

hesten Kindheit zweckentsprechend behandelt werden und die notwendige Stählung für das

spätere Leben erhalten. Er muß vor allem dafür sorgen, daß nicht eine Generation von Stuben-

30 hockern herangebildet wird. […]

Auch die Kleidung der Jugend soll diesem Zwecke angepaßt werden. Es ist ein wahrer Jam-

mer, sehen zu müssen, wie auch unsere Jugend bereits einem Modewahnsinn unterworfen ist,

der so recht mithilft, den Sinn des alten Spruches: „Kleider machen Leute“ in einen verderb-

lichen umzukehren.

35 Gerade bei der Jugend muß auch die Kleidung in den Dienst der Erziehung gestellt werden.

Der Junge, der im Sommer mit langen Röhrenhosen herumläuft, eingehüllt bis an den Hals,

verliert schon in seiner Bekleidung ein Antriebsmittel für seine körperliche Ertüchtigung.

Denn auch der Ehrgeiz und, sagen wir es nur ruhig, die Eitelkeit muß herangezogen werden.

Nicht die Eitelkeit auf schöne Kleider, die sich nicht jeder kaufen kann, sondern die Eitelkeit

40 auf einen schönen, wohlgeformten Körper, den jeder mithelfen kann, zu bilden.

Auch für später ist dies zweckmäßig. […]

Der völkische Staat wird genau so wie die geistige Erziehung auch die körperliche Ausbil-

dung der Nachschulzeit als staatliche Aufgabe betrachten müssen und durch staatliche Ein-

richtungen durchzuführen haben. Dabei kann diese Erziehung in großen Zügen schon die Vor-

45 bildung für den späteren Heeresdienst sein. […] An der Spitze der militärischen Erziehung

aber hat das zu stehen, was schon dem alten Heer 2 als höchstes Verdienst angerechnet werden

mußte: In dieser Schule soll der Knabe zum Mann gewandelt werden; und in dieser Schule

soll er nicht nur gehorchen lernen, sondern dadurch auch die Voraussetzung zum späteren

Befehlen erwerben. Er soll lernen zu schweigen, nicht nur, wenn er mit Recht getadelt wird,

50 sondern soll auch lernen, wenn nötig, Unrecht schweigend zu ertragen.

Er soll weiter, gefestigt durch den Glauben an seine eigene Kraft, erfaßt von der Stärke des

gemeinsam empfundenen Korpsgeistes 3, die Überzeugung von der Unüberwindlichkeit seines

Volkstums gewinnen.

Nach Beendigung der Heeresdienstleistung sind ihm zwei Dokumente auszustellen: sein Staats-

55 bürgerdiplom als Rechtsurkunde, die ihm nunmehr öffentliche Betätigung gestattet, und sein

Gesundheitsattest als Bestätigung körperlicher Gesundheit, für die Ehe. Analog der Erziehung

des Knaben kann der völkische Staat auch die Erziehung des Mädchens von den gleichen

Gesichtspunkten aus leiten. Auch dort ist das Hauptgewicht vor allem auf die körperliche Aus-

bildung zu legen, erst dann auf die Förderung der seelischen und zuletzt der geistigen Werte.

60 Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein.

1 Schulzwang: Die Reichsverfassung vom 11. August 1919 regelte für ganz Deutschland eine einheitliche Schulpflicht von mindestens acht Jahren.

2 altes Heer: Vermutlich ist damit die Armee des Kaiserreichs (1871 – 1918) gemeint.

3 Korpsgeist: Kameradschaftsgefühl beim Militär

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

Lösung: Strukturierte Analyse von formalen Merkmalen, Kernaussage, Gedankengang und Hauptaussagen der Quelle.

2. Arbeiten Sie heraus, welche Vorstellungen Hitler im Text von Erziehung und von der Rolle des Staates dabei entwickelt. Erläutern Sie danach, wie diese Vorstellungen im NS-Staat nach 1933 umgesetzt wurden, und welche Elemente der NS-Ideologie im Text erkennbar sind. (36 Punkte)

Lösung: Herausarbeitung von Hitlers Erziehungsvorstellungen und der staatlichen Rolle sowie historische Kontextualisierung (NS-Bildungspolitik, Jugendorganisationen, Ideologieelemente).

3. Bewerten Sie die Erziehungsvorstellungen Hitlers. (22 Punkte)

Lösung: Differenzierte historische und gegenwartsbezogene Bewertung im Vergleich zu den Werten des Grundgesetzes und moderner Pädagogik.

Darstellungsleistung (Gesamturteil)

Lösung: Strukturierte, sprachlich präzise und fachlich differenzierte Ausarbeitung der Aufgabenstellung.

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