Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften 2023 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg

Abiturprüfung Geschichte-Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2023, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 1 Aufgabe mit Lösungen. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration

Aufgabe 1 · Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus

Abiturprüfung 2023 · Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2. Erläutern Sie, welche Motive und Ziele die deutsche Kolonialpolitik verfolgte und wie sich die deutsche koloniale Expansion in Afrika seit 1884 vollzog. Arbeiten Sie danach heraus, wie Pfeil die einheimische Bevölkerung in Deutsch-Ostafrika sieht. (34 Punkte)

3. Bewerten Sie aus der Sicht der Gegenwart, wie der Verfasser die einheimische Bevölkerung in Deutsch-Ostafrika betrachtet. (24 Punkte)

Hinweis zur Punkteverteilung: Auf die inhaltliche Leistung in den drei Teilaufgaben entfallen 80 Punkte, auf die Darstellungsleistung 20 Punkte. Gesamt: 100 Punkte.

Materialgrundlage

Aus einem Vortrag von Joachim Graf von Pfeil über Deutsch-Ostafrika auf dem „Allgemeinen Kongreß zur Förderung überseeischer Interessen“ vom 13. bis 16. September 1886 in Berlin 1:

1 Abgesehen von der Arbeit, welche wir für die Kultivation 2 neuer Länder gebrauchen, liegt uns aber auch die Pflicht ob 3, deren rohe Einwohner zu erziehen, zu zivilisieren. Was man auch von dem Einfluß des guten Beispiels sagen, und welchen Erfolg man von der Mission in ihrer jetzigen Art erwarten mag, der einzige wirksame Faktor der Zivilisation ist die Arbeit.

5 Durch sie lernt der Mensch seinen Wert kennen, erlangt er das Gefühl seiner Würde, welches entspringt aus dem Bewußtsein der Nützlichkeit des eigenen Daseins.

In zivilisierten Ländern wird von jedem Menschen, je nach dem Grade seiner Bildung, ein gewisses Maß von Arbeit gefordert, sei es für das Wohl des Staates, für die Wissenschaft oder die Familie, ja, in den meisten Fällen beruht der Lebensunterhalt darauf. Muß aber der

10 Europäer arbeiten, so liegt sofort die Frage nahe, warum soll es der Neger nicht.

Unsere Ansichten über den Neger waren bisher ganz eigentümlich verschroben 4. Ansprüche, die man an die unteren Volksklassen der Europäer erhob, ja als ganz naturgemäß betrachtete, verschrie man sofort als Roheit, wenn sie an den Neger gestellt wurden, gerade als ob der Neger ein zu besonders zarter Behandlung berechtigtes höheres Wesen sei. Allerlei Rechte,

15 die wir als zivilisierte Völker besitzen und die wir uns durch langes Ringen danach errungen haben, sollen ohne weiteres dem Neger zugestanden werden, der für das Verständnis und die Wertschätzung derartiger Rechte noch gar nicht die nötige kulturelle Entwicklung aufzuweisen vermag.

Man sprach von dem Neger als einem freien Manne, der über seine Handlungen in gleicher

20 Berechtigung wie die Europäer verfügen könne. Dieses freie Verfügungsrecht über sich selbst wird aber ohne moralische Schranken zur Zügellosigkeit.

Solche Anschauungen über den Neger stammen noch aus der Zeit des unseligen Humanitätsdusels 5. [...]

Jene Zeiten verschwinden jedoch allmählich, eine gesunde Reaktion beginnt sich gegenüber

25 den damaligen superhumanen 6 Anschauungen geltend zu machen. Solange der Neger ungekannt in seiner Wildnis lebt, mag er jede Berechtigung zu seiner zügellosen Lebensweise haben; diese muß aber sofort aufhören, wenn er mit dem Europäer in Berührung kommt und dieser unter der Willkür des Negers leidet. Der Kulturmensch muß die Berechtigung haben, von dem Neger ein gewisses Maß von Arbeit verlangen zu können, wie es von ihm in Kultur-

30 verhältnissen gefordert wird; diese wird den Fähigkeiten des Negers entsprechend mechanischer Natur zu sein haben.

Der Neger verschwindet nicht gleich dem Indianer vor dem Kontakt mit dem Weißen, im Gegenteil, er besitzt eine außerordentliche Widerstandsfähigkeit. In seiner Willkür neben dem Europäer zu leben, ist unmöglich, er muß sich daher letzterem anpassen. Das umgekehrte

35 Verhältnis ist ausgeschlossen. Gleichberechtigt mit dem Europäer kann ebenfalls der Neger nicht sein. Wenn der Neger alle die Kulturphasen durchgemacht haben wird, durch welche wir uns vom Pfahlbauern 7 bis zum Kulturmenschen entwickelten, wird er die Berechtigung auf ethischen Besitz 8 ebenfalls erworben haben. Sie ihm jetzt schon zuzusprechen, ist verfrüht.

All die vorher erwähnten Gründe kann man also gegen die einzuführende Arbeitsverpflich-

40 tung des Negers nicht mehr einwenden. [...]

Nicht mit Theorien und Phrasen löst man die vorliegende Aufgabe, sondern mit tätigem, energischem Eingriff. [...] Daß man dabei nicht mit den weichen Mitteln von Überredung und Beispiel zu Werke gehen kann, ist klar, es bedarf kräftiger Beilhiebe, ehe der gänzlich rohe Klotz eine Gestalt bekommt, der ihr letztes Gepräge mit der Feile gegeben wird. Überlassen

45 wir die Anschauung von Würde und Freiheit der Neger den Philanthropen 9, und wie wir uns politisch zur Macht aufgeschwungen haben, emanzipieren wir auch unser Urteil von dem Einfluß der Anschauung fremder Völker und lösen wir die vor uns liegende Frage auf spezifisch deutsche Art. Die Mittel dazu sind eine Benutzung der tatsächlich obwaltenden 10 Umstände und Ausübung einer niemals zu bezweifelnden Autorität. Wenn wir mit weiser Mäßi-

50 gung am richtigen Ort, aber mit unerbittlicher Konsequenz unsere Macht ausüben, so liegt kein Grund vor, warum nicht auch der Neger zum brauchbaren Arbeiter erzogen werden soll, wenn auch erst unsere Enkel die Früchte ernten, deren Samen wir ausgestreut. [...]

Joachim Graf von Pfeil: Zur Erwerbung von Deutsch-Ostafrika. Berlin 1907, S. 186 – 198. Zitiert nach: https://brema.suub.uni-bremen.de/urn/urn:nbn:de:gbv:46:1-9320 (Rechtschreibung und Hervorhebungen folgen dem Original, Zeichensetzung geringfügig angepasst.)

1 Joachim Graf von Pfeil (1857 – 1924) war ein deutscher Forschungsreisender und Kolonialpolitiker, der sich für die Gründung der Kolonie Deutsch-Ostafrika eingesetzt hatte. Er war an der Gründung der „Gesellschaft für deutsche Kolonisation“ beteiligt, die gemeinsam mit dem „Centralverein für Handelsgeographie und Förderung deutscher Interessen im Auslande“ den Kongress veranstaltete.

2 Kultivation: die Nutzbarmachung von Ländereien

3 liegt uns aber die Pflicht ob: wir haben die Pflicht

4 eigentümlich verschroben: abwegig, absonderlich

5 unseliger Humanitätsdusel: abwertend gemeint als falsche Vorstellung von Menschlichkeit

6 superhuman: abwertend gemeint als übertrieben menschlich

7 Pfahlbauern: Bewohner steinzeitlicher Behausungen in Mitteleuropa (Pfahlbauten)

8 Berechtigung auf ethischen Besitz: Recht auf Selbstbestimmung

9 Philanthrop: Menschenfreund

10 obwalten: vorhanden, gegeben sein

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Erläutern Sie, welche Motive und Ziele die deutsche Kolonialpolitik verfolgte und wie sich die deutsche koloniale Expansion in Afrika seit 1884 vollzog. Arbeiten Sie danach heraus, wie Pfeil die einheimische Bevölkerung in Deutsch-Ostafrika sieht. (34 Punkte)

3.

Bewerten Sie aus der Sicht der Gegenwart, wie der Verfasser die einheimische Bevölkerung in Deutsch-Ostafrika betrachtet. (24 Punkte)

Aufgabe 2 · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft

Abiturprüfung 2023 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Arbeiten Sie heraus, welche Vorstellungen Hitler im Text von Erziehung und von der Rolle des Staates dabei entwickelt. Erläutern Sie danach, wie diese Vorstellungen im NS-Staat nach 1933 umgesetzt wurden, und welche Elemente der NS-Ideologie im Text erkennbar sind. (36 Punkte)

3.

Bewerten Sie die Erziehungsvorstellungen Hitlers. (22 Punkte)

Materialgrundlage:

Aus: Hitler: Mein Kampf. Eine kritische Edition, Bd. 2, hrsg. u. a. von Christian Hartmann. Berlin/München 2016, S. 1041 – 1057.

(Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.)

Aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ aus dem Jahre 1927:

1 [S]o wie im allgemeinen die Voraussetzung geistiger Leistungsfähigkeit in der rassischen

Qualität des gegebenen Menschenmaterials liegt, so muß auch im einzelnen die Erziehung

zuallererst die körperliche Gesundheit ins Auge fassen und fördern; denn in der Masse genom-

men wird sich ein gesunder, kraftvoller Geist auch nur in einem gesunden und kraftvollen

5 Körper finden. […]

Der völkische Staat hat in dieser Erkenntnis seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie

nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kern-

gesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten.

Hier aber wieder an der Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders die Förderung der

10 Willens- und Entschlußkraft, verbunden mit der Erziehung zur Verantwortungsfreudigkeit,

und erst als Letztes die wissenschaftliche Schulung.

Der völkische Staat muß dabei von der Voraussetzung ausgehen, daß ein zwar wissenschaft-

lich wenig gebildeter, aber körperlich gesunder Mensch mit gutem, festem Charakter, erfüllt

von Entschlußfreudigkeit und Willenskraft, für die Volksgemeinschaft wertvoller ist als ein

15 geistreicher Schwächling. Ein Volk von Gelehrten wird, wenn diese dabei körperlich degene-

rierte, willensschwache und feige Pazifisten sind, den Himmel nicht erobern, ja nicht einmal

auf dieser Erde sich das Dasein zu sichern vermögen. […]

Die körperliche Ertüchtigung ist daher im völkischen Staat nicht eine Sache des einzelnen,

auch nicht eine Angelegenheit, die in erster Linie die Eltern angeht und die erst in zweiter

20 oder dritter die Allgemeinheit interessiert, sondern eine Forderung der Selbsterhaltung des

durch den Staat vertretenen und geschützten Volkstums. So wie der Staat, was die rein wis-

senschaftliche Ausbildung betrifft, schon heute in das Selbstbestimmungsrecht des einzelnen

eingreift und ihm gegenüber das Recht der Gesamtheit wahrnimmt, indem er, ohne Befragung

des Wollens oder Nichtwollens der Eltern, das Kind dem Schulzwang 1 unterwirft, so muß in

25 noch viel höherem Maße der völkische Staat dereinst seine Autorität durchsetzen gegenüber

der Unkenntnis oder dem Unverständnis des einzelnen in den Fragen der Erhaltung des Volks-

tums. Er hat seine Erziehungsarbeit so einzuteilen, daß die jungen Körper schon in ihrer frü-

hesten Kindheit zweckentsprechend behandelt werden und die notwendige Stählung für das

spätere Leben erhalten. Er muß vor allem dafür sorgen, daß nicht eine Generation von Stuben-

30 hockern herangebildet wird. […]

Auch die Kleidung der Jugend soll diesem Zwecke angepaßt werden. Es ist ein wahrer Jam-

mer, sehen zu müssen, wie auch unsere Jugend bereits einem Modewahnsinn unterworfen ist,

der so recht mithilft, den Sinn des alten Spruches: „Kleider machen Leute“ in einen verderb-

lichen umzukehren.

35 Gerade bei der Jugend muß auch die Kleidung in den Dienst der Erziehung gestellt werden.

Der Junge, der im Sommer mit langen Röhrenhosen herumläuft, eingehüllt bis an den Hals,

verliert schon in seiner Bekleidung ein Antriebsmittel für seine körperliche Ertüchtigung.

Denn auch der Ehrgeiz und, sagen wir es nur ruhig, die Eitelkeit muß herangezogen werden.

Nicht die Eitelkeit auf schöne Kleider, die sich nicht jeder kaufen kann, sondern die Eitelkeit

40 auf einen schönen, wohlgeformten Körper, den jeder mithelfen kann, zu bilden.

Auch für später ist dies zweckmäßig. […]

Der völkische Staat wird genau so wie die geistige Erziehung auch die körperliche Ausbil-

dung der Nachschulzeit als staatliche Aufgabe betrachten müssen und durch staatliche Ein-

richtungen durchzuführen haben. Dabei kann diese Erziehung in großen Zügen schon die Vor-

45 bildung für den späteren Heeresdienst sein. […] An der Spitze der militärischen Erziehung

aber hat das zu stehen, was schon dem alten Heer 2 als höchstes Verdienst angerechnet werden

mußte: In dieser Schule soll der Knabe zum Mann gewandelt werden; und in dieser Schule

soll er nicht nur gehorchen lernen, sondern dadurch auch die Voraussetzung zum späteren

Befehlen erwerben. Er soll lernen zu schweigen, nicht nur, wenn er mit Recht getadelt wird,

50 sondern soll auch lernen, wenn nötig, Unrecht schweigend zu ertragen.

Er soll weiter, gefestigt durch den Glauben an seine eigene Kraft, erfaßt von der Stärke des

gemeinsam empfundenen Korpsgeistes 3, die Überzeugung von der Unüberwindlichkeit seines

Volkstums gewinnen.

Nach Beendigung der Heeresdienstleistung sind ihm zwei Dokumente auszustellen: sein Staats-

55 bürgerdiplom als Rechtsurkunde, die ihm nunmehr öffentliche Betätigung gestattet, und sein

Gesundheitsattest als Bestätigung körperlicher Gesundheit, für die Ehe. Analog der Erziehung

des Knaben kann der völkische Staat auch die Erziehung des Mädchens von den gleichen

Gesichtspunkten aus leiten. Auch dort ist das Hauptgewicht vor allem auf die körperliche Aus-

bildung zu legen, erst dann auf die Förderung der seelischen und zuletzt der geistigen Werte.

60 Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein.

1 Schulzwang: Die Reichsverfassung vom 11. August 1919 regelte für ganz Deutschland eine einheitliche Schulpflicht von mindestens acht Jahren.

2 altes Heer: Vermutlich ist damit die Armee des Kaiserreichs (1871 – 1918) gemeint.

3 Korpsgeist: Kameradschaftsgefühl beim Militär

Aufgabe 3 · Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration

Abiturprüfung 2023 · Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs (Aufgabe 3)

Aufgabenstellung

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. [22 Punkte]

2. Erläutern Sie die historischen Hintergründe, die für das Verständnis des Textes erforderlich sind: die politischen Umbrüche in Osteuropa und in der DDR seit Mitte der 1980er Jahre und den Prozess der Wiedervereinigung 1989/90. Arbeiten Sie im Anschluss heraus, welche Erwartungen Kohl an die Zukunft Deutschlands und Europas richtet. [34 Punkte]

3. Diskutieren Sie, inwiefern sich diese Erwartungen an die Zukunft bis in die Gegenwart bewahrheitet haben. [24 Punkte]

Hinweis: Für die Darstellungsleistung können bis zu 20 Punkte erreicht werden. Gesamtpunktzahl: 100 Punkte.

Materialgrundlage

Auszug aus einer Fernsehansprache von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) vom 31. Dezember 1989:

Liebe Landsleute!

1 Das vergangene Jahr war das Jahr eines großen Umbruchs in der Geschichte Europas. Die Menschen in der DDR und in anderen Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas erkämpfen sich nach über vierzig Jahren Freiheit, Menschenrechte und Selbstbestimmung.

5 Die Verwirklichung dieser Grundwerte ist eine Voraussetzung für den Aufbau des gemeinsamen Hauses Europa. Deshalb wünschen wir uns alle, daß die Reformen gelingen.

Für uns Deutsche, aber auch für alle unsere Freunde in West und Ost war die Öffnung der Berliner Mauer – und jetzt auch des Brandenburger Tores – ein faszinierendes Ereignis. 28 Jahre lang war die Mauer das Symbol der unmenschlichen Teilung Deutschlands und 10 Europas.

Die bewegendsten Bilder des Jahres 1989 kamen von der Grenze, die sich endlich für alle öffnete. Wer könnte die Freude und das Glück in den Gesichtern der Menschen, die wieder zueinander finden konnten, je vergessen?

Mich hat der herzliche Empfang tief bewegt, den mir die Menschen in Dresden 1 bereitet 15 haben. Wir dürfen stolz sein auf unsere Landsleute wegen ihres mutigen Eintretens für Freiheit, Menschenrechte und Selbstbestimmung. Ihre Umsicht, ihre Beharrlichkeit und ihr politisches Augenmaß sind beispielhaft.

In diesen Tagen spüren wir alle unsere besondere Verantwortung für Deutschland und für eine friedliche Ordnung in Europa. Bei meinen Gesprächen und Verhandlungen in Dresden waren 20 wir gemeinsam bemüht, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

Auch nach Jahrzehnten der Teilung ist das Bewußtsein für die Einheit unserer Nation lebendig. Ich möchte Ihnen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger in der Bundesrepublik, danken für die Unterstützung, die Sie unseren Landsleuten aus der DDR erwiesen haben.

Besonders glücklich bin ich darüber, daß noch vor dem Weihnachtsfest die politischen Gefan- 25 genen in der DDR endlich in die ersehnte Freiheit entlassen wurden.

Das vergangene Jahr hat uns der Einheit unseres Vaterlandes ein gutes Stück nähergebracht. Aber ohne die grundlegenden Veränderungen in der Sowjetunion, in Ungarn und in Polen wäre die friedliche Revolution in der DDR nicht möglich gewesen. Dies wollen wir in Dankbarkeit anerkennen.

30 Zu den unvergeßlichen Bildern des Jahres 1989 gehört, wie Ungarn auf dem Weg zur Demokratie den Eisernen Vorhang zerschnitten und beseitigt hat. So wurde Zehntausenden unserer Landsleute der Weg in die Freiheit geöffnet und damit der erste Stein aus der Mauer geschlagen.

[...] Alle demokratisch gesinnten Menschen und Völker müssen solidarisch zusammenste- 35 hen. Deshalb bleiben wir fest verankert in der Wertegemeinschaft der westlichen Demokratien. Nur auf diese Weise können wir den Frieden und die Freiheit in Deutschland und Europa sichern und erhalten. Zugleich dürfen wir das Elend und die Sorgen der Menschen in der „Dritten Welt“ nicht vergessen.

In meinem Zehn-Punkte-Programm zur deutschen Einheit habe ich den Weg aufgezeigt, wie 40 das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit wiedererlangen kann. Die Zulassung unabhängiger Parteien und freie Wahlen in der DDR sind wichtige Schritte auf diesem Wege.

Wir wollen alles tun, um die wirtschaftliche Lage für die Menschen in der DDR rasch und spürbar zu verbessern. Sie sollen sich in ihrer Heimat – in Mecklenburg und Thüringen, in 45 Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt – wohl fühlen können.

Die deutsche Einheit und die europäische Einigung müssen zusammen erstrebt werden. Deutschland ist unser Vaterland, Europa unsere Zukunft! Die Europäische Gemeinschaft darf nicht an der Elbe enden. 2

[...] Liebe Landsleute, wir haben allen Grund, am heutigen Silvesterabend mit Zuversicht das 50 neue Jahrzehnt zu erwarten. Wir nähern uns dem Ende eines Jahrhunderts, das so viel Leid und Elend sah.

Das vor uns liegende Jahrzehnt kann für unser Volk das glücklichste dieses Jahrhunderts werden: Es bietet die Chance auf ein freies und geeintes Deutschland in einem freien und geeinten Europa. Es kommt dabei entscheidend auf unseren Beitrag an.

55 Ich grüße alle Deutschen. Gott segne unser Vaterland.

1 Am 19.12.1989 sprach Helmut Kohl (1930 – 2017), Bundeskanzler von 1982 – 1998, vor der Frauenkirche in Dresden zu zehntausenden DDR-Bürgern.

2 Gemeint ist hier die deutsch-deutsche Grenze.

Teilaufgabe 1

Teilaufgabe 2

Teilaufgabe 3

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