Aufgabe 2 (HT 2) · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Aufgabenstellung (HT 2)
Materialgrundlage
Rudolf Heß: Ihr werdet uns nicht niederzwingen! Rede des Stellvertreters des Führers am 11. Oktober 1936 anlässlich der Einweihung der Adolf-Hitler-Halle in Hof. In: Deutschlands Aufstieg zur Großmacht 1936, hrsg. von Axel Friedrichs, 3. Aufl., Berlin 1939, S. 258–267. (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
Aus einer Rede von Rudolf Heß¹ bei der Einweihung der Adolf-Hitler-Halle in Hof (Bayern) am 11.10.1936:
[...] Wir wollen keine Experimente, keinen Betrug, sondern wir wollen einen in ehrlicher Arbeit, auf solider Grundlage und in guten kaufmännischen Sitten sich vollziehenden Warenhandel. Dazu brauchen wir natürlich und selbstverständlich Absatzmärkte.
Aber Absatzmärkte, die wir im Krieg verloren, können wir nicht mehr zurückerobern, weil andere Staaten sie nun besitzen und sie nicht mehr hergeben. Daher reicht unsere Ausfuhr zur Zeit nicht aus, um alles, was wir benötigen, einzuführen. Wir wissen, daß obendrein in den vergangenen Jahren die Juden in aller Welt am Werke waren, durch Boykotthetze und dergleichen unsere Ausfuhr weiter zu drosseln. Eine Zeitlang hatten sie Teilerfolge mit Hilfe ihrer Rassegenossen in den Warenzentralen der liberalistischen Länder. Heute ist ihr Bemühen bereits vergeblich; der Versuch, ein großes, arbeitsames Volk durch Aushungern zur Kapitulation zu bringen, ist gescheitert! Und die Herren da draußen sollen es sich gesagt sein lassen: auch alle weiteren Versuche werden scheitern! Ihr werdet uns nicht niederzwingen! Das Volk Adolf Hitlers weiß, worum es geht! Es nimmt es auf sich, wenn nötig, sich dazwischen etwas einzuschränken – kapitulieren wird es nicht!
Und niemand glaube, daß, wenn der wirtschaftliche Kampf gegen unser Volk fehlschlug, Deutschland etwa durch Waffengewalt überwältigt werden könnte, vielleicht durch das Inmarschsetzen des sowjetrussischen Militarismus. Wir haben vorgesorgt!
Und wir sind bereit, auch künftig, wenn notwendig, mal etwas weniger Fett, etwas weniger Schweinefleisch, ein paar Eier weniger zu verzehren, weil wir wissen, daß dieses kleine Opfer ein Opfer bedeutet auf dem Altar der Freiheit unseres Volkes. Wir wissen, daß die Devisen², die wir dadurch sparen, der Aufrüstung zugute kommen. Auch heute noch gilt die Parole: „Kanonen statt Butter!“ Der Führer gehört nicht zu denen, die eine Sache halb tun. Da uns eine Welt in Waffen gezwungen hat, aufzurüsten, rüsten wir auch ganz auf! Jedes Geschütz mehr, jeder Tank mehr, jedes Flugzeug mehr ist ein Mehr an Sicherheit für die deutsche Mutter, daß ihre Kinder nicht hingemordet werden in einem unseligen Krieg – nicht hingefoltert werden durch bolschewistische Banden. Wir sorgen dafür, daß die Lust, uns anzugreifen, endgültig vergeht!
Wir wissen noch eines: der Verbrauch an Lebensmitteln ist im Laufe der Regierung des Führers nicht geringer, sondern wesentlich größer geworden. Und wir müssen stolz darauf sein, daß dieser Verbrauch größer wurde, daß die Nachfrage des deutschen Volkes nach Lebensmitteln gestiegen ist, weil daraus hervorgeht, daß eben das deutsche Volk und insbesondere der deutsche Arbeiter in seiner Gesamtheit wieder mehr, zum Teil bessere und früher entbehrte Nahrungsmittel kaufen kann. Millionen und aber Millionen sind heute in der Lage, mehr Nahrungsmittel für sich und ihre Familie zu erwerben als früher, und sie sind sogar in der Lage, sich solche Nahrungsmittel zu kaufen, die sie sich früher nicht leisten konnten. Es sind insgesamt ungefähr 6 ½ Millionen Menschen, die heute sagen dürfen, daß sie unter Adolf Hitler nicht nur Arbeit gefunden haben, sondern daß sie im Durchschnitt im Monat etwa 85 RM³ mehr ausgeben können als vor der Machtergreifung, d. h. als sie arbeitslos waren und Unterstützung erhielten.
[...] [D]ie unterernährten Arbeitslosen von einst und ihre Familien haben ein Bedürfnis nach etwas mehr Fleisch, mehr Fett usw., ein Bedürfnis, das sie nun nach langen Jahren des Darbens⁴ befriedigen können. Stellen Sie sich aber vor, was es bedeutet, wenn für die unerhörte Summe von 3 Milliarden⁵, d. h. 3000 Millionen Mark während eines Jahres mehr Lebensmittel verlangt werden als vorher! Wundert es da jemanden, daß es gelegentlich kleine Schwierigkeiten auf dem Lebensmittelmarkt gibt? Ich weiß, daß unser Volk es freudig auf sich nimmt, von Zeit zu Zeit etwas weniger Fett, Fleisch oder dergleichen zu verzehren, im Bewußtsein, daß dafür Millionen von Volksgenossen laufend etwas besser ernährt werden als einst, da sie arbeitslos waren. Mit Stolz können wir feststellen: etwas zu wenig Butter für den einzelnen ist der Beweis für den Erfolg der Arbeitsschlacht für die Gesamtheit. Der Verzicht des einzelnen bedeutet Gewinn für Millionen! [...]
Wir alle wollen dem Führer und wollen dem Höheren, der uns den Führer sandte, danken, wir wollen danken, daß wir unser täglich Brot haben; wir wollen danken, daß wir ein einig Volk geworden sind, in dem alle zueinander stehen in jeder Not und jeder Gefahr: gleichwertige Genossen, die in Ruhe und Frieden schaffen können für sich und ihr Volk. [...]
Das deutsche Volk wird hiermit dem Führer danken, daß er durch unserer Hände Arbeit Werke erstehen läßt, auf die wir mit Stolz blicken, auf die Kinder und Kindeskinder mit Stolz blicken werden: die gewaltigen Autobahnen, Straßen und Kanäle, herrliche Bauten der Gemeinschaft, bald auch unzählige Bauten, die dem einzelnen ein besseres Heim gewähren, neuen Ackerboden aus Sümpfen, neuen Ackerboden an der Küste.
Wir wollen dem Führer danken, daß er eine neue Jugend erstehen ließ, daß er einen Arbeitsdienst schuf, einen männlichen und einen weiblichen, eine Gemeinschaft von einem Geiste, daß einem das Herz übergeht.
Wir wollen dem Führer danken, daß er ein starkes Heer schuf – ein gewaltiges Volksheer, ausgerüstet mit den besten Waffen, daß Flugzeuggeschwader uns vor Angriffen aus der Luft schützen, daß kampfstarke Schiffe den Schutz unserer Volksgenossen draußen in der Welt zu übernehmen vermögen, daß wir wieder sicher sind vor allen, die den Schrecken des Krieges in das deutsche Land tragen wollen. [...]
¹ Rudolf Heß (1894–1987): ab 1933 Stellvertreter Hitlers in der NSDAP
² Devisen: Zahlungsmittel in fremder Währung
³ RM: Reichsmark
⁴ darben: ungewollt verzichten müssen
⁵ Heß rechnet vorab vor, dass aufgrund der Arbeitsbeschaffung der Bedarf an Lebensmitteln um 3 Mrd. Reichsmark gestiegen sei.
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Arbeiten Sie zuerst die ideologischen Elemente des Nationalsozialismus heraus, auf denen die Rede beruht. Erläutern Sie danach unter Einbeziehung des Textes die Ziele und Maßnahmen der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik bis 1939. [32 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, was Heß über die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation im Deutschen Reich sagt. [26 Punkte]
Hinweis zur Bewertung: Für die inhaltliche Leistung in den drei Teilaufgaben werden 80 Punkte vergeben, für die Darstellungsleistung 20 Punkte (insgesamt 100 Punkte).

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder.
Lösung: Strukturierte Analyse von Gedankengang und Hauptaussagen der Rede von Rudolf Heß vom 11.10.1936.
2. Arbeiten Sie zuerst die ideologischen Elemente des Nationalsozialismus heraus, auf denen die Rede beruht. Erläutern Sie danach unter Einbeziehung des Textes die Ziele und Maßnahmen der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik bis 1939.
Lösung: Herausarbeitung der NS-Ideologieelemente sowie Erläuterung der wirtschaftspolitischen Ziele und Maßnahmen bis 1939.
3. Beurteilen Sie, was Heß über die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation im Deutschen Reich sagt.
Lösung: Differenzierte Beurteilung der Aussagen von Rudolf Heß zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realität im NS-Staat.
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