Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Ordnen Sie den Text in den Vorgang der machtpolitischen Festigung der NS-Herrschaft im Jahr 1933 ein und erläutern Sie die ideologischen Elemente des Nationalsozialismus, die dem Text zugrunde liegen. Arbeiten Sie danach heraus, welche Anforderungen Wollenhaupt an die Lehrkräfte und welche an die Erziehung in der „neue[n] Schule“ richtet. (34 Punkte)

3.

Bewerten Sie Wollenhaupts Anforderungen aus der Perspektive der Gegenwart. (24 Punkte)

Materialgrundlage:

Aus einer Rede des lippischen Landesschulrats Ludwig Wollenhaupt über das nationalsozialistische Schulprogramm (1933):

Deutsche Erzieher und Erzieherinnen! Liebe Kollegen und Kolleginnen!

[...]

Sie alle kennen die Verordnungen zum neuen Beamtengesetz. Sie sind hart, aber notwendig, um das deutsche Volk vom Abgrund zurückzureißen. Beamte und insbesondere Lehrer, die dem Marxismus der jüdischen Demokratie, dem zersetzenden Liberalismus, dem Internationalismus, dem Pazifismus und dem Rassenmischmasch gehuldigt haben, müssen es sich gefallen lassen, daß sie jetzt erst behauen werden, bevor sie als brauchbare Steine mit in den gewaltigen Volksbau Adolf Hitlers eingefügt werden können. Die Einwendungen gegen die erfolgten Versetzungen zeigen meist noch eine sehr starke Verkennung der wirklichen Lage und Tatsachen. Das Sichselbsterkennen und das Umlernen fällt manchem noch recht schwer, oder er sucht es sich durch rasche Anmeldung äußerlich leicht zu machen. Damit ist der Sache nicht gedient. Ihr Eintritt als Fachschaft aber gibt die Grundlage, die Gleichschaltung im Geiste vertrauensvoll in Angriff zu nehmen. Erst durch diese innere Gleichschaltung sind Sie als Erzieher im und zum Dritten Reich voll brauchbar. [...]

In Deutschland vollzieht sich die gewaltigste Revolution aller Zeiten. Sie hat eine völlig neuartige Form. Keine Maschinengewehre auf den Straßen, kein Massenmord der Andersdenkenden. Wohl aber die Kraft und Folgerichtigkeit eines unabwendbaren elementaren Ereignisses. Das alles in einem unerhörten Tempo. Es ist nicht nur eine politische Revolution, sondern auch eine Revolution der Erziehung. Politik und Pädagogik sind nicht zu trennen; sie bindet das gleiche Lebensgeschehen. Politik ist Sinnvollendung und Werterfüllung des Lebens unter der Idee der völkischen Gemeinschaft. Erziehung ist seelisch-geistige Lebensformung zur Gewinnung und Erhaltung dieser Gemeinschaft. Politik ist auf die staatlichen, Erziehung auf die inneren Ordnungen des Volkes gerichtet. Erziehung ist Menschenformung im Sinne der ewigen Gesetze des Lebens. Deutsche Erziehung ist mithin Formung des deutschen Menschen im deutschen Volkstum. Sie hat als Ziel Einheit der Persönlichkeit, die alle schöpferische Ursprünglichkeit des nordisch-deutschen Geistes besitzt, die aber darüber hinaus die ewige Verpflichtung in sich trägt, diese Werte zu erfassen, zu erleben und zu gestalten im Bewusstsein der Verpflichtung gegenüber der völkischen Lebens- und Schicksalsgemeinschaft. Daher heißt das neue Gesetz der deutschen Schule, das ihr der neue Staat gibt: den politisch-deutschen Menschen zu bilden, der in allem Denken und Handeln dienend und opfernd in seinem Volk wurzelt. Die neue Schule geht grundsätzlich vom Gemeinschaftsgedanken aus und fordert die freie Bindung der einzelnen durch das Gesamtwohl.

Die neue Schule soll dem deutschen Menschen im deutschen Volkstum Form und Inhalt geben.

[...] Der neue Staat richtet daher in erster Linie an jeden deutschen Erzieher die ernste Frage: Wie stehst du zur Rassenfrage? Wer wie ich über 20 Jahre auf dem Gebiet der Rassenlehre und Rassenpflege gekämpft hat, kennt die Gegner sehr genau. Sie reichen von links bis rechts. Daß der Marxismus unter jüdischer Führung von Rasse nichts wissen wollte, war unehrlich; denn wie man im Buche Esra nachlesen kann, kennt der Jude selbst die Bedeutung der Rasse und handelt danach. Daß die Demokratie, welche ebenfalls unter jüdischer Führung die geistigen und sittlichen Wertunterschiede des Lebens zerstören half, die Rassenlehrer bekämpfte, war selbstverständlich. [...]

Der Pazifismus nahm dem Volk und seinen Gliedern Lebensrecht und Lebensmöglichkeit und leugnete rassische Werte. Aber auch Deutschnationale und selbst ein großer Teil des Adels gingen der Frage aus dem Wege, weil sie geschäftlich oder leider auch blutsmäßig mit dem geborenen Gegner deutschen Rassenbewusstseins, dem Judentum, zusammenhingen. Da die Rassenfrage das A und O der neuen Erziehung bildet, mögen die Lehrer, die aus den genannten politischen Lagern kommen, sich ernstlich prüfen, umlernen und mit der Frage gründlich vertraut machen. Die Rassenfrage soll und muß vorerst im Mittelpunkt aller Bezirkskonferenzen stehen. Wer zur Rassenfrage keine bejahende Einstellung finden kann, ist als Erzieher im Dritten Reich nicht brauchbar.

Rede Ludwig Wollenhaupts, in: Beiblatt zum Lippischen Kurier vom 15.05.1933. Zitiert nach: Volker Wehrmann, Lippe im Dritten Reich. Die Erziehung zum Nationalsozialismus. Eine Dokumentation 1933 – 1939, 3. Aufl., Bielefeld 1984, S. 175 – 178.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder.

Lösung: Strukturierte Textanalyse mit Einleitung (Verfasser Oberschulrat Ludwig Wollenhaupt, schulpolitische Ansprache vom 15.05.1933 im Beiblatt zum Lippischen Kurier an die Lehrerschaft), Benennung des Themas (Gleichschaltung des Schulwesens im NS-Staat), Kernaussage sowie strukturierter Wiedergabe von Gedankengang und Hauptaussagen.

2. Ordnen Sie den Text in den Vorgang der machtpolitischen Festigung der NS-Herrschaft im Jahr 1933 ein und erläutern Sie die ideologischen Elemente des Nationalsozialismus, die dem Text zugrunde liegen. Arbeiten Sie danach heraus, welche Anforderungen Wollenhaupt an die Lehrkräfte und welche an die Erziehung in der „neue[n] Schule“ richtet.

Lösung: Historische Einordnung in die Machteheftung 1933 (u. a. Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, Reichstagsbrandverordnung, Ermächtigungsgesetz, Gleichschaltung der Länder); Erläuterung der ideologischen Elemente (Antisemitismus, Rassismus, völkische Gemeinschaft, Führerprinzip, Antimarxismus, Antiliberalismus); Herausarbeitung der Anforderungen an die Lehrkräfte (politische und weltanschauliche Gleichschaltung, Bekenntnis zur Rassenlehre) und an die Erziehung („Formung des deutschen Menschen“, Ausrichtung auf Volkstum und Rassenfrage).

3. Bewerten Sie Wollenhaupts Anforderungen aus der Perspektive der Gegenwart.

Lösung: Kritische Beurteilung der totalitären Indoktrination und Gleichschaltung im Vergleich zum heutigen Leitbild demokratischer Bildung (Grundgesetz, Diskriminierungsverbot, Mündigkeit, Pluralismus, Kontroversitätsgebot/Beutelsbacher Konsens) sowie ein zusammenfassendes Fazit.

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