Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Erläutern Sie die wirtschaftlichen Regelungen des Versailler Vertrages, die zum Verständnis des Textes erforderlich sind, sowie die ideologischen Grundlagen und die Maßnahmen der NS-Wirtschaftspolitik bis 1935. Charakterisieren Sie im Anschluss daran die wirtschaftspolitischen Standpunkte Adolf Hitlers, die im Text erkennbar werden. (34 Punkte)

3.

Beurteilen Sie, inwiefern die im Text von Hitler beschriebene NS-Wirtschaftspolitik geeignet war, die wirtschaftliche Krise in Deutschland zu überwinden. (24 Punkte)

Hinweis: Für die Darstellungsleistung können bis zu 20 Punkte erzielt werden. (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte)

Materialgrundlage:

Adolf Hitler: Erklärung der Reichsregierung auf der fünften Sitzung des Reichstages am 21. Mai 1935. In: Verhandlungen des Reichstags. IX. Wahlperiode 1933. Band 458. Stenographische Berichte. Anlagen zu den Stenographischen Berichten. Berlin 1936, S. 40 – 41.

Aus einer Rede Adolf Hitlers vor dem Reichstag am 21. Mai 1935:

[...]

1 Nach einem vierjährigen Krieg, der an sich der gesamten nationalen Volkswirtschaft schon

furchtbare Schäden zugefügt hatte, zwangen die siegreichen Gegner das deutsche Volk unter

ein Friedensdiktat, das – bar¹ jeder politischen und wirtschaftlichen Vernunft – das am Ende

des Krieges sich ergebende Verhältnis der Kräfte zur rechtlichen Grundlage des Lebens der

5 Völker für immer machen will. Ohne jede Prüfung der wirtschaftlichen Lebensbedingungen

und Gesetze, ja in direktem Gegensatz zu ihnen werden einerseits die ökonomischen Mög-

lichkeiten gedrosselt², andererseits aber außerhalb jeder Wirklichkeit liegende Leistungsan-

sprüche gestellt. Unter der Generalbezeichnung „Wiedergutmachung“ erfolgt die Zerstörung

der deutschen Wirtschaft. [...]

10 Es stellt ein schlechtes Zeugnis für das wirtschaftliche Verständnis unserer damaligen poli-

tischen Gegner aus, daß sie die Unmöglichkeit der weiteren Erfüllung unbegrenzter, ja man-

chesmal geradezu unverständlicher Forderungen erst dann einzusehen begannen, als durch

dieses ihr Verhalten nicht nur die deutsche Nationalwirtschaft restlos zugrunde gerichtet war,

sondern auch die Wirtschaft der anderen Länder dem nachzufolgen begann.

15 Das Ergebnis dieses Wahnsinns aber war in Deutschland eine stillgelegte Industrie, eine

vernichtete Landwirtschaft, ein ruinierter Mittelstand, ein verödeter Handel, eine überschul-

dete Gesamtwirtschaft, durch und durch zerrüttete öffentliche Finanzen, 6 1/2 Millionen regis-

trierte, in Wirklichkeit aber mehr als 7 1/2 Millionen tatsächliche Erwerbslose!

[...] Der Verlauf des Krieges und besonders die Folgen der Nachkriegspolitik werden der-

20 einst als eine klassische, wenn auch furchtbare Widerlegung gelten können jener naiven Mei-

nung – die aber leider vor dem Kriege das Denken mancher Staatsmänner beherrschte –, daß

der wirtschaftliche Vorteil eines europäischen Staates am besten gefördert würde durch die

wirtschaftliche Vernichtung eines anderen.

Die wirtschaftliche Friedensbelastung der deutschen Nation auf der einen Seite sowie ihre

25 welt- und binnenwirtschaftliche Benachteiligung auf der anderen zwingen aber jede Staats-

führung, sie mag nun wollen oder nicht, den gegebenen Verhältnissen Rechnung zu tragen.

[...] Es ist wirtschaftlich gesehen wenig vernünftig, aus natürlich gegebenen Agrar- und Roh-

stoffgebieten künstlich Industrieländer zu machen und umgekehrt die menschenüberfüllten

Industriestaaten zu einer primitiven Rohstoff- oder gar Rohstoff-Ersatzerzeugung zu zwingen.

30 [...] In eben dem Maße, in dem der fehlende internationale Absatz uns zur Einschränkung im

Einkauf verpflichtet, wird – um die deutsche Arbeitskraft nicht brachliegen³ zu lassen – ver-

sucht werden müssen, die fehlenden Rohstoffe entweder durch komplizierte Verfahren selbst

zu gewinnen oder, wenn dies nicht möglich ist, sie zu ersetzen. Diese Aufgabe kann aber nur

durch eine planmäßig geleitete Wirtschaft gelöst werden, – ein gefährliches Unternehmen,

35 weil jeder Planwirtschaft nur zu leicht die Verbürokratisierung und damit die Erstickung der

ewig schöpferischen privaten Einzelinitiative folgt. Wir können aber im Interesse unseres

Volkes nicht wünschen, daß durch eine sich dem Kommunismus nähernde Wirtschaft und

der daraus bedingten Einschläferung der Produktionsenergie die mögliche Gesamtleistung

unserer vorhandenen Arbeitskraft vermindert wird und somit der allgemeine Lebensstandard,

40 statt eine Verbesserung, erst recht eine Verschlechterung erfährt. Diese Gefahr wird noch

erhöht durch die Tatsache, daß jede Planwirtschaft nur zu leicht die harten Gesetze der wirt-

schaftlichen Auslese der Besseren und der Vernichtung der Schwächeren aufhebt oder zumin-

dest einschränkt zugunsten einer Garantierung der Erhaltung auch des minderwertigsten Durch-

schnitts auf Kosten der höheren Fähigkeit, des höheren Fleißes und Wertes und damit zu Las-

45 ten des allgemeinen Nutzens.

Wenn wir also trotz solcher Erkenntnisse diesen Weg beschritten haben, dann geschah es

unter dem härtesten Zwang der Notwendigkeit. Was in den 2 1/2 Jahren auf dem Gebiet einer

planmäßigen Arbeitsbeschaffung, einer planmäßigen Marktregulierung, einer planmäßigen

Preis- und Lohngestaltung erreicht wurde, hat man noch wenige Jahre vorher für gänzlich un-

50 möglich gehalten. Allein es gelang nur dadurch, daß wir hinter diese scheinbar so trockenen

wirtschaftlichen Maßnahmen die lebendige Energie der ganzen Nation stellten. Eine Unzahl

sachlicher und psychologischer Voraussetzungen mußten zu dem Zweck aber erst geschaffen

werden. Um das Funktionieren der nationalen Wirtschaft sicherzustellen, war es notwendig,

zunächst eine unbedingte Ruhe in die ewige Bewegung der Lohn- und Preisbildung zu brin-

55 gen. Es war weiter erforderlich, allen nicht aus einem höheren national wirtschaftlichen Inte-

resse kommenden Eingriffen die treibenden Voraussetzungen zu entziehen, – das heißt die

von der Lohn- und Preispolitik lebenden Klassenorganisationen beider Lager aufzuheben⁴.

Die Zerschlagung der Kampfgewerkschaften sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeitneh-

mer erforderte die analoge Beseitigung der von diesen Interessentengruppen ausgehaltenen

60 und sie dafür stützenden politischen Parteien. Dies wieder zwang zur Einführung einer neuen

konstruktiven und lebendigen Verfassung und zu einem neuen inneren Reichs- und Staatsauf-

bau! Sollte das alles aber mehr sein als rein äußerliche Organisationsänderungen, dann mußte

das Volk selbst zu einem neuen gesellschaftlichen Denken und Leben erzogen werden. [...]

¹ bar: ohne

² gedrosselt, hier: gebremst

³ brachliegen, hier: ungenutzt bleiben

⁴ gemeint sind die Arbeitgeberverbände und die Gewerkschaften

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder.

Lösung: Ausarbeitung zur Analyse von Hitlers Reichstagsrede vom 21. Mai 1935 (Einleitung mit formalen Kriterien, Thema, Kernaussage, Wiedergabe des Gedankengangs und der Hauptaussagen).

2. Erläutern Sie die wirtschaftlichen Regelungen des Versailler Vertrages, die zum Verständnis des Textes erforderlich sind, sowie die ideologischen Grundlagen und die Maßnahmen der NS-Wirtschaftspolitik bis 1935. Charakterisieren Sie im Anschluss daran die wirtschaftspolitischen Standpunkte Adolf Hitlers, die im Text erkennbar werden.

Lösung: Erläuterung der Bestimmungen des Versailler Vertrages, der ideologischen Grundlagen, der NS-Maßnahmen bis 1935 sowie Charakterisierung von Hitlers Positionen.

3. Beurteilen Sie, inwiefern die im Text von Hitler beschriebene NS-Wirtschaftspolitik geeignet war, die wirtschaftliche Krise in Deutschland zu überwinden.

Lösung: Differenzierte Beurteilung der Überwindung der ökonomischen Krise durch die NS-Wirtschaftspolitik mit abschließendem thesenförmigem Fazit.

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