Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften 2022 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Geschichte-Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2022, LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 1 Aufgabe mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · Kalter Krieg und Kubakrise · Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration
Aufgabe 1 (HT 1) · Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus
Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Materialgrundlage
Paul Rohrbach: Der deutsche Gedanke in der Welt. Düsseldorf 1912, S. 7 ff.
Einleitung aus dem Buch „Der deutsche Gedanke in der Welt“ von Paul Rohrbach (1869–1956, Theologe, Kolonialbeamter und Schriftsteller), 1912:
1 Das Angelsachsentum hat heute eine so gewaltige Ausdehnung gewonnen, daß es, gestützt auf die Zahl seiner Angehörigen, seine Machtmittel und seine innere Kraft, im Begriffe erscheint, die kulturelle Weltherrschaft anzutreten. Rußland, an räumlicher Ausdehnung und Menschenzahl das größte der nicht-angelsächsischen und politischen Gebilde, steht durch innere Unkultur und Brüchigkeit seiner früheren weltpolitischen Hoffnungen beraubt vor uns.
5 Frankreich, das im XVIII. Jahrhundert diesseits und jenseits des Ozeans mit England rivalisierte und es an allgemeinem Einfluß auf die Weltkultur weit übertraf, hat durch den moralischen Niedergang seines sich selbst zur Kinderarmut verurteilenden Volks freiwillig darauf verzichtet, am Wettbewerb der Weltvölker zukünftig noch teilzunehmen. Nur die deutsche Nation hat sich neben den Angelsachsen so entwickelt, daß sie zahlreich und innerlich stark genug erscheint, um auch für ihren Volksgedanken Anspruch auf ein entscheidendes Mitgestaltungsrecht am kommenden Weltalter zu erheben. Diesen Gedanken verstehen wir aber allein dann recht, wenn wir einsehen, daß wir unsere Kraft nur durch immerwährende Ausbreitung der deutschen Idee zu erhalten imstande sind. Es gibt für uns kein Stillstehen oder Innehalten, keinen selbst nur vorübergehenden Verzicht auf Ausdehnung unserer Lebenssphäre, sondern wir haben nur die Wahl zwischen dem Zurücksinken auf die Stufe der Territorialvölker oder der Erkämpfung eines Platzes an der Seite der Angelsachsen. Wir sind wie der Baum, der im Felsspalt wurzelt. Entweder wir drücken das Gestein auseinander und wachsen weiter – oder der Widerstand ist so groß, daß wir verkümmern, weil wir
20 nicht genug Nahrung bekommen. Undenkbar ist es, zu sagen: entfaltet eure Kultur, mehrt euren Reichtum, steigert euer wissenschaftliches, technisches, künstlerisches Können, aber verzichtet darauf, als Kaufleute und Fabrikanten immer neue Länder zu bearbeiten, neue Schiffe zu bauen und neues Kapital in die Weltwirtschaft hineinzuwerfen, eure Söhne in die Ferne zu schicken und von den Enden der Erde den Ertrag eurer Arbeit nach eurem Lande zusammenzuschaffen! Wie sollen wir darauf verzichten, wenn wir so schnell wachsen, daß wir in drei Jahren um so viele Menschen zunehmen, wie es Schweizer gibt, in sechs Jahren uns um die Menge sämtlicher Bewohner Hollands oder Schwedens vermehren und in einem Menschenalter ein zweites Volk, so zahlreich wie die Spanier und Portugiesen, zu unserer früheren Zahl hinzuerzeugt haben! Unser Wachstum ist ein Vorgang von elementarer Naturkraft. Nur ein Verdorren des natürlich sittlichen Empfindens, wie die Franzosen es an sich erlebten, oder eine furchtbare äußere Katastrophe, die uns so arm macht, daß wir die Kinder nicht mehr aufziehen können, die uns geboren werden, wäre imstande, unsere Vermehrung zum Stillstand zu bringen.
34 Wir wachsen und mehren uns, aber nicht in einem weiträumigen Lande, das Überfluss an allem hat, was man zum Leben braucht: an Feldfrucht, Bodenschätzen und Rohstoffen, sondern wir sind in enge und keineswegs günstige Grenzen gepreßt und müssen von Jahr zu Jahr mehr Gut aus der Ferne herbeischaffen, um satt zu werden und unsere Maschinen in Gang zu halten. Mit jedem Jahre wächst derjenige Teil unseres Volkes, der sein Dasein nur fristen kann, wenn Materialien eingeführt und Fabrikate ausgeführt werden, fast um eine Million. Unser Schulwissen und alle sonstige Bildung, unsere Technik, Erfindungsgabe und Kunst, unsere Gründlichkeit und Exaktheit, hier und da vielleicht auch schon etwas freien Geschmack, legen wir in den Verwandlungsprozeß hinein, der amerikanisches Holz und spanisches Metall, ägyptische Baumwolle und australisches Mohair, Kautschuk vom Kongo und Ochsen heute vom La Plata bei uns zu Fabrikaten für den Weltmarkt umschafft. Den Weltmarkt! – ihn brauchen wir jetzt schon für unsere Existenz ebenso nötig wie unsere eigene Scholle, und unerbittlich kommt der Tag näher, an dem wir ihn noch nötiger brauchen werden als sie. Nur aber, wenn mit unserem eigenen Wachstum auch Anteil und Ertrag an Weltmarkt und Weltwirtschaft für uns zunehmen, können wir gesund bleiben; nur dann vermögen wir die inneren Werte, die aus unserer nationalen Idee herauswachsen, auch sich entfalten, aufblühen und als gestaltende Faktoren der Weltkultur wirken zu lassen. Aufhören des Wachstums wäre für uns die Katastrophe nach außen wie nach innen, denn es könnte unter unseren heutigen Verhältnissen auf keine Weise ein freiwilliges oder natürliches sein, sondern erst dann sich ereignen, wenn ein anderes Volk oder eine Vereinigung von Völkern uns derartig zu Boden geworfen hat, daß wir auf lange Zeit hinaus siech werden.
55 Die deutsche Idee also kann nur lebendig bleiben und zunehmen, wenn ihre materielle Grundlage, das heißt die Zahl der Deutschen, der Wohlstand Deutschlands, die Menge und Größe der dem deutschen Wirtschaftsleben dienstbar gemachten weltwirtschaftlichen Beziehungen sich fort und fort erweitern. Indem sie das tun, nötigen sie aber den Angelsachsen den Zwang auf, sich zu entscheiden, ob sie sich mit ihren Interessen in der Welt zugleich den unsrigen anpassen und sich gemeinsam mit uns über ihren und unseren Anteil verständigen, oder ob sie das Ziel ihrer Alleinherrschaft gegen uns mit Gewalt verteidigen wollen. Wählen sie das erstere, so tun sie es, weil sie den Kampf um unserer Stärke Willen für gefährlich halten. Entscheiden sie sich für den Waffengang, so wird es von unserer Stärke abhängen, ob wir siegen, unterliegen oder uns behaupten.
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes gegliedert wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie die außenpolitischen, wirtschaftlichen und ideologischen Voraussetzungen des deutschen Imperialismus von den 1880er Jahren bis zur Entstehungszeit des Textes. Weisen Sie im Anschluss daran nach, dass Rohrbachs Auffassungen auf imperialistischem Denken gründen. [34 Punkte]
3.
Diskutieren Sie unter Einbeziehung der internationalen Entwicklung, inwiefern vor allem imperialistische Auffassungen wie die Rohrbachs unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg eine Stimmung erzeugt haben, die zwangsläufig den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verursacht hat. [24 Punkte]
Hinweis: Weitere 20 Punkte werden für die Darstellungsleistung vergeben (Strukturierung, Fachsprache, Textbelege und sprachliche Richtigkeit). Gesamtpunktzahl: 100 Punkte.
Aufgabe 2 (HT 2) · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft
Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Aufgabenstellung (HT 2)
Materialgrundlage
Rudolf Heß: Ihr werdet uns nicht niederzwingen! Rede des Stellvertreters des Führers am 11. Oktober 1936 anlässlich der Einweihung der Adolf-Hitler-Halle in Hof. In: Deutschlands Aufstieg zur Großmacht 1936, hrsg. von Axel Friedrichs, 3. Aufl., Berlin 1939, S. 258–267. (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
Aus einer Rede von Rudolf Heß¹ bei der Einweihung der Adolf-Hitler-Halle in Hof (Bayern) am 11.10.1936:
[...] Wir wollen keine Experimente, keinen Betrug, sondern wir wollen einen in ehrlicher Arbeit, auf solider Grundlage und in guten kaufmännischen Sitten sich vollziehenden Warenhandel. Dazu brauchen wir natürlich und selbstverständlich Absatzmärkte.
Aber Absatzmärkte, die wir im Krieg verloren, können wir nicht mehr zurückerobern, weil andere Staaten sie nun besitzen und sie nicht mehr hergeben. Daher reicht unsere Ausfuhr zur Zeit nicht aus, um alles, was wir benötigen, einzuführen. Wir wissen, daß obendrein in den vergangenen Jahren die Juden in aller Welt am Werke waren, durch Boykotthetze und dergleichen unsere Ausfuhr weiter zu drosseln. Eine Zeitlang hatten sie Teilerfolge mit Hilfe ihrer Rassegenossen in den Warenzentralen der liberalistischen Länder. Heute ist ihr Bemühen bereits vergeblich; der Versuch, ein großes, arbeitsames Volk durch Aushungern zur Kapitulation zu bringen, ist gescheitert! Und die Herren da draußen sollen es sich gesagt sein lassen: auch alle weiteren Versuche werden scheitern! Ihr werdet uns nicht niederzwingen! Das Volk Adolf Hitlers weiß, worum es geht! Es nimmt es auf sich, wenn nötig, sich dazwischen etwas einzuschränken – kapitulieren wird es nicht!
Und niemand glaube, daß, wenn der wirtschaftliche Kampf gegen unser Volk fehlschlug, Deutschland etwa durch Waffengewalt überwältigt werden könnte, vielleicht durch das Inmarschsetzen des sowjetrussischen Militarismus. Wir haben vorgesorgt!
Und wir sind bereit, auch künftig, wenn notwendig, mal etwas weniger Fett, etwas weniger Schweinefleisch, ein paar Eier weniger zu verzehren, weil wir wissen, daß dieses kleine Opfer ein Opfer bedeutet auf dem Altar der Freiheit unseres Volkes. Wir wissen, daß die Devisen², die wir dadurch sparen, der Aufrüstung zugute kommen. Auch heute noch gilt die Parole: „Kanonen statt Butter!“ Der Führer gehört nicht zu denen, die eine Sache halb tun. Da uns eine Welt in Waffen gezwungen hat, aufzurüsten, rüsten wir auch ganz auf! Jedes Geschütz mehr, jeder Tank mehr, jedes Flugzeug mehr ist ein Mehr an Sicherheit für die deutsche Mutter, daß ihre Kinder nicht hingemordet werden in einem unseligen Krieg – nicht hingefoltert werden durch bolschewistische Banden. Wir sorgen dafür, daß die Lust, uns anzugreifen, endgültig vergeht!
Wir wissen noch eines: der Verbrauch an Lebensmitteln ist im Laufe der Regierung des Führers nicht geringer, sondern wesentlich größer geworden. Und wir müssen stolz darauf sein, daß dieser Verbrauch größer wurde, daß die Nachfrage des deutschen Volkes nach Lebensmitteln gestiegen ist, weil daraus hervorgeht, daß eben das deutsche Volk und insbesondere der deutsche Arbeiter in seiner Gesamtheit wieder mehr, zum Teil bessere und früher entbehrte Nahrungsmittel kaufen kann. Millionen und aber Millionen sind heute in der Lage, mehr Nahrungsmittel für sich und ihre Familie zu erwerben als früher, und sie sind sogar in der Lage, sich solche Nahrungsmittel zu kaufen, die sie sich früher nicht leisten konnten. Es sind insgesamt ungefähr 6 ½ Millionen Menschen, die heute sagen dürfen, daß sie unter Adolf Hitler nicht nur Arbeit gefunden haben, sondern daß sie im Durchschnitt im Monat etwa 85 RM³ mehr ausgeben können als vor der Machtergreifung, d. h. als sie arbeitslos waren und Unterstützung erhielten.
[...] [D]ie unterernährten Arbeitslosen von einst und ihre Familien haben ein Bedürfnis nach etwas mehr Fleisch, mehr Fett usw., ein Bedürfnis, das sie nun nach langen Jahren des Darbens⁴ befriedigen können. Stellen Sie sich aber vor, was es bedeutet, wenn für die unerhörte Summe von 3 Milliarden⁵, d. h. 3000 Millionen Mark während eines Jahres mehr Lebensmittel verlangt werden als vorher! Wundert es da jemanden, daß es gelegentlich kleine Schwierigkeiten auf dem Lebensmittelmarkt gibt? Ich weiß, daß unser Volk es freudig auf sich nimmt, von Zeit zu Zeit etwas weniger Fett, Fleisch oder dergleichen zu verzehren, im Bewußtsein, daß dafür Millionen von Volksgenossen laufend etwas besser ernährt werden als einst, da sie arbeitslos waren. Mit Stolz können wir feststellen: etwas zu wenig Butter für den einzelnen ist der Beweis für den Erfolg der Arbeitsschlacht für die Gesamtheit. Der Verzicht des einzelnen bedeutet Gewinn für Millionen! [...]
Wir alle wollen dem Führer und wollen dem Höheren, der uns den Führer sandte, danken, wir wollen danken, daß wir unser täglich Brot haben; wir wollen danken, daß wir ein einig Volk geworden sind, in dem alle zueinander stehen in jeder Not und jeder Gefahr: gleichwertige Genossen, die in Ruhe und Frieden schaffen können für sich und ihr Volk. [...]
Das deutsche Volk wird hiermit dem Führer danken, daß er durch unserer Hände Arbeit Werke erstehen läßt, auf die wir mit Stolz blicken, auf die Kinder und Kindeskinder mit Stolz blicken werden: die gewaltigen Autobahnen, Straßen und Kanäle, herrliche Bauten der Gemeinschaft, bald auch unzählige Bauten, die dem einzelnen ein besseres Heim gewähren, neuen Ackerboden aus Sümpfen, neuen Ackerboden an der Küste.
Wir wollen dem Führer danken, daß er eine neue Jugend erstehen ließ, daß er einen Arbeitsdienst schuf, einen männlichen und einen weiblichen, eine Gemeinschaft von einem Geiste, daß einem das Herz übergeht.
Wir wollen dem Führer danken, daß er ein starkes Heer schuf – ein gewaltiges Volksheer, ausgerüstet mit den besten Waffen, daß Flugzeuggeschwader uns vor Angriffen aus der Luft schützen, daß kampfstarke Schiffe den Schutz unserer Volksgenossen draußen in der Welt zu übernehmen vermögen, daß wir wieder sicher sind vor allen, die den Schrecken des Krieges in das deutsche Land tragen wollen. [...]
¹ Rudolf Heß (1894–1987): ab 1933 Stellvertreter Hitlers in der NSDAP
² Devisen: Zahlungsmittel in fremder Währung
³ RM: Reichsmark
⁴ darben: ungewollt verzichten müssen
⁵ Heß rechnet vorab vor, dass aufgrund der Arbeitsbeschaffung der Bedarf an Lebensmitteln um 3 Mrd. Reichsmark gestiegen sei.
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Arbeiten Sie zuerst die ideologischen Elemente des Nationalsozialismus heraus, auf denen die Rede beruht. Erläutern Sie danach unter Einbeziehung des Textes die Ziele und Maßnahmen der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik bis 1939. [32 Punkte]
3.
Beurteilen Sie, was Heß über die wirtschaftliche und gesellschaftliche Situation im Deutschen Reich sagt. [26 Punkte]
Hinweis zur Bewertung: Für die inhaltliche Leistung in den drei Teilaufgaben werden 80 Punkte vergeben, für die Darstellungsleistung 20 Punkte (insgesamt 100 Punkte).
Aufgabe 3 (HT 3) · Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration
Aus dem Zeitungsartikel „Warum die deutsche Einheit eine schriftliche Lüge ist“ von Heribert Prantl (02. Oktober 2018):
Es gibt Verfassungen, da hört man beim Lesen Marschmusik. Da schmettert die Präambel, und das Pathos der Verfassungsartikel bläht sich wie Hefeteig. Das Grundgesetz dagegen ist eine bescheidene Verfassung. Sie entstand im zerbombten Deutschland, sie wurde auf zitterndem Boden geschrieben. Aber sie ist trotzdem oder gerade deswegen voller Hoffnung: auf ein besseres Deutschland, auf ein gutes Europa. Manchmal fragt man sich, woher die Mütter und Väter des Grundgesetzes diese Hoffnung nahmen; man bewundert sie dafür, wenn man selbst Trübsal blasen möchte, weil die Weltläufe zum Verzweifeln sind.
Dieses Grundgesetz formuliert mit großem Ernst die Grundrechte, und es setzt einen grandiosen Satz an die Spitze: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Es ist eine Verfassung, die zeigen will, dass der Staat für den Menschen da ist und nicht der Mensch für den Staat; sie gibt den Menschen Heimat. Das alles wird gefeiert werden im kommenden Jahr, wenn das Grundgesetz siebzig Jahre alt wird. Das darf man schon jetzt, zum Tag der Einheit, feiern – auch wenn die Grundrechte in der Geschichte der Republik bisweilen malträtiert worden sind.
Aber, bei allem Respekt: An der Spitze dieser so rühmenswerten Verfassung steht eine Schwindelei, ein grenzenlos selbstzufriedener, fast lügnerischer Satz. Er stand nicht von Anfang an da, er kam erst 1990 hinein. Das war nach der Wiedervereinigung, als die alte Bundesrepublik vor Kraft und Freude kaum noch gehen konnte. Damals wurde in die Präambel ein triumphalistischer Satz geschrieben: Die Deutschen hätten nun die Einheit und Freiheit „vollendet“.
Vollendet? Das klingt nach Vollkommenheit und Krönung. Gemeint war wohl der Vertrag über die Herstellung der Einheit, festgehalten auf 356 Seiten des Bundesgesetzblattes. Noch nie zuvor in der Weltgeschichte war ein Staat so geordnet und penibel aufgelöst worden wie dort die DDR. Der Vertrag war eine Glanzleistung der Bürokratie. In der ehemaligen DDR blieb kein Stein auf dem anderen. Für die Deutschen dort veränderte sich alles, „außer der Uhrzeit und der Jahreszeit“, wie der Publizist Peter Bender in seinem Buch über „Deutschlands Wiederkehr“ schrieb. Für die Westdeutschen änderten sich vorerst nur die Postleitzahlen. Was als „Vollendung“ beschrieben wurde, war diese Herstellung der Einheit.
Aber diese Fehlbezeichnung, diese schriftliche Lüge war und ist bezeichnend. Thomas de Maizière, der spätere Bundesinnenminister, erinnerte sich vor einigen Jahren an die Veränderungsbereitschaft West wie folgt: Sie „war null“. Wolfgang Schäuble, zur Wiedervereinigungszeit Bundesinnenminister, begründete das seinerzeit so: Es handele sich ja um den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, „nicht um die umgekehrte Veranstaltung“. Die Einheit war die Erweiterung Westdeutschlands, nicht die Vereinigung gleichwertiger Staaten. Und die DDR-Bürgerinnen und Bürger wollten es damals auch so. Ein Fehler war es trotzdem.
Die Mehrheit der DDR-Bevölkerung erlebte die Einheits- und Marktwirtschaftsmaschinerie mit der Treuhand an der Spitze als systematische Demütigung. Diese Maschinerie fraß, was die Menschen im Osten hatten: das bisherige Leben, ihre Erfahrungen, ihre Selbstachtung. Sie fraß, was in der DDR schlecht gewesen, aber auch, was gut gewesen war; fraß die alten Vorbilder, die Ost-Elite, die Politiker der ersten Wende-Stunde, den staatlich verordneten Antifaschismus, die Autorität der Eltern, das Selbstvertrauen, den Stolz, die Sicherheit. Nicht wenige Menschen aus der gewesenen DDR reagierten und reagieren darauf mit aggressiver Selbstanerkennung, mit Überhebung gegen Ausländer und Flüchtlinge. War das, ist das die Vollendung der Einheit?
Der Beitritt – es war der Vollzug der Einheit nach Artikel 23 Grundgesetz, durch Beitritt der neugegründeten Bundesländer der ehemaligen DDR. „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ war damals ein Schlagwort der Kritiker dieser Art der Wiedervereinigung. Sie plädierten für den Weg nach Artikel 146 Grundgesetz. Man hätte dann miteinander, auf der Basis des Grundgesetzes, eine neue gemeinsame Verfassung geschrieben – und darüber in ganz Deutschland abgestimmt. So hätte ein Geburtsmakel des Grundgesetzes, die fehlende Zustimmung des Volkes, behoben werden können. Die rechtsstaatliche Tradition der alten Bundesrepublik wäre verknüpft worden mit der demokratischen Autorität des revolutionären Wandels in der DDR. Es war falsch, auf eine Legitimation dieser Güte zu verzichten.
Es sei nicht die Zeit für so etwas, sagten 1990 Kohl, Schäuble und Co. Aber man tat auch nicht dergleichen, als eigens Zeit dafür angesetzt war. Im Einigungsvertrag war eine zweijährige Prüfungsfrist für das Grundgesetz vorgesehen, eine Verfassungskommission sollte die Erfahrungen aus dem Osten einbringen. […] Der Abschlussbericht stammt vom Oktober 1993, ist also jetzt 25 Jahre alt – er ist ein Protokoll des Scheiterns. Er hält die vergeblichen Anläufe und Anregungen von SPD und von Bündnis 90 fest, das Grundgesetz mit neuen Elementen anzureichern, mit einem Plebiszit zum Beispiel. Aber die Union gab einer Reform von Anfang an keine Chance. Das war schade, das ist bitter. Die Verfassung hätte ein Raum und ein Ort sein können, die Verfassung der Menschen in den neuen Bundesländern zu stärken.
Die Einheit ist vollendet: Dies ist ein Satz des großen Behagens und grenzenloser Zufriedenheit. Er klingt wie die Champagnerflasche beim Entkorken: Plopp; jetzt wird ausgeschenkt. Wäre zu solcher satten Zufriedenheit Anlass, würden nicht immer neue Studien die Deutschen in Ost und West danach fragen, ob und wie zufrieden sie mit der Einheit sind. Die Vollendung der Einheit wird im Grundgesetz behauptet. Sie ist aber noch harte Arbeit.
„Die Vollendung der Einheit wird im Grundgesetz behauptet. Sie ist aber noch harte Arbeit.“ Setzen Sie sich mit der These Prantls auseinander, die Einheit sei bis heute nicht abgeschlossen.
Aufgabe 4 (HT 4) · Kalter Krieg und Kubakrise
Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Aufgabe 4 (HT 4)
Materialgrundlage: Thilo Koch: Krieg oder doch kein Frieden? In: Die Zeit, Nr. 43, 26. Oktober 1962.
Aus dem Text „Krieg oder doch kein Frieden?“ von Thilo Koch aus der Zeitung „Die Zeit“ vom 26. Oktober 1962:
Die drei Möglichkeiten: Kollision, Kapitulation, Kompromiß
1 Dies ist nicht der Augenblick, sich etwas vorzumachen. Seit Montag ist der Krieg in Sicht. Es braucht nichts zu geschehen, aber es kann auch alles passieren. So nahe wie heute war die Welt dem Abgrund der Atomschlacht noch nie. Präsident Kennedy hat den Aufbau sowjeti-
5 scher Raketenrampen auf Kuba damit beantwortet, daß er eine Teilblockade über die karibische Insel verhängte. Der Kreml stellte sich hinter Fidel Castro.
7 Zwei Fragen drängen sich auf. Was ist die rechtliche, die völkerrechtliche Grundlage für diese Blockierung der sowjetischen Vorbereitung zur Aggression? Antwort: Kein Paragraph und kein Artikel einer Charta, sondern allein der Wille, sich nicht überrumpeln zu lassen.
10 Und zweitens die Frage: Kann dieses Ziel mit dem Mittel der Blockade erreicht werden? Antwort: Nur dann, wenn die Diagnose richtig ist, daß die Sowjets allein solche Erfolge suchen, die sie nichts kosten, weil ihnen ja angeblich die Welt mit der Zeit ohnehin zufällt. Wenn sie aber nicht bluffen? Man muß hoffen, daß die amerikanischen Entschlüsse kühlen Kopfes gefaßt worden sind und daß die Sorge, aufbrodelnde Emotionen könnten eine Rolle gespielt
15 haben, unbegründet ist.
16 Die erste Runde der großen Auseinandersetzung hat vor dem Forum der Vereinten Nationen begonnen. Zwar ist es schwer zu sehen, wie der Sicherheitsrat, den die USA wie die Sowjetunion mit ihrem Veto lähmen können, eine Lösung finden sollte; nicht minder schwer auch, sich vorzustellen, wie einer der beiden Kontrahenten in der Vollversammlung die notwendige
20 Zweidrittelmehrheit der 110 Nationen zu gewinnen vermöchte. Doch ist diese Stunde der Krise für die Weltorganisation zugleich die Stunde der Bewährung: die Probe auf jene ausgleichende Kraft, die in einer raketenstarrenden Welt sogar den Ohnmächtigen zu Gebote steht. Selbst gegenüber den Supermächten, die sich hier zum erstenmal seit 1945 in direkter, bedrohlicher Konfrontation gegenüberstehen.
25 Diese direkte Konfrontation ist es auch, die einen isolierten Verlauf des Kuba-Konflikts ausschließt. Das Krisen-Junktim Kuba-Berlin ist unübersehbar. Sollte es im Karibischen Meer zu Schießereien kommen, mögen sie leicht auf den Zufahrtswegen zu Berlin oder in der Stadt selber ein kriegerisches Echo finden. Das ist die Konsequenz der Härte: Der Frieden kann das Opfer der Standhaftigkeit werden. Auch darüber sollte man sich nichts vormachen, zumal
30 nicht wir Deutschen.
31 Wohin uns diese Krise führen wird, niemand vermag es zu sagen. Es gibt heilsame Schocks im Leben der einzelnen wie im Leben der Völker. Nicht ausgeschlossen ist es, daß auf das große Erschrecken die große Ernüchterung folgt und schließlich vielleicht sogar der Ansatz zu einer in die Zukunft weisenden Verständigung. Wahrscheinlicher freilich ist eine andere
35 Aussicht. Wenn nicht das Chaos des heißen Krieges über uns hereinbricht, was der Herrgott verhüten möge, kann es doch im kalten Krieg einen Temperatursturz geben, der sich auf die Politik und das Leben unserer Welt noch lange auswirken muß.
38 Nach offizieller amerikanischer Ansicht ist kein Zweifel möglich, daß die Sowjetunion in Kuba inzwischen schon über eine gewisse Anzahl von Kurzstreckenraketen (mobile medium
40 range ballistic missiles) und Mittelstreckenraketen ( intermediate range ballistic missiles) verfügt. Damit liegt die amerikanische Hemisphäre zwischen Kanada und Peru innerhalb der Reichweite von zuverlässig funktionierenden sowjetischen Raketen. Es besteht keine Klarheit darüber, ob sich bereits Atomsprengköpfe auf Kuba befinden. Sie können jedoch sehr schnell auf dem Luftwege von der Sowjetunion dorthin geschafft werden. Deshalb wird sich die Qua-
45 rantäne auch auf den Luftraum erstrecken.
46 Die Sowjetunion ist nicht in der Lage, etwa eine Blockade zur See durch eine Luftbrücke zu umgehen. Es fehlen ihr die dazu notwendigen Transportmaschinen. Aber wenn auch nur ein Flugzeug mit Wasserstoffbomben die Blockade durchbricht, dann erhöht sich die effektive Bedrohung erheblich.
50 Kuba ist zum wichtigsten politischen Problem der Vereinigten Staaten geworden; es ist aber auch ein militärisches Problem. Chruschtschows Drohung mit den interkontinentalen Raketen, die vom Boden der Sowjetunion selbst abgeschossen werden können und die jedes Gebiet der Vereinigten Staaten in direktem Flug erreichen, deckt anscheinend nicht völlig die strategischen Erfordernisse. Warum ging Moskau sonst das große Risiko ein, das mit dem Ausbau
55 Kubas zu einer offensiven Position vor der Küste der Vereinigten Staaten gegeben war?
56 Politisch ist dies eine Provokation, die vielleicht andere, ernstere Absichten der Sowjetunion verschleiern soll. Es ergäbe sich eine tödliche Zwickmühle zwischen den Krisenherden Kuba und Berlin. Militärisch wollten die Russen offenbar versuchen, sich auf Kuba eine ähnliche Operationsbasis zu schaffen, wie sie die Vereinigten Staaten etwa in der Türkei und in West-
60 deutschland, also unmittelbar am Rande des Ostblocks, bezogen haben.
[...]
62 Die Amerikaner haben einkalkuliert, daß ihre NATO-Bündnispartner bei jedem westlichen Zusammenstoß mit der Sowjetunion automatisch in den Konflikt hineingezogen werden. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn die Russen als Gegenmaßnahme einen Schlag gegen
65 Berlin führen. Präsident Kennedy hat es sehr lange vermieden, das äußerste Risiko einzugehen. Er konnte jetzt nicht anders handeln. Der Kongreß hatte ihn festgelegt, und er selbst hatte sich verpflichtet. Noch mögen die angekündigten Maßnahmen als Akt der legitimen Selbstverteidigung im Sinne der Charta der Vereinten Nationen gelten. Aber bereits eine Blockade mit allen Konsequenzen, das Aufbringen und Versenken von Schiffen, wäre Krieg.
Anmerkungen:
1. Thilo Koch (1920 – 2006), Journalist, schrieb u. a. als Korrespondent in Berlin und Washington für „Die Zeit“.
2. bluffen: so tun als ob
3. zu Gebote stehen: zur Verfügung haben, besitzen
4. Junktim: Verknüpfung
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie, wie der Kalte Krieg zwischen 1945 und 1962 entstand und sich entwickelte, und ordnen Sie den Text in die Phasen der Kuba-Krise von 1962 ein. Arbeiten Sie danach die Haltung Kochs zur Kuba-Krise heraus. [34 Punkte]
3.
Koch hofft darauf, dass der Kuba-Krise eine „in die Zukunft weisende Verständigung“ folgen könnte. Prüfen Sie, inwiefern sich diese Hoffnung Kochs mit Blick auf die nachfolgenden Jahrzehnte bis 1990 bestätigt hat. [24 Punkte]
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.
- NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · 7 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration · 6 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · 5 Aufgaben · 50 % Wahrscheinlichkeit
- Kalter Krieg und Kubakrise · 5 Aufgaben · 45 % Wahrscheinlichkeit
- Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus · 4 Aufgaben · 45 % Wahrscheinlichkeit
- Kriegsende 1918, Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise · 3 Aufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
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GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022) · LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2022)