Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften 2022 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Geschichte-Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 1 Aufgabe mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · Kalter Krieg und Kubakrise · Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration
Aufgabe 1 · Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich
Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs
Aufgabe 1
Aufgabenstellung:
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse der,Zweiten Industriellen Revolution' im Deutschen Kaiserreich, wobei Sie vor allem den Wandel der Rolle der Frau beachten. Charakterisieren Sie danach das Frauenbild des Verfassers. [34 Punkte]
3.
Bewerten Sie die Position von Möbius aus der Perspektive der Gegenwart. [24 Punkte]
Hinweis: Für die Darstellungsleistung können bis zu 20 Punkte erreicht werden (Gesamt: 100 Punkte).
Materialgrundlage:
Paul Julius Möbius: Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes. Halle a. d. S. 1900/1903 (5. Aufl.), S. 27–29 und S. 43. (Rechtschreibung, Zeichensetzung und Hervorhebungen folgen dem Original.)
Aus der Abhandlung „Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes“ von Paul Julius Möbius¹:
1 [...] Nach alledem ist der weibliche Schwachsinn nicht nur vorhanden, sondern auch noth-
2 wendig, er ist nicht nur ein physiologisches Factum, sondern auch ein physiologisches Postu-
3 lat². Wollen wir ein Weib, das ganz seinen Mutterberuf erfüllt, so kann es nicht ein männli-
4 ches Gehirn haben. Liesse es sich machen, dass die weiblichen Fähigkeiten den männlichen
5 gleich entwickelt würden, so würden die Mutterorgane verkümmern, und wir würden einen
6 hässlichen und nutzlosen Zwitter³ vor uns haben. Jemand hat gesagt, man solle vom Weibe
7 nichts verlangen, als dass es „gesund und dumm“ sei. Das ist grob ausgedrückt, aber es liegt
8 in dem Paradoxon eine Wahrheit. Uebermässige Gehirnthätigkeit macht das Weib nicht nur
9 verkehrt, sondern auch krank. Wir sehen das leider tagtäglich vor Augen. Soll das Weib das
10 sein, wozu die Natur es bestimmt hat, so darf es nicht mit dem Manne wetteifern. Die moder-
11 nen Närrinnen sind schlechte Gebärerinnen und schlechte Mütter. In dem Grade, in dem die
12 „Civilisation“ wächst, sinkt die Fruchtbarkeit, je besser die Schulen werden, um so schlechter
13 werden die Wochenbetten, um so geringer wird die Milchabsonderung, kurz, um so untaug-
14 licher werden die Weiber. [...]
15 Die Aerzte haben sich vielfach über die Forderung der Weiber, zur Medicin zugelassen zu
16 werden, erregt.⁴ Vielleicht ist diese Sache nicht so wichtig. Einerseits ist nicht zu leugnen,
17 dass die weiblichen Geistesfähigkeiten zur Erlernung der Medicin ausreichen, und dass gele-
18 gentlich weibliche Aerzte, wenn sie gehörig geleitet und beaufsichtigt werden, nützlich sein
19 können [...], andererseits werden doch nur recht wenige Mädchen sich dem Studium zuwen-
20 den, immer weniger, je mehr die Sache an „Actualität“ verliert, und diese wenigen werden
21 solche sein, die für ihren weiblichen Beruf⁵ sowieso nicht recht tauglich sind. Also, wenn auch
22 die Medicin wie die Weiber selbst vom weiblichen Studium nicht viel Nutzen haben werden,
23 es kommt nicht sehr viel darauf an.
24 Viel wichtiger scheint mir das zu sein, dass die Aerzte sich eine klare Vorstellung von dem
25 weiblichen Gehirn- oder Geisteszustande verschaffen, dass sie die Bedeutung und den Werth
26 des weiblichen Schwachsinnes begreifen und dass sie alles thun, was in ihren Kräften steht,
27 um im Interesse des menschlichen Geschlechtes die widernatürlichen Bestrebungen der „Femi-
28 nisten“ zu bekämpfen. Es handelt sich hier um die Gesundheit des Volkes, die durch die Ver-
29 kehrtheit der „modernen Frauen“ gefährdet wird. Die Natur ist eine strenge Frau und bedroht
30 die Verletzung ihrer Vorschriften mit harten Strafen. Sie hat gewollt, dass das Weib Mutter
31 sei, und hat alle ihre Kräfte auf diesen Zweck gerichtet. Versagt das Weib den Dienst der Gat-
32 tung, will es sich als Individuum „ausleben“, so wird es mit Siechthum⁶ geschlagen. Leider
33 werden zugleich der Mann und die Nachkommenschaft gestraft. Unsere, der Aerzte Pflicht
34 ist es, hier zu rathen und zu warnen. Die Zukunft wird von uns Rechenschaft fordern. Sollen
35 wir uns über die Misshandlung der weiblichen Leber durch übertriebenes Schnüren⁷ aufregen,
36 die Misshandlung des weiblichen Gehirns aber ruhig mit ansehen?
37 Freilich, auch wenn alles dagegen gethan werden kann, wird das Uebel doch
38 bestehen bleiben, ja wahrscheinlich zunehmen. Denn es scheint eine Function der Civilisa-
39 tion zu sein. Wie die Stadtbevölkerung mit ihrer vorwiegenden Gehirnthätigkeit allmählich
40 unfruchtbar wird und ohne Zufluss vom Lande absterben würde, so scheint die Civilisation
41 überhaupt die Quellen des Lebens abzugraben und ein Volk wird schliesslich so civilisirt, dass
42 es nicht mehr leben kann und nur durch Barbarenblut wieder aufgefrischt werden kann. [...]
43 Aber, was soll man thun? Zuerst alles unterlassen, was dem Weibe als Mutter nachtheilig ist.
44 Da ist vor allem die Erziehung der Mädchen. Man hat geglaubt, etwas Gutes zu thun durch
45 Errichtung höherer Töchterschulen, in denen den Mädchen eine allgemeine Bildung beige-
46 bracht werden soll. Neuerdings möchte man sogar Mädchengymnasien haben, von denen der
47 Pfarrer Hansjakob⁸ sagt, sie seien so unnütz wie ein Kropf⁹. Das Beste wäre, die „höheren
48 Schulen“ sammt und sonders¹⁰ niederzureissen. Ihr Erfolg ist ohnedies gering, das Ueble aber
49 ist, dass in ihnen die Mädchen nervös und schwächlich werden. Sie lernen, was sie nicht brau-
50 chen, und bekommen dabei Kopfschmerzen, das aber, was sie brauchen, lernen sie nicht. [...]
¹ Paul Julius Möbius (1853–1907), Neurologe und Psychiater, behauptet zuvor, „Frauen hätten von Natur aus physiologisch bedingt eine geringere geistige Begabung als Männer. Er versteht den „Schwachsinn“ als schwachen, also geringeren Sinn und Verstand.
² physiologisches Factum: naturgegebene Tatsache; physiologisches Postulat: naturgegebenes Gebot
³ Zwitter: Lebewesen, das seinen geschlechtlichen Eigenschaften und Merkmalen nach sowohl männlich als auch weiblich ist.
⁴ Am 20. April 1899 waren Frauen im Deutschen Reich offiziell zum Medizinstudium zugelassen worden, worüber eine heftige Debatte zuvor und auch danach geführt wurde.
⁵ Gemeint ist hier die Rolle der Frau als Mutter und Hausfrau.
⁶ Siechthum: Krankheit, Leiden
⁷ Die Wespentaille galt bis ins 19. Jahrhundert hinein als weibliches Schönheitsideal. Mit Schnürkorsagen wurde diese hergestellt. Man befürchtete aber auch, dass durch zu enges Schnüren innere Organe beschädigt werden könnten.
⁸ Heinrich Hansjakob (1837–1916) war ein katholischer Geistlicher, der sich in eigenen Schriften gegen die Emanzipation der Frauen aussprach und für Frauen lediglich eine grundlegende Schulausbildung vorsah.
⁹ Kropf: knotige Vergrößerung der Schilddrüse
¹⁰ sammt und sonders: ohne Ausnahme
1.
2.
3.
Aufgabe 2 · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft
Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs
Aufgabenstellung:
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)
2.
Ordnen Sie den Text in den Vorgang der machtpolitischen Festigung der NS-Herrschaft im Jahr 1933 ein und erläutern Sie die ideologischen Elemente des Nationalsozialismus, die dem Text zugrunde liegen. Arbeiten Sie danach heraus, welche Anforderungen Wollenhaupt an die Lehrkräfte und welche an die Erziehung in der „neue[n] Schule“ richtet. (34 Punkte)
3.
Bewerten Sie Wollenhaupts Anforderungen aus der Perspektive der Gegenwart. (24 Punkte)
Materialgrundlage:
Aus einer Rede des lippischen Landesschulrats Ludwig Wollenhaupt über das nationalsozialistische Schulprogramm (1933):
Deutsche Erzieher und Erzieherinnen! Liebe Kollegen und Kolleginnen!
[...]
Sie alle kennen die Verordnungen zum neuen Beamtengesetz. Sie sind hart, aber notwendig, um das deutsche Volk vom Abgrund zurückzureißen. Beamte und insbesondere Lehrer, die dem Marxismus der jüdischen Demokratie, dem zersetzenden Liberalismus, dem Internationalismus, dem Pazifismus und dem Rassenmischmasch gehuldigt haben, müssen es sich gefallen lassen, daß sie jetzt erst behauen werden, bevor sie als brauchbare Steine mit in den gewaltigen Volksbau Adolf Hitlers eingefügt werden können. Die Einwendungen gegen die erfolgten Versetzungen zeigen meist noch eine sehr starke Verkennung der wirklichen Lage und Tatsachen. Das Sichselbsterkennen und das Umlernen fällt manchem noch recht schwer, oder er sucht es sich durch rasche Anmeldung äußerlich leicht zu machen. Damit ist der Sache nicht gedient. Ihr Eintritt als Fachschaft aber gibt die Grundlage, die Gleichschaltung im Geiste vertrauensvoll in Angriff zu nehmen. Erst durch diese innere Gleichschaltung sind Sie als Erzieher im und zum Dritten Reich voll brauchbar. [...]
In Deutschland vollzieht sich die gewaltigste Revolution aller Zeiten. Sie hat eine völlig neuartige Form. Keine Maschinengewehre auf den Straßen, kein Massenmord der Andersdenkenden. Wohl aber die Kraft und Folgerichtigkeit eines unabwendbaren elementaren Ereignisses. Das alles in einem unerhörten Tempo. Es ist nicht nur eine politische Revolution, sondern auch eine Revolution der Erziehung. Politik und Pädagogik sind nicht zu trennen; sie bindet das gleiche Lebensgeschehen. Politik ist Sinnvollendung und Werterfüllung des Lebens unter der Idee der völkischen Gemeinschaft. Erziehung ist seelisch-geistige Lebensformung zur Gewinnung und Erhaltung dieser Gemeinschaft. Politik ist auf die staatlichen, Erziehung auf die inneren Ordnungen des Volkes gerichtet. Erziehung ist Menschenformung im Sinne der ewigen Gesetze des Lebens. Deutsche Erziehung ist mithin Formung des deutschen Menschen im deutschen Volkstum. Sie hat als Ziel Einheit der Persönlichkeit, die alle schöpferische Ursprünglichkeit des nordisch-deutschen Geistes besitzt, die aber darüber hinaus die ewige Verpflichtung in sich trägt, diese Werte zu erfassen, zu erleben und zu gestalten im Bewusstsein der Verpflichtung gegenüber der völkischen Lebens- und Schicksalsgemeinschaft. Daher heißt das neue Gesetz der deutschen Schule, das ihr der neue Staat gibt: den politisch-deutschen Menschen zu bilden, der in allem Denken und Handeln dienend und opfernd in seinem Volk wurzelt. Die neue Schule geht grundsätzlich vom Gemeinschaftsgedanken aus und fordert die freie Bindung der einzelnen durch das Gesamtwohl.
Die neue Schule soll dem deutschen Menschen im deutschen Volkstum Form und Inhalt geben.
[...] Der neue Staat richtet daher in erster Linie an jeden deutschen Erzieher die ernste Frage: Wie stehst du zur Rassenfrage? Wer wie ich über 20 Jahre auf dem Gebiet der Rassenlehre und Rassenpflege gekämpft hat, kennt die Gegner sehr genau. Sie reichen von links bis rechts. Daß der Marxismus unter jüdischer Führung von Rasse nichts wissen wollte, war unehrlich; denn wie man im Buche Esra nachlesen kann, kennt der Jude selbst die Bedeutung der Rasse und handelt danach. Daß die Demokratie, welche ebenfalls unter jüdischer Führung die geistigen und sittlichen Wertunterschiede des Lebens zerstören half, die Rassenlehrer bekämpfte, war selbstverständlich. [...]
Der Pazifismus nahm dem Volk und seinen Gliedern Lebensrecht und Lebensmöglichkeit und leugnete rassische Werte. Aber auch Deutschnationale und selbst ein großer Teil des Adels gingen der Frage aus dem Wege, weil sie geschäftlich oder leider auch blutsmäßig mit dem geborenen Gegner deutschen Rassenbewusstseins, dem Judentum, zusammenhingen. Da die Rassenfrage das A und O der neuen Erziehung bildet, mögen die Lehrer, die aus den genannten politischen Lagern kommen, sich ernstlich prüfen, umlernen und mit der Frage gründlich vertraut machen. Die Rassenfrage soll und muß vorerst im Mittelpunkt aller Bezirkskonferenzen stehen. Wer zur Rassenfrage keine bejahende Einstellung finden kann, ist als Erzieher im Dritten Reich nicht brauchbar.
Rede Ludwig Wollenhaupts, in: Beiblatt zum Lippischen Kurier vom 15.05.1933. Zitiert nach: Volker Wehrmann, Lippe im Dritten Reich. Die Erziehung zum Nationalsozialismus. Eine Dokumentation 1933 – 1939, 3. Aufl., Bielefeld 1984, S. 175 – 178.
Aufgabe 3 · Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration
Auszug aus der Rede, die Bundeskanzler Konrad Adenauer am 8. September 1952 in Luxemburg zur ersten Sitzung des Ministerrates der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) hielt:
[…] Die Aufgabe, die seiner wartet, ist groß und verantwortungsvoll. Er ist das föderative Organ der Gemeinschaft. Als solches hat er nach dem Vertrage eine doppelte Aufgabe.
Einerseits wird er als Gemeinschaftsorgan tätig, d. h. als ein Organ des supranationalen Gebildes, das, mit eigenen Hoheitsrechten ausgestattet, nunmehr unabhängig neben den Staaten steht. Als Gemeinschaftsorgan ist der Rat beteiligt an der Ordnung und Verwaltung der Hoheitsrechte, welche die Mitgliedstaaten aus ihrem Bereich abgesondert und auf die Gemeinschaft übertragen haben. Er ist in dieser Eigenschaft durch den Vertrag zu umfassender Mitwirkung an den von der Gemeinschaft zu treffenden Regelungen berufen: er wird zu allen wesentlichen Maßnahmen der Hohen Behörde gehört; in wichtigen Fällen ist seine Zustimmung oder Entscheidung notwendig; in besonders bedeutsamen Fragen bedarf es seines einstimmigen Beschlusses.
Der Ministerrat hat noch eine zweite Aufgabe. Er vertritt nicht nur die Interessen der Gemeinschaft auf dem Gebiet der übertragenen Hoheitsrechte, sondern er nimmt auch die Interessen der Mitgliedstaaten selbst auf dem Gebiete der ihnen verbliebenen Hoheitsrechte wahr. Das betrifft sowohl die Fragen der allgemeinen Wirtschaft, wie die sonstigen Fragen des staatlichen Lebens, insbesondere die politischen Fragen, die durch die Tätigkeit der Montan-Union berührt werden, soweit die Staaten ihre Hoheitsrechte nicht übertragen haben.
So hat der Ministerrat eine Verbindungs- und Vermittlerrolle. Er steht im Schnittpunkt zweier Souveränitäten, einer supranationalen und einer nationalen. Er muss den Interessen der Gemeinschaft in gleicher Weise gerecht werden wie den Interessen der einzelnen Staaten und einen Ausgleich finden, der beiden das Ihre zuteil werden lässt. Er muss, wie der Vertrag sagt, die beiderseitigen Interessen harmonisieren. Ihm ist damit als Organ eine Aufgabe gestellt, die als Problem vor jedem steht, der um die Einigung Europas bemüht ist. Denn diese Einigung kann nicht darin bestehen, einen europäischen Zentralismus zu schauen. Sie muss sich, wie der Vertrag über die Verteidigungsgemeinschaft sagt, auf föderativer oder konföderativer Grundlage vollziehen, oder sie wird sich überhaupt nicht vollziehen. Sie muss gleichermaßen der Vielfältigkeit und der Besonderheit der Einzelstaaten, die sich aus der geschichtlichen Vergangenheit ergibt, Rechnung tragen, wie der einheitlichen Zusammenfassung, die als Forderung der Zukunft gebieterisch an uns herantritt.
[…]
Die Gemeinschaft für Kohle und Stahl trägt den Namen ‚Europäische‘ Gemeinschaft für Kohle und Stahl. Damit ist zum Ausdruck gebracht, dass sie nach der Hoffnung der Gründerstaaten nicht auf diese beschränkt bleiben soll. Wir vertrauen auf die Macht der Entwicklung. Aus dem Bereich der Konstruktion und der Planung ist die Montan-Union nunmehr herausgetreten, das Werk selbst, das supranationale Werk hat begonnen. Wir vertrauen darauf, dass die Kraft der Tatsachen die Entwicklung bringt und vorwärtstreibt, sei es in dieser, sei es in jener Form. Wir hoffen auf die Kraft der Entwicklung noch in einem anderen Sinne. Es ist sehr viel geplant und gesprochen worden über die Schaffung Europas. In der Zeit des nationalstaatlichen Denkens war das ein fast verwegener Gedanke, und manchen erschien er utopistisch, wenngleich er die Notwendigkeit, Europa zu schaffen, nicht verkannte.
Nunmehr ist der erste Schritt vom Planen in die Wirklichkeit getan. Wie wir zuversichtlich hoffen, beginnt damit für unseren Erdteil eine neue Epoche, eine Epoche des Friedens, der Eintracht und eines neuen Wohlstandes. Es ist eine große Perspektive, die sich vor unserem geistigen Auge eröffnet, und ich bin überzeugt, dass auch hier wieder mancher zu sehr rückwärts Schauende skeptisch in die Zukunft blickt. Nun, allen Zweiflern sollte das Zustandekommen, das Ins-Leben-Treten der Montan-Union, die Paraphierung des Vertrages über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft und der damit zusammenhängenden Verträge, den Mut und die Zuversicht geben, dass Europa geschaffen werden wird. Ich hoffe, dass die Beratungen und die Beschlüsse des Ministerrates einen weiteren, und zwar einen erheblichen Fortschritt bringen werden. Im Interesse des Friedens, im Interesse des Fortschritts müssen wir Europa schaffen, und wir werden es schaffen.
Prüfen Sie, inwiefern die EU in ihrer heutigen Verfassung den Erwartungen an die Zukunft entspricht, die Adenauer in seiner Rede zum Ausdruck bringt. [24 Punkte]
Aufgabe 4 · Kalter Krieg und Kubakrise
Aufgabe 4
Materialgrundlage: Brief Nikita S. Chruschtschows an John F. Kennedy vom 26. Oktober 1962, in: Bernd Greiner: Kuba-Krise. 13 Tage im Oktober: Analyse, Dokumente, Zeitzeugen, München 1988, S. 319–323. (Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original.)
Aus dem Brief Chruschtschows, des Regierungschefs der Sowjetunion, an den US-Präsidenten Kennedy vom 26. Oktober 1962:
Sehr geehrter Herr Präsident:
Ich habe Ihren Brief vom 25. Oktober erhalten. Aus Ihrem Brief gewinne ich den Eindruck, daß Sie eine gewisse Einsicht in die Lage haben, die entstanden ist, und ein Gefühl der Verantwortung. Ich weiß das zu würdigen.
Bislang haben wir bereits unsere Einschätzung der Vorgänge um Kuba öffentlich ausgetauscht, und jeder von uns hat seine Auslegung und seine Interpretation dieser Ereignisse vorgebracht. Daher liegt es meiner Ansicht nach auf der Hand, daß eine Fortsetzung des Meinungsaustauschs auf diese Entfernung – selbst in Form eines geheimen Briefwechsels – vermutlich dem nichts hinzufügen würde, was beide Seiten einander bereits gesagt haben.
Ich denke, wenn Ihnen tatsächlich am Wohlergehen der Welt gelegen ist, werden Sie mich richtig verstehen. Jedermann braucht Frieden: Sowohl Kapitalisten, sofern sie nicht den Verstand verloren haben, als auch um so mehr Kommunisten – Menschen, die nicht nur ihr eigenes Leben, sondern vor allem das Leben der Völker zu schätzen wissen. Wir Kommunisten sind grundsätzlich gegen Kriege zwischen Staaten und sind für die Sache des Friedens eingetreten, seit es uns gibt.
[…]
Wie können Sie also diese völlig falsche Interpretation geben, die Sie jetzt verbreiten, daß einige Waffen in Kuba Offensivwaffen sind, wie Sie sagen? Alle Waffen dort – das versichere ich Ihnen – sind defensiver Art; sie sind ausschließlich zu Verteidigungszwecken gedacht, und wir haben sie auf Bitten der kubanischen Regierung nach Kuba entsandt. Und Sie behaupten, es seien Offensivwaffen.
Aber, Herr Präsident, glauben Sie wirklich im Ernst, Kuba könnte einen Angriff auf die Vereinigten Staaten führen oder auch wir könnten zusammen mit Kuba vom kubanischen Territorium aus gegen Sie vorrücken? Glauben Sie das wirklich? Wie ist das möglich? Wir verstehen das nicht. Es hat mit Sicherheit keinerlei Neuentwicklung in der militärischen Strategie gegeben, die Anlaß zu der Annahme gäbe, daß es möglich wäre, auf diese Art und Weise vorzurücken. Und ich meine vorrücken, nicht vernichten; denn diejenigen, die vernichten, sind Barbaren – Menschen, die ihren Verstand verloren haben.
Ich denke, daß Sie keinen Grund haben, dies anzunehmen. Sie mögen uns mit Mißtrauen begegnen, aber Sie können in jedem Fall versichert sein, daß wir bei gesundem Menschenverstand sind und sehr wohl wissen, daß sie, wenn wir einen Angriff gegen sie führen, in gleicher Weise antworten werden. Aber auch Sie werden die Antwort erhalten, die dem entspricht, was Sie uns entgegenschleudern. Und ich denke, auch Sie wissen das. Unser Gespräch in Wien 1 gibt mir das Recht, in dieser Weise zu sprechen.
Es zeigt, daß wir gesunde Menschen sind, daß wir die Lage richtig erkennen und einschätzen. Wie könnten wir uns also die falschen Maßnahmen erlauben, die Sie uns nachsagen? Nur Wahnsinnige oder Selbstmörder, die selbst sterben und vor ihrem Tod die Welt vernichten wollen, könnten dies tun. Wir aber wollen leben, und keinesfalls wollen wir Ihr Land vernichten. Wir wollen etwas völlig anderes: Nämlich uns in friedlichem Streben mit Ihrem Land messen. Wir diskutieren mit Ihnen; wir haben Differenzen über ideologische Fragen. Aber nach unserer Vorstellung von der Welt sollten Fragen der Ideologie ebenso wie ökonomische Probleme mit anderen als militärischen Mitteln beigelegt werden; sie müssen in einer friedlichen Auseinandersetzung – oder wie man es in der kapitalistischen Gesellschaft interpretiert – durch Wettbewerb gelöst werden. Unsere Prämisse war und ist, daß die friedliche Koexistenz zwischen zwei unterschiedlichen sozialpolitischen Systemen – eine Realität in unserer Welt – von entscheidender Bedeutung ist und daß sie unentbehrlich ist, um Frieden dauerhaft zu sichern. Das sind die Grundsätze, an denen wir festhalten.
[…]
Sie sagten einmal, die Vereinigten Staaten bereiteten keine Invasion vor. Aber Sie haben auch erklärt, daß Sie mit den kubanischen konterrevolutionären Emigranten 2 sympathisieren, sie unterstützen und ihnen helfen werden, Ihre Pläne gegen die derzeitige Regierung Kubas auszuführen. Auch ist es für niemanden ein Geheimnis, daß die ständige Drohung eines bewaffneten Angriffs und bewaffneter Aggression über Kuba schwebte und weiterhin besteht. Nur dies hat uns veranlaßt, der Bitte der kubanischen Regierung nachzukommen, ihr unsere Unterstützung beim Ausbau ihrer Landesverteidigung zu gewähren.
[…]
Lassen Sie uns deshalb staatsmännische Klugheit beweisen. Ich schlage vor: Wir erklären unsererseits, daß unsere Schiffe mit Kurs auf Kuba keine Waffen an Bord haben. Sie erklären, daß die Vereinigten Staaten weder mit eigenen Truppen eine Invasion in Kuba durchführen werden noch andere Truppen unterstützen werden, die eine Invasion in Kuba planen könnten. Damit hätte sich die Präsenz unserer Militärexperten in Kuba erübrigt.
[…]
1 Gespräch in Wien: Am 3. und 4. Juni 1961 trafen sich im neutralen Wien zum ersten Mal Chruschtschow und Kennedy persönlich, um Spannungen im Kalten Krieg abzubauen.
2 konterrevolutionäre Emigranten: Gemeint sind die Exilkubaner in den USA, die auf eine Rückkehr nach Kuba mit Unterstützung der USA hoffen.
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie, wie der Ost-West-Konflikt zwischen 1946 und 1949 begann, sowie die Etappen und die kurzfristigen Folgen der Kuba-Krise 1962. Stellen Sie danach die Sichtweise der USA in der Kuba-Krise der Sichtweise Chruschtschows gegenüber. [34 Punkte]
3.
Prüfen Sie mit Blick auf die Zeit nach der Kuba-Krise bis 1990, inwiefern sich Chruschtschows hier geäußerte Hoffnung erfüllt hat, dass es zukünftig eine „friedliche Koexistenz zwischen zwei unterschiedlichen sozialpolitischen Systemen“ in Ost und West geben könne. [24 Punkte]
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.
- NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · 7 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration · 6 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · 5 Aufgaben · 50 % Wahrscheinlichkeit
- Kalter Krieg und Kubakrise · 5 Aufgaben · 45 % Wahrscheinlichkeit
- Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus · 4 Aufgaben · 45 % Wahrscheinlichkeit
- Kriegsende 1918, Versailler Vertrag und Weltwirtschaftskrise · 3 Aufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
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