Aufgabe GE LK NT 2 · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2023
Thema: Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2023)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2023 – Geschichte, Leistungskurs
Aufgabenstellung: GE LK NT 2
Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie folgende Schritte durchführen:
1.
Analysieren Sie die Quelle, (26 Punkte)
2.
ordnen Sie sie in den historischen Zusammenhang ein (14 Punkte) und untersuchen Sie die Strategie, mit der sich Hindenburg verteidigt (14 Punkte), (28 Punkte)
3.
nehmen Sie zu den Darlegungen Hindenburgs Stellung. (26 Punkte)
Zusätzlich werden für die Darstellungsleistung 20 Punkte vergeben.
Materialgrundlage:
Paul von Hindenburg: Erklärung in der öffentlichen Verhandlung des 2. Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, 18. November 1919.
(Rechtschreibung, Grammatik und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zum Material: Aufgrund des Vorwurfs, Deutschland trage allein die Kriegsschuld, wurden mehrere Parlamentarische Untersuchungsausschüsse eingesetzt, die eine Beteiligung der Alliierten am Ausbruch des Ersten Weltkrieges nachweisen sollten. Im zweiten Untersuchungsausschuss, vor den Vertreter der damaligen Regierung und der Obersten Heeresleitung geladen wurden, war die Ablehnung der Friedensangebote während der laufenden Kriegshandlungen Verhandlungsgegenstand. Hindenburgs Erklärung, die von Medien und Öffentlichkeit mit großem Interesse verfolgt wurde, fand in einem festlich geschmückten Saal statt. Der Generalfeldmarschall erschien in Paradeuniform und wurde von den Anwesenden im Stehen empfangen.
Quelle: Paul von Hindenburg (18. November 1919)
[...]
Ich gebe nur historische Daten, halte es aber für unbedingt notwendig, dass ich sie in kurzem Abriß den Herren ins Gedächtnis rufe.
Als wir in die Oberste Heeresleitung traten, war der Weltkrieg zwei Jahre im Fluß. Die Ereignisse nach dem 29. August 1916¹ lassen sich nicht losgelöst von diesem Datum denken.
5 Der Krieg, der 1914 zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn einerseits und Rußland, Frankreich und Serbien, bald darauf England, Belgien und Japan andererseits begonnen hatte, hat an Ausdehnung zugenommen. 1915 griff Italien, 1916 Rumänien an der Seite unserer Gegner in den Kampf ein. Der Krieg hatte kein Beispiel mehr in der Geschichte. Die Räume dehnten sich ins Gigantische, die Truppenmassen erreichten ungeahnte Stärken, die
10 Technik gewann eine vorherrschende Bedeutung. Krieg und Weltwirtschaft griffen ineinander über wie nie zuvor. Das zahlenmäßige Verhältnis der Streitkräfte an Maschinen, Munition und wirtschaftlichen Hilfsmitteln war für uns, und zwar von Anfang an, so ungünstig wie möglich. Niemals wog der Wert der Imponderabilien des Krieges, der moralischen Qualität der Truppen, der Anforderungen an die zentrale und lokale Führung so schwer, niemals end-
15 lich war die Leistung der Minderheit² so ungeheuer wie in diesem Kriege. Diesem Grundcharakter des Krieges hatte die Oberste Heeresleitung Rechnung zu tragen; auf ihm ruhte unsere unablässige Arbeit. Getragen von der Liebe zum Vaterlande, kannten wir nur ein Ziel: das Deutsche Reich und das deutsche Volk, soweit Menschenkraft und militärische Mittel es vermochten, vor Schaden zu bewahren und es militärischerseits einem guten Frieden ent-
20 gegenzuführen. Um diese gewaltige Aufgabe unter den schwierigsten Verhältnissen durchzuführen, mussten wir den unerschütterlichen Willen zum Siege haben. Dieser Wille zum Siege aber war unlöslich gebunden an den Glauben an unser gutes Recht. Dabei waren wir uns bewußt, daß wir in dem ungleichen Kampfe unterliegen mussten, wenn nicht die gesamte Kraft der Heimat für den Sieg auf dem Schlachtfelde eingestellt wurde und die moralischen
25 Kräfte des Heeres nicht dauernd aus der Heimat erneuert wurden. Der Wille zum Siege erschien uns natürlich nicht als eine Frage persönlicher Entschlossenheit, sondern als Ausfluß des Volkswillens. Hätten wir den Willen zum Siege nicht gehabt oder hätten wir ihn nicht beim Volke als selbstverständlich angesehen, so hätten wir das schwere Amt nicht übernommen. Ein General, der seinem Lande nicht den Sieg erstreiten will, darf kein Kommando
30 übernehmen oder doch nur mit dem gleichzeitigen Auftrag, zu kapitulieren. Solchen Auftrag haben wir nicht erhalten. Wir hätten bei solchem Auftrag auch die Übernahme der Obersten Heeresleitung abgelehnt.
Der deutsche Generalstab ist in den Lehren des großen Kriegsphilosophen Clausewitz³ erzogen. Wir sehen demgemäß den Krieg immer nur als Fortsetzung der Politik mit anderen
35 Mitteln an, nämlich mit militärischen. Unsere Friedenspolitik hatte versagt. Wir wollten keinen Krieg und bekamen doch den größten –
[Unterbrechung durch den Vorsitzenden]
schwersten und unerbittlichsten, den die Geschichte je gesehen. Woran das gelegen hat, möge diese entscheiden. Ich weiß nur das eine mit absoluter Gewissheit: das deutsche Volk
40 wollte den Krieg nicht, der deutsche Kaiser wollte ihn nicht, die Regierung wollte ihn nicht, der Generalstab erst recht nicht, denn er kannte besser als sonst jemand unsere unendlich schwierige Lage in einem Kriege gegen die Entente. Daß die militärischen Zentralbehörden sich auf die Möglichkeit eines etwa unvermeidlichen Krieges vorbereiteten, war gewiß doch nur ihre Pflicht gegenüber dem Volke. Dazu waren sie da, und ebenso waren sie verpflichtet,
45 im Falle der Unvermeidlichkeit eines Krieges und im Kriege selbst alle günstigen Chancen auszunutzen.
Wir faßten es als unsere vornehmste Aufgabe auf, den Krieg mit den militärischen Mitteln so schnell wie möglich und so günstig wie möglich zu beenden, um der Reichsleitung, sobald es irgend ging, es zu ermöglichen, die Geschicke des Landes wieder mit den normalen,
50 friedlichen Mitteln der Politik zu bestimmen. Diese Auffassung ist natürlich; sie war maßgebend für die Führung des Krieges und bedarf keiner Erörterung. Im Weltkriege kam die Erkenntnis hinzu, die uns nicht eine Stunde verlassen hat, daß das Übergewicht der Feinde an lebendem und totem Kriegsmaterial groß war, daß die Verluste an allen Werten ein solch beispielloses Ausmaß gewinnen mußten, auch bei relativ günstigem Kriegsausgange, daß
55 diese Schwächung einem unglücklichen Kriegsausgang gleichkam. Wenn schon die Liebe zum Vaterlande und zum Volke uns zwang, den Krieg möglichst schnell zu beenden, so wurde dieser Zwang durch den oben angegebenen Grund noch verstärkt.
Wir wußten, was wir vom Heere, der oberen und niederen Führung, nicht zuletzt von dem Mann im feldgrauen Rock zu fordern hatten, und was sie alle geleistet haben. Aber trotz der
60 ungeheuren Ansprüche an Truppen und Führung, trotz der zahlenmäßigen Überlegenheit des Feindes konnten wir den ungleichen Kampf zu einem günstigen Ende führen, wenn die geschlossene und einheitliche Zusammenwirkung von Heer und Heimat eingetreten wäre. Darin hatten wir das Mittel zum Siege der deutschen Sache gesehen, den zu erreichen wir den festen Willen hatten.
65 Doch was geschah nun? Während sich beim Feinde trotz seiner Überlegenheit an lebendem und totem Material alle Parteien, alle Schichten der Bevölkerung in dem Willen zum Siege immer fester zusammenschlossen, und zwar um so mehr, je schwieriger ihre Lage wurde,
machten sich bei uns, wo dieser Zusammenschluß bei unserer Unterlegenheit viel notwendiger war, Parteiinteressen breit, – –
70 [Unterbrechung durch den Vorsitzenden]
– und diese Umstände führten sehr bald zu einer Spaltung und Lockerung des Siegeswillens.
[Unterbrechung durch den Vorsitzenden]
Die Geschichte wird über das, was ich hier nicht weiter ausführen darf, das endgültige
75 Urteil sprechen. Damals hofften wir noch, daß der Wille zum Sieg alles andere beherrschen würde. Als wir unser Amt übernahmen, stellten wir bei der Reichsleitung eine Reihe von Anträgen, die den Zweck hatten, alle nationalen Kräfte zur schnellen und günstigen Kriegsentscheidung zusammenzufassen; sie zeigten der Reichsleitung zugleich ihre riesengroßen Aufgaben. Was aber schließlich, zum Teil wieder durch Einwirkung der Parteien, aus
80 unseren Anträgen geworden ist, ist bekannt. Ich wollte kraftvolle und freudige Mitarbeit, und bekam Versagen und Schwäche.
[Unterbrechung durch den Vorsitzenden]
Die Sorge, ob die Heimat fest genug bliebe, bis der Krieg gewonnen sei, hat uns von diesem Augenblicke an nie mehr verlassen. Wir erhoben noch oft unsere warnende Stimme bei
85 der Reichsregierung. In dieser Zeit setzte die heimliche planmäßige Zersetzung von Flotte und Heer als Fortsetzung ähnlicher Erscheinungen im Frieden ein. Die Wirkungen dieser Bestrebungen waren der Obersten Heeresleitung während des letzten Kriegsjahres nicht verborgen geblieben. Die braven Truppen, die sich von der revolutionären Zermürbung freihielten, hatten unter dem pflichtwidrigen Verhalten der revolutionären Kameraden schwer
90 zu leiden; sie mußten die ganze Last des Kampfes tragen.
(Glocke des Vorsitzenden. – Unruhe und Zurufe)
Die Absichten der Führung konnten nicht mehr zur Ausführung gebracht werden. Unsere wiederholten Anträge auf strenge Zucht und strenge Gesetzgebung wurden nicht erfüllt. So mußten unsere Operationen mißlingen, es mußte der Zusammenbruch kommen; die Revo-
95 lution bildete nur den Schlußstein.
(Unruhe und Zurufe.)
[...]
¹ Übernahme der Obersten Heeresleitung durch Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg.
² Gemeint sind hier die Mittelmächte.
³ Carl von Clausewitz (1780 – 1831) war ein preußischer Generalmajor und Militärtheoretiker, dessen Hauptwerk „Vom Kriege“ großen Einfluss auf das Kriegswesen hatte.
1.
2.
3.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie die Quelle, (26 Punkte)
Lösung: Umfassende quellenkritische Einleitung und strukturierte inhaltliche Wiedergabe von Hindenburgs Erklärung.
2. ordnen Sie sie in den historischen Zusammenhang ein (14 Punkte) und untersuchen Sie die Strategie, mit der sich Hindenburg verteidigt (14 Punkte), (28 Punkte)
Lösung: Differenzierte Einordnung in den Verlauf des Ersten Weltkriegs und die Umbruchsphase 1918/19 sowie systematische Untersuchung der Rechtfertigungs- und Entlastungsstrategie.
3. nehmen Sie zu den Darlegungen Hindenburgs Stellung. (26 Punkte)
Lösung: Kritisches, abwägendes und fundiertes historisches Urteil über Hindenburgs Aussagen und deren politische Folgen.
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