Abitur NRW Evangelische Religion 2022 · LK · Haupttermin
Abiturprüfung Evangelische Religion in Nordrhein-Westfalen 2022, LK · Haupttermin: 10 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Leid und Theodizee: angemessen von Gott sprechen · Reich-Gottes-Verkündigung Jesu in Tat und Wort · Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre · Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht
Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position
Johanna Haberer
Weihnachtspredigt: Fürchte dich nicht!
Seit vierzig Jahren predige ich zu Weihnachten – alle Jahre wieder. […]
Und alle Jahre wieder dieselbe Geschichte: vom Kind, das geboren wird. Vom Stall und den Hirten. Von der großen Freude und vom Frieden, der kommen wird. Ganz gewiss und ganz bestimmt. Man könnte sich eigentlich eine Predigt aus dem Internet ziehen. Da findet man 5 gleich zehn auf Knopfdruck. Oder man könnte eine frühere, längst gehaltene Ansprache nochmal recyceln und „einen alten Hirsch zum frischen Wasser“ führen, wie wir Predigtprofis das nennen.
Aber wer Weihnachten ernst nimmt, kann es drehen und wenden, wie er will – recyceln geht nicht. Denn in Wahrheit ist jedes Jahr anders. Ich selber bin in jedem Jahr anders, und auch 10 meine Worte, meine Sprache und meine Stimme. Vor allem aber verändert sich die Bühne, auf der ich jedes Jahr zur Weihnachtszeit spreche, sie verändert sich unablässig.
Die Kulisse des Jahres 2020 besteht aus den Bildern hilfloser Menschen an Beatmungsgeräten und ihrer weiß vermummten Pfleger und Ärztinnen. Im vergangenen Jahr tropfte die Weihnachtsbotschaft hinein in die Aufmärsche schwarz vermummter Rechter in Chemnitz, Hanno 15 ver und anderswo, noch frisch waren die Erinnerungen an die Anschläge auf Walter Lübcke und die Synagoge in Halle. Und 2015, in jenem Jahr der langen Flüchtlingszüge, war die Herbergssuche von Josef und der hochschwangeren Maria das Thema. Laut dem Lukasevangelium suchen die beiden im überfüllten Bethlehem verzweifelt eine Unterkunft, in der Maria ihr Kind bekommen kann: „Wer klopfet an? O zwei gar arme Leut“, heißt es in einem baye 20 rischen Adventslied, nur dass es 2015 nicht zwei, sondern Hunderttausende „arme Leut“ waren, die da klopften. Die da kamen, um zu bleiben. Und auch das haben wir geschafft, als etwas erschöpfte Herbergswirte.
Die froheste Nachricht der Welt ist diese besondere Geburt in Bethlehem unter erschwerten Bedingungen. Das jedenfalls behaupten wir Christen. 25 Und ich, die Weihnachtspredigerin, bin gemeinsam mit Abertausenden von Predigern in allen Sprachen aller Länder eine Überbringerin der guten Nachricht im immer neuen Gewand. „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt“, heißt es schon im Alten Testament beim Propheten Jesaja. Frieden. Gutes. Heilung der Welt.
30 Mit einer solchen Nachricht im Gepäck steigen unsere Füße auf die Kanzeln. Wir verkünden die Taten eines unglaublichen Gottes, der das funkelnde Weltenherrscherkostüm ablegt und vom König zum Bettler wird. Wir sprechen von einem Säugling, der, als Gegenmodell zum Imperator Augustus in Rom, in einem winzigen Dorf am Rande der politisch relevanten Regionen zur Welt kommt und, in einem schmuddeligen Trog liegend, ein welterschüttern 35 des Staunen auslöst.
Die Sterne wechseln ihre eingefahrene Bahn und ziehen nach Bethlehem. Weise und belesene Leute aus allen Kontinenten machen sich auf den Weg, um auf dem Stroh zwischen Schafen und Hirten auf die Knie zu sinken. Und droben singen die Engel vom Frieden auf Erden.
40 Dichtung und Wahrheit, Märchen und Utopie, alles mischt sich in der Legende von der Heiligen Nacht. Die handelnden Personen hat es größtenteils gegeben, das nehmen wir an. Jesus hat einmal gelebt und wohl auch Maria, Josef und sicherlich Herodes, jener jüdische König unter römischer Besatzung. Auch die Städte Nazareth und Bethlehem kann man seit Tausenden von Jahren besuchen. Die historischen Fakten werden von unserem biblischen Erzähler 45 Lukas hochgeworfen und herumjongliert wie von einem Akrobaten, der acht Bälle gleichzeitig in der Luft halten kann. Er zaubert aus historischen Fakten und hinzuerfundenen Wundern das Kunstwerk einer neuen Weltsicht.
Zum Beispiel wird der Begriff der Macht umgedeutet: Der jüdische König Herodes wusste in Wahrheit bestimmt nichts von der Geburt eines neuen „Königs“ namens Jesus in seinem 50 Reich. Auch Kaiser Augustus in Rom dürfte keine Ahnung gehabt haben, dass er bald Konkurrenz bekommen würde. Aber unser biblischer Erzähler, der Evangelist Lukas, der sah das so. Dieser griechische Arzt und christliche Missionar hatte nichts Geringeres vor, als die Weltgeschichte umzuschreiben und auf den Kopf zu stellen. Er war der Überzeugung, dass von den Worten dieses kleinen, ärmlichen und schwachen Jesuskindes später eine so gewaltige Kraft 55 ausgehen würde, dass alle Potentaten der Welt wie Zwerge neben ihm aussehen.
Und so inszenierte Lukas – die Lehre des Predigers Jesus im Herzen – in seiner Weihnachtsgeschichte die Vision von einer Welt, die ganz anders werden kann. „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“, lässt der Evangelist die blutjunge Mutter Maria singen. Im sogenannten Magnifikat, einem Text, an dem kaum ein Komponist vorbeikam. Auch die 60 ses Lied wird an Weihnachten in allen Kirchen der Welt aus vielen Kehlen gesungen. Nur in diesem Jahr nicht. Das Singen fehlt fürchterlich.
Bleibt eine ernste Frage: Seit 2000 Jahren wird an Weihnachten diese gute Botschaft an die Armen, die Kleinen, die Schwachen und Ohnmächtigen verkündet. Und trotzdem beherrschen Männer wie Xi Jinping und Kim Jong Un, wie Putin, Assad oder Emmerson Mnangagwa in 65 Simbabwe das Weltgeschehen, und um ein Haar hätte das amerikanische Volk einen weiteren Herrscher der Willkür und Lobbyisten der Superreichen in eine zweite Amtszeit gehievt. Die Utopie der gerechten Lebensverhältnisse und der Befreiung aus der Unterdrückung ist immer noch in weiter Ferne. Die Pandemie hat die Milliardäre der Welt noch reicher gemacht und beutelt die Armen in ihren Favelas 1. Und ich steige trotzdem – wie immer an Weihnachten – 70 auch jetzt leidenschaftlich auf die Kanzel und richte diese Botschaft aus. Bin ich verrückt? Ja und nein. Denn was wären wir ohne den Traum von Frieden und Gerechtigkeit?
Es gibt auch unter christlichen Predigern nicht wenige, die dem Dilemma, dass die Welt trotz dieses Gottes in Menschengestalt nicht viel besser geworden ist, dadurch begegnen, dass sie das Reich der Liebe und Gerechtigkeit ins Jenseits verschieben: Nach dem Tod wird alles gut, 75 das Friedensreich ist nicht von dieser, sondern von einer anderen Welt. Deshalb kann ruhig alles so schlecht bleiben, wie es ist.
Die vor sich hergeschobene Revolution – daran kann man sehen, wie brandgefährlich Predigen sein kann. Zum Beispiel wenn man vertröstet, statt zu trösten. Mit solchen Taschenspielertricks aber will die Weihnachtsgeschichte nichts zu tun haben. In ihr sind die himmlischen 80 Heerscharen unübersehbar von dieser Welt.
Der Evangelist Lukas – er dürfte wenige Jahre nach der Hinrichtung Jesu von Nazareth geboren worden sein – hat den Umbruch sehr handfest in seiner eigenen Umgebung erlebt, in den kleinen, neu gegründeten christlichen Gemeinden nämlich, in denen er sich aufhielt. Er hatte am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn Menschen ihre Positionen und ihr Geld 85 einer Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Die kleinen Enklaven der frühen Christenheit bildeten eine radikale Alternative zu den Lebensverhältnissen im römischen Weltreich: Sklaven wurden freigelassen, Schwache von der Gemeinschaft unterstützt, Kranke nicht ausgestoßen, sondern behandelt und gepflegt, Gäste freundlich empfangen, und die Reichen in der Gemeinde wussten plötzlich, wohin mit ihrem Geld. Lukas hatte die sanfte Revolution der 90 Urchristen wahrhaftig vor Augen. Und er dachte sehr diesseitig. Er träumte allerdings nicht vom bewaffneten Widerstand, auch nicht von Straßenschlachten und brennenden Autos. Lukas war ein grenzenloser Optimist. Kein politischer Ideologe, der meinte, wenn sich die Besitzstrukturen ändern, ändert sich die Welt. Er war aber davon überzeugt, dass Menschen – und auch die Menschheit – sich nach und nach ändern können. Er träumte von ihrer Erleuchtung: 95 Das neugeborene Kind und die Botschaft vom gerechten Frieden waren für ihn eine Hoffnung, an der nicht zu rütteln war. Das helle Licht in finsteren Zeiten.
Menschen können sehr gut sein und altruistisch handeln. Sie können – um Gottes willen – die Erde zu einem glücklichen Ort machen. Sie können Licht bringen in die Armenhäuser und Foltergefängnisse, in die Rüstungskonzerne und an die Börse. Sie können diesen Planeten 100 retten und erleben, wie wunderbar es ist, füreinander zu sorgen.
Ja, Menschen können sich ändern – und damit alles!
Wir Christen glauben an diese Art von Erleuchtung. Wir sind sogar der Überzeugung, dass die Menschheit all den Computerprogrammen ein Schnippchen schlagen kann, die unser Verhalten vorhersagen und noch während wir schlafen schon ausrechnen, was wir morgen wün 105 schen, brauchen, kaufen, lesen, denken und tun.
Die Weihnachtsbotschaft traut uns zu, dass wir unvorhersehbar, unberechenbar und überraschend menschlich handeln. Eine Ahnung davon haben wir bekommen, als in diesem Pandemie-Jahr zahllose Nachbarn einander geholfen und Ärzte bis zur Erschöpfung um fremde Leben gekämpft haben, als in Laboren bis zum Umfallen nach dem Impfstoff geforscht wurde 110 und – ja sogar Nationen sich gegenseitig unterstützten. Genau besehen sind Menschen tatsächlich fähig, Wunder zu bewirken, wenn sie sich selbst vergessen und ihren Nächsten in den Blick nehmen.
Der oder die andere und die Gemeinschaft, das sind die Kometen, die den Weg zur Weihnachtskrippe weisen. Du kannst die Welt verändern.
115 Also: Fürchte dich nicht!
1 Favela: Armenviertel in Südamerika
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)
Johanna Haberer ist evangelische Theologin.
Aufgabenstellung:
1.
Stellen Sie die zentralen Gedanken der Predigt von Johanna Haberer dar und arbeiten Sie dabei heraus, wie sie die Weihnachtsbotschaft versteht. (24 Punkte)
Aufgabe HT 1 - Teilaufgaben 2 und 3 · Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre
Johanna Haberer
Weihnachtspredigt: Fürchte dich nicht!
Seit vierzig Jahren predige ich zu Weihnachten – alle Jahre wieder. […]
Und alle Jahre wieder dieselbe Geschichte: vom Kind, das geboren wird. Vom Stall und den Hirten. Von der großen Freude und vom Frieden, der kommen wird. Ganz gewiss und ganz bestimmt. Man könnte sich eigentlich eine Predigt aus dem Internet ziehen. Da findet man 5 gleich zehn auf Knopfdruck. Oder man könnte eine frühere, längst gehaltene Ansprache nochmal recyceln und „einen alten Hirsch zum frischen Wasser“ führen, wie wir Predigtprofis das nennen.
Aber wer Weihnachten ernst nimmt, kann es drehen und wenden, wie er will – recyceln geht nicht. Denn in Wahrheit ist jedes Jahr anders. Ich selber bin in jedem Jahr anders, und auch 10 meine Worte, meine Sprache und meine Stimme. Vor allem aber verändert sich die Bühne, auf der ich jedes Jahr zur Weihnachtszeit spreche, sie verändert sich unablässig.
Die Kulisse des Jahres 2020 besteht aus den Bildern hilfloser Menschen an Beatmungsgeräten und ihrer weiß vermummten Pfleger und Ärztinnen. Im vergangenen Jahr tropfte die Weihnachtsbotschaft hinein in die Aufmärsche schwarz vermummter Rechter in Chemnitz, Hanno 15 ver und anderswo, noch frisch waren die Erinnerungen an die Anschläge auf Walter Lübcke und die Synagoge in Halle. Und 2015, in jenem Jahr der langen Flüchtlingszüge, war die Herbergssuche von Josef und der hochschwangeren Maria das Thema. Laut dem Lukasevangelium suchen die beiden im überfüllten Bethlehem verzweifelt eine Unterkunft, in der Maria ihr Kind bekommen kann: „Wer klopfet an? O zwei gar arme Leut“, heißt es in einem baye 20 rischen Adventslied, nur dass es 2015 nicht zwei, sondern Hunderttausende „arme Leut“ waren, die da klopften. Die da kamen, um zu bleiben. Und auch das haben wir geschafft, als etwas erschöpfte Herbergswirte.
Die froheste Nachricht der Welt ist diese besondere Geburt in Bethlehem unter erschwerten Bedingungen. Das jedenfalls behaupten wir Christen. 25 Und ich, die Weihnachtspredigerin, bin gemeinsam mit Abertausenden von Predigern in allen Sprachen aller Länder eine Überbringerin der guten Nachricht im immer neuen Gewand. „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt“, heißt es schon im Alten Testament beim Propheten Jesaja. Frieden. Gutes. Heilung der Welt.
30 Mit einer solchen Nachricht im Gepäck steigen unsere Füße auf die Kanzeln. Wir verkünden die Taten eines unglaublichen Gottes, der das funkelnde Weltenherrscherkostüm ablegt und vom König zum Bettler wird. Wir sprechen von einem Säugling, der, als Gegenmodell zum Imperator Augustus in Rom, in einem winzigen Dorf am Rande der politisch relevanten Regionen zur Welt kommt und, in einem schmuddeligen Trog liegend, ein welterschüttern 35 des Staunen auslöst.
Die Sterne wechseln ihre eingefahrene Bahn und ziehen nach Bethlehem. Weise und belesene Leute aus allen Kontinenten machen sich auf den Weg, um auf dem Stroh zwischen Schafen und Hirten auf die Knie zu sinken. Und droben singen die Engel vom Frieden auf Erden.
40 Dichtung und Wahrheit, Märchen und Utopie, alles mischt sich in der Legende von der Heiligen Nacht. Die handelnden Personen hat es größtenteils gegeben, das nehmen wir an. Jesus hat einmal gelebt und wohl auch Maria, Josef und sicherlich Herodes, jener jüdische König unter römischer Besatzung. Auch die Städte Nazareth und Bethlehem kann man seit Tausenden von Jahren besuchen. Die historischen Fakten werden von unserem biblischen Erzähler 45 Lukas hochgeworfen und herumjongliert wie von einem Akrobaten, der acht Bälle gleichzeitig in der Luft halten kann. Er zaubert aus historischen Fakten und hinzuerfundenen Wundern das Kunstwerk einer neuen Weltsicht.
Zum Beispiel wird der Begriff der Macht umgedeutet: Der jüdische König Herodes wusste in Wahrheit bestimmt nichts von der Geburt eines neuen „Königs“ namens Jesus in seinem 50 Reich. Auch Kaiser Augustus in Rom dürfte keine Ahnung gehabt haben, dass er bald Konkurrenz bekommen würde. Aber unser biblischer Erzähler, der Evangelist Lukas, der sah das so. Dieser griechische Arzt und christliche Missionar hatte nichts Geringeres vor, als die Weltgeschichte umzuschreiben und auf den Kopf zu stellen. Er war der Überzeugung, dass von den Worten dieses kleinen, ärmlichen und schwachen Jesuskindes später eine so gewaltige Kraft 55 ausgehen würde, dass alle Potentaten der Welt wie Zwerge neben ihm aussehen.
Und so inszenierte Lukas – die Lehre des Predigers Jesus im Herzen – in seiner Weihnachtsgeschichte die Vision von einer Welt, die ganz anders werden kann. „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“, lässt der Evangelist die blutjunge Mutter Maria singen. Im sogenannten Magnifikat, einem Text, an dem kaum ein Komponist vorbeikam. Auch die 60 ses Lied wird an Weihnachten in allen Kirchen der Welt aus vielen Kehlen gesungen. Nur in diesem Jahr nicht. Das Singen fehlt fürchterlich.
Bleibt eine ernste Frage: Seit 2000 Jahren wird an Weihnachten diese gute Botschaft an die Armen, die Kleinen, die Schwachen und Ohnmächtigen verkündet. Und trotzdem beherrschen Männer wie Xi Jinping und Kim Jong Un, wie Putin, Assad oder Emmerson Mnangagwa in 65 Simbabwe das Weltgeschehen, und um ein Haar hätte das amerikanische Volk einen weiteren Herrscher der Willkür und Lobbyisten der Superreichen in eine zweite Amtszeit gehievt. Die Utopie der gerechten Lebensverhältnisse und der Befreiung aus der Unterdrückung ist immer noch in weiter Ferne. Die Pandemie hat die Milliardäre der Welt noch reicher gemacht und beutelt die Armen in ihren Favelas 1. Und ich steige trotzdem – wie immer an Weihnachten – 70 auch jetzt leidenschaftlich auf die Kanzel und richte diese Botschaft aus. Bin ich verrückt? Ja und nein. Denn was wären wir ohne den Traum von Frieden und Gerechtigkeit?
Es gibt auch unter christlichen Predigern nicht wenige, die dem Dilemma, dass die Welt trotz dieses Gottes in Menschengestalt nicht viel besser geworden ist, dadurch begegnen, dass sie das Reich der Liebe und Gerechtigkeit ins Jenseits verschieben: Nach dem Tod wird alles gut, 75 das Friedensreich ist nicht von dieser, sondern von einer anderen Welt. Deshalb kann ruhig alles so schlecht bleiben, wie es ist.
Die vor sich hergeschobene Revolution – daran kann man sehen, wie brandgefährlich Predigen sein kann. Zum Beispiel wenn man vertröstet, statt zu trösten. Mit solchen Taschenspielertricks aber will die Weihnachtsgeschichte nichts zu tun haben. In ihr sind die himmlischen 80 Heerscharen unübersehbar von dieser Welt.
Der Evangelist Lukas – er dürfte wenige Jahre nach der Hinrichtung Jesu von Nazareth geboren worden sein – hat den Umbruch sehr handfest in seiner eigenen Umgebung erlebt, in den kleinen, neu gegründeten christlichen Gemeinden nämlich, in denen er sich aufhielt. Er hatte am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn Menschen ihre Positionen und ihr Geld 85 einer Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Die kleinen Enklaven der frühen Christenheit bildeten eine radikale Alternative zu den Lebensverhältnissen im römischen Weltreich: Sklaven wurden freigelassen, Schwache von der Gemeinschaft unterstützt, Kranke nicht ausgestoßen, sondern behandelt und gepflegt, Gäste freundlich empfangen, und die Reichen in der Gemeinde wussten plötzlich, wohin mit ihrem Geld. Lukas hatte die sanfte Revolution der 90 Urchristen wahrhaftig vor Augen. Und er dachte sehr diesseitig. Er träumte allerdings nicht vom bewaffneten Widerstand, auch nicht von Straßenschlachten und brennenden Autos. Lukas war ein grenzenloser Optimist. Kein politischer Ideologe, der meinte, wenn sich die Besitzstrukturen ändern, ändert sich die Welt. Er war aber davon überzeugt, dass Menschen – und auch die Menschheit – sich nach und nach ändern können. Er träumte von ihrer Erleuchtung: 95 Das neugeborene Kind und die Botschaft vom gerechten Frieden waren für ihn eine Hoffnung, an der nicht zu rütteln war. Das helle Licht in finsteren Zeiten.
Menschen können sehr gut sein und altruistisch handeln. Sie können – um Gottes willen – die Erde zu einem glücklichen Ort machen. Sie können Licht bringen in die Armenhäuser und Foltergefängnisse, in die Rüstungskonzerne und an die Börse. Sie können diesen Planeten 100 retten und erleben, wie wunderbar es ist, füreinander zu sorgen.
Ja, Menschen können sich ändern – und damit alles!
Wir Christen glauben an diese Art von Erleuchtung. Wir sind sogar der Überzeugung, dass die Menschheit all den Computerprogrammen ein Schnippchen schlagen kann, die unser Verhalten vorhersagen und noch während wir schlafen schon ausrechnen, was wir morgen wün 105 schen, brauchen, kaufen, lesen, denken und tun.
Die Weihnachtsbotschaft traut uns zu, dass wir unvorhersehbar, unberechenbar und überraschend menschlich handeln. Eine Ahnung davon haben wir bekommen, als in diesem Pandemie-Jahr zahllose Nachbarn einander geholfen und Ärzte bis zur Erschöpfung um fremde Leben gekämpft haben, als in Laboren bis zum Umfallen nach dem Impfstoff geforscht wurde 110 und – ja sogar Nationen sich gegenseitig unterstützten. Genau besehen sind Menschen tatsächlich fähig, Wunder zu bewirken, wenn sie sich selbst vergessen und ihren Nächsten in den Blick nehmen.
Der oder die andere und die Gemeinschaft, das sind die Kometen, die den Weg zur Weihnachtskrippe weisen. Du kannst die Welt verändern.
115 Also: Fürchte dich nicht!
1 Favela: Armenviertel in Südamerika
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)
Johanna Haberer ist evangelische Theologin.
Aufgabenstellung:
2.
Entfalten Sie Luthers Lehre von den zwei Reichen und Regimenten vor ihrem historischen Hintergrund und bringen Sie sie mit Johanna Haberers Deutung der Weihnachtsbotschaft in Beziehung. (30 Punkte)
3.
Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand selbst gewählter konkreter Beispiele, inwiefern christlicher Glaube in der Gegenwart zu politischem Engagement führen sollte, und nehmen Sie begründet Stellung. (26 Punkte)
Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position
Michael Roth
Haben wir die Welt noch im Griff?
Gedanken zu Gott, Glaube, Kirche und Corona
Haben wir die Welt noch im Griff? Die Antwort ist kurz: Wir hatten die Welt nie im Griff. Genau dies zeigt das Coronavirus. Und genau das thematisiert Religion. Religion thematisiert die Ambivalenzen endlichen Lebens, die paradoxe Gleichzeitigkeit von Kreativität und Scheitern, Angst und Hoffnung, Leben und Tod, Glück und Unglück, Gesundheit und Krankheit.
5 Und sie thematisiert dies nicht in allgemeinen Spekulationen, sondern in der Rede zu dem Gott, auf den wir unser Vertrauen richten dürfen.
Der Glaube bereichert unsere Wahrnehmung der Welt, er lässt uns nicht anderes sehen als das Alltägliche, sondern er lässt uns das Alltägliche anders sehen. Im Glauben werden nämlich alle Phänomene des Daseins im Lichte Gottes betrachtet, er ist eine neue Wahrnehmung
10 der Welt. Zur Verdeutlichung werfen wir einen Blick auf Luthers Rede von der Schöpfung im Kleinen Katechismus: „Ich gläube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seel, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält, dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hofe, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter, mit aller Notdurft und Nahrung dies Leibs und Lebens reichlich
15 und täglich versorget, wider aller Fährlichkeit beschirmet und für allem Ubel behüt und bewahret, und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit ohn alle mein Verdienst und Wirdigkeit, des alles ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin; das ist gewißlich wahr“ (BSLK 1, S. 510f). Der profane Blick sieht in dem Haus nur das Werk des Baumeisters, in den Kleidern nur das Werk des Schnei-
20 ders und in den Schuhen nur das Werk des Schusters, während Luther Haus, Kleider und Schuhe als Gaben Gottes wahrnimmt, als Gaben, die Gott ihm persönlich zum Leben gibt. [...] Und daher können wir Gott dafür auch Dank sagen, ja müssen ihm danken. Dies wird derjenige umso mehr wissen, der diese – vielen von uns selbstverständlichen – Dinge einmal schmerzhaft entbehren musste. Es wäre ganz absurd zu sagen, die Schuhe hat mir doch nicht
25 Gott gegeben, sondern der Schuster hat sie gemacht, und ich habe sie sogar bezahlt. Natürlich hat der Schuster die Schuhe gemacht und natürlich habe ich sie bezahlt (oder gestohlen oder sonst etwas). Das bestreitet der Glaubende natürlich nicht, innerweltliche Erklärungen lehnt er nicht ab, denn christlicher Glaube ist etwas anderes als Esoterik. Und doch vermag der Glaubende die vom Schuster hergestellten und von ihm bezahlten Schuhe im Lichte Got-
30 tes zu betrachten und eine weitere Facette wahrzunehmen: als Gaben, mit denen Gott sein Leben erhält. Gott gibt sich uns in, mit und unter den Phänomenen des Daseins, nicht an ihnen vorbei.
Ganz selbstverständlich nimmt Luther auch die Negativitäten des Daseins, wie Tod und Leid, Hungersnot und Krankheit aus Gottes Hand, wie sollte er auch anders, wenn er die ganze
35 Welt im Horizont Gottes, der alles bestimmenden Wirklichkeit, wahrnimmt. So klagt er beispielsweise Gott für die Krankheit des Kurfürsten Johannes oder für ausbleibenden Regen an. Auch hier wäre es schräg zu sagen, dass die Krankheit sich doch einem Virus verdankt oder das Ausbleiben des Regens einer bestimmten Wetterkonstellation, so wie es schräg wäre zu sagen, dass sich die Kleider dem Schneider verdanken und die Schuhe dem Schuster. Natür-
40 lich verdankt sich das Ausbleiben des Regens einer bestimmten Wetterkonstellation, wie sich auch die Kleider dem Schneider verdanken, aber natürlich begegnet in ihnen zugleich Gott selbst, zumindest für den, für den Gott als die alles bestimmende Wirklichkeit den Horizont seiner Weltwahrnehmung bildet; anders als bei den Kleidern begegnet Gott hier aber nicht als gnädig Gebender, sondern als ein sich Entziehender. Aber immer begegnet Gott uns als einer,
45 der uns persönlich meint: Auch in der Krankheit, auch im Tod sind wir gemeint, es trifft uns nicht zufällig, wir werden im wahrsten Sinne des Wortes heimgesucht. Daher bringen Christinnen und Christen die Negativitäten des Daseins in Klage vor Gott: Wie lange noch müssen wir das ertragen? Gott erscheint in Tod, Katastrophen, Hungersnöten nicht als ein Liebhaber des Lebens, sondern als dessen Verneiner. Und daher klagt der Glaubende Gott an, ruft ihm
50 zu: Hör auf! Lass ab! Wie kann ich um Gesundheit bitten, wenn Gott nicht auch den dunklen Hintergrund der Krankheit bildet, wie um Regen, wenn Gott nicht auch die finstere Macht der Dürre ist? [...]
Nun ist aber wichtig zu betonen, dass auch wenn Christinnen und Christen an Gottes Gegenwart in den Negativitäten des Daseins festhalten, sie keineswegs behaupten, hier Gott er-
55 kennen zu können. In Hunger, Tod, Katastrophen und Leid ist Gott gerade nicht zu erkennen, er ist hier nicht offenbar. Und doch haben wir es hier mit Gott zu tun. Daher reden Christinnen und Christen von Gottes verborgener Gegenwart. Mit der Rede von Gottes verborgener Gegenwart bringen sie zum einen zum Ausdruck, dass wir es in den Phänomenen mit Gott selbst zu tun haben, zum anderen, dass wir in diesen Phänomenen Gott gerade nicht als den
60 erkennen, als der er sich offenbart und zugesagt hat, nicht als den, auf den Christinnen und Christen ihr Vertrauen richten. Diese uns entzogene Seite Gottes verehren wir nicht, sie erschreckt uns. Gottes wahres Wesen ist in diesen Ereignissen verborgen, verhüllt. Aber es ist Gott selbst, der sich verbirgt. Gott ist nicht einfach abwesend, sondern er ist uns in Tod, Krankheit, Unrecht sogar bedrohlich nahe. Mit der Rede von der Verborgenheit Gottes gibt der
65 Glaubende seiner Empörung, seiner Enttäuschung und seinem Unverständnis Ausdruck.
Die Rede von Gottes abgewandter Gegenwart in Leid und Tod im Unterschied zu seiner zugesagten Gegenwart in Christus redet nicht von zwei gleichwertigen Seiten Gottes, sodass der Glaubende unsicher darüber wäre, welche Seite Gottes die eigentliche Seite ist, ja, wer Gott eigentlich ist. Vielmehr wird damit von zwei einander entgegenlaufenden Erfahrungen
70 gesprochen, die der Glaubende in den alltäglichen Dingen des Daseins macht. Dabei vertraut der Glaubende darauf, dass Gott in der gnädigen Zuwendung in Christus sein wahres Wesen gezeigt hat, auch wenn er dieses wahre Wesen in vielen schmerzvollen Erfahrungen nicht wahrzunehmen vermag. Der Glaubende vertraut gegen den Augenschein auf Gottes Zusage in Christus. So hat die Rede von der Verborgenheit Gottes ihren Ort in der Klage. Gottes Ver-
75 borgenheit wird seiner Zusage entgegengehalten und gerade dadurch wird an Gottes Zusage festgehalten – mit dem Verzicht auf die Verstehbarkeit Gottes.
Natürlich begegnet einem religiösen Menschen Gott auch in Corona. Wie sollte es anders sein, wenn er alle Phänomene des Daseins im Lichte Gottes betrachtet? Die Gegenwart Gottes auch in Corona zu behaupten, ist aber etwas völlig anderes als zu behaupten, dass Corona Strafe
80 Gottes ist. Wir haben bereits gesehen, dass Gott uns in solchen Ereignissen verborgen ist, wir hier seinen Willen gerade nicht verstehen. Wer allgemein behauptet, dass Corona eine Strafe Gottes ist, gibt aber vor, den Willen Gottes zu durchschauen; ebenso übrigens wie der, der behauptet, es sei keine Strafe Gottes. Beides ist der religiösen Rede gegenüber unangemessen, es verharmlost Gottes Verborgenheit, will sie deutend still stellen und harmonisieren.
85 Unangemessen ist es auch deshalb, weil wir nicht beurteilen können, in welcher Weise Gott einem Menschen in einem bestimmten Ereignis begegnet. [...]
Dem Glaubenden ist das Reden zu Gott eigentümlich, nicht das Reden über Gott, nicht die Spekulation über einen Gottesgedanken, sondern das Gebet. [...]
Indem der Beter sein Leben vor Gott zur Sprache bringt, bringt er auch die Erfahrungen vor
90 Gott, für die er nicht dankbar sein kann. Bereits im Alten Testament antwortet der Mensch nicht nur im Dank, sondern auch in der Klage und der Bitte Jahwe, dem Erretter Israels. Der alttestamentliche Beter lebt von der Verheißung: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten…“ (Ps 50, 15). Gerade weil der alttestamentliche Beter sich in Klage, Bitte und Dank auf Gott wirft, kann die christliche Gemeinde in das Gebet des alttestamentlichen Beters ein-
95 stimmen.
Im Gebet behaftet der Beter Gott bei seiner Zusage: Erweis Dich als der, als der Du Dich in Christus uns zugesagt hast! Der Betende hält Gott seine Zusage entgegen. Wir können auch sagen: Er hält dem verborgenen Gott den offenbaren Gott entgegen, ja, er wendet sich weg von dem verborgenen Gott und flieht zu dem offenbaren Gott. [...]
100 Daher ist das Kreuz das zentrale Symbol des Glaubens: Christinnen und Christen glauben nicht, die Spannungen und Widersprüchlichkeiten lösen oder abschaffen zu können, sondern sie leben von dem Vertrauen auf Gottes Zusage, inmitten der Widersprüchlichkeiten des Daseins leben zu dürfen.
[...] Ich schließe: Die Kirche hat die dunklen Seiten des Lebens ernst zu nehmen und im öffent-
105 lichen Gebet vor Gott zu bringen. Sie kann dies gerade deshalb tun, weil sie auf Christus verweisen darf, zu dem wir in unseren Ängsten und Sorgen fliehen dürfen, als den Ort, wo wir auch für unsere Schuld Vergebung und Annahme erfahren dürfen. Der Glaube bietet kein Wissen um höhere Zusammenhänge, keine Reduktionen der Spannungen des Daseins, sondern eine Lebensbewegung: das Vertrauen auf Gottes Zusage, inmitten der Widersprüchlich-
110 keiten des Daseins leben zu dürfen.
1 BSLK: Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)
Michael Roth ist evangelischer Theologe.
1. Stellen Sie dar, welches Thema der Text von Michael Roth behandelt und wie die Gedanken aufgebaut sind, und arbeiten Sie heraus, welches Gottesbild der Text entfaltet. (24 Punkte)
Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 2 · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder
Michael Roth
Haben wir die Welt noch im Griff?
Gedanken zu Gott, Glaube, Kirche und Corona
Haben wir die Welt noch im Griff? Die Antwort ist kurz: Wir hatten die Welt nie im Griff. Genau dies zeigt das Coronavirus. Und genau das thematisiert Religion. Religion thematisiert die Ambivalenzen endlichen Lebens, die paradoxe Gleichzeitigkeit von Kreativität und Scheitern, Angst und Hoffnung, Leben und Tod, Glück und Unglück, Gesundheit und Krankheit.
5 Und sie thematisiert dies nicht in allgemeinen Spekulationen, sondern in der Rede zu dem Gott, auf den wir unser Vertrauen richten dürfen.
Der Glaube bereichert unsere Wahrnehmung der Welt, er lässt uns nicht anderes sehen als das Alltägliche, sondern er lässt uns das Alltägliche anders sehen. Im Glauben werden nämlich alle Phänomene des Daseins im Lichte Gottes betrachtet, er ist eine neue Wahrnehmung
10 der Welt. Zur Verdeutlichung werfen wir einen Blick auf Luthers Rede von der Schöpfung im Kleinen Katechismus: „Ich gläube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seel, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält, dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hofe, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter, mit aller Notdurft und Nahrung dies Leibs und Lebens reichlich
15 und täglich versorget, wider aller Fährlichkeit beschirmet und für allem Ubel behüt und bewahret, und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit ohn alle mein Verdienst und Wirdigkeit, des alles ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin; das ist gewißlich wahr“ (BSLK 1, S. 510f). Der profane Blick sieht in dem Haus nur das Werk des Baumeisters, in den Kleidern nur das Werk des Schnei-
20 ders und in den Schuhen nur das Werk des Schusters, während Luther Haus, Kleider und Schuhe als Gaben Gottes wahrnimmt, als Gaben, die Gott ihm persönlich zum Leben gibt. [...] Und daher können wir Gott dafür auch Dank sagen, ja müssen ihm danken. Dies wird derjenige umso mehr wissen, der diese – vielen von uns selbstverständlichen – Dinge einmal schmerzhaft entbehren musste. Es wäre ganz absurd zu sagen, die Schuhe hat mir doch nicht
25 Gott gegeben, sondern der Schuster hat sie gemacht, und ich habe sie sogar bezahlt. Natürlich hat der Schuster die Schuhe gemacht und natürlich habe ich sie bezahlt (oder gestohlen oder sonst etwas). Das bestreitet der Glaubende natürlich nicht, innerweltliche Erklärungen lehnt er nicht ab, denn christlicher Glaube ist etwas anderes als Esoterik. Und doch vermag der Glaubende die vom Schuster hergestellten und von ihm bezahlten Schuhe im Lichte Got-
30 tes zu betrachten und eine weitere Facette wahrzunehmen: als Gaben, mit denen Gott sein Leben erhält. Gott gibt sich uns in, mit und unter den Phänomenen des Daseins, nicht an ihnen vorbei.
Ganz selbstverständlich nimmt Luther auch die Negativitäten des Daseins, wie Tod und Leid, Hungersnot und Krankheit aus Gottes Hand, wie sollte er auch anders, wenn er die ganze
35 Welt im Horizont Gottes, der alles bestimmenden Wirklichkeit, wahrnimmt. So klagt er beispielsweise Gott für die Krankheit des Kurfürsten Johannes oder für ausbleibenden Regen an. Auch hier wäre es schräg zu sagen, dass die Krankheit sich doch einem Virus verdankt oder das Ausbleiben des Regens einer bestimmten Wetterkonstellation, so wie es schräg wäre zu sagen, dass sich die Kleider dem Schneider verdanken und die Schuhe dem Schuster. Natür-
40 lich verdankt sich das Ausbleiben des Regens einer bestimmten Wetterkonstellation, wie sich auch die Kleider dem Schneider verdanken, aber natürlich begegnet in ihnen zugleich Gott selbst, zumindest für den, für den Gott als die alles bestimmende Wirklichkeit den Horizont seiner Weltwahrnehmung bildet; anders als bei den Kleidern begegnet Gott hier aber nicht als gnädig Gebender, sondern als ein sich Entziehender. Aber immer begegnet Gott uns als einer,
45 der uns persönlich meint: Auch in der Krankheit, auch im Tod sind wir gemeint, es trifft uns nicht zufällig, wir werden im wahrsten Sinne des Wortes heimgesucht. Daher bringen Christinnen und Christen die Negativitäten des Daseins in Klage vor Gott: Wie lange noch müssen wir das ertragen? Gott erscheint in Tod, Katastrophen, Hungersnöten nicht als ein Liebhaber des Lebens, sondern als dessen Verneiner. Und daher klagt der Glaubende Gott an, ruft ihm
50 zu: Hör auf! Lass ab! Wie kann ich um Gesundheit bitten, wenn Gott nicht auch den dunklen Hintergrund der Krankheit bildet, wie um Regen, wenn Gott nicht auch die finstere Macht der Dürre ist? [...]
Nun ist aber wichtig zu betonen, dass auch wenn Christinnen und Christen an Gottes Gegenwart in den Negativitäten des Daseins festhalten, sie keineswegs behaupten, hier Gott er-
55 kennen zu können. In Hunger, Tod, Katastrophen und Leid ist Gott gerade nicht zu erkennen, er ist hier nicht offenbar. Und doch haben wir es hier mit Gott zu tun. Daher reden Christinnen und Christen von Gottes verborgener Gegenwart. Mit der Rede von Gottes verborgener Gegenwart bringen sie zum einen zum Ausdruck, dass wir es in den Phänomenen mit Gott selbst zu tun haben, zum anderen, dass wir in diesen Phänomenen Gott gerade nicht als den
60 erkennen, als der er sich offenbart und zugesagt hat, nicht als den, auf den Christinnen und Christen ihr Vertrauen richten. Diese uns entzogene Seite Gottes verehren wir nicht, sie erschreckt uns. Gottes wahres Wesen ist in diesen Ereignissen verborgen, verhüllt. Aber es ist Gott selbst, der sich verbirgt. Gott ist nicht einfach abwesend, sondern er ist uns in Tod, Krankheit, Unrecht sogar bedrohlich nahe. Mit der Rede von der Verborgenheit Gottes gibt der
65 Glaubende seiner Empörung, seiner Enttäuschung und seinem Unverständnis Ausdruck.
Die Rede von Gottes abgewandter Gegenwart in Leid und Tod im Unterschied zu seiner zugesagten Gegenwart in Christus redet nicht von zwei gleichwertigen Seiten Gottes, sodass der Glaubende unsicher darüber wäre, welche Seite Gottes die eigentliche Seite ist, ja, wer Gott eigentlich ist. Vielmehr wird damit von zwei einander entgegenlaufenden Erfahrungen
70 gesprochen, die der Glaubende in den alltäglichen Dingen des Daseins macht. Dabei vertraut der Glaubende darauf, dass Gott in der gnädigen Zuwendung in Christus sein wahres Wesen gezeigt hat, auch wenn er dieses wahre Wesen in vielen schmerzvollen Erfahrungen nicht wahrzunehmen vermag. Der Glaubende vertraut gegen den Augenschein auf Gottes Zusage in Christus. So hat die Rede von der Verborgenheit Gottes ihren Ort in der Klage. Gottes Ver-
75 borgenheit wird seiner Zusage entgegengehalten und gerade dadurch wird an Gottes Zusage festgehalten – mit dem Verzicht auf die Verstehbarkeit Gottes.
Natürlich begegnet einem religiösen Menschen Gott auch in Corona. Wie sollte es anders sein, wenn er alle Phänomene des Daseins im Lichte Gottes betrachtet? Die Gegenwart Gottes auch in Corona zu behaupten, ist aber etwas völlig anderes als zu behaupten, dass Corona Strafe
80 Gottes ist. Wir haben bereits gesehen, dass Gott uns in solchen Ereignissen verborgen ist, wir hier seinen Willen gerade nicht verstehen. Wer allgemein behauptet, dass Corona eine Strafe Gottes ist, gibt aber vor, den Willen Gottes zu durchschauen; ebenso übrigens wie der, der behauptet, es sei keine Strafe Gottes. Beides ist der religiösen Rede gegenüber unangemessen, es verharmlost Gottes Verborgenheit, will sie deutend still stellen und harmonisieren.
85 Unangemessen ist es auch deshalb, weil wir nicht beurteilen können, in welcher Weise Gott einem Menschen in einem bestimmten Ereignis begegnet. [...]
Dem Glaubenden ist das Reden zu Gott eigentümlich, nicht das Reden über Gott, nicht die Spekulation über einen Gottesgedanken, sondern das Gebet. [...]
Indem der Beter sein Leben vor Gott zur Sprache bringt, bringt er auch die Erfahrungen vor
90 Gott, für die er nicht dankbar sein kann. Bereits im Alten Testament antwortet der Mensch nicht nur im Dank, sondern auch in der Klage und der Bitte Jahwe, dem Erretter Israels. Der alttestamentliche Beter lebt von der Verheißung: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten…“ (Ps 50, 15). Gerade weil der alttestamentliche Beter sich in Klage, Bitte und Dank auf Gott wirft, kann die christliche Gemeinde in das Gebet des alttestamentlichen Beters ein-
95 stimmen.
Im Gebet behaftet der Beter Gott bei seiner Zusage: Erweis Dich als der, als der Du Dich in Christus uns zugesagt hast! Der Betende hält Gott seine Zusage entgegen. Wir können auch sagen: Er hält dem verborgenen Gott den offenbaren Gott entgegen, ja, er wendet sich weg von dem verborgenen Gott und flieht zu dem offenbaren Gott. [...]
100 Daher ist das Kreuz das zentrale Symbol des Glaubens: Christinnen und Christen glauben nicht, die Spannungen und Widersprüchlichkeiten lösen oder abschaffen zu können, sondern sie leben von dem Vertrauen auf Gottes Zusage, inmitten der Widersprüchlichkeiten des Daseins leben zu dürfen.
[...] Ich schließe: Die Kirche hat die dunklen Seiten des Lebens ernst zu nehmen und im öffent-
105 lichen Gebet vor Gott zu bringen. Sie kann dies gerade deshalb tun, weil sie auf Christus verweisen darf, zu dem wir in unseren Ängsten und Sorgen fliehen dürfen, als den Ort, wo wir auch für unsere Schuld Vergebung und Annahme erfahren dürfen. Der Glaube bietet kein Wissen um höhere Zusammenhänge, keine Reduktionen der Spannungen des Daseins, sondern eine Lebensbewegung: das Vertrauen auf Gottes Zusage, inmitten der Widersprüchlich-
110 keiten des Daseins leben zu dürfen.
1 BSLK: Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)
Michael Roth ist evangelischer Theologe.
2. Entfalten Sie, welche Gottesbilder in der Exoduserzählung vor dem Hintergrund der biblischen Rede von Gott erkennbar werden, und vergleichen Sie diese mit dem Gottesbild, das Michael Roth in seinem Text entwirft. (30 Punkte)
Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 3 · Leid und Theodizee: angemessen von Gott sprechen
Michael Roth
Haben wir die Welt noch im Griff?
Gedanken zu Gott, Glaube, Kirche und Corona
Haben wir die Welt noch im Griff? Die Antwort ist kurz: Wir hatten die Welt nie im Griff. Genau dies zeigt das Coronavirus. Und genau das thematisiert Religion. Religion thematisiert die Ambivalenzen endlichen Lebens, die paradoxe Gleichzeitigkeit von Kreativität und Scheitern, Angst und Hoffnung, Leben und Tod, Glück und Unglück, Gesundheit und Krankheit.
5 Und sie thematisiert dies nicht in allgemeinen Spekulationen, sondern in der Rede zu dem Gott, auf den wir unser Vertrauen richten dürfen.
Der Glaube bereichert unsere Wahrnehmung der Welt, er lässt uns nicht anderes sehen als das Alltägliche, sondern er lässt uns das Alltägliche anders sehen. Im Glauben werden nämlich alle Phänomene des Daseins im Lichte Gottes betrachtet, er ist eine neue Wahrnehmung
10 der Welt. Zur Verdeutlichung werfen wir einen Blick auf Luthers Rede von der Schöpfung im Kleinen Katechismus: „Ich gläube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seel, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält, dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hofe, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter, mit aller Notdurft und Nahrung dies Leibs und Lebens reichlich
15 und täglich versorget, wider aller Fährlichkeit beschirmet und für allem Ubel behüt und bewahret, und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit ohn alle mein Verdienst und Wirdigkeit, des alles ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin; das ist gewißlich wahr“ (BSLK 1, S. 510f). Der profane Blick sieht in dem Haus nur das Werk des Baumeisters, in den Kleidern nur das Werk des Schnei-
20 ders und in den Schuhen nur das Werk des Schusters, während Luther Haus, Kleider und Schuhe als Gaben Gottes wahrnimmt, als Gaben, die Gott ihm persönlich zum Leben gibt. [...] Und daher können wir Gott dafür auch Dank sagen, ja müssen ihm danken. Dies wird derjenige umso mehr wissen, der diese – vielen von uns selbstverständlichen – Dinge einmal schmerzhaft entbehren musste. Es wäre ganz absurd zu sagen, die Schuhe hat mir doch nicht
25 Gott gegeben, sondern der Schuster hat sie gemacht, und ich habe sie sogar bezahlt. Natürlich hat der Schuster die Schuhe gemacht und natürlich habe ich sie bezahlt (oder gestohlen oder sonst etwas). Das bestreitet der Glaubende natürlich nicht, innerweltliche Erklärungen lehnt er nicht ab, denn christlicher Glaube ist etwas anderes als Esoterik. Und doch vermag der Glaubende die vom Schuster hergestellten und von ihm bezahlten Schuhe im Lichte Got-
30 tes zu betrachten und eine weitere Facette wahrzunehmen: als Gaben, mit denen Gott sein Leben erhält. Gott gibt sich uns in, mit und unter den Phänomenen des Daseins, nicht an ihnen vorbei.
Ganz selbstverständlich nimmt Luther auch die Negativitäten des Daseins, wie Tod und Leid, Hungersnot und Krankheit aus Gottes Hand, wie sollte er auch anders, wenn er die ganze
35 Welt im Horizont Gottes, der alles bestimmenden Wirklichkeit, wahrnimmt. So klagt er beispielsweise Gott für die Krankheit des Kurfürsten Johannes oder für ausbleibenden Regen an. Auch hier wäre es schräg zu sagen, dass die Krankheit sich doch einem Virus verdankt oder das Ausbleiben des Regens einer bestimmten Wetterkonstellation, so wie es schräg wäre zu sagen, dass sich die Kleider dem Schneider verdanken und die Schuhe dem Schuster. Natür-
40 lich verdankt sich das Ausbleiben des Regens einer bestimmten Wetterkonstellation, wie sich auch die Kleider dem Schneider verdanken, aber natürlich begegnet in ihnen zugleich Gott selbst, zumindest für den, für den Gott als die alles bestimmende Wirklichkeit den Horizont seiner Weltwahrnehmung bildet; anders als bei den Kleidern begegnet Gott hier aber nicht als gnädig Gebender, sondern als ein sich Entziehender. Aber immer begegnet Gott uns als einer,
45 der uns persönlich meint: Auch in der Krankheit, auch im Tod sind wir gemeint, es trifft uns nicht zufällig, wir werden im wahrsten Sinne des Wortes heimgesucht. Daher bringen Christinnen und Christen die Negativitäten des Daseins in Klage vor Gott: Wie lange noch müssen wir das ertragen? Gott erscheint in Tod, Katastrophen, Hungersnöten nicht als ein Liebhaber des Lebens, sondern als dessen Verneiner. Und daher klagt der Glaubende Gott an, ruft ihm
50 zu: Hör auf! Lass ab! Wie kann ich um Gesundheit bitten, wenn Gott nicht auch den dunklen Hintergrund der Krankheit bildet, wie um Regen, wenn Gott nicht auch die finstere Macht der Dürre ist? [...]
Nun ist aber wichtig zu betonen, dass auch wenn Christinnen und Christen an Gottes Gegenwart in den Negativitäten des Daseins festhalten, sie keineswegs behaupten, hier Gott er-
55 kennen zu können. In Hunger, Tod, Katastrophen und Leid ist Gott gerade nicht zu erkennen, er ist hier nicht offenbar. Und doch haben wir es hier mit Gott zu tun. Daher reden Christinnen und Christen von Gottes verborgener Gegenwart. Mit der Rede von Gottes verborgener Gegenwart bringen sie zum einen zum Ausdruck, dass wir es in den Phänomenen mit Gott selbst zu tun haben, zum anderen, dass wir in diesen Phänomenen Gott gerade nicht als den
60 erkennen, als der er sich offenbart und zugesagt hat, nicht als den, auf den Christinnen und Christen ihr Vertrauen richten. Diese uns entzogene Seite Gottes verehren wir nicht, sie erschreckt uns. Gottes wahres Wesen ist in diesen Ereignissen verborgen, verhüllt. Aber es ist Gott selbst, der sich verbirgt. Gott ist nicht einfach abwesend, sondern er ist uns in Tod, Krankheit, Unrecht sogar bedrohlich nahe. Mit der Rede von der Verborgenheit Gottes gibt der
65 Glaubende seiner Empörung, seiner Enttäuschung und seinem Unverständnis Ausdruck.
Die Rede von Gottes abgewandter Gegenwart in Leid und Tod im Unterschied zu seiner zugesagten Gegenwart in Christus redet nicht von zwei gleichwertigen Seiten Gottes, sodass der Glaubende unsicher darüber wäre, welche Seite Gottes die eigentliche Seite ist, ja, wer Gott eigentlich ist. Vielmehr wird damit von zwei einander entgegenlaufenden Erfahrungen
70 gesprochen, die der Glaubende in den alltäglichen Dingen des Daseins macht. Dabei vertraut der Glaubende darauf, dass Gott in der gnädigen Zuwendung in Christus sein wahres Wesen gezeigt hat, auch wenn er dieses wahre Wesen in vielen schmerzvollen Erfahrungen nicht wahrzunehmen vermag. Der Glaubende vertraut gegen den Augenschein auf Gottes Zusage in Christus. So hat die Rede von der Verborgenheit Gottes ihren Ort in der Klage. Gottes Ver-
75 borgenheit wird seiner Zusage entgegengehalten und gerade dadurch wird an Gottes Zusage festgehalten – mit dem Verzicht auf die Verstehbarkeit Gottes.
Natürlich begegnet einem religiösen Menschen Gott auch in Corona. Wie sollte es anders sein, wenn er alle Phänomene des Daseins im Lichte Gottes betrachtet? Die Gegenwart Gottes auch in Corona zu behaupten, ist aber etwas völlig anderes als zu behaupten, dass Corona Strafe
80 Gottes ist. Wir haben bereits gesehen, dass Gott uns in solchen Ereignissen verborgen ist, wir hier seinen Willen gerade nicht verstehen. Wer allgemein behauptet, dass Corona eine Strafe Gottes ist, gibt aber vor, den Willen Gottes zu durchschauen; ebenso übrigens wie der, der behauptet, es sei keine Strafe Gottes. Beides ist der religiösen Rede gegenüber unangemessen, es verharmlost Gottes Verborgenheit, will sie deutend still stellen und harmonisieren.
85 Unangemessen ist es auch deshalb, weil wir nicht beurteilen können, in welcher Weise Gott einem Menschen in einem bestimmten Ereignis begegnet. [...]
Dem Glaubenden ist das Reden zu Gott eigentümlich, nicht das Reden über Gott, nicht die Spekulation über einen Gottesgedanken, sondern das Gebet. [...]
Indem der Beter sein Leben vor Gott zur Sprache bringt, bringt er auch die Erfahrungen vor
90 Gott, für die er nicht dankbar sein kann. Bereits im Alten Testament antwortet der Mensch nicht nur im Dank, sondern auch in der Klage und der Bitte Jahwe, dem Erretter Israels. Der alttestamentliche Beter lebt von der Verheißung: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten…“ (Ps 50, 15). Gerade weil der alttestamentliche Beter sich in Klage, Bitte und Dank auf Gott wirft, kann die christliche Gemeinde in das Gebet des alttestamentlichen Beters ein-
95 stimmen.
Im Gebet behaftet der Beter Gott bei seiner Zusage: Erweis Dich als der, als der Du Dich in Christus uns zugesagt hast! Der Betende hält Gott seine Zusage entgegen. Wir können auch sagen: Er hält dem verborgenen Gott den offenbaren Gott entgegen, ja, er wendet sich weg von dem verborgenen Gott und flieht zu dem offenbaren Gott. [...]
100 Daher ist das Kreuz das zentrale Symbol des Glaubens: Christinnen und Christen glauben nicht, die Spannungen und Widersprüchlichkeiten lösen oder abschaffen zu können, sondern sie leben von dem Vertrauen auf Gottes Zusage, inmitten der Widersprüchlichkeiten des Daseins leben zu dürfen.
[...] Ich schließe: Die Kirche hat die dunklen Seiten des Lebens ernst zu nehmen und im öffent-
105 lichen Gebet vor Gott zu bringen. Sie kann dies gerade deshalb tun, weil sie auf Christus verweisen darf, zu dem wir in unseren Ängsten und Sorgen fliehen dürfen, als den Ort, wo wir auch für unsere Schuld Vergebung und Annahme erfahren dürfen. Der Glaube bietet kein Wissen um höhere Zusammenhänge, keine Reduktionen der Spannungen des Daseins, sondern eine Lebensbewegung: das Vertrauen auf Gottes Zusage, inmitten der Widersprüchlich-
110 keiten des Daseins leben zu dürfen.
1 BSLK: Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)
Michael Roth ist evangelischer Theologe.
3. Erörtern Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Resultate und anhand eigener Beispiele, inwiefern die Rede von „Gottes Gegenwart in den Negativitäten des Daseins“ (Z. 53 f.) bei der Bewältigung des Lebens hilfreich sein kann, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. (26 Punkte)
Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position
M 1
David Safier
Jesus liebt mich
Im Roman geht es um Marie, die eine Liebesbeziehung mit dem rätselhaften Joshua beginnt. Im Verlauf der Handlung wird sie immer sicherer, dass Joshua der auf die Erde wiedergekehrte Jesus ist. Nach einem besonders schönen Abend teilt Joshua ihr mit, dass sie vermutlich keinen weiteren solchen Abend zusammen erleben werden, weil er jetzt die in der Bibel beschriebene Aufgabe erfüllen muss. Ehe Marie nachzufragen wagt, was das für eine Aufgabe ist, gehen beide auseinander. Im abgedruckten Auszug möchte Marie von ihrem bibelkundigen Freund Michi erfahren, weshalb Jesus möglicherweise auf die Erde zurückgekehrt ist.
[...] „Komm rein, dann erkläre ich es dir“, forderte Michi mich auf.
Er setzte sich an die Theke, trank tiefschwarzen Kaffee und erzählte mir von den vielen Prophezeiungen des Weltuntergangs in der Bibel, es gab welche im Buch Daniel, und auch Jesus selbst hatte in den Evangelien das Ende der Welt vorhergesagt, aber am ausführlichsten war es im Finale der Bibel beschrieben, auf den letzten Seiten, in der Offenbarung des Johannes. Gebannt hörte ich zu, wie Michi mir von der Endschlacht Gut gegen Böse berichtete. Von den apokalyptischen Reitern, von Satan und davon, wie Jesus sie alle in einer Schlacht besiegt und unsere Erde in ein Himmelreich verwandelt, in dem er mit den Gottesgläubigen auf immer und ewig in Frieden lebt. Ohne Mühsal, ohne Trauer und vor allen Dingen: ohne Tod. Jetzt wusste ich, warum Joshua auf der Welt war. [...]
[Michi sagte:] „Dass unsere Welt in ein Himmelreich verwandelt wird, hat für einige Menschen auch Nachteile.“
„Wieso das denn? Ich denk, dann gibt es auf der Erde keinen Tod mehr, keinen Mangel. Klingt so, als ob es da auch keinen Liebeskummer gibt. Oder Akne.“
„Ja schon, aber nicht alle Menschen kriegen eine Eintrittskarte für das Himmelreich.“
Verblüfft starrte ich ihn an.
„Alle Menschen“, erklärte Michi, „werden vor Gott treten. Auch alle bereits Verstorbenen. Sie werden wieder zum Leben erwachen. Gott wird das sogenannte Buch des Lebens aufschlagen, in dem steht, was jeder Einzelne in seinem Leben getan hat.“
„Muss ein ziemlich dickes Buch sein“, sagte ich gequält.
Die Vorstellung, dass alles über mich aufgeschrieben wurde, gefiel mir nicht sonderlich. Wurde ich auf Schritt und Tritt von Gottes Engeln beobachtet? Auch beim Duschen? Oder beim Sex? Auch bei dem, den ich alleine hatte? Wenn es so war, würde ich den Spannern gerne mal meine Meinung geigen!
„Die Menschen werden nach all ihren Taten beurteilt. Wer gut war, kommt ins Himmelreich.“
„Und der Rest? Was macht der, wenn es unsere Welt nicht mehr gibt?“
„Der Rest geht, laut der Offenbarung des Johannes, für ewig ab in den Feuersee.“
„Klingt ungemütlich“, sagte ich fröstelnd.
„Soll er wohl auch sein.“
„Das steht wirklich alles in der Bibel?“
Michi nickte.
„Aber Gott ist doch der Gute?“, fragte ich zögerlich.
„Das ist der gleiche Gott, der zu Noahs Zeiten die Erde flutete, Sodom und Gomorrha kurz und klein gehauen hat und den Ägyptern mit seinen Plagen eine schöne Wirtschaftsrezession bescherte.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Gott mag“, sagte ich traurig.
„Wenn es das Buch des Lebens tatsächlich gibt, steht jetzt auch drin, dass du diesen Satz gesagt hast.“
„O nein!“, rief ich aus.
„Ich finde auch den Gott besser, der David gegen Goliath geholfen hat“, meinte Michi.
„Ist das nicht der gleiche?“
„Bei dieser Frage haben schon Tausende Theologen Migräne bekommen.“
„Und was glaubst du? Welcher ist der wahre Gott?“
„Ich hoffe auf den gütigen, aber wenn man sich auf der Welt so umschaut...“
Weiter redete er nicht. Zweifel an seinem eigenen Glauben wollte er nicht formulieren, um ihnen keine Gestalt zu geben.
Die Faktenlage war für mich jedenfalls unangenehm klar: Jesus war auf Erden und meinte, dass man seine Aufgabe, auf die er sich nun vorbereiten musste, in der Bibel nachlesen konnte. Das mit dem Jüngsten Gericht war dann wohl seine Aufgabe. Die Welt, wie ich sie kannte, würde untergehen. Und in diesem blöden Buch des Lebens standen sicher noch mehr üble Dinge über mich drin. Würde ich also auf ewig im Feuersee landen? [...]
Als ich meine Sprache wiedergefunden hatte, fragte ich Michi: „Und... und Jesus hat das auch vorhergesagt?“
Ich konnte mir einfach immer noch nicht vorstellen, dass Jesus – dass Joshua bei so etwas mitmachte.
„Mit der Androhung des nahenden Endes brachte er viele Menschen dazu, ihre Handlungen zu überdenken und zu Gott zu finden“, erklärte Michi.
„Das... das glaub ich nicht.“
Michi griff nun nach der Bibel, blätterte und sagte: „Es gibt da viele Stellen, schau, zum Beispiel bei Matthäus 24 1 “ verkündet Jesus: „Dann wird er sich zu ihnen wenden und ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist.“
„Du kennst dich gut aus...“, stammelte ich. Und dann fragte ich ängstlich: „Weißt du, was so die Aufnahmekriterien fürs Himmelreich sind?“ [...]
„Was man tun muss“, erklärte er dann, „steht nicht genau in der Offenbarung des Johannes. Aber ich schätze mal, wenn man sein Leben nach den vielen Geboten der Bibel geführt hat, dürfte man wohl keine Probleme bekommen.“
„Viele? Ich dachte, es gibt nur zehn.“
„Es gibt viel mehr, einen ganzen Haufen. Bestimmt über siebenhundert“, erklärte Michi. Er kicherte dabei nervös, da ich schon den Angstschweiß auf der Stirn hatte. [...]
„Ich glaube, es reicht wirklich, wenn man sich an die Zehn Gebote hält.“
Da ich ja auch die nicht komplett parat hatte, ließ ich mir von Michi zeigen, wo die Zehn Gebote standen. Und so las ich das erste Mal in meinem Leben wirklich konzentriert in der Bibel. Was so ein Selbsterhaltungstrieb alles bewirken kann... [...]
Michi fand, dass ich in meiner Panik vor dem Feuersee die Gebote doch recht einseitig zu meinen Gunsten auslegte. Er hatte natürlich recht, ich hatte oft die Männer anderer Frauen begehrt. Viel zu oft. Und für meinen Geschmack viel zu oft nicht gekriegt.
Auch hatte ich gegen das zehnte Gebot verstoßen und eigentlich ständig auch die Dinge anderer begehrt: Das Cabrio von Marc, die Schuhkollektion meiner Kollegin, die Figur von Jennifer Aniston...
Aber was mir am meisten Kopfschmerzen bereitete, war das Gebot Nummer fünf 2, die blöde Sache mit den Eltern! Ob ich das bis zum Weltuntergang, wann immer der sein sollte, hinkriegen würde?
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)
1 Matthäus 24: Safier bezieht sich hier auf Mt 25,41.
2 Fünftes Gebot: gemeint ist das Gebot, die Eltern zu lieben und zu ehren – nach Luthers Zählung das vierte Gebot.
David Safier ist deutscher Schriftsteller.
M 2
Christiane Tietz
Was ist das Jüngste Gericht?
Heulen, Zähneklappern, Angstmacherei vor einem gnadenlosen Gott, Kleinhalten der Gläubigen durch die kirchliche Hierarchie: darum scheint es beim Jüngsten Gericht zu gehen. Doch was von gotischen Kirchenportalen herunter schreckt, war ursprünglich tröstlich gemeint. Dass Gott kommt, um zu richten, ist für den alttestamentlichen Psalmisten Grund zur Freude: „Die Ströme sollen in die Hände klatschen (...), denn er kommt, um die Erde zu richten; er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit und die Völker nach dem Recht“ (Psalm 98,8f).
Unrecht und Böses haben keinen Bestand. Gott setzt das Recht durch, auch und gerade für diejenigen, die dies aus eigener Kraft nicht vermögen. Gottes Gericht ist sein Erbarmen über die Unterdrückten (Ex 22,20–26). Es vollzieht sich in geschichtlichen Ereignissen, laut späten alttestamentlichen Texten am Ende der Zeit.
Auch in Jesu von Nazareth Verkündigung gibt es ein endzeitliches Gericht, wenngleich nicht so zentral wie bei Johannes dem Täufer. Kern von Jesu Botschaft ist die Nähe des Reiches Gottes in seiner Person (Mk 1,15). Gott begegnet in Jesus allen Menschen gnädig.
Das Gericht Gottes wird denjenigen treffen, der diese Gnade abweist (Mk 10,15) und Gottes Willen nicht gehorsam ist (Mt 12,36f.). Nur wer Jesu Botschaft konsequent folgt, wird im Gericht bestehen (Mt 25,31–46). Für Paulus rettet einzig der Glaube an die Gnade Gottes, die uns in Jesus Christus begegnet (Röm 8,32–34). Weil aber zum Glauben gutes Tun gehört, werden die Werke der Christen im Gericht geprüft, belohnt oder bestraft werden (Röm 2,6). Einen eigenen Akzent setzt das Johannesevangelium: Derjenige, der glaubt, kommt nicht mehr ins Gericht, wogegen der, welcher nicht glaubt, schon jetzt gerichtet ist (Joh 3,18).
Die Reformatoren halten am Jüngsten Gericht fest, trotz seiner bedrohlichen Gestalt im Spätmittelalter. Zwingli wie Calvin sind vom „doppelten Ausgang“ des Gerichtes überzeugt: Die Glaubenden gehen in die ewige Seligkeit ein, die Nicht-Glaubenden in die Verdammnis. Gegen die Angst vor dem Gericht hilft das glaubende Vertrauen: „Das bereitet uns eine herrliche Zuversicht, dass wir vor keinen anderen Richtstuhl gestellt werden als den unseres Erlösers“, schreibt Johannes Calvin.
Heute will man gern auf das Jüngste Gericht verzichten. Der Glaube an Gott soll unser Leben nicht stören, sondern uns nur dessen versichern, dass wir gut so sind, wie wir sind. „Du bist ok, ich bin ok“, erscheint als Quintessenz des Christentums. Ja, jede Funktionalisierung des Gerichts, um Menschen zu drohen, ist falsch. Glaube und gutes Handeln sind aus evangelischer Sicht Antwort auf Gottes Gnade, nicht ihre Voraussetzung. Aber dass es dieser Antwort bedarf, das schärft der Gerichtsgedanke ein. Auch zeigt er, dass Gott dem Weltenlauf nicht gleichgültig gegenübersteht, sondern sich für Recht und Unrecht interessiert.
Jeder Mensch wird sich im Gericht so sehen, wie er wirklich ist. Jede Lebenslüge wird verblassen. Das wird „schmerzhaft befreiend“ (Gerhard Sauter). Denn das Gericht „legt die Traumata frei und führt mit den Opfern auch die Täter, gerade indem es ihre wohlverdiente Schande offenbart, der Heilung entgegen. Das jüngste Gericht ist das therapeutische Ereignis schlechthin“ (Eberhard Jüngel).
Für das christliche Verständnis grundlegend ist, dass Jesus Christus, also der, in dem uns Gottes Gnade begegnet, richten wird. Dann wird jeder Mensch der Gnade Gottes unverstellt ansichtig werden und erkennen, wo er aus sich selbst heraus hat leben wollen und wo er anderen einen gnädigen Umgang verweigert hat. Diese Erfahrung der Gnade wird sein Herz weitmachen, so weit, dass er selbst vergeben kann.
Christiane Tietz ist evangelische Theologin.
1. Stellen Sie sowohl das Problem, über das die Figuren im Romanauszug von David Safier sprechen, als auch die zentralen Gedanken des Textes von Christiane Tietz dar und arbeiten Sie heraus, welches Verständnis vom Richten Gottes in beiden Texten jeweils zum Ausdruck kommt. [26 Punkte]
Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2 · Reich-Gottes-Verkündigung Jesu in Tat und Wort
M 1
David Safier
Jesus liebt mich
Im Roman geht es um Marie, die eine Liebesbeziehung mit dem rätselhaften Joshua beginnt. Im Verlauf der Handlung wird sie immer sicherer, dass Joshua der auf die Erde wiedergekehrte Jesus ist. Nach einem besonders schönen Abend teilt Joshua ihr mit, dass sie vermutlich keinen weiteren solchen Abend zusammen erleben werden, weil er jetzt die in der Bibel beschriebene Aufgabe erfüllen muss. Ehe Marie nachzufragen wagt, was das für eine Aufgabe ist, gehen beide auseinander. Im abgedruckten Auszug möchte Marie von ihrem bibelkundigen Freund Michi erfahren, weshalb Jesus möglicherweise auf die Erde zurückgekehrt ist.
[...] „Komm rein, dann erkläre ich es dir“, forderte Michi mich auf.
Er setzte sich an die Theke, trank tiefschwarzen Kaffee und erzählte mir von den vielen Prophezeiungen des Weltuntergangs in der Bibel, es gab welche im Buch Daniel, und auch Jesus selbst hatte in den Evangelien das Ende der Welt vorhergesagt, aber am ausführlichsten war es im Finale der Bibel beschrieben, auf den letzten Seiten, in der Offenbarung des Johannes. Gebannt hörte ich zu, wie Michi mir von der Endschlacht Gut gegen Böse berichtete. Von den apokalyptischen Reitern, von Satan und davon, wie Jesus sie alle in einer Schlacht besiegt und unsere Erde in ein Himmelreich verwandelt, in dem er mit den Gottesgläubigen auf immer und ewig in Frieden lebt. Ohne Mühsal, ohne Trauer und vor allen Dingen: ohne Tod. Jetzt wusste ich, warum Joshua auf der Welt war. [...]
[Michi sagte:] „Dass unsere Welt in ein Himmelreich verwandelt wird, hat für einige Menschen auch Nachteile.“
„Wieso das denn? Ich denk, dann gibt es auf der Erde keinen Tod mehr, keinen Mangel. Klingt so, als ob es da auch keinen Liebeskummer gibt. Oder Akne.“
„Ja schon, aber nicht alle Menschen kriegen eine Eintrittskarte für das Himmelreich.“
Verblüfft starrte ich ihn an.
„Alle Menschen“, erklärte Michi, „werden vor Gott treten. Auch alle bereits Verstorbenen. Sie werden wieder zum Leben erwachen. Gott wird das sogenannte Buch des Lebens aufschlagen, in dem steht, was jeder Einzelne in seinem Leben getan hat.“
„Muss ein ziemlich dickes Buch sein“, sagte ich gequält.
Die Vorstellung, dass alles über mich aufgeschrieben wurde, gefiel mir nicht sonderlich. Wurde ich auf Schritt und Tritt von Gottes Engeln beobachtet? Auch beim Duschen? Oder beim Sex? Auch bei dem, den ich alleine hatte? Wenn es so war, würde ich den Spannern gerne mal meine Meinung geigen!
„Die Menschen werden nach all ihren Taten beurteilt. Wer gut war, kommt ins Himmelreich.“
„Und der Rest? Was macht der, wenn es unsere Welt nicht mehr gibt?“
„Der Rest geht, laut der Offenbarung des Johannes, für ewig ab in den Feuersee.“
„Klingt ungemütlich“, sagte ich fröstelnd.
„Soll er wohl auch sein.“
„Das steht wirklich alles in der Bibel?“
Michi nickte.
„Aber Gott ist doch der Gute?“, fragte ich zögerlich.
„Das ist der gleiche Gott, der zu Noahs Zeiten die Erde flutete, Sodom und Gomorrha kurz und klein gehauen hat und den Ägyptern mit seinen Plagen eine schöne Wirtschaftsrezession bescherte.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Gott mag“, sagte ich traurig.
„Wenn es das Buch des Lebens tatsächlich gibt, steht jetzt auch drin, dass du diesen Satz gesagt hast.“
„O nein!“, rief ich aus.
„Ich finde auch den Gott besser, der David gegen Goliath geholfen hat“, meinte Michi.
„Ist das nicht der gleiche?“
„Bei dieser Frage haben schon Tausende Theologen Migräne bekommen.“
„Und was glaubst du? Welcher ist der wahre Gott?“
„Ich hoffe auf den gütigen, aber wenn man sich auf der Welt so umschaut...“
Weiter redete er nicht. Zweifel an seinem eigenen Glauben wollte er nicht formulieren, um ihnen keine Gestalt zu geben.
Die Faktenlage war für mich jedenfalls unangenehm klar: Jesus war auf Erden und meinte, dass man seine Aufgabe, auf die er sich nun vorbereiten musste, in der Bibel nachlesen konnte. Das mit dem Jüngsten Gericht war dann wohl seine Aufgabe. Die Welt, wie ich sie kannte, würde untergehen. Und in diesem blöden Buch des Lebens standen sicher noch mehr üble Dinge über mich drin. Würde ich also auf ewig im Feuersee landen? [...]
Als ich meine Sprache wiedergefunden hatte, fragte ich Michi: „Und... und Jesus hat das auch vorhergesagt?“
Ich konnte mir einfach immer noch nicht vorstellen, dass Jesus – dass Joshua bei so etwas mitmachte.
„Mit der Androhung des nahenden Endes brachte er viele Menschen dazu, ihre Handlungen zu überdenken und zu Gott zu finden“, erklärte Michi.
„Das... das glaub ich nicht.“
Michi griff nun nach der Bibel, blätterte und sagte: „Es gibt da viele Stellen, schau, zum Beispiel bei Matthäus 24 1 “ verkündet Jesus: „Dann wird er sich zu ihnen wenden und ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist.“
„Du kennst dich gut aus...“, stammelte ich. Und dann fragte ich ängstlich: „Weißt du, was so die Aufnahmekriterien fürs Himmelreich sind?“ [...]
„Was man tun muss“, erklärte er dann, „steht nicht genau in der Offenbarung des Johannes. Aber ich schätze mal, wenn man sein Leben nach den vielen Geboten der Bibel geführt hat, dürfte man wohl keine Probleme bekommen.“
„Viele? Ich dachte, es gibt nur zehn.“
„Es gibt viel mehr, einen ganzen Haufen. Bestimmt über siebenhundert“, erklärte Michi. Er kicherte dabei nervös, da ich schon den Angstschweiß auf der Stirn hatte. [...]
„Ich glaube, es reicht wirklich, wenn man sich an die Zehn Gebote hält.“
Da ich ja auch die nicht komplett parat hatte, ließ ich mir von Michi zeigen, wo die Zehn Gebote standen. Und so las ich das erste Mal in meinem Leben wirklich konzentriert in der Bibel. Was so ein Selbsterhaltungstrieb alles bewirken kann... [...]
Michi fand, dass ich in meiner Panik vor dem Feuersee die Gebote doch recht einseitig zu meinen Gunsten auslegte. Er hatte natürlich recht, ich hatte oft die Männer anderer Frauen begehrt. Viel zu oft. Und für meinen Geschmack viel zu oft nicht gekriegt.
Auch hatte ich gegen das zehnte Gebot verstoßen und eigentlich ständig auch die Dinge anderer begehrt: Das Cabrio von Marc, die Schuhkollektion meiner Kollegin, die Figur von Jennifer Aniston...
Aber was mir am meisten Kopfschmerzen bereitete, war das Gebot Nummer fünf 2, die blöde Sache mit den Eltern! Ob ich das bis zum Weltuntergang, wann immer der sein sollte, hinkriegen würde?
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)
1 Matthäus 24: Safier bezieht sich hier auf Mt 25,41.
2 Fünftes Gebot: gemeint ist das Gebot, die Eltern zu lieben und zu ehren – nach Luthers Zählung das vierte Gebot.
David Safier ist deutscher Schriftsteller.
M 2
Christiane Tietz
Was ist das Jüngste Gericht?
Heulen, Zähneklappern, Angstmacherei vor einem gnadenlosen Gott, Kleinhalten der Gläubigen durch die kirchliche Hierarchie: darum scheint es beim Jüngsten Gericht zu gehen. Doch was von gotischen Kirchenportalen herunter schreckt, war ursprünglich tröstlich gemeint. Dass Gott kommt, um zu richten, ist für den alttestamentlichen Psalmisten Grund zur Freude: „Die Ströme sollen in die Hände klatschen (...), denn er kommt, um die Erde zu richten; er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit und die Völker nach dem Recht“ (Psalm 98,8f).
Unrecht und Böses haben keinen Bestand. Gott setzt das Recht durch, auch und gerade für diejenigen, die dies aus eigener Kraft nicht vermögen. Gottes Gericht ist sein Erbarmen über die Unterdrückten (Ex 22,20–26). Es vollzieht sich in geschichtlichen Ereignissen, laut späten alttestamentlichen Texten am Ende der Zeit.
Auch in Jesu von Nazareth Verkündigung gibt es ein endzeitliches Gericht, wenngleich nicht so zentral wie bei Johannes dem Täufer. Kern von Jesu Botschaft ist die Nähe des Reiches Gottes in seiner Person (Mk 1,15). Gott begegnet in Jesus allen Menschen gnädig.
Das Gericht Gottes wird denjenigen treffen, der diese Gnade abweist (Mk 10,15) und Gottes Willen nicht gehorsam ist (Mt 12,36f.). Nur wer Jesu Botschaft konsequent folgt, wird im Gericht bestehen (Mt 25,31–46). Für Paulus rettet einzig der Glaube an die Gnade Gottes, die uns in Jesus Christus begegnet (Röm 8,32–34). Weil aber zum Glauben gutes Tun gehört, werden die Werke der Christen im Gericht geprüft, belohnt oder bestraft werden (Röm 2,6). Einen eigenen Akzent setzt das Johannesevangelium: Derjenige, der glaubt, kommt nicht mehr ins Gericht, wogegen der, welcher nicht glaubt, schon jetzt gerichtet ist (Joh 3,18).
Die Reformatoren halten am Jüngsten Gericht fest, trotz seiner bedrohlichen Gestalt im Spätmittelalter. Zwingli wie Calvin sind vom „doppelten Ausgang“ des Gerichtes überzeugt: Die Glaubenden gehen in die ewige Seligkeit ein, die Nicht-Glaubenden in die Verdammnis. Gegen die Angst vor dem Gericht hilft das glaubende Vertrauen: „Das bereitet uns eine herrliche Zuversicht, dass wir vor keinen anderen Richtstuhl gestellt werden als den unseres Erlösers“, schreibt Johannes Calvin.
Heute will man gern auf das Jüngste Gericht verzichten. Der Glaube an Gott soll unser Leben nicht stören, sondern uns nur dessen versichern, dass wir gut so sind, wie wir sind. „Du bist ok, ich bin ok“, erscheint als Quintessenz des Christentums. Ja, jede Funktionalisierung des Gerichts, um Menschen zu drohen, ist falsch. Glaube und gutes Handeln sind aus evangelischer Sicht Antwort auf Gottes Gnade, nicht ihre Voraussetzung. Aber dass es dieser Antwort bedarf, das schärft der Gerichtsgedanke ein. Auch zeigt er, dass Gott dem Weltenlauf nicht gleichgültig gegenübersteht, sondern sich für Recht und Unrecht interessiert.
Jeder Mensch wird sich im Gericht so sehen, wie er wirklich ist. Jede Lebenslüge wird verblassen. Das wird „schmerzhaft befreiend“ (Gerhard Sauter). Denn das Gericht „legt die Traumata frei und führt mit den Opfern auch die Täter, gerade indem es ihre wohlverdiente Schande offenbart, der Heilung entgegen. Das jüngste Gericht ist das therapeutische Ereignis schlechthin“ (Eberhard Jüngel).
Für das christliche Verständnis grundlegend ist, dass Jesus Christus, also der, in dem uns Gottes Gnade begegnet, richten wird. Dann wird jeder Mensch der Gnade Gottes unverstellt ansichtig werden und erkennen, wo er aus sich selbst heraus hat leben wollen und wo er anderen einen gnädigen Umgang verweigert hat. Diese Erfahrung der Gnade wird sein Herz weitmachen, so weit, dass er selbst vergeben kann.
Christiane Tietz ist evangelische Theologin.
2. Entfalten Sie im Hinblick auf das Gottesverständnis zentrale Aspekte und die Bedeutung der Botschaft Jesu vom Reich Gottes und bringen Sie diese in einen Zusammenhang mit der Vorstellung vom Gerichtshandeln Gottes, die in den Texten von David Safier und von Christiane Tietz jeweils zum Ausdruck kommt. [30 Punkte]
Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 3 · Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht
M 1
David Safier
Jesus liebt mich
Im Roman geht es um Marie, die eine Liebesbeziehung mit dem rätselhaften Joshua beginnt. Im Verlauf der Handlung wird sie immer sicherer, dass Joshua der auf die Erde wiedergekehrte Jesus ist. Nach einem besonders schönen Abend teilt Joshua ihr mit, dass sie vermutlich keinen weiteren solchen Abend zusammen erleben werden, weil er jetzt die in der Bibel beschriebene Aufgabe erfüllen muss. Ehe Marie nachzufragen wagt, was das für eine Aufgabe ist, gehen beide auseinander. Im abgedruckten Auszug möchte Marie von ihrem bibelkundigen Freund Michi erfahren, weshalb Jesus möglicherweise auf die Erde zurückgekehrt ist.
[...] „Komm rein, dann erkläre ich es dir“, forderte Michi mich auf.
Er setzte sich an die Theke, trank tiefschwarzen Kaffee und erzählte mir von den vielen Prophezeiungen des Weltuntergangs in der Bibel, es gab welche im Buch Daniel, und auch Jesus selbst hatte in den Evangelien das Ende der Welt vorhergesagt, aber am ausführlichsten war es im Finale der Bibel beschrieben, auf den letzten Seiten, in der Offenbarung des Johannes. Gebannt hörte ich zu, wie Michi mir von der Endschlacht Gut gegen Böse berichtete. Von den apokalyptischen Reitern, von Satan und davon, wie Jesus sie alle in einer Schlacht besiegt und unsere Erde in ein Himmelreich verwandelt, in dem er mit den Gottesgläubigen auf immer und ewig in Frieden lebt. Ohne Mühsal, ohne Trauer und vor allen Dingen: ohne Tod. Jetzt wusste ich, warum Joshua auf der Welt war. [...]
[Michi sagte:] „Dass unsere Welt in ein Himmelreich verwandelt wird, hat für einige Menschen auch Nachteile.“
„Wieso das denn? Ich denk, dann gibt es auf der Erde keinen Tod mehr, keinen Mangel. Klingt so, als ob es da auch keinen Liebeskummer gibt. Oder Akne.“
„Ja schon, aber nicht alle Menschen kriegen eine Eintrittskarte für das Himmelreich.“
Verblüfft starrte ich ihn an.
„Alle Menschen“, erklärte Michi, „werden vor Gott treten. Auch alle bereits Verstorbenen. Sie werden wieder zum Leben erwachen. Gott wird das sogenannte Buch des Lebens aufschlagen, in dem steht, was jeder Einzelne in seinem Leben getan hat.“
„Muss ein ziemlich dickes Buch sein“, sagte ich gequält.
Die Vorstellung, dass alles über mich aufgeschrieben wurde, gefiel mir nicht sonderlich. Wurde ich auf Schritt und Tritt von Gottes Engeln beobachtet? Auch beim Duschen? Oder beim Sex? Auch bei dem, den ich alleine hatte? Wenn es so war, würde ich den Spannern gerne mal meine Meinung geigen!
„Die Menschen werden nach all ihren Taten beurteilt. Wer gut war, kommt ins Himmelreich.“
„Und der Rest? Was macht der, wenn es unsere Welt nicht mehr gibt?“
„Der Rest geht, laut der Offenbarung des Johannes, für ewig ab in den Feuersee.“
„Klingt ungemütlich“, sagte ich fröstelnd.
„Soll er wohl auch sein.“
„Das steht wirklich alles in der Bibel?“
Michi nickte.
„Aber Gott ist doch der Gute?“, fragte ich zögerlich.
„Das ist der gleiche Gott, der zu Noahs Zeiten die Erde flutete, Sodom und Gomorrha kurz und klein gehauen hat und den Ägyptern mit seinen Plagen eine schöne Wirtschaftsrezession bescherte.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Gott mag“, sagte ich traurig.
„Wenn es das Buch des Lebens tatsächlich gibt, steht jetzt auch drin, dass du diesen Satz gesagt hast.“
„O nein!“, rief ich aus.
„Ich finde auch den Gott besser, der David gegen Goliath geholfen hat“, meinte Michi.
„Ist das nicht der gleiche?“
„Bei dieser Frage haben schon Tausende Theologen Migräne bekommen.“
„Und was glaubst du? Welcher ist der wahre Gott?“
„Ich hoffe auf den gütigen, aber wenn man sich auf der Welt so umschaut...“
Weiter redete er nicht. Zweifel an seinem eigenen Glauben wollte er nicht formulieren, um ihnen keine Gestalt zu geben.
Die Faktenlage war für mich jedenfalls unangenehm klar: Jesus war auf Erden und meinte, dass man seine Aufgabe, auf die er sich nun vorbereiten musste, in der Bibel nachlesen konnte. Das mit dem Jüngsten Gericht war dann wohl seine Aufgabe. Die Welt, wie ich sie kannte, würde untergehen. Und in diesem blöden Buch des Lebens standen sicher noch mehr üble Dinge über mich drin. Würde ich also auf ewig im Feuersee landen? [...]
Als ich meine Sprache wiedergefunden hatte, fragte ich Michi: „Und... und Jesus hat das auch vorhergesagt?“
Ich konnte mir einfach immer noch nicht vorstellen, dass Jesus – dass Joshua bei so etwas mitmachte.
„Mit der Androhung des nahenden Endes brachte er viele Menschen dazu, ihre Handlungen zu überdenken und zu Gott zu finden“, erklärte Michi.
„Das... das glaub ich nicht.“
Michi griff nun nach der Bibel, blätterte und sagte: „Es gibt da viele Stellen, schau, zum Beispiel bei Matthäus 24 1 “ verkündet Jesus: „Dann wird er sich zu ihnen wenden und ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist.“
„Du kennst dich gut aus...“, stammelte ich. Und dann fragte ich ängstlich: „Weißt du, was so die Aufnahmekriterien fürs Himmelreich sind?“ [...]
„Was man tun muss“, erklärte er dann, „steht nicht genau in der Offenbarung des Johannes. Aber ich schätze mal, wenn man sein Leben nach den vielen Geboten der Bibel geführt hat, dürfte man wohl keine Probleme bekommen.“
„Viele? Ich dachte, es gibt nur zehn.“
„Es gibt viel mehr, einen ganzen Haufen. Bestimmt über siebenhundert“, erklärte Michi. Er kicherte dabei nervös, da ich schon den Angstschweiß auf der Stirn hatte. [...]
„Ich glaube, es reicht wirklich, wenn man sich an die Zehn Gebote hält.“
Da ich ja auch die nicht komplett parat hatte, ließ ich mir von Michi zeigen, wo die Zehn Gebote standen. Und so las ich das erste Mal in meinem Leben wirklich konzentriert in der Bibel. Was so ein Selbsterhaltungstrieb alles bewirken kann... [...]
Michi fand, dass ich in meiner Panik vor dem Feuersee die Gebote doch recht einseitig zu meinen Gunsten auslegte. Er hatte natürlich recht, ich hatte oft die Männer anderer Frauen begehrt. Viel zu oft. Und für meinen Geschmack viel zu oft nicht gekriegt.
Auch hatte ich gegen das zehnte Gebot verstoßen und eigentlich ständig auch die Dinge anderer begehrt: Das Cabrio von Marc, die Schuhkollektion meiner Kollegin, die Figur von Jennifer Aniston...
Aber was mir am meisten Kopfschmerzen bereitete, war das Gebot Nummer fünf 2, die blöde Sache mit den Eltern! Ob ich das bis zum Weltuntergang, wann immer der sein sollte, hinkriegen würde?
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)
1 Matthäus 24: Safier bezieht sich hier auf Mt 25,41.
2 Fünftes Gebot: gemeint ist das Gebot, die Eltern zu lieben und zu ehren – nach Luthers Zählung das vierte Gebot.
David Safier ist deutscher Schriftsteller.
M 2
Christiane Tietz
Was ist das Jüngste Gericht?
Heulen, Zähneklappern, Angstmacherei vor einem gnadenlosen Gott, Kleinhalten der Gläubigen durch die kirchliche Hierarchie: darum scheint es beim Jüngsten Gericht zu gehen. Doch was von gotischen Kirchenportalen herunter schreckt, war ursprünglich tröstlich gemeint. Dass Gott kommt, um zu richten, ist für den alttestamentlichen Psalmisten Grund zur Freude: „Die Ströme sollen in die Hände klatschen (...), denn er kommt, um die Erde zu richten; er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit und die Völker nach dem Recht“ (Psalm 98,8f).
Unrecht und Böses haben keinen Bestand. Gott setzt das Recht durch, auch und gerade für diejenigen, die dies aus eigener Kraft nicht vermögen. Gottes Gericht ist sein Erbarmen über die Unterdrückten (Ex 22,20–26). Es vollzieht sich in geschichtlichen Ereignissen, laut späten alttestamentlichen Texten am Ende der Zeit.
Auch in Jesu von Nazareth Verkündigung gibt es ein endzeitliches Gericht, wenngleich nicht so zentral wie bei Johannes dem Täufer. Kern von Jesu Botschaft ist die Nähe des Reiches Gottes in seiner Person (Mk 1,15). Gott begegnet in Jesus allen Menschen gnädig.
Das Gericht Gottes wird denjenigen treffen, der diese Gnade abweist (Mk 10,15) und Gottes Willen nicht gehorsam ist (Mt 12,36f.). Nur wer Jesu Botschaft konsequent folgt, wird im Gericht bestehen (Mt 25,31–46). Für Paulus rettet einzig der Glaube an die Gnade Gottes, die uns in Jesus Christus begegnet (Röm 8,32–34). Weil aber zum Glauben gutes Tun gehört, werden die Werke der Christen im Gericht geprüft, belohnt oder bestraft werden (Röm 2,6). Einen eigenen Akzent setzt das Johannesevangelium: Derjenige, der glaubt, kommt nicht mehr ins Gericht, wogegen der, welcher nicht glaubt, schon jetzt gerichtet ist (Joh 3,18).
Die Reformatoren halten am Jüngsten Gericht fest, trotz seiner bedrohlichen Gestalt im Spätmittelalter. Zwingli wie Calvin sind vom „doppelten Ausgang“ des Gerichtes überzeugt: Die Glaubenden gehen in die ewige Seligkeit ein, die Nicht-Glaubenden in die Verdammnis. Gegen die Angst vor dem Gericht hilft das glaubende Vertrauen: „Das bereitet uns eine herrliche Zuversicht, dass wir vor keinen anderen Richtstuhl gestellt werden als den unseres Erlösers“, schreibt Johannes Calvin.
Heute will man gern auf das Jüngste Gericht verzichten. Der Glaube an Gott soll unser Leben nicht stören, sondern uns nur dessen versichern, dass wir gut so sind, wie wir sind. „Du bist ok, ich bin ok“, erscheint als Quintessenz des Christentums. Ja, jede Funktionalisierung des Gerichts, um Menschen zu drohen, ist falsch. Glaube und gutes Handeln sind aus evangelischer Sicht Antwort auf Gottes Gnade, nicht ihre Voraussetzung. Aber dass es dieser Antwort bedarf, das schärft der Gerichtsgedanke ein. Auch zeigt er, dass Gott dem Weltenlauf nicht gleichgültig gegenübersteht, sondern sich für Recht und Unrecht interessiert.
Jeder Mensch wird sich im Gericht so sehen, wie er wirklich ist. Jede Lebenslüge wird verblassen. Das wird „schmerzhaft befreiend“ (Gerhard Sauter). Denn das Gericht „legt die Traumata frei und führt mit den Opfern auch die Täter, gerade indem es ihre wohlverdiente Schande offenbart, der Heilung entgegen. Das jüngste Gericht ist das therapeutische Ereignis schlechthin“ (Eberhard Jüngel).
Für das christliche Verständnis grundlegend ist, dass Jesus Christus, also der, in dem uns Gottes Gnade begegnet, richten wird. Dann wird jeder Mensch der Gnade Gottes unverstellt ansichtig werden und erkennen, wo er aus sich selbst heraus hat leben wollen und wo er anderen einen gnädigen Umgang verweigert hat. Diese Erfahrung der Gnade wird sein Herz weitmachen, so weit, dass er selbst vergeben kann.
Christiane Tietz ist evangelische Theologin.
3. „Das jüngste Gericht ist das therapeutische Ereignis schlechthin.“ (Eberhard Jüngel, zitiert nach Tietz, Z. 37 f.) Erörtern Sie auf der Grundlage dieses Zitats und unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse, inwiefern der Gedanke eines Gerichts Gottes gegenwärtig noch positive Auswirkungen auf die eigene Lebensführung haben kann, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. [24 Punkte]
Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position
Günter Thomas
Gott ist zielstrebig
Die Coronaepidemie räumt gleich mit mehreren liebgewonnen Vorstellungen der theologi-
schen Anthropologie auf. Gegenläufig zu einem verbreiteten Anliegen, Freiheit und Auto-
nomie zur Bestimmung des Menschseins ins Zentrum zu rücken, verweist das Coronavirus
brutal auf die Verletzlichkeit des Menschen. Endlichkeit heißt Verletzlichkeit. Wer verletz-
5 lich ist, kann sich den Umgebungsfaktoren nicht vollständig entziehen, auch nicht den von
ihnen ausgehenden Bedrohungen. Nach vielen Jahren des Lobpreises der Körperlichkeit und
Leiblichkeit des Lebens macht Corona auch rücksichtslos klar: Leiblich zu existieren heißt,
auf der biologischen Ebene massiv gefährdet zu sein. Corona wirft einen mächtigen Elends-
schatten auf die leibliche Existenz. Der Mensch, der dachte, er sei „wenig niedriger gemacht
10 als Gott“ (Psalm 8,6) ist doch zuerst und zumeist „Staub, der atmet“ (Genesis 2,7) [...].
Der Gang in die Fleischlichkeit zeigt die Tiefe der Menschwerdung Gottes in Christus an.
Mit dem Christusereignis reagiert Gott auf die untragbaren Risiken der evolutionär sich ent-
faltenden Schöpfung und Geschichte. Christus kommt in eine Welt der Gewalt. [...]
Schon für die Hoffnung der ersten Christen war wesentlich, dass nach dem Ostermorgen das
15 Grab leer war. Der Christus, der auch den „Tod der Natur“ (Jürgen Moltmann) starb, wurde
auferweckt. Das leere Grab zeigt an, dass die Leiblichkeit der Existenz nicht abgestreift wurde,
sondern ganz in das Auferstehungs- und Verwandlungsgeschehen hineingenommen wurde.
Der Schlüssel zur theologischen Verarbeitung der destruktiven Seiten des Lebens ist darum
das Verhältnis zwischen Kreuz und Auferstehung. Die Auferweckung des Gekreuzigten ist
20 auch Gottes Protest gegen Prozesse der Viktimisierung 1 und der Abwesenheit von Gerechtig-
keit. Es ist ein Nein Gottes gegen alle lebenszerstörende Gewalt in der Schöpfung. Es ist ein
Ja Gottes für dieses jesuanische Leben der vielgestaltigen Zuwendung zu den untragbaren
Risiken der Schöpfung. [...]
Mit der Rede vom Geist Gottes spricht Theologie und Kirche von [...] einer besonderen Nähe
25 Gottes. Die Coronakrise deckt an dieser Stelle ein verführerisches, aber letztlich irreführen-
des Missverständnis auf. Gottes Geist belebt und bewahrt. Darum sind Menschen, wie die
zweite Schöpfungserzählung festhält, nicht nur Staub, sondern Staub, der atmet. Gottes Leben
weckender Geist ist aber nicht einfach der Geist des Lebens.
„Dem Leben trauen“, lange Jahre Motto des theologischen Verlagsprogramms des Güters-
30 loher Verlagshauses, zeigt einen gravierenden theologischen Irrtum beziehungsweise Fehler
an. Gottes Geist ist mit-leidend und mit-seufzend (Römer 8) in dieser Schöpfung gegenwär-
tig, ohne aber die lebenszerstörerischen Kräfte zu bestätigen oder mit ihnen verfilzt zu sein.
Wer den Geist Gottes und die Kräfte des Lebens gleichsetzt, endet zwangsläufig in einer
Anbetung des starken, durchsetzungsreichen Lebens.
35 Der Geist Gottes ruft den gekreuzigten und begrabenen Christus aus dem Tod – und bleibt
dennoch ein Geist, der sich nicht einfach im starken Leben manifestiert. Es bleibt der Geist
der Barmherzigkeit und des Trostes. Es ist nicht der Geist des vergehenden und sich stets
erneuernden Lebens. [...]
Gottes mitleidende Gegenwart im Geist ist immer eine verwandelnde, eine widerstehende
40 Gegenwart. In der Rede vom Geist geht es darum immer um die heilende, tröstende, erneu-
ernde und letztlich verwandelnde intime Gegenwart Gottes inmitten von Krankheit, Elend und
Leiden. Die Gegenwart des Geistes bringt nicht nur Freude und Erfüllung. Der Geist inten-
siviert die Wahrnehmung des Seufzens der Schöpfung in Krankheit und Not und führt die
Christen zu einem eigenen Seufzen. Zugleich ist der Geist ein Geist des Trostes für all die-
45 jenigen, die in der Arbeit an der durch Krankheit seufzenden Schöpfung erschöpft sind – in
ihrer Motivation wie auch spirituell. Blickt man zurück auf die Verbindung von Messias, dem
Geist und der Praxis der Barmherzigkeit, so ist der Christusgeist auch in der Coronakrise einer,
der, wie oben schon erwähnt, „das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht
nicht auslöscht“. (Jes 42,3).
50 In der Coronakrise können die Gemeinden eine Entwicklungs- und Entdeckergemeinschaft
des Geistes werden. Begabungen, Bereitschaften zum Engagement und zu risikobereiter Liebe
können entdeckt werden. Radikal risikobereite Liebe wird immer etwas töricht erscheinen.
Aber es können Zeiten kommen, in denen genau dies das Leben in Christus auszeichnet. Dann
sprengen Christen das Korsett der Goldenen Regel und tun Dinge, die andere Menschen von
55 ihnen gerade nicht erwarten.
Auf der anderen Seite nimmt sich der Geist Jesu Christi in solchen Zeiten der Krise auch die
Freiheit, die Grenzen der Kirche großräumig zu überschreiten. Wenn in der Zuwendung zu
verletzlichem und gefährdetem Leben Kräfte der Solidarität und Unterstützung wirksam sind
und wenn leidenschaftliche und professionell kühle Hilfe gegenwärtig sind, dann wirkt der
60 bewahrende und fürsorgende Geist Gottes. Kirche und Theologie sollten sich hüten, all diese
Menschen zu anonymen Christen oder verborgenen religiösen Subjekten zu machen. Stattdes-
sen sollte die Kirche ihnen einfach danken. Und sie kann diesen Menschen auch sagen, dass
für Christen in der fürsorglichen Zuwendung zu zerbrechlichem Leben eben der Geist Gottes
wirkt. Eine nicht geistlose, sondern geistreiche Kirche wird Formen der Wertschätzung und
65 Würdigung für die Menschen finden, die in dem Sturm dieser Epidemie im Zentrum tätig sind.
Die christliche Hoffnung angesichts der Coronakrise zu durchdenken ist eine ausgesprochen
heikle Angelegenheit. Zu naheliegend ist der Vorwurf der Vertröstung oder des spirituellen
Zynismus. Verrät nicht die Rede von der Hoffnung die radikale Diesseitigkeit, die von der
Kirche gerade jetzt gefordert ist?
70 Ich denke, dass Theologie und Kirche just in dieser in ihren Folgen noch lange nicht abseh-
baren Krise die Nerven bewahren darf und muss. Vor den berechtigten religionskritischen
Verdachtsmomenten sollten sie nicht kapitulieren. Den religionskritischen Geistern ist mutig
und selbstbewusst ins Auge zu schauen.
Verschweigt die Kirche die christliche Hoffnung, so verliert sie einen Raum der Rebellion.
75 Die sogenannte Eschatologie artikuliert das christliche Bekenntnis zu Gottes ultimativer und
unüberbietbarer Zuwendung zu seiner Schöpfung – und damit zur letzten Überwindung von
Schmerz, Leid und Tod durch Krankheit. Die Auferweckung des Gekreuzigten ist ja zuerst
Gottes Protest gegen die Mächte der Lebenszerstörung, die zu den manifesten Risiken der
Schöpfung gehören. Wenn Gott „alle Tränen abwischen“ wird, dann wird er damit die ab-
80 gründige Räuberei von Lebensmöglichkeiten durch die Sünder anerkennen. Aber doch zu-
gleich auch diejenigen Räubereien, die durch lebenszerstörerische Prozesse jenseits mensch-
licher Einflussnahme, das heißt im Rahmen von Krankheit, das Leben entstellen. Die soge-
nannte Eschatologie ist daher der Imaginationsraum, in dem Christen festhalten: Es ist Gott
selbst, der am Ende die letzte Weltverantwortung übernimmt. Gott selbst lässt die stummen
85 und die lauten Klageschreie nicht unbeantwortet. Dies fordern Christen aufgrund ihrer Hoff-
nung stellvertretend für andere von Gott.
Wenn die Macht der Menschen endet, Leben zu halten und zu bewahren, dann endet noch
nicht Gottes Macht. Auch in Sachen Hoffnung hofft die Kirche „rückwärts“, denn die christ-
liche Hoffnung hofft gegen den Zeitstrahl: Es ist eine trotzige Hoffnung darauf, dass Gott
90 sich auch angesichts der Coronakrise den ungezählten und für uns oft namenlos bleibenden
Opfern nochmals schöpferisch zuwendet. Der Grund für diese trotzige Hoffnung liegt in dem
Versprechen, das sich in der Auferweckung des Gekreuzigten ereignet hat.
Die Auferstehung Jesu Christi dokumentiert Gottes Willen, sich das letzte Wort nicht nehmen
zu lassen. Vor diesem Hintergrund ist der Ort der Hoffnung ein Ort der Lebensgabe Gottes.
95 Er ist nicht Gottes zerstörende, sondern zurechtbringende Antwort auf dieses Leben. Aber ich
bin mir auch sicher, dass dies ein Ort ist, an dem Gott befragt wird und sich rechtfertigen muss.
Warum dieses Leid? War der Preis der evolutionären Freiheit nicht zu hoch? Warum die ab-
gründige Geduld? Wie oft hätte ein mächtig einschreitender Kriegergott mehr unseren Erwar-
tungen entsprochen? Darum leiden Christen speziell als Hoffende auch an Gottes Geduld. [...]
100 Als Christen glauben wir an einen Schöpfer, der diese Welt gut, aber nicht perfekt geschaffen
hat. Diese gute Schöpfung entfaltet sich auch abgründig frei, aber Gott begleitet sie. Auf Got-
tes Seite arbeiten Christen gemeinsam mit vielen Menschen an der Begrenzung des Chaos
und der Dunkelheiten, die diese Schöpfung und so auch unser Leben enthalten. Auch ohne
Gottesdienste feiern wir am kommenden Osterfest 2 eine neue Welt Gottes ohne Schmerzens-
105 schreie, ohne Leid und ohne Tod. Verwegen und trotzig hofft die Kirche auf eine neue Welt
Gottes, in der die Nächte der Krankheit nicht mehr sein werden.
1 Viktimisierung: Vorgang, durch den jemand zum Opfer gemacht wird
2 gemeint ist das Osterfest 2020
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)
Günter Thomas ist evangelischer Theologe.
1. Stellen Sie das Thema sowie die Argumentationsschritte des Textes von Günter Thomas dar und arbeiten Sie dabei heraus, welches Verständnis christlicher Hoffnung in ihm entfaltet wird. (24 Punkte)
Aufgabe HT 4 - Teilaufgaben 2 und 3 · Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht
Günter Thomas
Gott ist zielstrebig
Die Coronaepidemie räumt gleich mit mehreren liebgewonnen Vorstellungen der theologi-
schen Anthropologie auf. Gegenläufig zu einem verbreiteten Anliegen, Freiheit und Auto-
nomie zur Bestimmung des Menschseins ins Zentrum zu rücken, verweist das Coronavirus
brutal auf die Verletzlichkeit des Menschen. Endlichkeit heißt Verletzlichkeit. Wer verletz-
5 lich ist, kann sich den Umgebungsfaktoren nicht vollständig entziehen, auch nicht den von
ihnen ausgehenden Bedrohungen. Nach vielen Jahren des Lobpreises der Körperlichkeit und
Leiblichkeit des Lebens macht Corona auch rücksichtslos klar: Leiblich zu existieren heißt,
auf der biologischen Ebene massiv gefährdet zu sein. Corona wirft einen mächtigen Elends-
schatten auf die leibliche Existenz. Der Mensch, der dachte, er sei „wenig niedriger gemacht
10 als Gott“ (Psalm 8,6) ist doch zuerst und zumeist „Staub, der atmet“ (Genesis 2,7) [...].
Der Gang in die Fleischlichkeit zeigt die Tiefe der Menschwerdung Gottes in Christus an.
Mit dem Christusereignis reagiert Gott auf die untragbaren Risiken der evolutionär sich ent-
faltenden Schöpfung und Geschichte. Christus kommt in eine Welt der Gewalt. [...]
Schon für die Hoffnung der ersten Christen war wesentlich, dass nach dem Ostermorgen das
15 Grab leer war. Der Christus, der auch den „Tod der Natur“ (Jürgen Moltmann) starb, wurde
auferweckt. Das leere Grab zeigt an, dass die Leiblichkeit der Existenz nicht abgestreift wurde,
sondern ganz in das Auferstehungs- und Verwandlungsgeschehen hineingenommen wurde.
Der Schlüssel zur theologischen Verarbeitung der destruktiven Seiten des Lebens ist darum
das Verhältnis zwischen Kreuz und Auferstehung. Die Auferweckung des Gekreuzigten ist
20 auch Gottes Protest gegen Prozesse der Viktimisierung 1 und der Abwesenheit von Gerechtig-
keit. Es ist ein Nein Gottes gegen alle lebenszerstörende Gewalt in der Schöpfung. Es ist ein
Ja Gottes für dieses jesuanische Leben der vielgestaltigen Zuwendung zu den untragbaren
Risiken der Schöpfung. [...]
Mit der Rede vom Geist Gottes spricht Theologie und Kirche von [...] einer besonderen Nähe
25 Gottes. Die Coronakrise deckt an dieser Stelle ein verführerisches, aber letztlich irreführen-
des Missverständnis auf. Gottes Geist belebt und bewahrt. Darum sind Menschen, wie die
zweite Schöpfungserzählung festhält, nicht nur Staub, sondern Staub, der atmet. Gottes Leben
weckender Geist ist aber nicht einfach der Geist des Lebens.
„Dem Leben trauen“, lange Jahre Motto des theologischen Verlagsprogramms des Güters-
30 loher Verlagshauses, zeigt einen gravierenden theologischen Irrtum beziehungsweise Fehler
an. Gottes Geist ist mit-leidend und mit-seufzend (Römer 8) in dieser Schöpfung gegenwär-
tig, ohne aber die lebenszerstörerischen Kräfte zu bestätigen oder mit ihnen verfilzt zu sein.
Wer den Geist Gottes und die Kräfte des Lebens gleichsetzt, endet zwangsläufig in einer
Anbetung des starken, durchsetzungsreichen Lebens.
35 Der Geist Gottes ruft den gekreuzigten und begrabenen Christus aus dem Tod – und bleibt
dennoch ein Geist, der sich nicht einfach im starken Leben manifestiert. Es bleibt der Geist
der Barmherzigkeit und des Trostes. Es ist nicht der Geist des vergehenden und sich stets
erneuernden Lebens. [...]
Gottes mitleidende Gegenwart im Geist ist immer eine verwandelnde, eine widerstehende
40 Gegenwart. In der Rede vom Geist geht es darum immer um die heilende, tröstende, erneu-
ernde und letztlich verwandelnde intime Gegenwart Gottes inmitten von Krankheit, Elend und
Leiden. Die Gegenwart des Geistes bringt nicht nur Freude und Erfüllung. Der Geist inten-
siviert die Wahrnehmung des Seufzens der Schöpfung in Krankheit und Not und führt die
Christen zu einem eigenen Seufzen. Zugleich ist der Geist ein Geist des Trostes für all die-
45 jenigen, die in der Arbeit an der durch Krankheit seufzenden Schöpfung erschöpft sind – in
ihrer Motivation wie auch spirituell. Blickt man zurück auf die Verbindung von Messias, dem
Geist und der Praxis der Barmherzigkeit, so ist der Christusgeist auch in der Coronakrise einer,
der, wie oben schon erwähnt, „das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht
nicht auslöscht“. (Jes 42,3).
50 In der Coronakrise können die Gemeinden eine Entwicklungs- und Entdeckergemeinschaft
des Geistes werden. Begabungen, Bereitschaften zum Engagement und zu risikobereiter Liebe
können entdeckt werden. Radikal risikobereite Liebe wird immer etwas töricht erscheinen.
Aber es können Zeiten kommen, in denen genau dies das Leben in Christus auszeichnet. Dann
sprengen Christen das Korsett der Goldenen Regel und tun Dinge, die andere Menschen von
55 ihnen gerade nicht erwarten.
Auf der anderen Seite nimmt sich der Geist Jesu Christi in solchen Zeiten der Krise auch die
Freiheit, die Grenzen der Kirche großräumig zu überschreiten. Wenn in der Zuwendung zu
verletzlichem und gefährdetem Leben Kräfte der Solidarität und Unterstützung wirksam sind
und wenn leidenschaftliche und professionell kühle Hilfe gegenwärtig sind, dann wirkt der
60 bewahrende und fürsorgende Geist Gottes. Kirche und Theologie sollten sich hüten, all diese
Menschen zu anonymen Christen oder verborgenen religiösen Subjekten zu machen. Stattdes-
sen sollte die Kirche ihnen einfach danken. Und sie kann diesen Menschen auch sagen, dass
für Christen in der fürsorglichen Zuwendung zu zerbrechlichem Leben eben der Geist Gottes
wirkt. Eine nicht geistlose, sondern geistreiche Kirche wird Formen der Wertschätzung und
65 Würdigung für die Menschen finden, die in dem Sturm dieser Epidemie im Zentrum tätig sind.
Die christliche Hoffnung angesichts der Coronakrise zu durchdenken ist eine ausgesprochen
heikle Angelegenheit. Zu naheliegend ist der Vorwurf der Vertröstung oder des spirituellen
Zynismus. Verrät nicht die Rede von der Hoffnung die radikale Diesseitigkeit, die von der
Kirche gerade jetzt gefordert ist?
70 Ich denke, dass Theologie und Kirche just in dieser in ihren Folgen noch lange nicht abseh-
baren Krise die Nerven bewahren darf und muss. Vor den berechtigten religionskritischen
Verdachtsmomenten sollten sie nicht kapitulieren. Den religionskritischen Geistern ist mutig
und selbstbewusst ins Auge zu schauen.
Verschweigt die Kirche die christliche Hoffnung, so verliert sie einen Raum der Rebellion.
75 Die sogenannte Eschatologie artikuliert das christliche Bekenntnis zu Gottes ultimativer und
unüberbietbarer Zuwendung zu seiner Schöpfung – und damit zur letzten Überwindung von
Schmerz, Leid und Tod durch Krankheit. Die Auferweckung des Gekreuzigten ist ja zuerst
Gottes Protest gegen die Mächte der Lebenszerstörung, die zu den manifesten Risiken der
Schöpfung gehören. Wenn Gott „alle Tränen abwischen“ wird, dann wird er damit die ab-
80 gründige Räuberei von Lebensmöglichkeiten durch die Sünder anerkennen. Aber doch zu-
gleich auch diejenigen Räubereien, die durch lebenszerstörerische Prozesse jenseits mensch-
licher Einflussnahme, das heißt im Rahmen von Krankheit, das Leben entstellen. Die soge-
nannte Eschatologie ist daher der Imaginationsraum, in dem Christen festhalten: Es ist Gott
selbst, der am Ende die letzte Weltverantwortung übernimmt. Gott selbst lässt die stummen
85 und die lauten Klageschreie nicht unbeantwortet. Dies fordern Christen aufgrund ihrer Hoff-
nung stellvertretend für andere von Gott.
Wenn die Macht der Menschen endet, Leben zu halten und zu bewahren, dann endet noch
nicht Gottes Macht. Auch in Sachen Hoffnung hofft die Kirche „rückwärts“, denn die christ-
liche Hoffnung hofft gegen den Zeitstrahl: Es ist eine trotzige Hoffnung darauf, dass Gott
90 sich auch angesichts der Coronakrise den ungezählten und für uns oft namenlos bleibenden
Opfern nochmals schöpferisch zuwendet. Der Grund für diese trotzige Hoffnung liegt in dem
Versprechen, das sich in der Auferweckung des Gekreuzigten ereignet hat.
Die Auferstehung Jesu Christi dokumentiert Gottes Willen, sich das letzte Wort nicht nehmen
zu lassen. Vor diesem Hintergrund ist der Ort der Hoffnung ein Ort der Lebensgabe Gottes.
95 Er ist nicht Gottes zerstörende, sondern zurechtbringende Antwort auf dieses Leben. Aber ich
bin mir auch sicher, dass dies ein Ort ist, an dem Gott befragt wird und sich rechtfertigen muss.
Warum dieses Leid? War der Preis der evolutionären Freiheit nicht zu hoch? Warum die ab-
gründige Geduld? Wie oft hätte ein mächtig einschreitender Kriegergott mehr unseren Erwar-
tungen entsprochen? Darum leiden Christen speziell als Hoffende auch an Gottes Geduld. [...]
100 Als Christen glauben wir an einen Schöpfer, der diese Welt gut, aber nicht perfekt geschaffen
hat. Diese gute Schöpfung entfaltet sich auch abgründig frei, aber Gott begleitet sie. Auf Got-
tes Seite arbeiten Christen gemeinsam mit vielen Menschen an der Begrenzung des Chaos
und der Dunkelheiten, die diese Schöpfung und so auch unser Leben enthalten. Auch ohne
Gottesdienste feiern wir am kommenden Osterfest 2 eine neue Welt Gottes ohne Schmerzens-
105 schreie, ohne Leid und ohne Tod. Verwegen und trotzig hofft die Kirche auf eine neue Welt
Gottes, in der die Nächte der Krankheit nicht mehr sein werden.
1 Viktimisierung: Vorgang, durch den jemand zum Opfer gemacht wird
2 gemeint ist das Osterfest 2020
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)
Günter Thomas ist evangelischer Theologe.
2. Entfalten Sie, welche christlichen Bilder von Angst und Hoffnung sich im Zusammenhang apokalyptischer Vorstellungen auch in der Gegenwartskultur finden, und vergleichen Sie diese mit dem Verständnis christlicher Hoffnung, das Günter Thomas in seinem Text darlegt. (30 Punkte)
3. Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, inwiefern christliche Bilder von Angst und Hoffnung dabei helfen, mit tatsächlichen existenziellen Bedrohungen umzugehen, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. (26 Punkte)
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