Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2022

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Günter Thomas

Gott ist zielstrebig

Die Coronaepidemie räumt gleich mit mehreren liebgewonnen Vorstellungen der theologi-

schen Anthropologie auf. Gegenläufig zu einem verbreiteten Anliegen, Freiheit und Auto-

nomie zur Bestimmung des Menschseins ins Zentrum zu rücken, verweist das Coronavirus

brutal auf die Verletzlichkeit des Menschen. Endlichkeit heißt Verletzlichkeit. Wer verletz-

5 lich ist, kann sich den Umgebungsfaktoren nicht vollständig entziehen, auch nicht den von

ihnen ausgehenden Bedrohungen. Nach vielen Jahren des Lobpreises der Körperlichkeit und

Leiblichkeit des Lebens macht Corona auch rücksichtslos klar: Leiblich zu existieren heißt,

auf der biologischen Ebene massiv gefährdet zu sein. Corona wirft einen mächtigen Elends-

schatten auf die leibliche Existenz. Der Mensch, der dachte, er sei „wenig niedriger gemacht

10 als Gott“ (Psalm 8,6) ist doch zuerst und zumeist „Staub, der atmet“ (Genesis 2,7) [...].

Der Gang in die Fleischlichkeit zeigt die Tiefe der Menschwerdung Gottes in Christus an.

Mit dem Christusereignis reagiert Gott auf die untragbaren Risiken der evolutionär sich ent-

faltenden Schöpfung und Geschichte. Christus kommt in eine Welt der Gewalt. [...]

Schon für die Hoffnung der ersten Christen war wesentlich, dass nach dem Ostermorgen das

15 Grab leer war. Der Christus, der auch den „Tod der Natur“ (Jürgen Moltmann) starb, wurde

auferweckt. Das leere Grab zeigt an, dass die Leiblichkeit der Existenz nicht abgestreift wurde,

sondern ganz in das Auferstehungs- und Verwandlungsgeschehen hineingenommen wurde.

Der Schlüssel zur theologischen Verarbeitung der destruktiven Seiten des Lebens ist darum

das Verhältnis zwischen Kreuz und Auferstehung. Die Auferweckung des Gekreuzigten ist

20 auch Gottes Protest gegen Prozesse der Viktimisierung 1 und der Abwesenheit von Gerechtig-

keit. Es ist ein Nein Gottes gegen alle lebenszerstörende Gewalt in der Schöpfung. Es ist ein

Ja Gottes für dieses jesuanische Leben der vielgestaltigen Zuwendung zu den untragbaren

Risiken der Schöpfung. [...]

Mit der Rede vom Geist Gottes spricht Theologie und Kirche von [...] einer besonderen Nähe

25 Gottes. Die Coronakrise deckt an dieser Stelle ein verführerisches, aber letztlich irreführen-

des Missverständnis auf. Gottes Geist belebt und bewahrt. Darum sind Menschen, wie die

zweite Schöpfungserzählung festhält, nicht nur Staub, sondern Staub, der atmet. Gottes Leben

weckender Geist ist aber nicht einfach der Geist des Lebens.

„Dem Leben trauen“, lange Jahre Motto des theologischen Verlagsprogramms des Güters-

30 loher Verlagshauses, zeigt einen gravierenden theologischen Irrtum beziehungsweise Fehler

an. Gottes Geist ist mit-leidend und mit-seufzend (Römer 8) in dieser Schöpfung gegenwär-

tig, ohne aber die lebenszerstörerischen Kräfte zu bestätigen oder mit ihnen verfilzt zu sein.

Wer den Geist Gottes und die Kräfte des Lebens gleichsetzt, endet zwangsläufig in einer

Anbetung des starken, durchsetzungsreichen Lebens.

35 Der Geist Gottes ruft den gekreuzigten und begrabenen Christus aus dem Tod – und bleibt

dennoch ein Geist, der sich nicht einfach im starken Leben manifestiert. Es bleibt der Geist

der Barmherzigkeit und des Trostes. Es ist nicht der Geist des vergehenden und sich stets

erneuernden Lebens. [...]

Gottes mitleidende Gegenwart im Geist ist immer eine verwandelnde, eine widerstehende

40 Gegenwart. In der Rede vom Geist geht es darum immer um die heilende, tröstende, erneu-

ernde und letztlich verwandelnde intime Gegenwart Gottes inmitten von Krankheit, Elend und

Leiden. Die Gegenwart des Geistes bringt nicht nur Freude und Erfüllung. Der Geist inten-

siviert die Wahrnehmung des Seufzens der Schöpfung in Krankheit und Not und führt die

Christen zu einem eigenen Seufzen. Zugleich ist der Geist ein Geist des Trostes für all die-

45 jenigen, die in der Arbeit an der durch Krankheit seufzenden Schöpfung erschöpft sind – in

ihrer Motivation wie auch spirituell. Blickt man zurück auf die Verbindung von Messias, dem

Geist und der Praxis der Barmherzigkeit, so ist der Christusgeist auch in der Coronakrise einer,

der, wie oben schon erwähnt, „das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht

nicht auslöscht“. (Jes 42,3).

50 In der Coronakrise können die Gemeinden eine Entwicklungs- und Entdeckergemeinschaft

des Geistes werden. Begabungen, Bereitschaften zum Engagement und zu risikobereiter Liebe

können entdeckt werden. Radikal risikobereite Liebe wird immer etwas töricht erscheinen.

Aber es können Zeiten kommen, in denen genau dies das Leben in Christus auszeichnet. Dann

sprengen Christen das Korsett der Goldenen Regel und tun Dinge, die andere Menschen von

55 ihnen gerade nicht erwarten.

Auf der anderen Seite nimmt sich der Geist Jesu Christi in solchen Zeiten der Krise auch die

Freiheit, die Grenzen der Kirche großräumig zu überschreiten. Wenn in der Zuwendung zu

verletzlichem und gefährdetem Leben Kräfte der Solidarität und Unterstützung wirksam sind

und wenn leidenschaftliche und professionell kühle Hilfe gegenwärtig sind, dann wirkt der

60 bewahrende und fürsorgende Geist Gottes. Kirche und Theologie sollten sich hüten, all diese

Menschen zu anonymen Christen oder verborgenen religiösen Subjekten zu machen. Stattdes-

sen sollte die Kirche ihnen einfach danken. Und sie kann diesen Menschen auch sagen, dass

für Christen in der fürsorglichen Zuwendung zu zerbrechlichem Leben eben der Geist Gottes

wirkt. Eine nicht geistlose, sondern geistreiche Kirche wird Formen der Wertschätzung und

65 Würdigung für die Menschen finden, die in dem Sturm dieser Epidemie im Zentrum tätig sind.

Die christliche Hoffnung angesichts der Coronakrise zu durchdenken ist eine ausgesprochen

heikle Angelegenheit. Zu naheliegend ist der Vorwurf der Vertröstung oder des spirituellen

Zynismus. Verrät nicht die Rede von der Hoffnung die radikale Diesseitigkeit, die von der

Kirche gerade jetzt gefordert ist?

70 Ich denke, dass Theologie und Kirche just in dieser in ihren Folgen noch lange nicht abseh-

baren Krise die Nerven bewahren darf und muss. Vor den berechtigten religionskritischen

Verdachtsmomenten sollten sie nicht kapitulieren. Den religionskritischen Geistern ist mutig

und selbstbewusst ins Auge zu schauen.

Verschweigt die Kirche die christliche Hoffnung, so verliert sie einen Raum der Rebellion.

75 Die sogenannte Eschatologie artikuliert das christliche Bekenntnis zu Gottes ultimativer und

unüberbietbarer Zuwendung zu seiner Schöpfung – und damit zur letzten Überwindung von

Schmerz, Leid und Tod durch Krankheit. Die Auferweckung des Gekreuzigten ist ja zuerst

Gottes Protest gegen die Mächte der Lebenszerstörung, die zu den manifesten Risiken der

Schöpfung gehören. Wenn Gott „alle Tränen abwischen“ wird, dann wird er damit die ab-

80 gründige Räuberei von Lebensmöglichkeiten durch die Sünder anerkennen. Aber doch zu-

gleich auch diejenigen Räubereien, die durch lebenszerstörerische Prozesse jenseits mensch-

licher Einflussnahme, das heißt im Rahmen von Krankheit, das Leben entstellen. Die soge-

nannte Eschatologie ist daher der Imaginationsraum, in dem Christen festhalten: Es ist Gott

selbst, der am Ende die letzte Weltverantwortung übernimmt. Gott selbst lässt die stummen

85 und die lauten Klageschreie nicht unbeantwortet. Dies fordern Christen aufgrund ihrer Hoff-

nung stellvertretend für andere von Gott.

Wenn die Macht der Menschen endet, Leben zu halten und zu bewahren, dann endet noch

nicht Gottes Macht. Auch in Sachen Hoffnung hofft die Kirche „rückwärts“, denn die christ-

liche Hoffnung hofft gegen den Zeitstrahl: Es ist eine trotzige Hoffnung darauf, dass Gott

90 sich auch angesichts der Coronakrise den ungezählten und für uns oft namenlos bleibenden

Opfern nochmals schöpferisch zuwendet. Der Grund für diese trotzige Hoffnung liegt in dem

Versprechen, das sich in der Auferweckung des Gekreuzigten ereignet hat.

Die Auferstehung Jesu Christi dokumentiert Gottes Willen, sich das letzte Wort nicht nehmen

zu lassen. Vor diesem Hintergrund ist der Ort der Hoffnung ein Ort der Lebensgabe Gottes.

95 Er ist nicht Gottes zerstörende, sondern zurechtbringende Antwort auf dieses Leben. Aber ich

bin mir auch sicher, dass dies ein Ort ist, an dem Gott befragt wird und sich rechtfertigen muss.

Warum dieses Leid? War der Preis der evolutionären Freiheit nicht zu hoch? Warum die ab-

gründige Geduld? Wie oft hätte ein mächtig einschreitender Kriegergott mehr unseren Erwar-

tungen entsprochen? Darum leiden Christen speziell als Hoffende auch an Gottes Geduld. [...]

100 Als Christen glauben wir an einen Schöpfer, der diese Welt gut, aber nicht perfekt geschaffen

hat. Diese gute Schöpfung entfaltet sich auch abgründig frei, aber Gott begleitet sie. Auf Got-

tes Seite arbeiten Christen gemeinsam mit vielen Menschen an der Begrenzung des Chaos

und der Dunkelheiten, die diese Schöpfung und so auch unser Leben enthalten. Auch ohne

Gottesdienste feiern wir am kommenden Osterfest 2 eine neue Welt Gottes ohne Schmerzens-

105 schreie, ohne Leid und ohne Tod. Verwegen und trotzig hofft die Kirche auf eine neue Welt

Gottes, in der die Nächte der Krankheit nicht mehr sein werden.

1 Viktimisierung: Vorgang, durch den jemand zum Opfer gemacht wird

2 gemeint ist das Osterfest 2020

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)

Günter Thomas ist evangelischer Theologe.

1. Stellen Sie das Thema sowie die Argumentationsschritte des Textes von Günter Thomas dar und arbeiten Sie dabei heraus, welches Verständnis christlicher Hoffnung in ihm entfaltet wird. (24 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 4 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie das Thema sowie die Argumentationsschritte des Textes von Günter Thomas dar und arbeiten Sie dabei heraus, welches Verständnis christlicher Hoffnung in ihm entfaltet wird.

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