Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2022

Thema: Reich-Gottes-Verkündigung Jesu in Tat und Wort · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

M 1

David Safier

Jesus liebt mich

Im Roman geht es um Marie, die eine Liebesbeziehung mit dem rätselhaften Joshua beginnt. Im Verlauf der Handlung wird sie immer sicherer, dass Joshua der auf die Erde wiedergekehrte Jesus ist. Nach einem besonders schönen Abend teilt Joshua ihr mit, dass sie vermutlich keinen weiteren solchen Abend zusammen erleben werden, weil er jetzt die in der Bibel beschriebene Aufgabe erfüllen muss. Ehe Marie nachzufragen wagt, was das für eine Aufgabe ist, gehen beide auseinander. Im abgedruckten Auszug möchte Marie von ihrem bibelkundigen Freund Michi erfahren, weshalb Jesus möglicherweise auf die Erde zurückgekehrt ist.

[...] „Komm rein, dann erkläre ich es dir“, forderte Michi mich auf.

Er setzte sich an die Theke, trank tiefschwarzen Kaffee und erzählte mir von den vielen Prophezeiungen des Weltuntergangs in der Bibel, es gab welche im Buch Daniel, und auch Jesus selbst hatte in den Evangelien das Ende der Welt vorhergesagt, aber am ausführlichsten war es im Finale der Bibel beschrieben, auf den letzten Seiten, in der Offenbarung des Johannes. Gebannt hörte ich zu, wie Michi mir von der Endschlacht Gut gegen Böse berichtete. Von den apokalyptischen Reitern, von Satan und davon, wie Jesus sie alle in einer Schlacht besiegt und unsere Erde in ein Himmelreich verwandelt, in dem er mit den Gottesgläubigen auf immer und ewig in Frieden lebt. Ohne Mühsal, ohne Trauer und vor allen Dingen: ohne Tod. Jetzt wusste ich, warum Joshua auf der Welt war. [...]

[Michi sagte:] „Dass unsere Welt in ein Himmelreich verwandelt wird, hat für einige Menschen auch Nachteile.“

„Wieso das denn? Ich denk, dann gibt es auf der Erde keinen Tod mehr, keinen Mangel. Klingt so, als ob es da auch keinen Liebeskummer gibt. Oder Akne.“

„Ja schon, aber nicht alle Menschen kriegen eine Eintrittskarte für das Himmelreich.“

Verblüfft starrte ich ihn an.

„Alle Menschen“, erklärte Michi, „werden vor Gott treten. Auch alle bereits Verstorbenen. Sie werden wieder zum Leben erwachen. Gott wird das sogenannte Buch des Lebens aufschlagen, in dem steht, was jeder Einzelne in seinem Leben getan hat.“

„Muss ein ziemlich dickes Buch sein“, sagte ich gequält.

Die Vorstellung, dass alles über mich aufgeschrieben wurde, gefiel mir nicht sonderlich. Wurde ich auf Schritt und Tritt von Gottes Engeln beobachtet? Auch beim Duschen? Oder beim Sex? Auch bei dem, den ich alleine hatte? Wenn es so war, würde ich den Spannern gerne mal meine Meinung geigen!

„Die Menschen werden nach all ihren Taten beurteilt. Wer gut war, kommt ins Himmelreich.“

„Und der Rest? Was macht der, wenn es unsere Welt nicht mehr gibt?“

„Der Rest geht, laut der Offenbarung des Johannes, für ewig ab in den Feuersee.“

„Klingt ungemütlich“, sagte ich fröstelnd.

„Soll er wohl auch sein.“

„Das steht wirklich alles in der Bibel?“

Michi nickte.

„Aber Gott ist doch der Gute?“, fragte ich zögerlich.

„Das ist der gleiche Gott, der zu Noahs Zeiten die Erde flutete, Sodom und Gomorrha kurz und klein gehauen hat und den Ägyptern mit seinen Plagen eine schöne Wirtschaftsrezession bescherte.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich diesen Gott mag“, sagte ich traurig.

„Wenn es das Buch des Lebens tatsächlich gibt, steht jetzt auch drin, dass du diesen Satz gesagt hast.“

„O nein!“, rief ich aus.

„Ich finde auch den Gott besser, der David gegen Goliath geholfen hat“, meinte Michi.

„Ist das nicht der gleiche?“

„Bei dieser Frage haben schon Tausende Theologen Migräne bekommen.“

„Und was glaubst du? Welcher ist der wahre Gott?“

„Ich hoffe auf den gütigen, aber wenn man sich auf der Welt so umschaut...“

Weiter redete er nicht. Zweifel an seinem eigenen Glauben wollte er nicht formulieren, um ihnen keine Gestalt zu geben.

Die Faktenlage war für mich jedenfalls unangenehm klar: Jesus war auf Erden und meinte, dass man seine Aufgabe, auf die er sich nun vorbereiten musste, in der Bibel nachlesen konnte. Das mit dem Jüngsten Gericht war dann wohl seine Aufgabe. Die Welt, wie ich sie kannte, würde untergehen. Und in diesem blöden Buch des Lebens standen sicher noch mehr üble Dinge über mich drin. Würde ich also auf ewig im Feuersee landen? [...]

Als ich meine Sprache wiedergefunden hatte, fragte ich Michi: „Und... und Jesus hat das auch vorhergesagt?“

Ich konnte mir einfach immer noch nicht vorstellen, dass Jesus – dass Joshua bei so etwas mitmachte.

„Mit der Androhung des nahenden Endes brachte er viele Menschen dazu, ihre Handlungen zu überdenken und zu Gott zu finden“, erklärte Michi.

„Das... das glaub ich nicht.“

Michi griff nun nach der Bibel, blätterte und sagte: „Es gibt da viele Stellen, schau, zum Beispiel bei Matthäus 24 1 “ verkündet Jesus: „Dann wird er sich zu ihnen wenden und ihnen sagen: Weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist.“

„Du kennst dich gut aus...“, stammelte ich. Und dann fragte ich ängstlich: „Weißt du, was so die Aufnahmekriterien fürs Himmelreich sind?“ [...]

„Was man tun muss“, erklärte er dann, „steht nicht genau in der Offenbarung des Johannes. Aber ich schätze mal, wenn man sein Leben nach den vielen Geboten der Bibel geführt hat, dürfte man wohl keine Probleme bekommen.“

„Viele? Ich dachte, es gibt nur zehn.“

„Es gibt viel mehr, einen ganzen Haufen. Bestimmt über siebenhundert“, erklärte Michi. Er kicherte dabei nervös, da ich schon den Angstschweiß auf der Stirn hatte. [...]

„Ich glaube, es reicht wirklich, wenn man sich an die Zehn Gebote hält.“

Da ich ja auch die nicht komplett parat hatte, ließ ich mir von Michi zeigen, wo die Zehn Gebote standen. Und so las ich das erste Mal in meinem Leben wirklich konzentriert in der Bibel. Was so ein Selbsterhaltungstrieb alles bewirken kann... [...]

Michi fand, dass ich in meiner Panik vor dem Feuersee die Gebote doch recht einseitig zu meinen Gunsten auslegte. Er hatte natürlich recht, ich hatte oft die Männer anderer Frauen begehrt. Viel zu oft. Und für meinen Geschmack viel zu oft nicht gekriegt.

Auch hatte ich gegen das zehnte Gebot verstoßen und eigentlich ständig auch die Dinge anderer begehrt: Das Cabrio von Marc, die Schuhkollektion meiner Kollegin, die Figur von Jennifer Aniston...

Aber was mir am meisten Kopfschmerzen bereitete, war das Gebot Nummer fünf 2, die blöde Sache mit den Eltern! Ob ich das bis zum Weltuntergang, wann immer der sein sollte, hinkriegen würde?

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)

1 Matthäus 24: Safier bezieht sich hier auf Mt 25,41.

2 Fünftes Gebot: gemeint ist das Gebot, die Eltern zu lieben und zu ehren – nach Luthers Zählung das vierte Gebot.

David Safier ist deutscher Schriftsteller.

M 2

Christiane Tietz

Was ist das Jüngste Gericht?

Heulen, Zähneklappern, Angstmacherei vor einem gnadenlosen Gott, Kleinhalten der Gläubigen durch die kirchliche Hierarchie: darum scheint es beim Jüngsten Gericht zu gehen. Doch was von gotischen Kirchenportalen herunter schreckt, war ursprünglich tröstlich gemeint. Dass Gott kommt, um zu richten, ist für den alttestamentlichen Psalmisten Grund zur Freude: „Die Ströme sollen in die Hände klatschen (...), denn er kommt, um die Erde zu richten; er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit und die Völker nach dem Recht“ (Psalm 98,8f).

Unrecht und Böses haben keinen Bestand. Gott setzt das Recht durch, auch und gerade für diejenigen, die dies aus eigener Kraft nicht vermögen. Gottes Gericht ist sein Erbarmen über die Unterdrückten (Ex 22,20–26). Es vollzieht sich in geschichtlichen Ereignissen, laut späten alttestamentlichen Texten am Ende der Zeit.

Auch in Jesu von Nazareth Verkündigung gibt es ein endzeitliches Gericht, wenngleich nicht so zentral wie bei Johannes dem Täufer. Kern von Jesu Botschaft ist die Nähe des Reiches Gottes in seiner Person (Mk 1,15). Gott begegnet in Jesus allen Menschen gnädig.

Das Gericht Gottes wird denjenigen treffen, der diese Gnade abweist (Mk 10,15) und Gottes Willen nicht gehorsam ist (Mt 12,36f.). Nur wer Jesu Botschaft konsequent folgt, wird im Gericht bestehen (Mt 25,31–46). Für Paulus rettet einzig der Glaube an die Gnade Gottes, die uns in Jesus Christus begegnet (Röm 8,32–34). Weil aber zum Glauben gutes Tun gehört, werden die Werke der Christen im Gericht geprüft, belohnt oder bestraft werden (Röm 2,6). Einen eigenen Akzent setzt das Johannesevangelium: Derjenige, der glaubt, kommt nicht mehr ins Gericht, wogegen der, welcher nicht glaubt, schon jetzt gerichtet ist (Joh 3,18).

Die Reformatoren halten am Jüngsten Gericht fest, trotz seiner bedrohlichen Gestalt im Spätmittelalter. Zwingli wie Calvin sind vom „doppelten Ausgang“ des Gerichtes überzeugt: Die Glaubenden gehen in die ewige Seligkeit ein, die Nicht-Glaubenden in die Verdammnis. Gegen die Angst vor dem Gericht hilft das glaubende Vertrauen: „Das bereitet uns eine herrliche Zuversicht, dass wir vor keinen anderen Richtstuhl gestellt werden als den unseres Erlösers“, schreibt Johannes Calvin.

Heute will man gern auf das Jüngste Gericht verzichten. Der Glaube an Gott soll unser Leben nicht stören, sondern uns nur dessen versichern, dass wir gut so sind, wie wir sind. „Du bist ok, ich bin ok“, erscheint als Quintessenz des Christentums. Ja, jede Funktionalisierung des Gerichts, um Menschen zu drohen, ist falsch. Glaube und gutes Handeln sind aus evangelischer Sicht Antwort auf Gottes Gnade, nicht ihre Voraussetzung. Aber dass es dieser Antwort bedarf, das schärft der Gerichtsgedanke ein. Auch zeigt er, dass Gott dem Weltenlauf nicht gleichgültig gegenübersteht, sondern sich für Recht und Unrecht interessiert.

Jeder Mensch wird sich im Gericht so sehen, wie er wirklich ist. Jede Lebenslüge wird verblassen. Das wird „schmerzhaft befreiend“ (Gerhard Sauter). Denn das Gericht „legt die Traumata frei und führt mit den Opfern auch die Täter, gerade indem es ihre wohlverdiente Schande offenbart, der Heilung entgegen. Das jüngste Gericht ist das therapeutische Ereignis schlechthin“ (Eberhard Jüngel).

Für das christliche Verständnis grundlegend ist, dass Jesus Christus, also der, in dem uns Gottes Gnade begegnet, richten wird. Dann wird jeder Mensch der Gnade Gottes unverstellt ansichtig werden und erkennen, wo er aus sich selbst heraus hat leben wollen und wo er anderen einen gnädigen Umgang verweigert hat. Diese Erfahrung der Gnade wird sein Herz weitmachen, so weit, dass er selbst vergeben kann.

Christiane Tietz ist evangelische Theologin.

2. Entfalten Sie im Hinblick auf das Gottesverständnis zentrale Aspekte und die Bedeutung der Botschaft Jesu vom Reich Gottes und bringen Sie diese in einen Zusammenhang mit der Vorstellung vom Gerichtshandeln Gottes, die in den Texten von David Safier und von Christiane Tietz jeweils zum Ausdruck kommt. [30 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Entfalten Sie im Hinblick auf das Gottesverständnis zentrale Aspekte und die Bedeutung der Botschaft Jesu vom Reich Gottes und bringen Sie diese in einen Zusammenhang mit der Vorstellung vom Gerichtshandeln Gottes, die in den Texten von David Safier und von Christiane Tietz jeweils zum Ausdruck kommt.

Lösung: Ausführliche theologische Entfaltung der Basileia-Botschaft Jesu und systematischer Vergleich mit den Positionen bei Safier und Tietz.

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