Abitur NRW Evangelische Religion 2022 · GK · Haupttermin

Abiturprüfung Evangelische Religion in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Haupttermin: 10 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Leid und Theodizee: angemessen von Gott sprechen · Jesus Christus: Kreuz und Auferweckung · Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre · Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung · Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Fernando Enns

Schalom und Eirene – Frieden aus christlicher Perspektive

„Friede sei mit Euch!“ – in den Zeugnissen des Alten wie des Neuen Testaments ist dies der

alltägliche Gruß. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines

Wohlgefallens“, so loben die Engel bei der Geburt Jesu (Lk 2,14). Es ist der Anbruch eines

umfassenden Friedens, den Gott selbst in seiner Menschwerdung – zur Menschwerdung der

5 Menschen – verwirklicht. Die Botschaft dieses „Friedefürsten“ ist der Anbruch des Reiches

Gottes, eine neue Wirklichkeit, die nun allen Menschen offensteht. Im Leben, Sterben und

Auferstehen Jesu verwirklicht sich dieses Reich Gottes. „Friede sei mit Euch“ sagt der auf-

erstandene Christus, als er wieder in den Kreis seiner Jünger tritt. „Wie mich der Vater ge-

sandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Der Auftrag, entsprechend dieser neuen Realität

10 zu leben, geht vom Auferstandenen auf seine Jünger über. – Damit ist der unbedingte Frie-

densauftrag der Kirche gegeben.

Dieser Friede knüpft weniger an den griechischen Begriff der eirene 1 an, als vielmehr an

das hebräische Verständnis vom schalom 2. Schalom umfasst weit mehr als die Abwesenheit

von Krieg. Schalom beschreibt einen Zustand des Ganzseins, Heilseins, der Gerechtigkeit:

15 Befreiung von Unterdrückung und Recht für die Armen und Flüchtlinge. Schalom meint ge-

lingendes Leben in lebensfördernden Beziehungen zwischen Gott und Mensch, zwischen

Menschen und innerhalb der gesamten Schöpfung. Schalom ist der verheißene, der gerechte

Friede Gottes.

Bereits mit den großen Friedensvisionen der Hebräischen Bibel ist die gegenseitige Bedingung

20 von Frieden und Gerechtigkeit gegeben [...]. Hieran knüpft die Botschaft vom Reich Gottes

im Neuen Testament an: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtig-

keit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist“ (Röm 14,17).

In der Bergpredigt Jesu (Mt 5–7) wird dies weiter konkretisiert als Entfaltung eines Lebens im

Sinne des Reiches Gottes. Es werden „selig“ gesprochen, die Leid tragen, sie sollen getröstet

25 werden; die es nach Gerechtigkeit „hungert und dürstet“ sollen satt werden; die Verfolgten

werden dieses Reich „besitzen“. Es ist den Sanftmütigen, den Barmherzigen und den Friedfer-

tigen verheißen. Hierbei spielt die „bessere Gerechtigkeit“ eine entscheidende Rolle. Jesus

legt die Gebote der Hebräischen Bibel nach ihrer eigentlichen Intention aus: Nicht nur „nicht

töten“, sondern auch nicht zürnen; nicht nur „nicht ehebrechen“, sondern den Partner/die Part-

30 nerin einer anderen nicht „begehren“; nicht nur „nicht schwören“, sondern stets bei der Wahr-

heit bleiben; nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern gewaltfrei den anderen in seiner

Ungerechtigkeit überführen, indem man die rechte Wange hinhält, zum geforderten Rock

gleich den Mantel mit hinzu gibt und freiwillig auch noch die zweite Meile mitgeht. Und

schließlich nicht nur „die Nächsten zu lieben“, sondern sogar die Feinde – weil Gott selbst

35 diese Liebe ist und sie keinem Menschen vorenthält oder entzieht.

Das kann nicht ohne Wirkung auf die Gesellschaft bleiben: Als „Salz der Erde“ und „Licht

der Welt“ wird sich dieser gerechte Friede ausbreiten. – Ein Leben für Gerechtigkeit und Frie-

den ist somit kein Selbstzweck, sondern zielt auf die Verwirklichung des Reiches Gottes mit-

ten in dieser ungerechten Welt voller Gewalt und Krieg.

40 Zu solchem Frieden gehört freilich auch ein wirtschaftliches Verhalten, das den gängigen

ökonomischen Weisheiten widerspricht: „Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab

von dem, der etwas von dir borgen will“ (Mt 5,42). Die Bergpredigt warnt davor, materielle

Schätze zu sammeln und sich um sie zu sorgen: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein

Herz“ (Mt 6,21).

45 Die neutestamentlichen Zeugnisse gehen davon aus, dass ein neues Leben in diesem gerech-

ten Frieden durch das Kommen Gottes in die Welt – in Jesus von Nazareth – tatsächlich zur

Möglichkeit geworden ist (Lk 4 zitiert Jes 61).

Dieser Anspruch Jesu war damals bereits eine Provokation für die religiösen Autoritäten und

ist es bis heute geblieben. In der Kirchengeschichte sind vielfältige Versuche zu beobachten,

50 dieser Provokation auszuweichen. Womöglich sollte durch die Radikalität der Aussagen

schlicht der menschliche Stolz gebrochen werden und die Erkenntnis reifen, dass wir alle

„sündig“ sind. Vielleicht gelten diese Lebensregeln nur für einige Auserwählte (Ordens-

leute 3)? Verschiedene Auslegungen haben auch versucht, die „bessere Gerechtigkeit“ in

einen individuellen, geistigen Bereich zu verbannen. Womöglich stand Jesus ja ohnehin das

55 nahe Ende dieser Welt vor Augen, so dass wir hier von einer „Interimsethik 4 “ auszugehen

hätten. „Mit der Bergpredigt ist kein Staat zu machen!“ 5 – Die Provokation ist bis heute ge-

blieben.

Einen großen Einschnitt in der Interpretation dieser Friedensbotschaft bildet der Übergang

von der verfolgten Kirche zur Staatsreligion (4./5. Jh.). Erst hier waren theologische Recht-

60 fertigungen des Kriegführens notwendig geworden: die „Lehre vom gerechten Krieg“, die

immer ausdifferenzierter entfaltet wurde. Erst hier wurde eine Staatsethik unter Berufung auf

Röm 13 entwickelt: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es

ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet“. So

hatte Paulus die Stellung der – freilich unterdrückten und verfolgten – ChristInnen im Staat

65 beschrieben. Wie verführerisch die „Heiligsprechung“ des Staates dann für Kirchen in Macht-

und Mehrheitspositionen wurde, zeigen die Auswirkungen in Schwertmissionen und Kreuz-

zügen, bis ins 20. Jh., als Christen bereit waren, für ihren Nationalstaat (!) zu töten.

Nach den kriegerischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts begann ein erneutes Suchen unter

den ehemaligen Staatskirchen. In der ökumenischen Bewegung hat sich mittlerweile ein Ver-

70 ständnis des „Gerechten Friedens“ als neues sozialethisches Paradigma 6 etabliert. Weltweit

fragen Kirchen jetzt, was es bedeuten könnte, „Kirche des Gerechten Friedens“ zu werden.

Sie gehen dabei nicht von unerfüllbaren ethischen Überforderungen aus, sondern vom Kern

der christlichen Botschaft: dass Gott die Menschen in Christus befreit hat zu einem neuen

Leben, indem Er selbst sie gerecht macht! Aus dieser „Erlösung“ (Rechtfertigung) kann sich

75 jene Rückbesinnung auf die Wirklichkeit des Reiches Gottes mitten in dieser „unerlösten“

Welt ergeben.

Mag sein, dass die Kirchen dadurch selbst wieder zur provokativen Minderheit in den Gesell-

schaften werden. Ermutigend sind hier die Worte des Paulus: „Wovon wir aber reden, das

ist … nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.

80 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes.“ (1 Kor 2,6–7).

Wenn Christinnen und Christen heute in ihren Gottesdiensten wieder den Friedensgruß anein-

ander richten, dann erinnern sie sich eben genau an diesen „Gerechten Frieden“, der in Christus

zu ihrer Glaubensrealität geworden ist – zu der sie aus Gnade befreit sind.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)

Fernando Enns ist evangelischer Theologe.

1 eirene: (griech.) Frieden

2 schalom: (hebr.) Frieden

3 Ordensleute: Angehörige eines christlichen Ordens, wie z. B. Nonnen und Mönche

4 Interimsethik: Ethik für die als sehr kurz gedachte Zwischenzeit bis zur Wiederkehr Jesu Christi

5 Aussage, die in der Vergangenheit sinngemäß von verschiedenen Politikern getroffen wurde

6 sozialethisches Paradigma: gemeint ist hier eine Leitvorstellung zur Gestaltung einer gerechteren Gesellschaft

Materialgrundlage: Fernando Enns: Schalom und Eirene – Frieden aus christlicher Perspektive. In: Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Hrsg.): Auf dem Weg – Gerechtigkeit und Frieden, Materialien zum Sonntag Judika, 2. April 2017. Neumünster 2016, S. 23 – 25

1.

Stellen Sie das Thema sowie den Argumentationsgang der Predigthilfe von Fernando Enns dar und arbeiten Sie dabei heraus, wie er den christlichen Auftrag zum Frieden versteht. (24 Punkte)

Ihre Ausarbeitung wurde erfasst. Vergleichen Sie Ihre Lösung mit den offiziellen Bewertungskriterien.

Aufgabe 1 - Teilaufgaben 2 und 3 · Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre

Fernando Enns

Schalom und Eirene – Frieden aus christlicher Perspektive

„Friede sei mit Euch!“ – in den Zeugnissen des Alten wie des Neuen Testaments ist dies der

alltägliche Gruß. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines

Wohlgefallens“, so loben die Engel bei der Geburt Jesu (Lk 2,14). Es ist der Anbruch eines

umfassenden Friedens, den Gott selbst in seiner Menschwerdung – zur Menschwerdung der

5 Menschen – verwirklicht. Die Botschaft dieses „Friedefürsten“ ist der Anbruch des Reiches

Gottes, eine neue Wirklichkeit, die nun allen Menschen offensteht. Im Leben, Sterben und

Auferstehen Jesu verwirklicht sich dieses Reich Gottes. „Friede sei mit Euch“ sagt der auf-

erstandene Christus, als er wieder in den Kreis seiner Jünger tritt. „Wie mich der Vater ge-

sandt hat, so sende ich euch“ (Joh 20,21). Der Auftrag, entsprechend dieser neuen Realität

10 zu leben, geht vom Auferstandenen auf seine Jünger über. – Damit ist der unbedingte Frie-

densauftrag der Kirche gegeben.

Dieser Friede knüpft weniger an den griechischen Begriff der eirene 1 an, als vielmehr an

das hebräische Verständnis vom schalom 2. Schalom umfasst weit mehr als die Abwesenheit

von Krieg. Schalom beschreibt einen Zustand des Ganzseins, Heilseins, der Gerechtigkeit:

15 Befreiung von Unterdrückung und Recht für die Armen und Flüchtlinge. Schalom meint ge-

lingendes Leben in lebensfördernden Beziehungen zwischen Gott und Mensch, zwischen

Menschen und innerhalb der gesamten Schöpfung. Schalom ist der verheißene, der gerechte

Friede Gottes.

Bereits mit den großen Friedensvisionen der Hebräischen Bibel ist die gegenseitige Bedingung

20 von Frieden und Gerechtigkeit gegeben [...]. Hieran knüpft die Botschaft vom Reich Gottes

im Neuen Testament an: „Das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtig-

keit und Friede und Freude in dem Heiligen Geist“ (Röm 14,17).

In der Bergpredigt Jesu (Mt 5–7) wird dies weiter konkretisiert als Entfaltung eines Lebens im

Sinne des Reiches Gottes. Es werden „selig“ gesprochen, die Leid tragen, sie sollen getröstet

25 werden; die es nach Gerechtigkeit „hungert und dürstet“ sollen satt werden; die Verfolgten

werden dieses Reich „besitzen“. Es ist den Sanftmütigen, den Barmherzigen und den Friedfer-

tigen verheißen. Hierbei spielt die „bessere Gerechtigkeit“ eine entscheidende Rolle. Jesus

legt die Gebote der Hebräischen Bibel nach ihrer eigentlichen Intention aus: Nicht nur „nicht

töten“, sondern auch nicht zürnen; nicht nur „nicht ehebrechen“, sondern den Partner/die Part-

30 nerin einer anderen nicht „begehren“; nicht nur „nicht schwören“, sondern stets bei der Wahr-

heit bleiben; nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern gewaltfrei den anderen in seiner

Ungerechtigkeit überführen, indem man die rechte Wange hinhält, zum geforderten Rock

gleich den Mantel mit hinzu gibt und freiwillig auch noch die zweite Meile mitgeht. Und

schließlich nicht nur „die Nächsten zu lieben“, sondern sogar die Feinde – weil Gott selbst

35 diese Liebe ist und sie keinem Menschen vorenthält oder entzieht.

Das kann nicht ohne Wirkung auf die Gesellschaft bleiben: Als „Salz der Erde“ und „Licht

der Welt“ wird sich dieser gerechte Friede ausbreiten. – Ein Leben für Gerechtigkeit und Frie-

den ist somit kein Selbstzweck, sondern zielt auf die Verwirklichung des Reiches Gottes mit-

ten in dieser ungerechten Welt voller Gewalt und Krieg.

40 Zu solchem Frieden gehört freilich auch ein wirtschaftliches Verhalten, das den gängigen

ökonomischen Weisheiten widerspricht: „Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab

von dem, der etwas von dir borgen will“ (Mt 5,42). Die Bergpredigt warnt davor, materielle

Schätze zu sammeln und sich um sie zu sorgen: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein

Herz“ (Mt 6,21).

45 Die neutestamentlichen Zeugnisse gehen davon aus, dass ein neues Leben in diesem gerech-

ten Frieden durch das Kommen Gottes in die Welt – in Jesus von Nazareth – tatsächlich zur

Möglichkeit geworden ist (Lk 4 zitiert Jes 61).

Dieser Anspruch Jesu war damals bereits eine Provokation für die religiösen Autoritäten und

ist es bis heute geblieben. In der Kirchengeschichte sind vielfältige Versuche zu beobachten,

50 dieser Provokation auszuweichen. Womöglich sollte durch die Radikalität der Aussagen

schlicht der menschliche Stolz gebrochen werden und die Erkenntnis reifen, dass wir alle

„sündig“ sind. Vielleicht gelten diese Lebensregeln nur für einige Auserwählte (Ordens-

leute 3)? Verschiedene Auslegungen haben auch versucht, die „bessere Gerechtigkeit“ in

einen individuellen, geistigen Bereich zu verbannen. Womöglich stand Jesus ja ohnehin das

55 nahe Ende dieser Welt vor Augen, so dass wir hier von einer „Interimsethik 4 “ auszugehen

hätten. „Mit der Bergpredigt ist kein Staat zu machen!“ 5 – Die Provokation ist bis heute ge-

blieben.

Einen großen Einschnitt in der Interpretation dieser Friedensbotschaft bildet der Übergang

von der verfolgten Kirche zur Staatsreligion (4./5. Jh.). Erst hier waren theologische Recht-

60 fertigungen des Kriegführens notwendig geworden: die „Lehre vom gerechten Krieg“, die

immer ausdifferenzierter entfaltet wurde. Erst hier wurde eine Staatsethik unter Berufung auf

Röm 13 entwickelt: „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es

ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet“. So

hatte Paulus die Stellung der – freilich unterdrückten und verfolgten – ChristInnen im Staat

65 beschrieben. Wie verführerisch die „Heiligsprechung“ des Staates dann für Kirchen in Macht-

und Mehrheitspositionen wurde, zeigen die Auswirkungen in Schwertmissionen und Kreuz-

zügen, bis ins 20. Jh., als Christen bereit waren, für ihren Nationalstaat (!) zu töten.

Nach den kriegerischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts begann ein erneutes Suchen unter

den ehemaligen Staatskirchen. In der ökumenischen Bewegung hat sich mittlerweile ein Ver-

70 ständnis des „Gerechten Friedens“ als neues sozialethisches Paradigma 6 etabliert. Weltweit

fragen Kirchen jetzt, was es bedeuten könnte, „Kirche des Gerechten Friedens“ zu werden.

Sie gehen dabei nicht von unerfüllbaren ethischen Überforderungen aus, sondern vom Kern

der christlichen Botschaft: dass Gott die Menschen in Christus befreit hat zu einem neuen

Leben, indem Er selbst sie gerecht macht! Aus dieser „Erlösung“ (Rechtfertigung) kann sich

75 jene Rückbesinnung auf die Wirklichkeit des Reiches Gottes mitten in dieser „unerlösten“

Welt ergeben.

Mag sein, dass die Kirchen dadurch selbst wieder zur provokativen Minderheit in den Gesell-

schaften werden. Ermutigend sind hier die Worte des Paulus: „Wovon wir aber reden, das

ist … nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen.

80 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes.“ (1 Kor 2,6–7).

Wenn Christinnen und Christen heute in ihren Gottesdiensten wieder den Friedensgruß anein-

ander richten, dann erinnern sie sich eben genau an diesen „Gerechten Frieden“, der in Christus

zu ihrer Glaubensrealität geworden ist – zu der sie aus Gnade befreit sind.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)

Fernando Enns ist evangelischer Theologe.

1 eirene: (griech.) Frieden

2 schalom: (hebr.) Frieden

3 Ordensleute: Angehörige eines christlichen Ordens, wie z. B. Nonnen und Mönche

4 Interimsethik: Ethik für die als sehr kurz gedachte Zwischenzeit bis zur Wiederkehr Jesu Christi

5 Aussage, die in der Vergangenheit sinngemäß von verschiedenen Politikern getroffen wurde

6 sozialethisches Paradigma: gemeint ist hier eine Leitvorstellung zur Gestaltung einer gerechteren Gesellschaft

Materialgrundlage: Fernando Enns: Schalom und Eirene – Frieden aus christlicher Perspektive. In: Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland (Hrsg.): Auf dem Weg – Gerechtigkeit und Frieden, Materialien zum Sonntag Judika, 2. April 2017. Neumünster 2016, S. 23 – 25

2.

Entfalten Sie Luthers Lehre von den zwei Reichen und Regimenten vor ihrem historischen Hintergrund und bringen Sie diese in Beziehung zu dem Konzept eines christlichen Friedensauftrags, das Fernando Enns vertritt. (30 Punkte)

3.

Erörtern Sie unter Einbezug Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand konkreter Beispiele, inwiefern politisches Engagement in der Gegenwart eine notwendige Folge des christlichen Glaubens sein muss, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. (26 Punkte)

Ihre Ausarbeitung wurde erfasst. Vergleichen Sie Ihre Antworten mit den offiziellen Kriterien der Teilaufgaben 2 und 3.

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Materialgrundlage

Petra Bahr: Karsamstag: Gott ist tot (aber nicht mehr lange). In: DIE ZEIT Nr. 14/2018, Beilage Christ & Welt. Wochenzeitung für Glaube und Gesellschaft, S. 1

Petra Bahr: Karsamstag: Gott ist tot (aber nicht mehr lange)

Das Kreuz ist leer, der Leichnam fort. Die Freunde des Gekreuzigten sind wie vom Erdboden

verschwunden. Sie haben kapituliert vor dem Ausgang der Geschichte. Müde sind sie und

selber wie tot, so ohne Aussicht auf ein Zeichen der Hoffnung. Karsamstag, der Tag der Leere.

Vom Morgengrauen bis tief in die Nacht nur das Nichts.

5 Dieser mittlere Tag des Triduums, wie die Zeit zwischen der Passion und der Verkündigung

der Auferstehung in der christlichen Tradition hieß, ist der vielleicht unbekannteste heilige

Tag der westlichen Christenheit. Drei Tage, in denen nicht nur die Heilsgeschichte sich wie

in einem Brennglas verdichtet, sondern auch alle Dimensionen der menschlichen Existenz

ausgeleuchtet werden.

10 Vom Karfreitag bleiben immerhin rappelvolle Aufführungen der Bach’schen Passionen 1 und

der laute Kampf um den stillen Feiertag. Während die einen zur Todesstunde Jesu schweigen,

dröhnt es draußen vor der Kirche aus billigen Verstärkern, weil es Leute gibt, die diese Stille

für alle nicht ertragen. Doch gerade in der Bestreitung wird auch die kulturelle Bedeutung

des Kreuzes noch einmal offensichtlich.

15 Viele Menschen mögen sich dem Gott dieser Passion nicht mehr anvertrauen, der sich in die-

sem Schmerzensmann zeigt. Doch dass im Mittelpunkt dieses Glaubens nicht der Übermensch

steht, sondern der Zerbrochene, Entwürdigte, Belächelte, öffnet immer noch einen Raum, der

Menschen berührt, und sei es nur diese intime Zone zwischen ästhetischer Erfahrung und reli-

giöser Berührung. Auch das Osterfest ist zumindest mit religiösen Restbeständen vital. Dem

20 schier Unglaublichen, der Auferweckung von den Toten, wird als Feier des Neubeginns mit

Brunch und Spaziergang in heiterer Frühlingsluft oder Kurzurlaub im Sonnenschein begegnet.

Unbestritten ist Ostern ein wichtiges Ziel des kollektiven Festkalenders, ein Fest, das sich mit

säkular-religiösen Erwartungen so leicht ausstaffieren konnte, dass der Bedeutungsverlust des

Christentums durch das Gewicht der Dekorartikel ausgeglichen wird. […]

25 Der Karsamstag ist dagegen immer schon eine Art Brückentag zwischen Karfreitag und

Ostern, immer schon nur ein Übergang von hier nach dort. Dabei würde sein ursprünglicher

Sinn einer zaudernden, melancholisch gewordenen Christenheit neue Bedeutsamkeit geben

können. Das Kar 2, der Hinweis auf das Weinen, hängt ja an diesem besonderen Samstag. Es

ist der Tag der Leere und der Gottesferne, das schlimmste Zwischen der menschlichen Exis-

30 tenz. In den alten Traditionen der westlichen Christenheit der einzige Tag, an dem keine

Messe gefeiert wird. Auch die Kirchen bleiben leer. Kein Blumenschmuck, keine Kerzen auf

dem Altar. Im Glaubensbekenntnis bekommt dieser Welttrauertag einen bestimmten Rich-

tungssinn. Und der führt nach unten. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“, heißt es fast

lakonisch. Zwischen dem „gekreuzigt, gestorben und begraben“ und „am dritten Tage auf-

35 erstanden von den Toten“ ist dieser Satz leicht zu verstolpern.

Die Künstler des Abendlands hat dieser Satz fasziniert. Nicht das Kreuz ist das Schlimmste,

was dem Sohn Gottes passiert. Das Schlimmste kommt erst noch, am Tag danach. Sie bevöl-

kern ihre Höllengemälde mit schauderhaften Wesen, untoten Zombies und wilden Tieren, die

sich in Gewaltexzesse verstricken – und zeigen den Gottessohn in diesem Inferno oft genug

40 ungerührt, als wüsste er schon, dass die Reise ins Herz der Finsternis nicht lang dauern kann.

Auch die Kirchenväter haben ihre Fantasie an diesen Ort geschickt. Sie zeichnen die Erfah-

rung radikaler Gottesverlassenheit und tiefer Einsamkeit. Den Tod eben.

Die Hölle, das ist für sie nicht das Reich einer dämonischen Mafia, in der die Bösen wohnen

und ihre Taten bis ins Unendliche wiederholen. Es ist der Ort der tiefsten Entmenschlichung,

45 weil hier das Vergessen wohnt, genauer gesagt: die, die vergessen worden sind. Gott, so be-

schreibt es ein anonymer Kirchenvater, nimmt sich Zeit, um die aufzusuchen, die von der

Welt vergessen worden sind. Die Erfahrung der Leere, das große Nichts, die Abwesenheit

Gottes ist an diesem Tag so groß, weil Gott die entfernten Winkel der Welt aufsucht. Dem

düstersten Rand der Welt ist Gott an diesem Tag nah.

50 Damit bekommt die Abwesenheit eine andere Qualität, sie ist nämlich mit einer Art mitbe-

dachter Gegenwart in der Fremde verbunden. Gott ist da, wo kein Mensch je hinwill. Auch

das ist Stellvertretung. In dieser Lesart ist der Karsamstag der Zeitraum zwischen der Erfah-

rung all der sinnlosen, bösartigen, unverständlichen Tode und der immer schon schwer fass-

baren Hoffnung auf ein Ende dieser unendlichen Geschichte. Im Karsamstag spiegelt sich der

55 Zustand der Welt, dieser Tag ist der tiefste Ausdruck des ungläubigen Glaubens, der in der

Aussicht auf Ostern liegt, im Zwischen. Zwischen Tod und Leben. Zwischen Kapitulation

und Hoffnung. […]

Was kann es bedeuteten, dass Gott sich diesen Höllentrip zumutet und an die Vergessenen

erinnert? Am Karsamstag wird die Verlassenheit des Menschen explizit. Das, was Tod bedeu-

60 tet, wird aussprechbar und ansprechbar, in seinem Schrecken und seiner Banalität, ebenso wie

die Angst, die sich mit beidem verbindet.

Wer diesen Tag einfach überspringt, verdichtet zwar die Erfahrung von Karfreitag und Ostern

zu einem extremen Erlebnis. Um die Spannung des Zwischen, die so schwer auszuhalten ist,

werden diese heiligen Tage allerdings gekürzt. Der Mitteltag im Triduum ist der Tag, an dem

65 ausgiebig Zeit ist für erschöpften Glauben und Kleinmütigkeit, die in jeder Generation anders

aussieht.

Die Identifikation mit den Jüngern, die ängstlich in ihren Verstecken sitzen, weil sie nicht

mehr wissen, wozu sie sich eigentlich bekennen sollen, sollte weniger verschämt geschehen.

Denn genau so sind Christen doch, auch wenn sie schon tausendmal Ostern gefeiert haben:

70 eine Karsamstagsbande, Menschen, die nicht nur die Anwesenheit Gottes feiern, sondern auch

die Erfahrung seiner Abwesenheit und die zähe Qual dieser Erfahrung zum Thema machen

können.

All die vergeblichen Gebete und die Lieder, die einem im Halse stecken bleiben und falsch

klingen. Die Feigheit vor den Fragen der anderen und der Sprachnot angesichts der ausge-

75 stellten Osterfreude, die doch das Innerste nicht erreicht.

Die Kraft des christlichen Glaubens liegt doch darin, dass der innere Streit, der Unglaube Teil

der religiösen Sprache sind. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, schreit

der Gekreuzigte in der Sprache eines Psalms. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“, wird ein

Jünger namens Thomas später sagen, einer von denen, die sich unter dem Schatten des Kreu-

80 zes in tiefe Traurigkeit verstrickt haben.

Die Bedeutung des Karsamstags hat sich in der Liturgie der Osternacht erhalten. Die ersten

dunklen Minuten in der kalten Kirche, die eisige Luft des frühen Aprils, die in die Glieder

fährt, bis zum Osterlicht im Morgengrauen ist es auch in der Sprache der Gebete noch lang.

Deshalb machen Christen einmal im Jahr „die Nacht durch“, um diesen Weg symbolisch

85 nachzuvollziehen. Sie sollten dem Karsamstag nicht ausweichen.

1 Bach’sche Passionen: musikalische Umsetzungen der Passionsgeschichte durch den Komponisten Johann Sebastian Bach

2 Kar: althochdeutsch Kara: Trauer, Klage

(Durch die Auslassungen im Text wird der Gedankengang nicht gestört; entfallen sind lediglich ergänzende Gesichtspunkte.)

Petra Bahr ist evangelische Theologin.

1. Stellen Sie das Thema sowie den Gedankengang des Textes von Petra Bahr dar und arbeiten Sie hierbei das Gottesbild heraus, das sie entfaltet. [24 Punkte]

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Leid und Theodizee: angemessen von Gott sprechen

Materialgrundlage

Petra Bahr: Karsamstag: Gott ist tot (aber nicht mehr lange). In: DIE ZEIT Nr. 14/2018, Beilage Christ & Welt. Wochenzeitung für Glaube und Gesellschaft, S. 1

Petra Bahr: Karsamstag: Gott ist tot (aber nicht mehr lange)

Das Kreuz ist leer, der Leichnam fort. Die Freunde des Gekreuzigten sind wie vom Erdboden

verschwunden. Sie haben kapituliert vor dem Ausgang der Geschichte. Müde sind sie und

selber wie tot, so ohne Aussicht auf ein Zeichen der Hoffnung. Karsamstag, der Tag der Leere.

Vom Morgengrauen bis tief in die Nacht nur das Nichts.

5 Dieser mittlere Tag des Triduums, wie die Zeit zwischen der Passion und der Verkündigung

der Auferstehung in der christlichen Tradition hieß, ist der vielleicht unbekannteste heilige

Tag der westlichen Christenheit. Drei Tage, in denen nicht nur die Heilsgeschichte sich wie

in einem Brennglas verdichtet, sondern auch alle Dimensionen der menschlichen Existenz

ausgeleuchtet werden.

10 Vom Karfreitag bleiben immerhin rappelvolle Aufführungen der Bach’schen Passionen 1 und

der laute Kampf um den stillen Feiertag. Während die einen zur Todesstunde Jesu schweigen,

dröhnt es draußen vor der Kirche aus billigen Verstärkern, weil es Leute gibt, die diese Stille

für alle nicht ertragen. Doch gerade in der Bestreitung wird auch die kulturelle Bedeutung

des Kreuzes noch einmal offensichtlich.

15 Viele Menschen mögen sich dem Gott dieser Passion nicht mehr anvertrauen, der sich in die-

sem Schmerzensmann zeigt. Doch dass im Mittelpunkt dieses Glaubens nicht der Übermensch

steht, sondern der Zerbrochene, Entwürdigte, Belächelte, öffnet immer noch einen Raum, der

Menschen berührt, und sei es nur diese intime Zone zwischen ästhetischer Erfahrung und reli-

giöser Berührung. Auch das Osterfest ist zumindest mit religiösen Restbeständen vital. Dem

20 schier Unglaublichen, der Auferweckung von den Toten, wird als Feier des Neubeginns mit

Brunch und Spaziergang in heiterer Frühlingsluft oder Kurzurlaub im Sonnenschein begegnet.

Unbestritten ist Ostern ein wichtiges Ziel des kollektiven Festkalenders, ein Fest, das sich mit

säkular-religiösen Erwartungen so leicht ausstaffieren konnte, dass der Bedeutungsverlust des

Christentums durch das Gewicht der Dekorartikel ausgeglichen wird. […]

25 Der Karsamstag ist dagegen immer schon eine Art Brückentag zwischen Karfreitag und

Ostern, immer schon nur ein Übergang von hier nach dort. Dabei würde sein ursprünglicher

Sinn einer zaudernden, melancholisch gewordenen Christenheit neue Bedeutsamkeit geben

können. Das Kar 2, der Hinweis auf das Weinen, hängt ja an diesem besonderen Samstag. Es

ist der Tag der Leere und der Gottesferne, das schlimmste Zwischen der menschlichen Exis-

30 tenz. In den alten Traditionen der westlichen Christenheit der einzige Tag, an dem keine

Messe gefeiert wird. Auch die Kirchen bleiben leer. Kein Blumenschmuck, keine Kerzen auf

dem Altar. Im Glaubensbekenntnis bekommt dieser Welttrauertag einen bestimmten Rich-

tungssinn. Und der führt nach unten. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“, heißt es fast

lakonisch. Zwischen dem „gekreuzigt, gestorben und begraben“ und „am dritten Tage auf-

35 erstanden von den Toten“ ist dieser Satz leicht zu verstolpern.

Die Künstler des Abendlands hat dieser Satz fasziniert. Nicht das Kreuz ist das Schlimmste,

was dem Sohn Gottes passiert. Das Schlimmste kommt erst noch, am Tag danach. Sie bevöl-

kern ihre Höllengemälde mit schauderhaften Wesen, untoten Zombies und wilden Tieren, die

sich in Gewaltexzesse verstricken – und zeigen den Gottessohn in diesem Inferno oft genug

40 ungerührt, als wüsste er schon, dass die Reise ins Herz der Finsternis nicht lang dauern kann.

Auch die Kirchenväter haben ihre Fantasie an diesen Ort geschickt. Sie zeichnen die Erfah-

rung radikaler Gottesverlassenheit und tiefer Einsamkeit. Den Tod eben.

Die Hölle, das ist für sie nicht das Reich einer dämonischen Mafia, in der die Bösen wohnen

und ihre Taten bis ins Unendliche wiederholen. Es ist der Ort der tiefsten Entmenschlichung,

45 weil hier das Vergessen wohnt, genauer gesagt: die, die vergessen worden sind. Gott, so be-

schreibt es ein anonymer Kirchenvater, nimmt sich Zeit, um die aufzusuchen, die von der

Welt vergessen worden sind. Die Erfahrung der Leere, das große Nichts, die Abwesenheit

Gottes ist an diesem Tag so groß, weil Gott die entfernten Winkel der Welt aufsucht. Dem

düstersten Rand der Welt ist Gott an diesem Tag nah.

50 Damit bekommt die Abwesenheit eine andere Qualität, sie ist nämlich mit einer Art mitbe-

dachter Gegenwart in der Fremde verbunden. Gott ist da, wo kein Mensch je hinwill. Auch

das ist Stellvertretung. In dieser Lesart ist der Karsamstag der Zeitraum zwischen der Erfah-

rung all der sinnlosen, bösartigen, unverständlichen Tode und der immer schon schwer fass-

baren Hoffnung auf ein Ende dieser unendlichen Geschichte. Im Karsamstag spiegelt sich der

55 Zustand der Welt, dieser Tag ist der tiefste Ausdruck des ungläubigen Glaubens, der in der

Aussicht auf Ostern liegt, im Zwischen. Zwischen Tod und Leben. Zwischen Kapitulation

und Hoffnung. […]

Was kann es bedeuteten, dass Gott sich diesen Höllentrip zumutet und an die Vergessenen

erinnert? Am Karsamstag wird die Verlassenheit des Menschen explizit. Das, was Tod bedeu-

60 tet, wird aussprechbar und ansprechbar, in seinem Schrecken und seiner Banalität, ebenso wie

die Angst, die sich mit beidem verbindet.

Wer diesen Tag einfach überspringt, verdichtet zwar die Erfahrung von Karfreitag und Ostern

zu einem extremen Erlebnis. Um die Spannung des Zwischen, die so schwer auszuhalten ist,

werden diese heiligen Tage allerdings gekürzt. Der Mitteltag im Triduum ist der Tag, an dem

65 ausgiebig Zeit ist für erschöpften Glauben und Kleinmütigkeit, die in jeder Generation anders

aussieht.

Die Identifikation mit den Jüngern, die ängstlich in ihren Verstecken sitzen, weil sie nicht

mehr wissen, wozu sie sich eigentlich bekennen sollen, sollte weniger verschämt geschehen.

Denn genau so sind Christen doch, auch wenn sie schon tausendmal Ostern gefeiert haben:

70 eine Karsamstagsbande, Menschen, die nicht nur die Anwesenheit Gottes feiern, sondern auch

die Erfahrung seiner Abwesenheit und die zähe Qual dieser Erfahrung zum Thema machen

können.

All die vergeblichen Gebete und die Lieder, die einem im Halse stecken bleiben und falsch

klingen. Die Feigheit vor den Fragen der anderen und der Sprachnot angesichts der ausge-

75 stellten Osterfreude, die doch das Innerste nicht erreicht.

Die Kraft des christlichen Glaubens liegt doch darin, dass der innere Streit, der Unglaube Teil

der religiösen Sprache sind. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, schreit

der Gekreuzigte in der Sprache eines Psalms. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“, wird ein

Jünger namens Thomas später sagen, einer von denen, die sich unter dem Schatten des Kreu-

80 zes in tiefe Traurigkeit verstrickt haben.

Die Bedeutung des Karsamstags hat sich in der Liturgie der Osternacht erhalten. Die ersten

dunklen Minuten in der kalten Kirche, die eisige Luft des frühen Aprils, die in die Glieder

fährt, bis zum Osterlicht im Morgengrauen ist es auch in der Sprache der Gebete noch lang.

Deshalb machen Christen einmal im Jahr „die Nacht durch“, um diesen Weg symbolisch

85 nachzuvollziehen. Sie sollten dem Karsamstag nicht ausweichen.

1 Bach’sche Passionen: musikalische Umsetzungen der Passionsgeschichte durch den Komponisten Johann Sebastian Bach

2 Kar: althochdeutsch Kara: Trauer, Klage

(Durch die Auslassungen im Text wird der Gedankengang nicht gestört; entfallen sind lediglich ergänzende Gesichtspunkte.)

Petra Bahr ist evangelische Theologin.

2. Entfalten Sie verschiedene Antwortversuche auf die Theodizee-Frage, die sich angesichts des Leidens in der Schöpfung stellt, und berücksichtigen Sie dabei das Gottesbild, das jeweils zugrunde liegt. Bringen Sie diese Ansätze anschließend mit der Gottesvorstellung in Verbindung, die Petra Bahr entwirft. [30 Punkte]

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 3 · Jesus Christus: Kreuz und Auferweckung

Materialgrundlage

Petra Bahr: Karsamstag: Gott ist tot (aber nicht mehr lange). In: DIE ZEIT Nr. 14/2018, Beilage Christ & Welt. Wochenzeitung für Glaube und Gesellschaft, S. 1

Petra Bahr: Karsamstag: Gott ist tot (aber nicht mehr lange)

Das Kreuz ist leer, der Leichnam fort. Die Freunde des Gekreuzigten sind wie vom Erdboden

verschwunden. Sie haben kapituliert vor dem Ausgang der Geschichte. Müde sind sie und

selber wie tot, so ohne Aussicht auf ein Zeichen der Hoffnung. Karsamstag, der Tag der Leere.

Vom Morgengrauen bis tief in die Nacht nur das Nichts.

5 Dieser mittlere Tag des Triduums, wie die Zeit zwischen der Passion und der Verkündigung

der Auferstehung in der christlichen Tradition hieß, ist der vielleicht unbekannteste heilige

Tag der westlichen Christenheit. Drei Tage, in denen nicht nur die Heilsgeschichte sich wie

in einem Brennglas verdichtet, sondern auch alle Dimensionen der menschlichen Existenz

ausgeleuchtet werden.

10 Vom Karfreitag bleiben immerhin rappelvolle Aufführungen der Bach’schen Passionen 1 und

der laute Kampf um den stillen Feiertag. Während die einen zur Todesstunde Jesu schweigen,

dröhnt es draußen vor der Kirche aus billigen Verstärkern, weil es Leute gibt, die diese Stille

für alle nicht ertragen. Doch gerade in der Bestreitung wird auch die kulturelle Bedeutung

des Kreuzes noch einmal offensichtlich.

15 Viele Menschen mögen sich dem Gott dieser Passion nicht mehr anvertrauen, der sich in die-

sem Schmerzensmann zeigt. Doch dass im Mittelpunkt dieses Glaubens nicht der Übermensch

steht, sondern der Zerbrochene, Entwürdigte, Belächelte, öffnet immer noch einen Raum, der

Menschen berührt, und sei es nur diese intime Zone zwischen ästhetischer Erfahrung und reli-

giöser Berührung. Auch das Osterfest ist zumindest mit religiösen Restbeständen vital. Dem

20 schier Unglaublichen, der Auferweckung von den Toten, wird als Feier des Neubeginns mit

Brunch und Spaziergang in heiterer Frühlingsluft oder Kurzurlaub im Sonnenschein begegnet.

Unbestritten ist Ostern ein wichtiges Ziel des kollektiven Festkalenders, ein Fest, das sich mit

säkular-religiösen Erwartungen so leicht ausstaffieren konnte, dass der Bedeutungsverlust des

Christentums durch das Gewicht der Dekorartikel ausgeglichen wird. […]

25 Der Karsamstag ist dagegen immer schon eine Art Brückentag zwischen Karfreitag und

Ostern, immer schon nur ein Übergang von hier nach dort. Dabei würde sein ursprünglicher

Sinn einer zaudernden, melancholisch gewordenen Christenheit neue Bedeutsamkeit geben

können. Das Kar 2, der Hinweis auf das Weinen, hängt ja an diesem besonderen Samstag. Es

ist der Tag der Leere und der Gottesferne, das schlimmste Zwischen der menschlichen Exis-

30 tenz. In den alten Traditionen der westlichen Christenheit der einzige Tag, an dem keine

Messe gefeiert wird. Auch die Kirchen bleiben leer. Kein Blumenschmuck, keine Kerzen auf

dem Altar. Im Glaubensbekenntnis bekommt dieser Welttrauertag einen bestimmten Rich-

tungssinn. Und der führt nach unten. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes“, heißt es fast

lakonisch. Zwischen dem „gekreuzigt, gestorben und begraben“ und „am dritten Tage auf-

35 erstanden von den Toten“ ist dieser Satz leicht zu verstolpern.

Die Künstler des Abendlands hat dieser Satz fasziniert. Nicht das Kreuz ist das Schlimmste,

was dem Sohn Gottes passiert. Das Schlimmste kommt erst noch, am Tag danach. Sie bevöl-

kern ihre Höllengemälde mit schauderhaften Wesen, untoten Zombies und wilden Tieren, die

sich in Gewaltexzesse verstricken – und zeigen den Gottessohn in diesem Inferno oft genug

40 ungerührt, als wüsste er schon, dass die Reise ins Herz der Finsternis nicht lang dauern kann.

Auch die Kirchenväter haben ihre Fantasie an diesen Ort geschickt. Sie zeichnen die Erfah-

rung radikaler Gottesverlassenheit und tiefer Einsamkeit. Den Tod eben.

Die Hölle, das ist für sie nicht das Reich einer dämonischen Mafia, in der die Bösen wohnen

und ihre Taten bis ins Unendliche wiederholen. Es ist der Ort der tiefsten Entmenschlichung,

45 weil hier das Vergessen wohnt, genauer gesagt: die, die vergessen worden sind. Gott, so be-

schreibt es ein anonymer Kirchenvater, nimmt sich Zeit, um die aufzusuchen, die von der

Welt vergessen worden sind. Die Erfahrung der Leere, das große Nichts, die Abwesenheit

Gottes ist an diesem Tag so groß, weil Gott die entfernten Winkel der Welt aufsucht. Dem

düstersten Rand der Welt ist Gott an diesem Tag nah.

50 Damit bekommt die Abwesenheit eine andere Qualität, sie ist nämlich mit einer Art mitbe-

dachter Gegenwart in der Fremde verbunden. Gott ist da, wo kein Mensch je hinwill. Auch

das ist Stellvertretung. In dieser Lesart ist der Karsamstag der Zeitraum zwischen der Erfah-

rung all der sinnlosen, bösartigen, unverständlichen Tode und der immer schon schwer fass-

baren Hoffnung auf ein Ende dieser unendlichen Geschichte. Im Karsamstag spiegelt sich der

55 Zustand der Welt, dieser Tag ist der tiefste Ausdruck des ungläubigen Glaubens, der in der

Aussicht auf Ostern liegt, im Zwischen. Zwischen Tod und Leben. Zwischen Kapitulation

und Hoffnung. […]

Was kann es bedeuteten, dass Gott sich diesen Höllentrip zumutet und an die Vergessenen

erinnert? Am Karsamstag wird die Verlassenheit des Menschen explizit. Das, was Tod bedeu-

60 tet, wird aussprechbar und ansprechbar, in seinem Schrecken und seiner Banalität, ebenso wie

die Angst, die sich mit beidem verbindet.

Wer diesen Tag einfach überspringt, verdichtet zwar die Erfahrung von Karfreitag und Ostern

zu einem extremen Erlebnis. Um die Spannung des Zwischen, die so schwer auszuhalten ist,

werden diese heiligen Tage allerdings gekürzt. Der Mitteltag im Triduum ist der Tag, an dem

65 ausgiebig Zeit ist für erschöpften Glauben und Kleinmütigkeit, die in jeder Generation anders

aussieht.

Die Identifikation mit den Jüngern, die ängstlich in ihren Verstecken sitzen, weil sie nicht

mehr wissen, wozu sie sich eigentlich bekennen sollen, sollte weniger verschämt geschehen.

Denn genau so sind Christen doch, auch wenn sie schon tausendmal Ostern gefeiert haben:

70 eine Karsamstagsbande, Menschen, die nicht nur die Anwesenheit Gottes feiern, sondern auch

die Erfahrung seiner Abwesenheit und die zähe Qual dieser Erfahrung zum Thema machen

können.

All die vergeblichen Gebete und die Lieder, die einem im Halse stecken bleiben und falsch

klingen. Die Feigheit vor den Fragen der anderen und der Sprachnot angesichts der ausge-

75 stellten Osterfreude, die doch das Innerste nicht erreicht.

Die Kraft des christlichen Glaubens liegt doch darin, dass der innere Streit, der Unglaube Teil

der religiösen Sprache sind. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, schreit

der Gekreuzigte in der Sprache eines Psalms. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“, wird ein

Jünger namens Thomas später sagen, einer von denen, die sich unter dem Schatten des Kreu-

80 zes in tiefe Traurigkeit verstrickt haben.

Die Bedeutung des Karsamstags hat sich in der Liturgie der Osternacht erhalten. Die ersten

dunklen Minuten in der kalten Kirche, die eisige Luft des frühen Aprils, die in die Glieder

fährt, bis zum Osterlicht im Morgengrauen ist es auch in der Sprache der Gebete noch lang.

Deshalb machen Christen einmal im Jahr „die Nacht durch“, um diesen Weg symbolisch

85 nachzuvollziehen. Sie sollten dem Karsamstag nicht ausweichen.

1 Bach’sche Passionen: musikalische Umsetzungen der Passionsgeschichte durch den Komponisten Johann Sebastian Bach

2 Kar: althochdeutsch Kara: Trauer, Klage

(Durch die Auslassungen im Text wird der Gedankengang nicht gestört; entfallen sind lediglich ergänzende Gesichtspunkte.)

Petra Bahr ist evangelische Theologin.

3. Erörtern Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand eines frei gewählten Beispiels, inwiefern die Feier des Triduums (Dreitagefeier von Karfreitag, Karsamstag und Ostersonntag, siehe Z. 5) für das eigene Leben Sinn stiften kann, und gelangen Sie am Ende zu einem eigenen, begründeten Urteil. [26 Punkte]

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

M 1

Anne Strotmann

Die Religion und der Klimawandel

Was, wenn wir aufhören würden, uns was vorzumachen? Diese Frage stellt sich der Schrift-

steller Jonathan Franzen in seinem Essay „What if we stopped pretending?“ im New Yorker.

Der Kampf gegen den Klimawandel sei realistisch betrachtet aussichtslos. Seit dreißig Jahren

ist der Ernst der Lage klar – geändert hat sich aber nicht viel. Das liege, so Franzen, an der

5 menschlichen Natur, die lieber in der – noch relativ heilen – Gegenwart als in der bedrohli-

chen Zukunft lebt, die sowohl individuell wie kollektiv tödlich enden wird. […]

Die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn hat sich mit den apokalyptischen Bildern und Narra-

tiven der Gegenwart auseinandergesetzt. Sie bescheinigt der Gesellschaft sogar eine gewisse

Lust, ein uneingestehbares Begehren nach der Katastrophe, weil viele sich danach sehnten,

10 dass die Kompliziertheiten der Welt geklärt und das Wesentliche offenbar werde. Eine selt-

same Faszination gehe vor allem von der Vorstellung einer „Zukunft ohne Menschen“ aus,

wie der Titel einer Dokufiktionsserie lautet. Wenn die Menschen erst mal verschwunden sind,

wird die Natur sich den Raum zurückerobern. […]

In der Popkultur, vor allem in Spielfilmen, hält sich aber auch das Motiv des Überlebens der

15 letzten Menschen: Im totalen Zusammenbruch der Zivilisation und angesichts von Ressour-

cenknappheit offenbart sich – wenig schmeichelhaft – das wahre Wesen des Menschen in

martialischen Überlebenskämpfen. […]

Kennzeichnend für die religiöse Rede von Apokalypse ist nicht in erster Linie die spektaku-

läre Zerstörung, sondern das Aufscheinen einer Offenbarung. […]

20 Hoffen gegen alle Prognosen ist das Markenzeichen des Christentums. Und natürlich ist jede

Anstrengung zum Klimaschutz sinnvoll, weil die verheerenden Konsequenzen der Erderwär-

mung dann vielleicht weniger hart und später über die Menschheit hereinbrechen. Doch fal-

sche Hoffnungen zu wecken, und sei es aus pädagogischen Gründen, kann in der Öko-Krise

sogar schädlich sein, schreibt Franzen. Etwa wenn begrenzte Ressourcen in Megaprojekte für

25 erneuerbare Energien gesteckt werden, die im schlechtesten Fall ihrerseits intakte Ökosysteme

zerstören. „Der totale Krieg gegen den Klimawandel war nur so lange sinnvoll, wie wir ihn

gewinnen konnten. Sobald man akzeptiert, dass wir ihn verloren haben, werden andere Arten

des Vorgehens bedeutsamer“, lautet Franzens These. Denn dann kann man sich ernsthaft auf

die Konsequenzen vorbereiten: massive Ernteausfälle, riesige Brände, implodierende Volks-

30 wirtschaften, unvorstellbare Überschwemmungen, Millionen Flüchtlinge aus unbewohnbar

gewordenen Regionen […].

Wenn sich daher die Kirchen sinnvoll theologisch in die Aushandlung der Zukunftsvisionen

einbringen wollen, müssen sie das mit einem plausiblen Gottesbild tun, das sich an der Pro-

zesstheologie 1 und dem Panentheismus 2 orientiert und den Blick auf die verborgene Gegen-

35 wart Gottes in allen Dingen lenkt, besonders auf die nichtmenschliche Natur.

Mit dem diffusen moralischen Appell von der „Bewahrung der Schöpfung“ ist es nicht getan.

Diese Floskel erweckt den Eindruck, dass alles in gutem Zustand ist, der so bleiben soll. Eine

Theologie für die Zukunft muss Überlegenheits- und Herrschaftsansprüche (Mensch über

Tier, Mann über Frau, Reiche über Arme, Weiße über People of Color) als Gewaltquellen

40 kritisieren und in ihrer eigenen Tradition nach blinden Flecken suchen. Das geschieht auch

schon, wenn auch nicht konsequent genug. […]

Wie also heute von Hoffnung reden? Franzen schlägt vor, ein „ausgeglicheneres Hoffnungs-

portfolio“ anzulegen, mit kurzfristigen und langfristigen Zielen, man solle „sich bemühen,

die Dinge zu retten, die man selbst ganz konkret liebt – eine Gemeinschaft, eine Institution,

45 einen wilden Ort, eine Spezies […, so] dass in der Zukunft – auch wenn sie zweifellos schlech-

ter als die Gegenwart wird – manche Dinge auch besser sein könnten“. Tut man dem Schrift-

steller Unrecht, wenn man diesen Rat religiös so formuliert, wie es die Mystiker empfehlen:

Gott in allen Dingen suchen?

1 Prozesstheologie: Für die Prozesstheologie stehen Gott und Welt in einer echten und wechselseitigen Beziehung zueinander und beeinflussen sich gegenseitig im Sinne ständiger Veränderung.

2 Panentheismus: Auffassung, nach der „das All“ oder „alles“ „in Gott“ existiert.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Anne Strotmann ist katholische Religionspädagogin und Journalistin.

In: Publik Forum 20/2019, S. 26 – 30

M 2

Manfred Rekowski

Christliche Hoffnung kennt keine Begrenzung

Hoffnung ist uns zugesagt. Unsere eigenen Möglichkeiten markieren nicht die Grenzen des-

sen, was Christenmenschen hoffen. […]

Diese Hoffnung brauchen wir in der gegenwärtigen gesellschaftlichen, politischen und kirch-

lichen Situation. Verstärkte Veränderungsbereitschaft ist allenthalben gefragt. Hoffnung ist

5 uns zugesagt. So entstehen Reformationen, Veränderungen in der Kirche und Transformatio-

nen in der Gesellschaft.

Zum kirchlichen Auftrag gehört es nach meinem Verständnis, Hoffnungsgeschichten zu er-

zählen und so immer wieder zu begründen, worauf und warum wir hoffen. […]

Die Bibel erzählt: Gott ruft immer wieder aus dem Nichts ins Leben. Gottes Geheimnis ist

10 auch im Scheitern zu entdecken. Erklären kann man nicht, warum Menschen, die in ihrem

Leben immer wieder die Macht des Todes zu spüren bekommen und die Abgründigkeit der

Welt erleben, bis zum heutigen Tage sagen: Ich glaube an den auferstandenen Gekreuzigten.

Das kann man sich nicht selber sagen, das kann man sich nicht einreden. Dieser Glaube wird

einem geschenkt: Davon lebt der christliche Glaube. Allem Augenschein zum Trotz hoffen

15 und glauben Christinnen und Christen, dass Gott das Leben will und neues Leben schafft.

Von ihm erwarten sie, dass er verschlossene Türen öffnet und aus Sackgassen herausführt.

Wenn wir das aber erst nach dem Tod erwarteten, dann müssten wir wohl wirklich alle Hoff-

nungen begraben. Ich glaube, dass Gott das Leben schon im Hier und Jetzt will. Der christ-

liche Glaube lebt aus den Verheißungen Gottes, die in beiden Teilen der Bibel die Verwand-

20 lung und Neuschöpfung der Welt in Aussicht stellen. Diese Verheißungen sind keine Vertrös-

tungen, sondern Quellen der Hoffnung und ein beständiger Anstoß, sich in der Welt dafür

einzusetzen.

Dieser Glaube verändert das Leben. Er gibt Menschen die Kraft, den Feinden des Lebens ent-

gegenzutreten. Er gibt Menschen die Kraft, auch gegen die zu kämpfen, die im Namen von

25 Religion Tod und Elend in die Welt tragen. Dieser Glaube gibt Menschen auch in Zeiten einer

weltweiten Pandemie, die direkt oder indirekt erhebliche Auswirkungen auf viele Lebens-

bereiche hat, die Kraft, Ohnmacht auszuhalten, sie zu tragen und zu ertragen. […]

Wir leben in einer Welt, in der nicht nur Säbelrasseln erklingt, sondern Bomben, Granaten

und Raketen vielen Menschen den Tod bringen. Wir erleben derzeit, wie aus dem schleichen-

30 den Klimawandel eine Klimakatastrophe wird. Wir leben in einer Kirche, die als Teil der

unerlösten Welt manchmal kein gutes Bild abgibt und die reformbedürftig ist. So hat sie, um

nur ein Beispiel zu nennen, noch nicht gründlich genug erfasst, dass die strenge Unterschei-

dung zwischen real und digital nicht dem Wirklichkeitsverständnis und dem Erleben moderner

Menschen entspricht. So sind digitale Begegnungen durchaus sehr real.

35 Deshalb bin ich ganz sicher: Der Blick auf die sinkende Zahl der Kirchenmitglieder in unse-

rem Land und auf kleiner werdende Ressourcen entscheidet nicht darüber, ob wir noch Hoff-

nung für unser Leben und unsere Welt haben könnten. Nein: Wenige bewegen – von Hoff-

nung angesteckt – ganz viel. Menschen wachsen über sich hinaus – unsere Kirche wächst über

sich hinaus.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Manfred Rekowski ist evangelischer Theologe.

https://2komma42.ekir.de/inhalt/hoffnung-kennt-keine-begrenzung/ (17.01.2022)

1. Stellen Sie die zentralen Gedanken der Textauszüge von Anne Strotmann und Manfred Rekowski dar und arbeiten Sie heraus, wie in beiden Texten jeweils verantwortliches christliches Handeln verstanden wird. (26 Punkte)

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht

M 1

Anne Strotmann

Die Religion und der Klimawandel

Was, wenn wir aufhören würden, uns was vorzumachen? Diese Frage stellt sich der Schrift-

steller Jonathan Franzen in seinem Essay „What if we stopped pretending?“ im New Yorker.

Der Kampf gegen den Klimawandel sei realistisch betrachtet aussichtslos. Seit dreißig Jahren

ist der Ernst der Lage klar – geändert hat sich aber nicht viel. Das liege, so Franzen, an der

5 menschlichen Natur, die lieber in der – noch relativ heilen – Gegenwart als in der bedrohli-

chen Zukunft lebt, die sowohl individuell wie kollektiv tödlich enden wird. […]

Die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn hat sich mit den apokalyptischen Bildern und Narra-

tiven der Gegenwart auseinandergesetzt. Sie bescheinigt der Gesellschaft sogar eine gewisse

Lust, ein uneingestehbares Begehren nach der Katastrophe, weil viele sich danach sehnten,

10 dass die Kompliziertheiten der Welt geklärt und das Wesentliche offenbar werde. Eine selt-

same Faszination gehe vor allem von der Vorstellung einer „Zukunft ohne Menschen“ aus,

wie der Titel einer Dokufiktionsserie lautet. Wenn die Menschen erst mal verschwunden sind,

wird die Natur sich den Raum zurückerobern. […]

In der Popkultur, vor allem in Spielfilmen, hält sich aber auch das Motiv des Überlebens der

15 letzten Menschen: Im totalen Zusammenbruch der Zivilisation und angesichts von Ressour-

cenknappheit offenbart sich – wenig schmeichelhaft – das wahre Wesen des Menschen in

martialischen Überlebenskämpfen. […]

Kennzeichnend für die religiöse Rede von Apokalypse ist nicht in erster Linie die spektaku-

läre Zerstörung, sondern das Aufscheinen einer Offenbarung. […]

20 Hoffen gegen alle Prognosen ist das Markenzeichen des Christentums. Und natürlich ist jede

Anstrengung zum Klimaschutz sinnvoll, weil die verheerenden Konsequenzen der Erderwär-

mung dann vielleicht weniger hart und später über die Menschheit hereinbrechen. Doch fal-

sche Hoffnungen zu wecken, und sei es aus pädagogischen Gründen, kann in der Öko-Krise

sogar schädlich sein, schreibt Franzen. Etwa wenn begrenzte Ressourcen in Megaprojekte für

25 erneuerbare Energien gesteckt werden, die im schlechtesten Fall ihrerseits intakte Ökosysteme

zerstören. „Der totale Krieg gegen den Klimawandel war nur so lange sinnvoll, wie wir ihn

gewinnen konnten. Sobald man akzeptiert, dass wir ihn verloren haben, werden andere Arten

des Vorgehens bedeutsamer“, lautet Franzens These. Denn dann kann man sich ernsthaft auf

die Konsequenzen vorbereiten: massive Ernteausfälle, riesige Brände, implodierende Volks-

30 wirtschaften, unvorstellbare Überschwemmungen, Millionen Flüchtlinge aus unbewohnbar

gewordenen Regionen […].

Wenn sich daher die Kirchen sinnvoll theologisch in die Aushandlung der Zukunftsvisionen

einbringen wollen, müssen sie das mit einem plausiblen Gottesbild tun, das sich an der Pro-

zesstheologie 1 und dem Panentheismus 2 orientiert und den Blick auf die verborgene Gegen-

35 wart Gottes in allen Dingen lenkt, besonders auf die nichtmenschliche Natur.

Mit dem diffusen moralischen Appell von der „Bewahrung der Schöpfung“ ist es nicht getan.

Diese Floskel erweckt den Eindruck, dass alles in gutem Zustand ist, der so bleiben soll. Eine

Theologie für die Zukunft muss Überlegenheits- und Herrschaftsansprüche (Mensch über

Tier, Mann über Frau, Reiche über Arme, Weiße über People of Color) als Gewaltquellen

40 kritisieren und in ihrer eigenen Tradition nach blinden Flecken suchen. Das geschieht auch

schon, wenn auch nicht konsequent genug. […]

Wie also heute von Hoffnung reden? Franzen schlägt vor, ein „ausgeglicheneres Hoffnungs-

portfolio“ anzulegen, mit kurzfristigen und langfristigen Zielen, man solle „sich bemühen,

die Dinge zu retten, die man selbst ganz konkret liebt – eine Gemeinschaft, eine Institution,

45 einen wilden Ort, eine Spezies […, so] dass in der Zukunft – auch wenn sie zweifellos schlech-

ter als die Gegenwart wird – manche Dinge auch besser sein könnten“. Tut man dem Schrift-

steller Unrecht, wenn man diesen Rat religiös so formuliert, wie es die Mystiker empfehlen:

Gott in allen Dingen suchen?

1 Prozesstheologie: Für die Prozesstheologie stehen Gott und Welt in einer echten und wechselseitigen Beziehung zueinander und beeinflussen sich gegenseitig im Sinne ständiger Veränderung.

2 Panentheismus: Auffassung, nach der „das All“ oder „alles“ „in Gott“ existiert.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Anne Strotmann ist katholische Religionspädagogin und Journalistin.

In: Publik Forum 20/2019, S. 26 – 30

M 2

Manfred Rekowski

Christliche Hoffnung kennt keine Begrenzung

Hoffnung ist uns zugesagt. Unsere eigenen Möglichkeiten markieren nicht die Grenzen des-

sen, was Christenmenschen hoffen. […]

Diese Hoffnung brauchen wir in der gegenwärtigen gesellschaftlichen, politischen und kirch-

lichen Situation. Verstärkte Veränderungsbereitschaft ist allenthalben gefragt. Hoffnung ist

5 uns zugesagt. So entstehen Reformationen, Veränderungen in der Kirche und Transformatio-

nen in der Gesellschaft.

Zum kirchlichen Auftrag gehört es nach meinem Verständnis, Hoffnungsgeschichten zu er-

zählen und so immer wieder zu begründen, worauf und warum wir hoffen. […]

Die Bibel erzählt: Gott ruft immer wieder aus dem Nichts ins Leben. Gottes Geheimnis ist

10 auch im Scheitern zu entdecken. Erklären kann man nicht, warum Menschen, die in ihrem

Leben immer wieder die Macht des Todes zu spüren bekommen und die Abgründigkeit der

Welt erleben, bis zum heutigen Tage sagen: Ich glaube an den auferstandenen Gekreuzigten.

Das kann man sich nicht selber sagen, das kann man sich nicht einreden. Dieser Glaube wird

einem geschenkt: Davon lebt der christliche Glaube. Allem Augenschein zum Trotz hoffen

15 und glauben Christinnen und Christen, dass Gott das Leben will und neues Leben schafft.

Von ihm erwarten sie, dass er verschlossene Türen öffnet und aus Sackgassen herausführt.

Wenn wir das aber erst nach dem Tod erwarteten, dann müssten wir wohl wirklich alle Hoff-

nungen begraben. Ich glaube, dass Gott das Leben schon im Hier und Jetzt will. Der christ-

liche Glaube lebt aus den Verheißungen Gottes, die in beiden Teilen der Bibel die Verwand-

20 lung und Neuschöpfung der Welt in Aussicht stellen. Diese Verheißungen sind keine Vertrös-

tungen, sondern Quellen der Hoffnung und ein beständiger Anstoß, sich in der Welt dafür

einzusetzen.

Dieser Glaube verändert das Leben. Er gibt Menschen die Kraft, den Feinden des Lebens ent-

gegenzutreten. Er gibt Menschen die Kraft, auch gegen die zu kämpfen, die im Namen von

25 Religion Tod und Elend in die Welt tragen. Dieser Glaube gibt Menschen auch in Zeiten einer

weltweiten Pandemie, die direkt oder indirekt erhebliche Auswirkungen auf viele Lebens-

bereiche hat, die Kraft, Ohnmacht auszuhalten, sie zu tragen und zu ertragen. […]

Wir leben in einer Welt, in der nicht nur Säbelrasseln erklingt, sondern Bomben, Granaten

und Raketen vielen Menschen den Tod bringen. Wir erleben derzeit, wie aus dem schleichen-

30 den Klimawandel eine Klimakatastrophe wird. Wir leben in einer Kirche, die als Teil der

unerlösten Welt manchmal kein gutes Bild abgibt und die reformbedürftig ist. So hat sie, um

nur ein Beispiel zu nennen, noch nicht gründlich genug erfasst, dass die strenge Unterschei-

dung zwischen real und digital nicht dem Wirklichkeitsverständnis und dem Erleben moderner

Menschen entspricht. So sind digitale Begegnungen durchaus sehr real.

35 Deshalb bin ich ganz sicher: Der Blick auf die sinkende Zahl der Kirchenmitglieder in unse-

rem Land und auf kleiner werdende Ressourcen entscheidet nicht darüber, ob wir noch Hoff-

nung für unser Leben und unsere Welt haben könnten. Nein: Wenige bewegen – von Hoff-

nung angesteckt – ganz viel. Menschen wachsen über sich hinaus – unsere Kirche wächst über

sich hinaus.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Manfred Rekowski ist evangelischer Theologe.

https://2komma42.ekir.de/inhalt/hoffnung-kennt-keine-begrenzung/ (17.01.2022)

2. Entfalten Sie, welche christlichen Bilder von Angst und Hoffnung sich im Zusammenhang apokalyptischen Denkens, auch in der Gegenwartskultur, finden, und setzen Sie das in den Textauszügen von Anne Strotmann und Manfred Rekowski jeweils dargelegte Verständnis von verantwortlichem christlichem Handeln dazu in Beziehung. (30 Punkte)

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 3 · Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung

M 1

Anne Strotmann

Die Religion und der Klimawandel

Was, wenn wir aufhören würden, uns was vorzumachen? Diese Frage stellt sich der Schrift-

steller Jonathan Franzen in seinem Essay „What if we stopped pretending?“ im New Yorker.

Der Kampf gegen den Klimawandel sei realistisch betrachtet aussichtslos. Seit dreißig Jahren

ist der Ernst der Lage klar – geändert hat sich aber nicht viel. Das liege, so Franzen, an der

5 menschlichen Natur, die lieber in der – noch relativ heilen – Gegenwart als in der bedrohli-

chen Zukunft lebt, die sowohl individuell wie kollektiv tödlich enden wird. […]

Die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn hat sich mit den apokalyptischen Bildern und Narra-

tiven der Gegenwart auseinandergesetzt. Sie bescheinigt der Gesellschaft sogar eine gewisse

Lust, ein uneingestehbares Begehren nach der Katastrophe, weil viele sich danach sehnten,

10 dass die Kompliziertheiten der Welt geklärt und das Wesentliche offenbar werde. Eine selt-

same Faszination gehe vor allem von der Vorstellung einer „Zukunft ohne Menschen“ aus,

wie der Titel einer Dokufiktionsserie lautet. Wenn die Menschen erst mal verschwunden sind,

wird die Natur sich den Raum zurückerobern. […]

In der Popkultur, vor allem in Spielfilmen, hält sich aber auch das Motiv des Überlebens der

15 letzten Menschen: Im totalen Zusammenbruch der Zivilisation und angesichts von Ressour-

cenknappheit offenbart sich – wenig schmeichelhaft – das wahre Wesen des Menschen in

martialischen Überlebenskämpfen. […]

Kennzeichnend für die religiöse Rede von Apokalypse ist nicht in erster Linie die spektaku-

läre Zerstörung, sondern das Aufscheinen einer Offenbarung. […]

20 Hoffen gegen alle Prognosen ist das Markenzeichen des Christentums. Und natürlich ist jede

Anstrengung zum Klimaschutz sinnvoll, weil die verheerenden Konsequenzen der Erderwär-

mung dann vielleicht weniger hart und später über die Menschheit hereinbrechen. Doch fal-

sche Hoffnungen zu wecken, und sei es aus pädagogischen Gründen, kann in der Öko-Krise

sogar schädlich sein, schreibt Franzen. Etwa wenn begrenzte Ressourcen in Megaprojekte für

25 erneuerbare Energien gesteckt werden, die im schlechtesten Fall ihrerseits intakte Ökosysteme

zerstören. „Der totale Krieg gegen den Klimawandel war nur so lange sinnvoll, wie wir ihn

gewinnen konnten. Sobald man akzeptiert, dass wir ihn verloren haben, werden andere Arten

des Vorgehens bedeutsamer“, lautet Franzens These. Denn dann kann man sich ernsthaft auf

die Konsequenzen vorbereiten: massive Ernteausfälle, riesige Brände, implodierende Volks-

30 wirtschaften, unvorstellbare Überschwemmungen, Millionen Flüchtlinge aus unbewohnbar

gewordenen Regionen […].

Wenn sich daher die Kirchen sinnvoll theologisch in die Aushandlung der Zukunftsvisionen

einbringen wollen, müssen sie das mit einem plausiblen Gottesbild tun, das sich an der Pro-

zesstheologie 1 und dem Panentheismus 2 orientiert und den Blick auf die verborgene Gegen-

35 wart Gottes in allen Dingen lenkt, besonders auf die nichtmenschliche Natur.

Mit dem diffusen moralischen Appell von der „Bewahrung der Schöpfung“ ist es nicht getan.

Diese Floskel erweckt den Eindruck, dass alles in gutem Zustand ist, der so bleiben soll. Eine

Theologie für die Zukunft muss Überlegenheits- und Herrschaftsansprüche (Mensch über

Tier, Mann über Frau, Reiche über Arme, Weiße über People of Color) als Gewaltquellen

40 kritisieren und in ihrer eigenen Tradition nach blinden Flecken suchen. Das geschieht auch

schon, wenn auch nicht konsequent genug. […]

Wie also heute von Hoffnung reden? Franzen schlägt vor, ein „ausgeglicheneres Hoffnungs-

portfolio“ anzulegen, mit kurzfristigen und langfristigen Zielen, man solle „sich bemühen,

die Dinge zu retten, die man selbst ganz konkret liebt – eine Gemeinschaft, eine Institution,

45 einen wilden Ort, eine Spezies […, so] dass in der Zukunft – auch wenn sie zweifellos schlech-

ter als die Gegenwart wird – manche Dinge auch besser sein könnten“. Tut man dem Schrift-

steller Unrecht, wenn man diesen Rat religiös so formuliert, wie es die Mystiker empfehlen:

Gott in allen Dingen suchen?

1 Prozesstheologie: Für die Prozesstheologie stehen Gott und Welt in einer echten und wechselseitigen Beziehung zueinander und beeinflussen sich gegenseitig im Sinne ständiger Veränderung.

2 Panentheismus: Auffassung, nach der „das All“ oder „alles“ „in Gott“ existiert.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Anne Strotmann ist katholische Religionspädagogin und Journalistin.

In: Publik Forum 20/2019, S. 26 – 30

M 2

Manfred Rekowski

Christliche Hoffnung kennt keine Begrenzung

Hoffnung ist uns zugesagt. Unsere eigenen Möglichkeiten markieren nicht die Grenzen des-

sen, was Christenmenschen hoffen. […]

Diese Hoffnung brauchen wir in der gegenwärtigen gesellschaftlichen, politischen und kirch-

lichen Situation. Verstärkte Veränderungsbereitschaft ist allenthalben gefragt. Hoffnung ist

5 uns zugesagt. So entstehen Reformationen, Veränderungen in der Kirche und Transformatio-

nen in der Gesellschaft.

Zum kirchlichen Auftrag gehört es nach meinem Verständnis, Hoffnungsgeschichten zu er-

zählen und so immer wieder zu begründen, worauf und warum wir hoffen. […]

Die Bibel erzählt: Gott ruft immer wieder aus dem Nichts ins Leben. Gottes Geheimnis ist

10 auch im Scheitern zu entdecken. Erklären kann man nicht, warum Menschen, die in ihrem

Leben immer wieder die Macht des Todes zu spüren bekommen und die Abgründigkeit der

Welt erleben, bis zum heutigen Tage sagen: Ich glaube an den auferstandenen Gekreuzigten.

Das kann man sich nicht selber sagen, das kann man sich nicht einreden. Dieser Glaube wird

einem geschenkt: Davon lebt der christliche Glaube. Allem Augenschein zum Trotz hoffen

15 und glauben Christinnen und Christen, dass Gott das Leben will und neues Leben schafft.

Von ihm erwarten sie, dass er verschlossene Türen öffnet und aus Sackgassen herausführt.

Wenn wir das aber erst nach dem Tod erwarteten, dann müssten wir wohl wirklich alle Hoff-

nungen begraben. Ich glaube, dass Gott das Leben schon im Hier und Jetzt will. Der christ-

liche Glaube lebt aus den Verheißungen Gottes, die in beiden Teilen der Bibel die Verwand-

20 lung und Neuschöpfung der Welt in Aussicht stellen. Diese Verheißungen sind keine Vertrös-

tungen, sondern Quellen der Hoffnung und ein beständiger Anstoß, sich in der Welt dafür

einzusetzen.

Dieser Glaube verändert das Leben. Er gibt Menschen die Kraft, den Feinden des Lebens ent-

gegenzutreten. Er gibt Menschen die Kraft, auch gegen die zu kämpfen, die im Namen von

25 Religion Tod und Elend in die Welt tragen. Dieser Glaube gibt Menschen auch in Zeiten einer

weltweiten Pandemie, die direkt oder indirekt erhebliche Auswirkungen auf viele Lebens-

bereiche hat, die Kraft, Ohnmacht auszuhalten, sie zu tragen und zu ertragen. […]

Wir leben in einer Welt, in der nicht nur Säbelrasseln erklingt, sondern Bomben, Granaten

und Raketen vielen Menschen den Tod bringen. Wir erleben derzeit, wie aus dem schleichen-

30 den Klimawandel eine Klimakatastrophe wird. Wir leben in einer Kirche, die als Teil der

unerlösten Welt manchmal kein gutes Bild abgibt und die reformbedürftig ist. So hat sie, um

nur ein Beispiel zu nennen, noch nicht gründlich genug erfasst, dass die strenge Unterschei-

dung zwischen real und digital nicht dem Wirklichkeitsverständnis und dem Erleben moderner

Menschen entspricht. So sind digitale Begegnungen durchaus sehr real.

35 Deshalb bin ich ganz sicher: Der Blick auf die sinkende Zahl der Kirchenmitglieder in unse-

rem Land und auf kleiner werdende Ressourcen entscheidet nicht darüber, ob wir noch Hoff-

nung für unser Leben und unsere Welt haben könnten. Nein: Wenige bewegen – von Hoff-

nung angesteckt – ganz viel. Menschen wachsen über sich hinaus – unsere Kirche wächst über

sich hinaus.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Manfred Rekowski ist evangelischer Theologe.

https://2komma42.ekir.de/inhalt/hoffnung-kennt-keine-begrenzung/ (17.01.2022)

3. Erörtern Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Arbeitsergebnisse und mithilfe selbst gewählter Beispiele, inwiefern Christinnen und Christen durch ihren Glauben zu gesellschaftlichem Engagement verpflichtet sind, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. (24 Punkte)

Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Johannes Röser

Ist Gott „systemrelevant“? 1

Die kirchlichen Nachrichtenagenturen hatten sich in den letzten Wochen nahezu inflationär

überschlagen mit Meldungen über die Not leerer Kirchen, über das Verbot, öffentliche Got-

tesdienste zu feiern. [...]

Die Wahrheit ist, dass den allermeisten Bürgern ohne Gottesdienst religiös gar nichts fehlt.

5 Umfragen haben ermittelt, dass nur eine Minderheit von gut zehn Prozent die aktive direkte

Teilnahme an der österlichen Liturgie vermisst hat. Spätestens Corona bringt es an den Tag:

Kirche, Religion wird vom größten Teil des Volkes nicht mehr als „systemrelevant“ betrach-

tet. Selbst der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier musste in seiner österli-

chen Ansprache dieser Tatsache Tribut zollen. Er hat vorrangig auf die frühlingshaften Aller-

10 weltsgefühle Bezug genommen: „Draußen erblüht die Natur, und wir sehnen uns hinaus ins

Freie – und zueinander: zu lieben Menschen, Familie, Freunden. So waren wir es gewohnt.

So gehörte es dazu. Doch dieses Jahr ist alles anders. [...]“

Erst nachrangig – und das zeigt die Realität in dieser Gesellschaft auf – deutete er, obwohl

selber ein engagierter Christ, knapp, fast ein wenig verschämt und distanziert den christlichen

15 Sinn an: „Ausgerechnet an Ostern, dem Fest der Auferstehung, wenn Christen weltweit den

Sieg des Lebens über den Tod feiern, müssen wir uns einschränken. Einschränken, damit

Krankheit und Tod nicht über das Leben siegen.“

Selbst das Hochfest der Christenheit ist demnach keineswegs „systemrelevant“, weder für

das gesellschaftliche Leben noch für den Zusammenhalt. Nahezu die Hälfte der bundesdeut-

20 schen Bevölkerung gehört gar keiner Kirche mehr an. Für den „Ruck durch die Gesellschaft“,

den ein früherer Bundespräsident einmal beschwor, reicht das Grundgesetz mit seinen Wert-

ansagen völlig aus, wenn auch in seiner Präambel aus Pietätsgründen gegenüber den christ-

lichen Gründervätern und Gründermüttern noch die Verantwortung vor Gott genannt wird.

Für die Versorgung mit Moral ist Jesus Christus als Gottes- und Menschensohn jedoch nicht

25 zur Welt gekommen, dafür musste er nicht leben, leiden, sterben, von Gott auferweckt wer-

den. Wozu dann sonst – wenn nicht zu einer über diese Welt hinausweisenden Hoffnung für

diese Welt? [...]

Und Gott selbst? Ist er „systemrelevant“? Die Naturgesetze der kosmischen wie biologischen

Evolution funktionieren ohne „ihn“. Die Wissenschaften verbuchen einen Fortschritt nach

30 dem anderen, ohne Gott in ihre Modelle, Theorien, Beweise aufnehmen zu müssen. Berühmt

ist die Aussage des Mathematikers und Astronomen Pierre Simon Laplace, der auf die Frage

Napoleons „Aber wo ist Gott in Ihrem System?“ antwortete: „Sir, diese Hypothese habe ich

nicht nötig!“

Auch für die Rettung der Menschen vor schrecklichen Erregern, für die Erfindung von Arz-

35 neien und Impfstoffen, für die ungeheuer staunenswerten Entdeckungen der Biomedizin, Gen-

forschung, Hirnforschung über die Entstehung, Produktion und Unterstützung natürlichen wie

künstlichen Lebens braucht man Gott nicht. Der Hirnforscher Gerhard Roth sagte einmal:

„Wenn es Gott gibt, ist er völlig anders, als jeder Theologe ihn sich vorstellt.“ Oder sollte

man sich immerhin dem Physiker Werner Heisenberg zuwenden, der zumindest andeutete:

40 „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem

Grund des Bechers wartet Gott.“

Wenn also Gott – auf welche Weise? Schon vor den großen Pestepidemien oder Naturkata-

strophen wie dem Erdbeben von Lissabon hatten heftige „Systemstörungen“ die Menschen

in ihrem Glauben erschüttert. Genauer: den Systemglauben gebrochen. In der Not flüchteten

45 sich viele in den Wunderglauben. Viele andere aber nicht. Wieder andere ahnten: Gott passt

in keines der – ob frommen oder unfrommen – Systeme, in die ihn die Menschen mit ihren

religiösen, nicht-religiösen, kulturellen, wissenschaftlichen oder alltagsgeschichtlichen Vor-

stellungen zwängen wollten. Gott – wenn, dann der große Systembrecher. [...]

Könnte es sein, dass die Christenheit durch Corona und dessen Erschütterung die Chance er-

50 hält, ein saturiertes² weltliches wie religiöses Systemdenken zu sprengen? Also einen unan-

gepassten Gottesglauben und anstößigen Christusglauben neu zu lernen? Gar die Auferste-

hung als entscheidenden Akt der Sinngebung wiederzuentdecken?

„Gott funktioniert nicht“, sagte der streitbare Seelsorger Thomas Frings in einem Buch glei-

chen Titels. Gott ist kein Erfüllungsgehilfe noch so frommer, menschlich verständlicher und

55 weiterhin magisch infizierter, ja durchsetzter Bitten um dieses oder jenes, ob um Gesundheit

oder Seelenheil, ob um gesunde Kinder oder eine gelingende Prüfung, ob um einen berufli-

chen Erfolg, einen ertragreichen Geschäftsabschluss oder einen Liebespartner fürs Leben…

All das hatte und hat seinen Platz in der Frömmigkeitsgeschichte verschiedenster Religionen.

Und erweist sich doch mehr und mehr als Trugschluss, der modernen Menschen den Glauben

60 eher zerstört als erbaut. Denn eigentlich passen auch die wahren Gebete nicht wirklich ins

System, weil sie, in expressivster existentiellster Form, dieses sprengen. Ein mit Bitten funk-

tionalistisch angeforderter Gott, der – obwohl er kein Funktionär ist – bei Nichterfüllung stets

damit entschuldigt werden muss, dass er schon wisse, wozu das gut ist, gleitet ins Absurde.

Mehr noch als das Leid der Welt ist dies der Fels des Atheismus.

65 Der Theologe Johann Baptist Metz sagte einmal: „Wir haben heute eine Kirchenkrise; aber

viel entscheidender ist doch: Es gibt eine Gotteskrise. Diese Krise ist kein Kirchenproblem,

sondern ein Menschheitsproblem. Es gibt einen Atheismus, der Gott im Munde führen kann,

ohne ihn ernsthaft zu meinen.“ Es kann im Glaubensringen eigentlich nur darum gehen: Gott

Gott sein lassen. Sich Gott nähern in der Einsamkeit der eigenen Existenz, in der Ergriffenheit

70 zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, in der Erschütterung von Sterblichkeit und Ewig-

keit, Anfangslosigkeit und Anfang, in der Undurchschaubarkeit von Zufall und Notwendig-

keit, in der Rätselhaftigkeit des Zusammenspiels von Materie und Geist, Nichts und allem,

dem Unsichtbaren wie dem Sichtbaren. Denn darin besteht das wahre Wunder.

Krisenzeiten könnten durchaus auch heute Heilszeiten sein. Selbst wenn eine Epidemie nicht

75 von Gott zum Bestrafen sündiger Menschen, gar einer sündigen Menschheit geschickt ist,

kann diese schwere existentielle Prüfung Anlass geben, in sich zu gehen, die Frage nach der

wahren, guten, richtigen Existenz, nach einem sinnvollen Leben neu zu stellen – nach dem

ewigen Leben.

Es kann sein, dass die Gottesfrage nach Corona noch mehr verstummt, dass die Kirchen noch

80 leerer werden und dass das Christentum noch heftiger an Plausibilität verliert. Den Nachdenk-

lichen jedoch kann Gott näherkommen als der Systemlose, Systemsprengende – als ganz

Anderes, aber nicht völlig fremd.

[...] Das Kirchensystem, das sich seit langem mit sich selbst beschäftigt und anscheinend

immer mehr um sich selber dreht, braucht den Paradigmenwechsel, den Blickwechsel: hin zu

85 dem, was uns inmitten der Glaubensprobleme eine Glaubensweite schafft, in der Gott – in

Christus – uns näher ist, als wir uns selber sind. Gott ist nicht „systemrelevant“, Gott war nie

„systemrelevant“. Gott ist Gott – Gott sei Dank.

1 systemrelevant: Anspielung auf die Diskussion während der Coronakrise um die Frage, welche Gesellschaftsbereiche für das Funktionieren der Gesellschaft von besonderer Bedeutung sind

2 saturiert: bezeichnet den Zustand bürgerlicher Zufriedenheit

(Die Auslassungen im Text lassen den Gedankengang unberührt und betreffen lediglich ergänzende Gesichtspunkte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne den Sinn zu verändern.)

Johannes Röser ist katholischer Publizist und Journalist.

Materialgrundlage: Johannes Röser: Ist Gott „systemrelevant“? CHRIST IN DER GEGENWART Nr. 19/2020 (10.05.2020)

1.

Stellen Sie dar, welches Thema der Text von Johannes Röser behandelt und wie er seinen Gedankengang aufbaut; arbeiten Sie dabei die Vorstellung von Gott heraus, die der Text entfaltet.

[24 Punkte]

Aufgabe 4 - Teilaufgaben 2 und 3 · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder

Johannes Röser

Ist Gott „systemrelevant“? 1

Die kirchlichen Nachrichtenagenturen hatten sich in den letzten Wochen nahezu inflationär

überschlagen mit Meldungen über die Not leerer Kirchen, über das Verbot, öffentliche Got-

tesdienste zu feiern. [...]

Die Wahrheit ist, dass den allermeisten Bürgern ohne Gottesdienst religiös gar nichts fehlt.

5 Umfragen haben ermittelt, dass nur eine Minderheit von gut zehn Prozent die aktive direkte

Teilnahme an der österlichen Liturgie vermisst hat. Spätestens Corona bringt es an den Tag:

Kirche, Religion wird vom größten Teil des Volkes nicht mehr als „systemrelevant“ betrach-

tet. Selbst der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier musste in seiner österli-

chen Ansprache dieser Tatsache Tribut zollen. Er hat vorrangig auf die frühlingshaften Aller-

10 weltsgefühle Bezug genommen: „Draußen erblüht die Natur, und wir sehnen uns hinaus ins

Freie – und zueinander: zu lieben Menschen, Familie, Freunden. So waren wir es gewohnt.

So gehörte es dazu. Doch dieses Jahr ist alles anders. [...]“

Erst nachrangig – und das zeigt die Realität in dieser Gesellschaft auf – deutete er, obwohl

selber ein engagierter Christ, knapp, fast ein wenig verschämt und distanziert den christlichen

15 Sinn an: „Ausgerechnet an Ostern, dem Fest der Auferstehung, wenn Christen weltweit den

Sieg des Lebens über den Tod feiern, müssen wir uns einschränken. Einschränken, damit

Krankheit und Tod nicht über das Leben siegen.“

Selbst das Hochfest der Christenheit ist demnach keineswegs „systemrelevant“, weder für

das gesellschaftliche Leben noch für den Zusammenhalt. Nahezu die Hälfte der bundesdeut-

20 schen Bevölkerung gehört gar keiner Kirche mehr an. Für den „Ruck durch die Gesellschaft“,

den ein früherer Bundespräsident einmal beschwor, reicht das Grundgesetz mit seinen Wert-

ansagen völlig aus, wenn auch in seiner Präambel aus Pietätsgründen gegenüber den christ-

lichen Gründervätern und Gründermüttern noch die Verantwortung vor Gott genannt wird.

Für die Versorgung mit Moral ist Jesus Christus als Gottes- und Menschensohn jedoch nicht

25 zur Welt gekommen, dafür musste er nicht leben, leiden, sterben, von Gott auferweckt wer-

den. Wozu dann sonst – wenn nicht zu einer über diese Welt hinausweisenden Hoffnung für

diese Welt? [...]

Und Gott selbst? Ist er „systemrelevant“? Die Naturgesetze der kosmischen wie biologischen

Evolution funktionieren ohne „ihn“. Die Wissenschaften verbuchen einen Fortschritt nach

30 dem anderen, ohne Gott in ihre Modelle, Theorien, Beweise aufnehmen zu müssen. Berühmt

ist die Aussage des Mathematikers und Astronomen Pierre Simon Laplace, der auf die Frage

Napoleons „Aber wo ist Gott in Ihrem System?“ antwortete: „Sir, diese Hypothese habe ich

nicht nötig!“

Auch für die Rettung der Menschen vor schrecklichen Erregern, für die Erfindung von Arz-

35 neien und Impfstoffen, für die ungeheuer staunenswerten Entdeckungen der Biomedizin, Gen-

forschung, Hirnforschung über die Entstehung, Produktion und Unterstützung natürlichen wie

künstlichen Lebens braucht man Gott nicht. Der Hirnforscher Gerhard Roth sagte einmal:

„Wenn es Gott gibt, ist er völlig anders, als jeder Theologe ihn sich vorstellt.“ Oder sollte

man sich immerhin dem Physiker Werner Heisenberg zuwenden, der zumindest andeutete:

40 „Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem

Grund des Bechers wartet Gott.“

Wenn also Gott – auf welche Weise? Schon vor den großen Pestepidemien oder Naturkata-

strophen wie dem Erdbeben von Lissabon hatten heftige „Systemstörungen“ die Menschen

in ihrem Glauben erschüttert. Genauer: den Systemglauben gebrochen. In der Not flüchteten

45 sich viele in den Wunderglauben. Viele andere aber nicht. Wieder andere ahnten: Gott passt

in keines der – ob frommen oder unfrommen – Systeme, in die ihn die Menschen mit ihren

religiösen, nicht-religiösen, kulturellen, wissenschaftlichen oder alltagsgeschichtlichen Vor-

stellungen zwängen wollten. Gott – wenn, dann der große Systembrecher. [...]

Könnte es sein, dass die Christenheit durch Corona und dessen Erschütterung die Chance er-

50 hält, ein saturiertes² weltliches wie religiöses Systemdenken zu sprengen? Also einen unan-

gepassten Gottesglauben und anstößigen Christusglauben neu zu lernen? Gar die Auferste-

hung als entscheidenden Akt der Sinngebung wiederzuentdecken?

„Gott funktioniert nicht“, sagte der streitbare Seelsorger Thomas Frings in einem Buch glei-

chen Titels. Gott ist kein Erfüllungsgehilfe noch so frommer, menschlich verständlicher und

55 weiterhin magisch infizierter, ja durchsetzter Bitten um dieses oder jenes, ob um Gesundheit

oder Seelenheil, ob um gesunde Kinder oder eine gelingende Prüfung, ob um einen berufli-

chen Erfolg, einen ertragreichen Geschäftsabschluss oder einen Liebespartner fürs Leben…

All das hatte und hat seinen Platz in der Frömmigkeitsgeschichte verschiedenster Religionen.

Und erweist sich doch mehr und mehr als Trugschluss, der modernen Menschen den Glauben

60 eher zerstört als erbaut. Denn eigentlich passen auch die wahren Gebete nicht wirklich ins

System, weil sie, in expressivster existentiellster Form, dieses sprengen. Ein mit Bitten funk-

tionalistisch angeforderter Gott, der – obwohl er kein Funktionär ist – bei Nichterfüllung stets

damit entschuldigt werden muss, dass er schon wisse, wozu das gut ist, gleitet ins Absurde.

Mehr noch als das Leid der Welt ist dies der Fels des Atheismus.

65 Der Theologe Johann Baptist Metz sagte einmal: „Wir haben heute eine Kirchenkrise; aber

viel entscheidender ist doch: Es gibt eine Gotteskrise. Diese Krise ist kein Kirchenproblem,

sondern ein Menschheitsproblem. Es gibt einen Atheismus, der Gott im Munde führen kann,

ohne ihn ernsthaft zu meinen.“ Es kann im Glaubensringen eigentlich nur darum gehen: Gott

Gott sein lassen. Sich Gott nähern in der Einsamkeit der eigenen Existenz, in der Ergriffenheit

70 zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, in der Erschütterung von Sterblichkeit und Ewig-

keit, Anfangslosigkeit und Anfang, in der Undurchschaubarkeit von Zufall und Notwendig-

keit, in der Rätselhaftigkeit des Zusammenspiels von Materie und Geist, Nichts und allem,

dem Unsichtbaren wie dem Sichtbaren. Denn darin besteht das wahre Wunder.

Krisenzeiten könnten durchaus auch heute Heilszeiten sein. Selbst wenn eine Epidemie nicht

75 von Gott zum Bestrafen sündiger Menschen, gar einer sündigen Menschheit geschickt ist,

kann diese schwere existentielle Prüfung Anlass geben, in sich zu gehen, die Frage nach der

wahren, guten, richtigen Existenz, nach einem sinnvollen Leben neu zu stellen – nach dem

ewigen Leben.

Es kann sein, dass die Gottesfrage nach Corona noch mehr verstummt, dass die Kirchen noch

80 leerer werden und dass das Christentum noch heftiger an Plausibilität verliert. Den Nachdenk-

lichen jedoch kann Gott näherkommen als der Systemlose, Systemsprengende – als ganz

Anderes, aber nicht völlig fremd.

[...] Das Kirchensystem, das sich seit langem mit sich selbst beschäftigt und anscheinend

immer mehr um sich selber dreht, braucht den Paradigmenwechsel, den Blickwechsel: hin zu

85 dem, was uns inmitten der Glaubensprobleme eine Glaubensweite schafft, in der Gott – in

Christus – uns näher ist, als wir uns selber sind. Gott ist nicht „systemrelevant“, Gott war nie

„systemrelevant“. Gott ist Gott – Gott sei Dank.

1 systemrelevant: Anspielung auf die Diskussion während der Coronakrise um die Frage, welche Gesellschaftsbereiche für das Funktionieren der Gesellschaft von besonderer Bedeutung sind

2 saturiert: bezeichnet den Zustand bürgerlicher Zufriedenheit

(Die Auslassungen im Text lassen den Gedankengang unberührt und betreffen lediglich ergänzende Gesichtspunkte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne den Sinn zu verändern.)

Johannes Röser ist katholischer Publizist und Journalist.

Materialgrundlage: Johannes Röser: Ist Gott „systemrelevant“? CHRIST IN DER GEGENWART Nr. 19/2020 (10.05.2020)

2.

Entfalten Sie die Gottesbilder, die in der Exoduserzählung zum Ausdruck kommen, und vergleichen Sie sie mit der Gottesvorstellung, die Johannes Röser in seinem Text darlegt.

[30 Punkte]

3.

Erörtern Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse und mithilfe selbst gewählter Beispiele, inwiefern die Frage nach Gott bei der Bewältigung gesellschaftlicher Krisenerfahrungen hilfreich sein kann, und nehmen Sie dazu begründet Stellung.

[26 Punkte]

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