Aufgabe HT 2 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2022
Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Michael Roth
Haben wir die Welt noch im Griff?
Gedanken zu Gott, Glaube, Kirche und Corona
Haben wir die Welt noch im Griff? Die Antwort ist kurz: Wir hatten die Welt nie im Griff. Genau dies zeigt das Coronavirus. Und genau das thematisiert Religion. Religion thematisiert die Ambivalenzen endlichen Lebens, die paradoxe Gleichzeitigkeit von Kreativität und Scheitern, Angst und Hoffnung, Leben und Tod, Glück und Unglück, Gesundheit und Krankheit.
5 Und sie thematisiert dies nicht in allgemeinen Spekulationen, sondern in der Rede zu dem Gott, auf den wir unser Vertrauen richten dürfen.
Der Glaube bereichert unsere Wahrnehmung der Welt, er lässt uns nicht anderes sehen als das Alltägliche, sondern er lässt uns das Alltägliche anders sehen. Im Glauben werden nämlich alle Phänomene des Daseins im Lichte Gottes betrachtet, er ist eine neue Wahrnehmung
10 der Welt. Zur Verdeutlichung werfen wir einen Blick auf Luthers Rede von der Schöpfung im Kleinen Katechismus: „Ich gläube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seel, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält, dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hofe, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter, mit aller Notdurft und Nahrung dies Leibs und Lebens reichlich
15 und täglich versorget, wider aller Fährlichkeit beschirmet und für allem Ubel behüt und bewahret, und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit ohn alle mein Verdienst und Wirdigkeit, des alles ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin; das ist gewißlich wahr“ (BSLK 1, S. 510f). Der profane Blick sieht in dem Haus nur das Werk des Baumeisters, in den Kleidern nur das Werk des Schnei-
20 ders und in den Schuhen nur das Werk des Schusters, während Luther Haus, Kleider und Schuhe als Gaben Gottes wahrnimmt, als Gaben, die Gott ihm persönlich zum Leben gibt. [...] Und daher können wir Gott dafür auch Dank sagen, ja müssen ihm danken. Dies wird derjenige umso mehr wissen, der diese – vielen von uns selbstverständlichen – Dinge einmal schmerzhaft entbehren musste. Es wäre ganz absurd zu sagen, die Schuhe hat mir doch nicht
25 Gott gegeben, sondern der Schuster hat sie gemacht, und ich habe sie sogar bezahlt. Natürlich hat der Schuster die Schuhe gemacht und natürlich habe ich sie bezahlt (oder gestohlen oder sonst etwas). Das bestreitet der Glaubende natürlich nicht, innerweltliche Erklärungen lehnt er nicht ab, denn christlicher Glaube ist etwas anderes als Esoterik. Und doch vermag der Glaubende die vom Schuster hergestellten und von ihm bezahlten Schuhe im Lichte Got-
30 tes zu betrachten und eine weitere Facette wahrzunehmen: als Gaben, mit denen Gott sein Leben erhält. Gott gibt sich uns in, mit und unter den Phänomenen des Daseins, nicht an ihnen vorbei.
Ganz selbstverständlich nimmt Luther auch die Negativitäten des Daseins, wie Tod und Leid, Hungersnot und Krankheit aus Gottes Hand, wie sollte er auch anders, wenn er die ganze
35 Welt im Horizont Gottes, der alles bestimmenden Wirklichkeit, wahrnimmt. So klagt er beispielsweise Gott für die Krankheit des Kurfürsten Johannes oder für ausbleibenden Regen an. Auch hier wäre es schräg zu sagen, dass die Krankheit sich doch einem Virus verdankt oder das Ausbleiben des Regens einer bestimmten Wetterkonstellation, so wie es schräg wäre zu sagen, dass sich die Kleider dem Schneider verdanken und die Schuhe dem Schuster. Natür-
40 lich verdankt sich das Ausbleiben des Regens einer bestimmten Wetterkonstellation, wie sich auch die Kleider dem Schneider verdanken, aber natürlich begegnet in ihnen zugleich Gott selbst, zumindest für den, für den Gott als die alles bestimmende Wirklichkeit den Horizont seiner Weltwahrnehmung bildet; anders als bei den Kleidern begegnet Gott hier aber nicht als gnädig Gebender, sondern als ein sich Entziehender. Aber immer begegnet Gott uns als einer,
45 der uns persönlich meint: Auch in der Krankheit, auch im Tod sind wir gemeint, es trifft uns nicht zufällig, wir werden im wahrsten Sinne des Wortes heimgesucht. Daher bringen Christinnen und Christen die Negativitäten des Daseins in Klage vor Gott: Wie lange noch müssen wir das ertragen? Gott erscheint in Tod, Katastrophen, Hungersnöten nicht als ein Liebhaber des Lebens, sondern als dessen Verneiner. Und daher klagt der Glaubende Gott an, ruft ihm
50 zu: Hör auf! Lass ab! Wie kann ich um Gesundheit bitten, wenn Gott nicht auch den dunklen Hintergrund der Krankheit bildet, wie um Regen, wenn Gott nicht auch die finstere Macht der Dürre ist? [...]
Nun ist aber wichtig zu betonen, dass auch wenn Christinnen und Christen an Gottes Gegenwart in den Negativitäten des Daseins festhalten, sie keineswegs behaupten, hier Gott er-
55 kennen zu können. In Hunger, Tod, Katastrophen und Leid ist Gott gerade nicht zu erkennen, er ist hier nicht offenbar. Und doch haben wir es hier mit Gott zu tun. Daher reden Christinnen und Christen von Gottes verborgener Gegenwart. Mit der Rede von Gottes verborgener Gegenwart bringen sie zum einen zum Ausdruck, dass wir es in den Phänomenen mit Gott selbst zu tun haben, zum anderen, dass wir in diesen Phänomenen Gott gerade nicht als den
60 erkennen, als der er sich offenbart und zugesagt hat, nicht als den, auf den Christinnen und Christen ihr Vertrauen richten. Diese uns entzogene Seite Gottes verehren wir nicht, sie erschreckt uns. Gottes wahres Wesen ist in diesen Ereignissen verborgen, verhüllt. Aber es ist Gott selbst, der sich verbirgt. Gott ist nicht einfach abwesend, sondern er ist uns in Tod, Krankheit, Unrecht sogar bedrohlich nahe. Mit der Rede von der Verborgenheit Gottes gibt der
65 Glaubende seiner Empörung, seiner Enttäuschung und seinem Unverständnis Ausdruck.
Die Rede von Gottes abgewandter Gegenwart in Leid und Tod im Unterschied zu seiner zugesagten Gegenwart in Christus redet nicht von zwei gleichwertigen Seiten Gottes, sodass der Glaubende unsicher darüber wäre, welche Seite Gottes die eigentliche Seite ist, ja, wer Gott eigentlich ist. Vielmehr wird damit von zwei einander entgegenlaufenden Erfahrungen
70 gesprochen, die der Glaubende in den alltäglichen Dingen des Daseins macht. Dabei vertraut der Glaubende darauf, dass Gott in der gnädigen Zuwendung in Christus sein wahres Wesen gezeigt hat, auch wenn er dieses wahre Wesen in vielen schmerzvollen Erfahrungen nicht wahrzunehmen vermag. Der Glaubende vertraut gegen den Augenschein auf Gottes Zusage in Christus. So hat die Rede von der Verborgenheit Gottes ihren Ort in der Klage. Gottes Ver-
75 borgenheit wird seiner Zusage entgegengehalten und gerade dadurch wird an Gottes Zusage festgehalten – mit dem Verzicht auf die Verstehbarkeit Gottes.
Natürlich begegnet einem religiösen Menschen Gott auch in Corona. Wie sollte es anders sein, wenn er alle Phänomene des Daseins im Lichte Gottes betrachtet? Die Gegenwart Gottes auch in Corona zu behaupten, ist aber etwas völlig anderes als zu behaupten, dass Corona Strafe
80 Gottes ist. Wir haben bereits gesehen, dass Gott uns in solchen Ereignissen verborgen ist, wir hier seinen Willen gerade nicht verstehen. Wer allgemein behauptet, dass Corona eine Strafe Gottes ist, gibt aber vor, den Willen Gottes zu durchschauen; ebenso übrigens wie der, der behauptet, es sei keine Strafe Gottes. Beides ist der religiösen Rede gegenüber unangemessen, es verharmlost Gottes Verborgenheit, will sie deutend still stellen und harmonisieren.
85 Unangemessen ist es auch deshalb, weil wir nicht beurteilen können, in welcher Weise Gott einem Menschen in einem bestimmten Ereignis begegnet. [...]
Dem Glaubenden ist das Reden zu Gott eigentümlich, nicht das Reden über Gott, nicht die Spekulation über einen Gottesgedanken, sondern das Gebet. [...]
Indem der Beter sein Leben vor Gott zur Sprache bringt, bringt er auch die Erfahrungen vor
90 Gott, für die er nicht dankbar sein kann. Bereits im Alten Testament antwortet der Mensch nicht nur im Dank, sondern auch in der Klage und der Bitte Jahwe, dem Erretter Israels. Der alttestamentliche Beter lebt von der Verheißung: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten…“ (Ps 50, 15). Gerade weil der alttestamentliche Beter sich in Klage, Bitte und Dank auf Gott wirft, kann die christliche Gemeinde in das Gebet des alttestamentlichen Beters ein-
95 stimmen.
Im Gebet behaftet der Beter Gott bei seiner Zusage: Erweis Dich als der, als der Du Dich in Christus uns zugesagt hast! Der Betende hält Gott seine Zusage entgegen. Wir können auch sagen: Er hält dem verborgenen Gott den offenbaren Gott entgegen, ja, er wendet sich weg von dem verborgenen Gott und flieht zu dem offenbaren Gott. [...]
100 Daher ist das Kreuz das zentrale Symbol des Glaubens: Christinnen und Christen glauben nicht, die Spannungen und Widersprüchlichkeiten lösen oder abschaffen zu können, sondern sie leben von dem Vertrauen auf Gottes Zusage, inmitten der Widersprüchlichkeiten des Daseins leben zu dürfen.
[...] Ich schließe: Die Kirche hat die dunklen Seiten des Lebens ernst zu nehmen und im öffent-
105 lichen Gebet vor Gott zu bringen. Sie kann dies gerade deshalb tun, weil sie auf Christus verweisen darf, zu dem wir in unseren Ängsten und Sorgen fliehen dürfen, als den Ort, wo wir auch für unsere Schuld Vergebung und Annahme erfahren dürfen. Der Glaube bietet kein Wissen um höhere Zusammenhänge, keine Reduktionen der Spannungen des Daseins, sondern eine Lebensbewegung: das Vertrauen auf Gottes Zusage, inmitten der Widersprüchlich-
110 keiten des Daseins leben zu dürfen.
1 BSLK: Bekenntnisschriften der lutherischen Kirche
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)
Michael Roth ist evangelischer Theologe.
1. Stellen Sie dar, welches Thema der Text von Michael Roth behandelt und wie die Gedanken aufgebaut sind, und arbeiten Sie heraus, welches Gottesbild der Text entfaltet. (24 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, welches Thema der Text von Michael Roth behandelt und wie die Gedanken aufgebaut sind, und arbeiten Sie heraus, welches Gottesbild der Text entfaltet.
Lösung: Gemäß den amtlichen Bewertungskriterien umfasst eine vollständige Lösung folgende Aspekte: 1. Thema des Textes: Roth fragt anlässlich der Corona-Pandemie nach einem angemessenen Reden von Gott und seinem Wirken in der Welt. 2. Gedankengang des Textes: - Religion thematisiert die unterschiedlichen Erfahrungen des Menschen in der Welt als Erfahrungen mit Gott; im Glauben erscheinen somit natürliche Dinge als Gabe Gottes (Bezug auf Martin Luthers Auslegung des 1. Glaubensartikels im Kleinen Katechismus). - Im Glauben müssen auch Erfahrungen der Negativität in der Welt (Krankheit, Not, Tod) als Erfahrungen mit Gott thematisiert werden, worauf der gläubige Mensch angemessen in der Klage reagiert. - Gott wird in der Klage angesichts der Leiderfahrungen als sich in seiner Eigentlichkeit Entziehender angerufen. - Gott kann nur dann hoffnungsvoll im Bittgebet angerufen werden, wenn er auch als Ursprung bzw. Horizont negativer Erfahrungen bestimmt wird (Allursächlichkeit). - Gott ist zwar auch als Geber der als negativ erfahrenen Dinge zu bestimmen, diese offenbaren aber nicht sein eigentliches Wesen, sondern zeigen als Erfahrungen der Verborgenheit Gottes (*deus absconditus*) seine erschreckende, ihm uneigentliche Seite, die befremdlich wirkt. - Das Vertrauen auf Gottes Zusage der unbedingten Annahme im Kreuz Jesu (*deus revelatus*) macht gerade auch gegen die Widersprüchlichkeiten der Welterfahrungen die Lebensweise des Glaubens aus. 3. Herausarbeitung des Gottesbildes: Roth entwickelt ausgehend von Überlegungen Luthers ein Gottesbild, das Gott als Urheber aller Welterfahrungen des Menschen ernst nehmen möchte, das aber angesichts seiner unbedingten Versöhnungszusage in Christus trotz der Widersprüchlichkeiten des Daseins ein vertrauensvolles Leben ermöglicht, indem unterschieden wird zwischen Erfahrungen seiner eigentlichen Wirkweise (offenbarter Gott) und Erfahrungen, in denen seine Eigentlichkeit verborgen bleibt (verborgener Gott).
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