Abitur NRW Evangelische Religion 2022 · GK · Nachtermin

Abiturprüfung Evangelische Religion in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Nachtermin: 8 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Religionskritik und die Frage nach der Existenz Gottes · Jesus Christus: Kreuz und Auferweckung · Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre · Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1: Texterschließung · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Wolfgang Huber

Frei von falschen Göttern

Kaum einem fällt […] auf, dass die Zehn Gebote mit keiner der so oft zitierten Aufforderungen beginnen. Sie beginnen überhaupt nicht mit einem Gebot. Ihr erster Satz heißt: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ Schon diese Selbstvorstellung Gottes ist bemerkenswert. Am Anfang steht die Erinnerung an Gottes 5 rettendes Handeln. Mit der Befreiung aus der Sklaverei fängt alles an. Gott begegnet in seinem Handeln. Er ist nicht einfach eine feststehende, unwandelbare Größe. Gott ist nicht „handhabbar“. Adresse und Telefonnummer lassen sich nicht einfach im Handy speichern. Aber ich kann mich im Gebet an ihn wenden, ihn als Vater ansprechen, „Du“ zu ihm sagen.

„Ich bin der Herr, dein Gott.“ Mit dieser Selbstvorstellung Gottes beginnen die Zehn Gebote, 10 erst dann folgt die erste Aufforderung, das erste Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ So wie die Einleitung unterschätzt wird – die Zusage der Freiheit –, so wird auch das erste Gebot unterschätzt – die Wegweisung der Freiheit. Dabei ist auch sie von kaum zu überschätzender Aktualität. Die Freiheit des Glaubens bewährt sich in der Freiheit von falschen Göttern. Woran erkennt man, dass sie falsch sind? Daran, dass sie Menschen knechten, 15 ihnen die Freiheit rauben, sie abhängig machen.

Doch wenn Gott in die Freiheit führt, muss auch seine Freiheit respektiert werden. Sie wird jedoch missachtet, wenn man Gott in ein Bild presst und dieses Bild anbetet statt den lebendigen Gott. Deshalb beharren die Zehn Gebote darauf, dass es von Gott keine Abbilder gibt. Ein Steckbrief ist nicht möglich. Kein Gottesbeweis reicht an Gott selbst heran. Nicht nur die 20 bildende Kunst, sondern auch die menschliche Vernunft überfordert sich, wenn sie ein intellektuelles Fahndungsfoto von Gott erstellen will.

Neben den Versuch, Gott in ein Bild zu bannen, tritt der falsche Gebrauch seines Namens. Auch durch seine Sprache versucht der Mensch, sich Gott gefügig zu machen. „Gott sei Dank“, sagt sogar der Atheist. Wenn jemand eine Sache auf sich beruhen lassen will oder weitere 25 Bemühungen aufgibt, sagt er resignierend: „In Gottes Namen“. Besonders im Fluch ist die Berufung auf Gott schnell bei der Stelle: „Herrgott noch mal!“ Im Ersten Weltkrieg trugen deutsche Soldaten ein Koppelschloss mit der Aufschrift „Gott mit uns“ – als handle es sich um einen Nationalgott, der gegen die Kriegsgegner in Stellung gebracht werden könnte. Dafür, den Namen Gottes für die eigene Sache zu vereinnahmen, gibt es viele Formen.

30 Auf die Frage des Mose nach seinem Namen antwortet Gott aus dem brennenden Dornbusch: „Ich bin, der ich bin“ – oder auch: „Ich werde sein, der ich sein werde“ (2. Mose 3,14). Für den jüdischen Glauben ist diese Selbstvorstellung Gottes in den vier Buchstaben JHWH enthalten. Aus der Erzählung vom brennenden Dornbusch wie aus dem Gebot, den Gottesnamen nicht zu missbrauchen, ergibt sich für Juden ein Verbot, überhaupt den Gottesnamen auszusprechen. 35 Überall dort, wo jene vier Buchstaben (das sogenannte Tetragramm) erscheinen, sagen Juden deshalb: „der Herr“ („Adonaj“). Für Christen ist nicht jedes Aussprechen des Gottesnamens bereits missbräuchlich; es geht vielmehr darum, ob in der Verwendung des Gottesnamens Gott selbst die Ehre gegeben wird.

Gottes Einzigkeit, Gottesbild und Gottesname – unter diesen drei Themen widmet der Beginn 40 der Zehn Gebote alle Aufmerksamkeit der Frage nach Gott. Es handelt sich ja auch um ein elementares Thema. Denn auf die eine oder andere Weise muss sich jeder damit auseinandersetzen, worin er die letzte, alles bestimmende Wirklichkeit sieht. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ So hat Martin Luther die Gottesfrage beschrieben. Auch wer Gott leugnet, sucht einen festen Grund für sein Leben. Für manche ist es die Wissenschaft, für andere das 45 Geld oder das, was sie dafür kaufen können. Der Beginn der Zehn Gebote enthält nicht nur Verbote – das Verbot anderer Götter, das Verbot, Gott in ein Bild zu pressen, und das Verbot, den Namen Gottes zu missbrauchen. In diesem Beginn steckt vielmehr zugleich die Aufforderung, die Rumpelkammer der eigenen religiösen oder religionsähnlichen Vorstellungen aufzuräumen und zu prüfen, woran man „sein Herz hängt“.

50 Zu dieser religiösen Aufräumarbeit gehört der Abschied von allzu schlichten Gottesbildern, die sich von Generation zu Generation vererben. Die Bilder von einem bärtigen Greis in wolkiger Höhe sind nicht biblisch, sondern heidnisch.

Anders die biblische Überlieferung: Der unsichtbare Gott des Volkes Israel kann nicht abgebildet werden. Es ist unvorstellbar, Gott in einen Bilderrahmen einzupassen. Sein Wirken ent- 55 faltet sich als Rettung und Segen.

Bedenken wir einen Augenblick die dramatische Szene, in der das Volk Israel, durch Mose vermittelt, die Zehn Gebote erhält: Die Israeliten werden aus dem Land der Knechtschaft herausgeführt. Ihre Neugeborenen werden nicht mehr getötet. Die Fronarbeit im fremden Land ist vorbei. Sie sind noch nicht im Land der Freiheit, aber sie sind auf dem Weg. Am 60 Berg Sinai schlägt Gott dem Volk einen Bund vor. Das Volk selbst soll das Heiligtum Gottes sein. Und er will ihr starker Gott sein. Die mit dem Finger Gottes auf die Steintafeln geschriebenen Zehn Gebote sollen der Bewahrung der Freiheit dienen.

Wir können die Ereignisse vom Schilfmeer und vom Sinai auf das Urdatum christlicher Gotteserkenntnis übertragen. In Entsprechung zum ersten Gebot lässt sich das so zusammenfassen: 65 Ich bin der Herr, dein Gott. Ich habe mich für dich in Jesus Christus der äußersten Erniedrigung und dem tiefsten Leid ausgesetzt, um dich aus der Knechtschaft der Sinnlosigkeit und der Schuld zu befreien. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Für Christen verdichtet sich die Gotteserfahrung auf unüberbietbare Weise in Jesus Christus. In seinem Antlitz gibt Gott sich zu erkennen. Die Suche nach einem Gottesbild kommt an ein 70 Ende. Gott zeigt sich in einem Menschen; dieser Mensch ist das Bild Gottes.

Wenn ich mich für eine Begegnung mit Gott öffne, tritt mir das Geschenk der Freiheit vor Augen wie ein weiter Horizont. Wenn ich dem unsichtbaren Gott die Ehre gebe, dann bewahrt mich das davor, mein Heil von falschen Mächten zu erwarten.

Das Hauptproblem der Menschheitsgeschichte sind die falschen Götter, denen sich die Men- 75 schen verschreiben, die sie anbeten, denen sie ihr Hab und Gut und manchmal auch ihre eigenen Kinder opfern. Die falschen Götter, mit denen Gewalt gerechtfertigt und Ungerechtigkeit bestärkt wird.

Götzen verlangen immer Opfer. Entweder man opfert sich selbst für sie oder man opfert andere. Wenn dann nach dem Krieg ein Schuldbekenntnis 1 gesprochen wird, dann sagen die 80 Menschen: Wir haben zu wenig geglaubt und zu wenig geliebt. Das stimmt. Doch man könnte sich auch anklagen, dass man zu viel geglaubt hat, viel zu viel. Dem Glauben an falsche Götter hing und hängt man an: an die eigene Nation, die eigene Klasse, den eigenen wirtschaftlichen Vorteil. Der Glaube an Gott lehrt uns das Misstrauen gegen die Netze und Fallen der Götzen, der Ungeheuer, die uns zwingen, uns oder unsere Kinder in ihren Rachen zu werfen. 85 Unser Herz ist zu kostbar dafür, es an etwas anderes zu hängen als an den lebendigen Gott.

Offenkundig stehen wir Menschen in der Gefahr, uns solchen Götzen zu unterwerfen. Die Götter des Erfolgs, der Selbstverwirklichung, der Eigenverantwortung, die Neigung dazu, wirtschaftliche Maßstäbe über alles und jedes herrschen zu lassen, beispielsweise auch über den Sonntag, die Vergötzung der maximalen Rendite – all das zeigt, mit welcher Art von 90 Götzendienst wir uns heute auseinanderzusetzen haben.

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang unangetastet und entfernen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne dass sich der Sinn verändert.)

Wolfgang Huber ist evangelischer Theologe.

1 Schuldbekenntnis: Anspielung auf das Stuttgarter Schuldbekenntnis, mit dem die Evangelische Kirche in Deutschland 1945 eine Mitschuld evangelischer Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus bekannte

1. Stellen Sie das Thema sowie den Gedankengang des Textes von Wolfgang Huber dar und arbeiten Sie das Gottesbild heraus, das in diesem Text entfaltet wird.

[24 Punkte]

Aufgabe 1 - Teilaufgaben 2 und 3: Religionskritik · Religionskritik und die Frage nach der Existenz Gottes

Wolfgang Huber

Frei von falschen Göttern

Kaum einem fällt […] auf, dass die Zehn Gebote mit keiner der so oft zitierten Aufforderungen beginnen. Sie beginnen überhaupt nicht mit einem Gebot. Ihr erster Satz heißt: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ Schon diese Selbstvorstellung Gottes ist bemerkenswert. Am Anfang steht die Erinnerung an Gottes 5 rettendes Handeln. Mit der Befreiung aus der Sklaverei fängt alles an. Gott begegnet in seinem Handeln. Er ist nicht einfach eine feststehende, unwandelbare Größe. Gott ist nicht „handhabbar“. Adresse und Telefonnummer lassen sich nicht einfach im Handy speichern. Aber ich kann mich im Gebet an ihn wenden, ihn als Vater ansprechen, „Du“ zu ihm sagen.

„Ich bin der Herr, dein Gott.“ Mit dieser Selbstvorstellung Gottes beginnen die Zehn Gebote, 10 erst dann folgt die erste Aufforderung, das erste Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ So wie die Einleitung unterschätzt wird – die Zusage der Freiheit –, so wird auch das erste Gebot unterschätzt – die Wegweisung der Freiheit. Dabei ist auch sie von kaum zu überschätzender Aktualität. Die Freiheit des Glaubens bewährt sich in der Freiheit von falschen Göttern. Woran erkennt man, dass sie falsch sind? Daran, dass sie Menschen knechten, 15 ihnen die Freiheit rauben, sie abhängig machen.

Doch wenn Gott in die Freiheit führt, muss auch seine Freiheit respektiert werden. Sie wird jedoch missachtet, wenn man Gott in ein Bild presst und dieses Bild anbetet statt den lebendigen Gott. Deshalb beharren die Zehn Gebote darauf, dass es von Gott keine Abbilder gibt. Ein Steckbrief ist nicht möglich. Kein Gottesbeweis reicht an Gott selbst heran. Nicht nur die 20 bildende Kunst, sondern auch die menschliche Vernunft überfordert sich, wenn sie ein intellektuelles Fahndungsfoto von Gott erstellen will.

Neben den Versuch, Gott in ein Bild zu bannen, tritt der falsche Gebrauch seines Namens. Auch durch seine Sprache versucht der Mensch, sich Gott gefügig zu machen. „Gott sei Dank“, sagt sogar der Atheist. Wenn jemand eine Sache auf sich beruhen lassen will oder weitere 25 Bemühungen aufgibt, sagt er resignierend: „In Gottes Namen“. Besonders im Fluch ist die Berufung auf Gott schnell bei der Stelle: „Herrgott noch mal!“ Im Ersten Weltkrieg trugen deutsche Soldaten ein Koppelschloss mit der Aufschrift „Gott mit uns“ – als handle es sich um einen Nationalgott, der gegen die Kriegsgegner in Stellung gebracht werden könnte. Dafür, den Namen Gottes für die eigene Sache zu vereinnahmen, gibt es viele Formen.

30 Auf die Frage des Mose nach seinem Namen antwortet Gott aus dem brennenden Dornbusch: „Ich bin, der ich bin“ – oder auch: „Ich werde sein, der ich sein werde“ (2. Mose 3,14). Für den jüdischen Glauben ist diese Selbstvorstellung Gottes in den vier Buchstaben JHWH enthalten. Aus der Erzählung vom brennenden Dornbusch wie aus dem Gebot, den Gottesnamen nicht zu missbrauchen, ergibt sich für Juden ein Verbot, überhaupt den Gottesnamen auszusprechen. 35 Überall dort, wo jene vier Buchstaben (das sogenannte Tetragramm) erscheinen, sagen Juden deshalb: „der Herr“ („Adonaj“). Für Christen ist nicht jedes Aussprechen des Gottesnamens bereits missbräuchlich; es geht vielmehr darum, ob in der Verwendung des Gottesnamens Gott selbst die Ehre gegeben wird.

Gottes Einzigkeit, Gottesbild und Gottesname – unter diesen drei Themen widmet der Beginn 40 der Zehn Gebote alle Aufmerksamkeit der Frage nach Gott. Es handelt sich ja auch um ein elementares Thema. Denn auf die eine oder andere Weise muss sich jeder damit auseinandersetzen, worin er die letzte, alles bestimmende Wirklichkeit sieht. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ So hat Martin Luther die Gottesfrage beschrieben. Auch wer Gott leugnet, sucht einen festen Grund für sein Leben. Für manche ist es die Wissenschaft, für andere das 45 Geld oder das, was sie dafür kaufen können. Der Beginn der Zehn Gebote enthält nicht nur Verbote – das Verbot anderer Götter, das Verbot, Gott in ein Bild zu pressen, und das Verbot, den Namen Gottes zu missbrauchen. In diesem Beginn steckt vielmehr zugleich die Aufforderung, die Rumpelkammer der eigenen religiösen oder religionsähnlichen Vorstellungen aufzuräumen und zu prüfen, woran man „sein Herz hängt“.

50 Zu dieser religiösen Aufräumarbeit gehört der Abschied von allzu schlichten Gottesbildern, die sich von Generation zu Generation vererben. Die Bilder von einem bärtigen Greis in wolkiger Höhe sind nicht biblisch, sondern heidnisch.

Anders die biblische Überlieferung: Der unsichtbare Gott des Volkes Israel kann nicht abgebildet werden. Es ist unvorstellbar, Gott in einen Bilderrahmen einzupassen. Sein Wirken ent- 55 faltet sich als Rettung und Segen.

Bedenken wir einen Augenblick die dramatische Szene, in der das Volk Israel, durch Mose vermittelt, die Zehn Gebote erhält: Die Israeliten werden aus dem Land der Knechtschaft herausgeführt. Ihre Neugeborenen werden nicht mehr getötet. Die Fronarbeit im fremden Land ist vorbei. Sie sind noch nicht im Land der Freiheit, aber sie sind auf dem Weg. Am 60 Berg Sinai schlägt Gott dem Volk einen Bund vor. Das Volk selbst soll das Heiligtum Gottes sein. Und er will ihr starker Gott sein. Die mit dem Finger Gottes auf die Steintafeln geschriebenen Zehn Gebote sollen der Bewahrung der Freiheit dienen.

Wir können die Ereignisse vom Schilfmeer und vom Sinai auf das Urdatum christlicher Gotteserkenntnis übertragen. In Entsprechung zum ersten Gebot lässt sich das so zusammenfassen: 65 Ich bin der Herr, dein Gott. Ich habe mich für dich in Jesus Christus der äußersten Erniedrigung und dem tiefsten Leid ausgesetzt, um dich aus der Knechtschaft der Sinnlosigkeit und der Schuld zu befreien. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Für Christen verdichtet sich die Gotteserfahrung auf unüberbietbare Weise in Jesus Christus. In seinem Antlitz gibt Gott sich zu erkennen. Die Suche nach einem Gottesbild kommt an ein 70 Ende. Gott zeigt sich in einem Menschen; dieser Mensch ist das Bild Gottes.

Wenn ich mich für eine Begegnung mit Gott öffne, tritt mir das Geschenk der Freiheit vor Augen wie ein weiter Horizont. Wenn ich dem unsichtbaren Gott die Ehre gebe, dann bewahrt mich das davor, mein Heil von falschen Mächten zu erwarten.

Das Hauptproblem der Menschheitsgeschichte sind die falschen Götter, denen sich die Men- 75 schen verschreiben, die sie anbeten, denen sie ihr Hab und Gut und manchmal auch ihre eigenen Kinder opfern. Die falschen Götter, mit denen Gewalt gerechtfertigt und Ungerechtigkeit bestärkt wird.

Götzen verlangen immer Opfer. Entweder man opfert sich selbst für sie oder man opfert andere. Wenn dann nach dem Krieg ein Schuldbekenntnis 1 gesprochen wird, dann sagen die 80 Menschen: Wir haben zu wenig geglaubt und zu wenig geliebt. Das stimmt. Doch man könnte sich auch anklagen, dass man zu viel geglaubt hat, viel zu viel. Dem Glauben an falsche Götter hing und hängt man an: an die eigene Nation, die eigene Klasse, den eigenen wirtschaftlichen Vorteil. Der Glaube an Gott lehrt uns das Misstrauen gegen die Netze und Fallen der Götzen, der Ungeheuer, die uns zwingen, uns oder unsere Kinder in ihren Rachen zu werfen. 85 Unser Herz ist zu kostbar dafür, es an etwas anderes zu hängen als an den lebendigen Gott.

Offenkundig stehen wir Menschen in der Gefahr, uns solchen Götzen zu unterwerfen. Die Götter des Erfolgs, der Selbstverwirklichung, der Eigenverantwortung, die Neigung dazu, wirtschaftliche Maßstäbe über alles und jedes herrschen zu lassen, beispielsweise auch über den Sonntag, die Vergötzung der maximalen Rendite – all das zeigt, mit welcher Art von 90 Götzendienst wir uns heute auseinanderzusetzen haben.

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang unangetastet und entfernen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne dass sich der Sinn verändert.)

Wolfgang Huber ist evangelischer Theologe.

1 Schuldbekenntnis: Anspielung auf das Stuttgarter Schuldbekenntnis, mit dem die Evangelische Kirche in Deutschland 1945 eine Mitschuld evangelischer Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus bekannte

2. Entfalten Sie einen religionskritischen Ansatz, den Sie kennen, vor dem Hintergrund seiner Entstehungszeit und prüfen Sie von dieser Position aus kritisch das gedankliche Gottesbild, das Wolfgang Huber in seinem Text entwirft.

[30 Punkte]

3. Erörtern Sie unter Einbezug Ihrer bisherigen Ergebnisse und mithilfe konkreter Beispiele, inwiefern der Streit um religiöse Überzeugungen das gesellschaftliche Zusammenleben positiv beeinflussen kann, und nehmen Sie dazu begründet Stellung.

[26 Punkte]

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1: Texterschließung · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Simon Gebs

Rumorende Niederlage

Predigt zu Johannes 19,16–30

Liebe Karfreitagsgemeinde,

„Es ist vollbracht“. Nach dem Johannesevangelium stirbt Jesus mit diesen letzten Worten am

Kreuz. Ganz anders als im Markusevangelium, in dem Jesus in äußerster Not verzweifelt

schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das Letztere können wir

eher nachvollziehen, kennen doch viele von uns Erfahrungen, in denen wir uns fragen, wo

5 denn nun dieser Gott ist, wo wir ihn dringend bräuchten. Anders das Johannesevangelium.

In dessen Augen kommt mit dem Tod, und zwar mit dem grausamsten und schändlichsten,

den die Antike kannte, etwas zur Vollendung, ans Ziel. Schwierig für uns, nicht? Wie kann

je ein gewaltsamer Tod sinnvoll sein? Wie kann ein derart grausamer Akt nur schon eine win-

zige Spur von positiver Bedeutung enthalten? Und wenn überhaupt, sicherlich nur aus der

10 Perspektive der damaligen Machthaber. Sie rieben sich die Hände: „ein Störenfried weniger“,

„Problem aus der Welt geschafft“. Wir nennen den Karfreitag einen „Feiertag“, zusammen

mit Millionen von Christinnen und Christen erinnern wir uns an den Tod Jesu, und zwar nicht

im Sinne eines Gedenkens, wie wir einem verstorbenen Menschen gedenken, sondern in einer

Art und Weise, die daran festhält, dass dieser Tod auch heute noch von Bedeutung für uns ist.

15 Wie soll das gehen?

Das Johannesevangelium spricht also vom Kreuzestod als Vollendung, ja es erweckt den Ein-

druck, als ob ein göttlicher Plan drehbuchmäßig, Szene um Szene, mit innerer Logik und mit

klarem Erzählduktus umgesetzt würde. Die Soldaten losen um das Untergewand, Jesus be-

klagt sich: „mich dürstet“, alles nur, damit die Schrift erfüllt wird, Schritt für Schritt. Ich

20 wähne mich an einem Filmdreh, mit Golgatha als Drehort.

Sie merken, liebe Mitdenkende, ich ringe nicht nur mit diesem Text, sondern überhaupt mit

dieser fertig formulierten Theologie, die diesen Jesus so souverän am Kreuz sterben lässt.

Das geht mir zu einfach.

Vielleicht hilft es uns, wenn wir zuerst einmal bei den am Kreuz anwesenden Frauen und beim

25 Lieblingsjünger Jesu ansetzen. Sie haben den Mut, auch im Letzten, in der Niederlage dabei

zu sein, auch wenn sie nichts mehr ausrichten können, sie vermeiden und verdrängen nicht,

sondern halten aus. Sie sind im wahrsten Sinn des Wortes sprachlos. Es ist und bleibt für sie

ein Schock, ein absolut sinnloser Tod, der keinen Zusammenhang ergibt. Nichts da von „es

ist vollbracht“, kein bewunderndes, ermutigendes Wort zu Jesus ist aus ihrem Munde zu ver-

30 nehmen: „Bald hast du es geschafft“, „wir staunen, wie konsequent du das durchziehst als

Opfer für uns alle“. Aus dem Mund von Maria und dem Jünger kommt kein einziges Wort,

Sprachlosigkeit pur. – Eltern, die ihr Kind verlieren, ein Vater von 4 Kindern, der seine Frau

durch Brustkrebs verliert, die Nachricht eines tödlichen Verkehrsunfalls einer 22-Jährigen

oder eines Suizides eines guten Freundes, es gibt so viele sinnlose Tode, auch heutzutage.

35 Ich denke, wir können diese Sprachlosigkeit gut nachvollziehen. Mir persönlich ist dieser

Aspekt gerade an Karfreitag wichtig. Christlicher Glaube redet die Realität des Dunkels und

das Gefühl der Leere nicht schön, wenn der Tod in seinen vielen Facetten zuschlägt, für einen

die Welt zusammenbricht, ohne dass es nur im Entferntesten Sinn macht. Alles was bleibt,

ist erstmal Schmerz, Leere, tiefes Vermissen, ein Gefühl der Ohnmacht.

40 Für mich ist es gerade eine Stärke des christlichen Glaubens, dass dieser Aspekt nicht schön-

geredet wird, nicht mit Photoshop korrigiert wird. Ja, es ist so. Zuweilen kann das Leben mit

aller Härte zuschlagen, dass es einem die Sprache verschlägt, weil nichts mehr dafürspricht,

dass es nochmals anders werden kann. Genau darum, meine ich, müssen wir immer wieder

lernen, Gott und Niederlage zusammenzudenken, ein Gedanke, der wohl quer liegt. Gott und

45 Niederlage zusammendenken? Diesem Gedanken müssen wir einen Moment nachgehen, wir

werfen einen zweiten Blick auf unsern Karfreitagstext.

Ich finde es nämlich spannend, wie das Johannesevangelium diese Sprachlosigkeit überwin-

det. Vielleicht in einer Sprache, die uns fremd ist, die aber auch kühn und widerspenstig ist.

Ja, das Johannesevangelium hat den Mut, das Sinnlose, das, was überhaupt nicht aufgeht und

50 zuerst einfach nur unerklärlich ist, umzudeuten. Es überlässt die Deutungshoheit über den

Tod Jesu nicht den Gegnern von Jesus, sondern sucht selbst eine neue Sprache dafür. Und

zwar nach Ostern. Jetzt erscheint Karfreitag in einem ganz anderen Licht. Die ersten Christin-

nen und Christen haben allmählich zu verstehen begonnen, dass das Ganze kein Zufall war,

auch kein Missverständnis, dass dieser Jesus nicht einfach nur der Ausgelieferte, Gefolterte

55 und kaltschnäuzig Eliminierte war, sondern, dass Gott selbst in Jesus in diese Niederlage ge-

gangen ist, um seinen Weg mit uns Menschen durchzuziehen. Gott und Schlamassel zusam-

mendenken, für mich eine zentrale Herausforderung an Karfreitag.

Und stellen Sie sich vor, Jesus hätte bei den Verhören einen Rückzieher gemacht, kurz vor

der Kreuzigung kapituliert… „Okay, okay, ich nehme zurück, was ich gesagt habe, alles ein

60 Missverständnis, ich widerrufe meine Behauptungen und bedauere meine Provokationen…“

Was wäre von Jesus in Erinnerung geblieben? Gäbe es dann den christlichen Glauben? Das

Johannesevangelium hat das begriffen, ja es hatte den Mut, den Tod Jesu radikal umzudenken.

In Jesus von Nazareth, den es betont als den beschreibt, der das Kreuz selber getragen hat,

macht Gott selbst keinen Rückzieher, sondern er zieht seine Liebe durch bis hin zur schein-

65 bar endgültigen Niederlage. Genau aus dieser Glaubensüberlegung setzt das Evangelium das

Kreuz mit der Erhöhung Jesu als Christus gleich. Diese Bereitschaft, für den Menschen in

die Niederlage hineinzugehen, erscheint nun in einem anderen Licht. Das Kreuz ist dann das

große Ja Gottes zu diesem Weg. […]

Um es deutlich zu sagen, ich glaube nicht, dass wir die Glaubenssprache des Johannesevan-

70 geliums telquel¹ für uns übernehmen müssen. Was uns aber vielleicht ansprechen kann, ist

dieser Prozess des Umdeutens, den die ersten Christinnen und Christen mitgemacht haben.

Zuerst ist es ein einziges Fiasko, die Evangelien sind sich da einig, die Jünger sind davonge-

laufen, die Frauen wollten einfach sauber abschließen, den Toten am Grab mit feinem Öl bal-

samieren und dann ernüchtert in ihr altes Leben zurückkehren. Viele von uns kennen doch

75 auch solche Niederlagen, wo’s nur noch weh tut, wir am Grab eines lieben Menschen stehen,

ein Lebensplan durchkreuzt wird, wo kaum mehr was dafürspricht, dass es nochmals gut kom-

men kann. Genau in diese Erfahrung hinein, spricht nun das Johannesevangelium. „Es ist voll-

bracht“. – Und sagt damit: Ja, es ist etwas unwiderruflich vorüber, aber es steht unter einem

ganz anderen Stern. Es ist nur das Vorletzte und nie das Letzte.

80 Mich faszinieren diese beiden Komponenten im Karfreitagsbericht des Johannesevangeliums.

Auf der einen, der menschlichen Seite fehlen die Worte angesichts eines rabenschwarzen

Tages, auf der anderen Seite kommt eine unglaubliche Zuversicht zur Sprache. So weltfremd

und paradox es tönt, in der Niederlage rumort auch Zukunft. Auch wenn du keinen Plan hast,

was diese Zukunft genau beinhalten soll, lass dieses Rumoren der Hoffnung zu. Nicht du

85 musst es krampfhaft suchen, es kommt von außen, rechne mit diesem Gott, der dich in der

Niederlage sehr wohl versteht.

Diese innere Bewegung des Glaubens, dieses abtastende Suchen und Fragen nach dem, was

doch wieder oder neu möglich werden kann, wünsche ich uns allen, immer wieder. Amen.

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang unangetastet und entfernen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne dass sich der Sinn verändert.)

Simon Gebs ist evangelischer Theologe.

¹ telquel: hier: unverändert

Aufgabenstellung

1.

Stellen Sie die zentralen Gedanken der Predigt von Simon Gebs dar und arbeiten Sie das Gottesverständnis heraus, das in ihr zum Ausdruck kommt.

[24 Punkte]

Aufgabe 2 - Teilaufgaben 2 und 3: Kreuz und Aufer… · Jesus Christus: Kreuz und Auferweckung

Simon Gebs

Rumorende Niederlage

Predigt zu Johannes 19,16–30

Liebe Karfreitagsgemeinde,

„Es ist vollbracht“. Nach dem Johannesevangelium stirbt Jesus mit diesen letzten Worten am

Kreuz. Ganz anders als im Markusevangelium, in dem Jesus in äußerster Not verzweifelt

schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das Letztere können wir

eher nachvollziehen, kennen doch viele von uns Erfahrungen, in denen wir uns fragen, wo

5 denn nun dieser Gott ist, wo wir ihn dringend bräuchten. Anders das Johannesevangelium.

In dessen Augen kommt mit dem Tod, und zwar mit dem grausamsten und schändlichsten,

den die Antike kannte, etwas zur Vollendung, ans Ziel. Schwierig für uns, nicht? Wie kann

je ein gewaltsamer Tod sinnvoll sein? Wie kann ein derart grausamer Akt nur schon eine win-

zige Spur von positiver Bedeutung enthalten? Und wenn überhaupt, sicherlich nur aus der

10 Perspektive der damaligen Machthaber. Sie rieben sich die Hände: „ein Störenfried weniger“,

„Problem aus der Welt geschafft“. Wir nennen den Karfreitag einen „Feiertag“, zusammen

mit Millionen von Christinnen und Christen erinnern wir uns an den Tod Jesu, und zwar nicht

im Sinne eines Gedenkens, wie wir einem verstorbenen Menschen gedenken, sondern in einer

Art und Weise, die daran festhält, dass dieser Tod auch heute noch von Bedeutung für uns ist.

15 Wie soll das gehen?

Das Johannesevangelium spricht also vom Kreuzestod als Vollendung, ja es erweckt den Ein-

druck, als ob ein göttlicher Plan drehbuchmäßig, Szene um Szene, mit innerer Logik und mit

klarem Erzählduktus umgesetzt würde. Die Soldaten losen um das Untergewand, Jesus be-

klagt sich: „mich dürstet“, alles nur, damit die Schrift erfüllt wird, Schritt für Schritt. Ich

20 wähne mich an einem Filmdreh, mit Golgatha als Drehort.

Sie merken, liebe Mitdenkende, ich ringe nicht nur mit diesem Text, sondern überhaupt mit

dieser fertig formulierten Theologie, die diesen Jesus so souverän am Kreuz sterben lässt.

Das geht mir zu einfach.

Vielleicht hilft es uns, wenn wir zuerst einmal bei den am Kreuz anwesenden Frauen und beim

25 Lieblingsjünger Jesu ansetzen. Sie haben den Mut, auch im Letzten, in der Niederlage dabei

zu sein, auch wenn sie nichts mehr ausrichten können, sie vermeiden und verdrängen nicht,

sondern halten aus. Sie sind im wahrsten Sinn des Wortes sprachlos. Es ist und bleibt für sie

ein Schock, ein absolut sinnloser Tod, der keinen Zusammenhang ergibt. Nichts da von „es

ist vollbracht“, kein bewunderndes, ermutigendes Wort zu Jesus ist aus ihrem Munde zu ver-

30 nehmen: „Bald hast du es geschafft“, „wir staunen, wie konsequent du das durchziehst als

Opfer für uns alle“. Aus dem Mund von Maria und dem Jünger kommt kein einziges Wort,

Sprachlosigkeit pur. – Eltern, die ihr Kind verlieren, ein Vater von 4 Kindern, der seine Frau

durch Brustkrebs verliert, die Nachricht eines tödlichen Verkehrsunfalls einer 22-Jährigen

oder eines Suizides eines guten Freundes, es gibt so viele sinnlose Tode, auch heutzutage.

35 Ich denke, wir können diese Sprachlosigkeit gut nachvollziehen. Mir persönlich ist dieser

Aspekt gerade an Karfreitag wichtig. Christlicher Glaube redet die Realität des Dunkels und

das Gefühl der Leere nicht schön, wenn der Tod in seinen vielen Facetten zuschlägt, für einen

die Welt zusammenbricht, ohne dass es nur im Entferntesten Sinn macht. Alles was bleibt,

ist erstmal Schmerz, Leere, tiefes Vermissen, ein Gefühl der Ohnmacht.

40 Für mich ist es gerade eine Stärke des christlichen Glaubens, dass dieser Aspekt nicht schön-

geredet wird, nicht mit Photoshop korrigiert wird. Ja, es ist so. Zuweilen kann das Leben mit

aller Härte zuschlagen, dass es einem die Sprache verschlägt, weil nichts mehr dafürspricht,

dass es nochmals anders werden kann. Genau darum, meine ich, müssen wir immer wieder

lernen, Gott und Niederlage zusammenzudenken, ein Gedanke, der wohl quer liegt. Gott und

45 Niederlage zusammendenken? Diesem Gedanken müssen wir einen Moment nachgehen, wir

werfen einen zweiten Blick auf unsern Karfreitagstext.

Ich finde es nämlich spannend, wie das Johannesevangelium diese Sprachlosigkeit überwin-

det. Vielleicht in einer Sprache, die uns fremd ist, die aber auch kühn und widerspenstig ist.

Ja, das Johannesevangelium hat den Mut, das Sinnlose, das, was überhaupt nicht aufgeht und

50 zuerst einfach nur unerklärlich ist, umzudeuten. Es überlässt die Deutungshoheit über den

Tod Jesu nicht den Gegnern von Jesus, sondern sucht selbst eine neue Sprache dafür. Und

zwar nach Ostern. Jetzt erscheint Karfreitag in einem ganz anderen Licht. Die ersten Christin-

nen und Christen haben allmählich zu verstehen begonnen, dass das Ganze kein Zufall war,

auch kein Missverständnis, dass dieser Jesus nicht einfach nur der Ausgelieferte, Gefolterte

55 und kaltschnäuzig Eliminierte war, sondern, dass Gott selbst in Jesus in diese Niederlage ge-

gangen ist, um seinen Weg mit uns Menschen durchzuziehen. Gott und Schlamassel zusam-

mendenken, für mich eine zentrale Herausforderung an Karfreitag.

Und stellen Sie sich vor, Jesus hätte bei den Verhören einen Rückzieher gemacht, kurz vor

der Kreuzigung kapituliert… „Okay, okay, ich nehme zurück, was ich gesagt habe, alles ein

60 Missverständnis, ich widerrufe meine Behauptungen und bedauere meine Provokationen…“

Was wäre von Jesus in Erinnerung geblieben? Gäbe es dann den christlichen Glauben? Das

Johannesevangelium hat das begriffen, ja es hatte den Mut, den Tod Jesu radikal umzudenken.

In Jesus von Nazareth, den es betont als den beschreibt, der das Kreuz selber getragen hat,

macht Gott selbst keinen Rückzieher, sondern er zieht seine Liebe durch bis hin zur schein-

65 bar endgültigen Niederlage. Genau aus dieser Glaubensüberlegung setzt das Evangelium das

Kreuz mit der Erhöhung Jesu als Christus gleich. Diese Bereitschaft, für den Menschen in

die Niederlage hineinzugehen, erscheint nun in einem anderen Licht. Das Kreuz ist dann das

große Ja Gottes zu diesem Weg. […]

Um es deutlich zu sagen, ich glaube nicht, dass wir die Glaubenssprache des Johannesevan-

70 geliums telquel¹ für uns übernehmen müssen. Was uns aber vielleicht ansprechen kann, ist

dieser Prozess des Umdeutens, den die ersten Christinnen und Christen mitgemacht haben.

Zuerst ist es ein einziges Fiasko, die Evangelien sind sich da einig, die Jünger sind davonge-

laufen, die Frauen wollten einfach sauber abschließen, den Toten am Grab mit feinem Öl bal-

samieren und dann ernüchtert in ihr altes Leben zurückkehren. Viele von uns kennen doch

75 auch solche Niederlagen, wo’s nur noch weh tut, wir am Grab eines lieben Menschen stehen,

ein Lebensplan durchkreuzt wird, wo kaum mehr was dafürspricht, dass es nochmals gut kom-

men kann. Genau in diese Erfahrung hinein, spricht nun das Johannesevangelium. „Es ist voll-

bracht“. – Und sagt damit: Ja, es ist etwas unwiderruflich vorüber, aber es steht unter einem

ganz anderen Stern. Es ist nur das Vorletzte und nie das Letzte.

80 Mich faszinieren diese beiden Komponenten im Karfreitagsbericht des Johannesevangeliums.

Auf der einen, der menschlichen Seite fehlen die Worte angesichts eines rabenschwarzen

Tages, auf der anderen Seite kommt eine unglaubliche Zuversicht zur Sprache. So weltfremd

und paradox es tönt, in der Niederlage rumort auch Zukunft. Auch wenn du keinen Plan hast,

was diese Zukunft genau beinhalten soll, lass dieses Rumoren der Hoffnung zu. Nicht du

85 musst es krampfhaft suchen, es kommt von außen, rechne mit diesem Gott, der dich in der

Niederlage sehr wohl versteht.

Diese innere Bewegung des Glaubens, dieses abtastende Suchen und Fragen nach dem, was

doch wieder oder neu möglich werden kann, wünsche ich uns allen, immer wieder. Amen.

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang unangetastet und entfernen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne dass sich der Sinn verändert.)

Simon Gebs ist evangelischer Theologe.

¹ telquel: hier: unverändert

Aufgabenstellung

2.

Entfalten Sie unter dem Aspekt des Gottesverständnisses zwei gegensätzliche Deutungen der Auferweckung Jesu vergleichend und bringen Sie diese mit dem Gottesverständnis in Verbindung, das in der Predigt von Simon Gebs zum Ausdruck kommt.

[30 Punkte]

3.

Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand verschiedener Beispiele, inwiefern der christliche Glaube in Lebenskrisen Zuversicht stiften kann, und nehmen Sie dazu begründet Stellung.

[26 Punkte]

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1: Texterschließung · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Antje Schrupp

Ab in die Hölle mit euch

Wie christlich ist Deutschland? Nicht sehr, könnte man meinen. Die Kirchen haben erheblich

an Einfluss verloren. Nur noch gut die Hälfte der Bevölkerung ist evangelisch oder römisch-

katholisch, und bis 2060 wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder noch einmal halbieren.

Der Bezug auf Gott ist aus vielen öffentlichen Debatten schon lange verschwunden.

5 Aber nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria in Griechenland wurde die C-Frage 1 wieder

mit erstaunlicher Vehemenz gestellt. Und es war eine überwiegend säkulare Öffentlichkeit,

die jene Parteien, die sich in ihrem Namen zum Christentum bekennen, daran erinnerte, dass

es für gläubige Christen und Christinnen ein Ding der Unmöglichkeit ist, den Menschen in

Moria nicht zu helfen. Offensichtlich kennen sie die Bibel besser als Horst Seehofer und Co

10 oder haben zumindest ein besseres Gespür dafür, welche der zentralen Stellen des Neuen

Testaments ausschlaggebend für das sind, was heute gern als christliche Tradition subsum-

miert wird.

Wie im Matthäus-Evangelium, Kapitel 25 2, nachzulesen ist, teilt der wiedergekehrte Christus

beim Jüngsten Gericht die Menschen ein in die Gerechten und die Ungerechten. Letztere sind

15 empört. Warum, fragen sie, hältst du uns für ungerecht? Die Antwort: „Ich war hungrig, und

ihr gabt mir nicht zu essen. Ich war durstig, und ihr gabt mir kein Wasser. Ich war fremd, und

ihr nahmt mich nicht auf. Ich war nackt, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich war krank und

im Gefängnis, und ihr habt euch nicht um mich gekümmert.“ Aber das stimmt doch gar nicht,

protestieren die Leute, wann hätten wir dich jemals hungrig oder durstig oder fremd oder nackt

20 oder krank oder gefangen gesehen und nicht versorgt? Die Antwort: „Alles, was ihr für eine

oder einen von diesen Geringsten nicht getan habt, habt ihr auch für mich nicht getan.“

Also ab in die Hölle mit euch. Oder weiter im Originaltext: „Geht weg von mir, ihr seid ver-

flucht! Geht in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel vorbereitet ist!“ Doch,

so streng.

25 Tatsächlich lässt sich die Frage, wie christlich Deutschland ist, nicht mit einem Hinweis auf

Mitgliedszahlen oder Kirchensteueraufkommen beantworten. Denn diese Zahlen sagen nichts

darüber aus, ob und wie tief christliche Ideen und Vorstellungen in der Gesellschaft verankert

sind. Das Christentum hat Europa so lange dominiert, über Jahrhunderte, dass es kaum kultu-

relle Normen gibt, die nicht davon beeinflusst sind. Das Prinzip einer strikten Trennung von

30 Staat und Kirche etwa lässt sich als moderne Version der Zwei-Reiche-Lehre verstehen, in

der das Reich Gottes eben nicht identisch ist mit weltlicher Herrschaft. Oder die Hartnäckig-

keit, mit der Menschen am Ideal der monogamen Liebesehe festhalten; sie ist nur als Fortwir-

kung eines christlichen Eheideals zu verstehen, das die Säkularisierung ganz prima überstan-

den hat. Auf der anderen Seite glauben auch viele Kirchenmitglieder heute nicht mehr an die

35 Auferstehung von den Toten und geben sich, wie alle anderen, in Bezug auf die Entstehung

der Welt mit dem Urknall zufrieden. Und vor der Hölle hat heute auch kaum jemand mehr

Angst.

Dagegen (oder auch: damit) wächst die Uneinigkeit über die Vorstellung von Nächsten- und

Feindesliebe. Wer sich für die Frage nach der Zukunft des Christentums interessiert, sollte

40 deshalb die Debatten über den Umgang mit Geflüchteten verfolgen. Es geht dabei, wohlge-

merkt, nicht um die Frage, ob man anderen Menschen helfen soll, wenn sie in Not sind. Das

soll man natürlich, aber diese Erkenntnis hat nichts spezifisch Christliches, es gibt sie in allen

ernstzunehmenden Religionen und humanistisch geprägten Weltanschauungen. Man braucht

keine christlichen Werte, um zu wissen, dass man in Moria helfen muss.

45 Die Besonderheit einer genuin christlichen Position liegt vielmehr darin, diese Aufforderung,

anderen zu helfen, als bedingungslos zu setzen. Als Christinnen und Christen müssen wir

nicht viele Menschen retten, oder solche, die in besonders schrecklichem Elend sind, sondern

alle – sofern es uns irgend möglich ist. Die in der Geschichte vom Jüngsten Gericht als unge-

recht Abgeurteilten waren ja keine bösen Menschen. Auch sie haben anderen geholfen – viel-

50 leicht hätten sie sogar deutlich mehr als 1.500 Menschen aus Moria nach Deutschland geholt.

Aber sie haben eben nicht jederzeit allen Bedürftigen geholfen – und das reicht schon für die

Hölle, jedenfalls laut Matthäus.

Nicht ohne Grund erschien das frühe Christentum, wie Paulus schreibt, „den Heiden eine

Torheit“. Christliche Ethik ist nicht einfach eine religiös formulierte Version allgemein ver-

55 nünftiger moralischer Leitsätze. Sondern sie enthält Setzungen, die durchaus auch unter ethi-

schen Gesichtspunkten diskutabel sind. Dass wir zurzeit das Ende der selbstverständlichen

christlichen Hegemonie 3 miterleben, ist eine gute Chance, diese Diskussionen endlich einmal

offen zu führen: Glauben wir, dass jedes menschliche Leben einen unbedingten Wert an sich

hat, ganz unabhängig von den Umständen und von der gesellschaftlichen Nützlichkeit, Ver-

60 wertbarkeit, Funktionalität? Liebt Gott tatsächlich jeden Menschen? Wirklich jeden? Sogar

Hitler? Bringen Sie diese Frage auf, wenn Sie mal eine Party sprengen möchten. […]

[Die] wachsende Offenheit dafür, den Wert des Lebens mit pragmatischen Argumenten zu

relativieren, lässt sich nicht mit Rassismus erklären, also der Unterscheidung zwischen „denen“

und „uns“, auch wenn das in der Flüchtlingspolitik eine große Rolle spielt. In der Corona-

65 Krise ist deutlich geworden, dass die realpolitisch-pragmatische Haltung inzwischen auch

dann weit verbreitet ist, wenn unter den Opfern viele von „uns“ sind: Welcher Preis für wie

viel verhinderte Tode angemessen und verkraftbar wäre, wurde, übrigens auch von Theo-

log*innen, offen diskutiert, und kaum jemand hielt das für einen Skandal.

Und vielleicht ist es ja auch wirklich vernünftig, Menschenleben gegen Nützlichkeit abzu-

70 wägen. Aber die traditionelle christliche Position antwortet hier eben mit „Nein“. Deshalb

war das Seenot-Rettungsschiff, das die evangelische Kirche in Deutschland zusammen mit

dem Bündnis United4Rescue gekauft und ins Mittelmeer geschickt hat, die vielleicht stärkste

missionarische Handlung seit Jahrzehnten: Es transportiert nicht nur aus Seenot gerettete Men-

schen, sondern genau diese Botschaft, die so einfach ist wie die Worte, die Pfarrerin Sandra

75 Bils beim Abschlussgottesdienst des Kirchentages voriges Jahr ins Mikrofon gesprochen hat:

Man lässt keine Menschen ertrinken, Punkt.

Das „Punkt“ steht für die christliche Zuspitzung einer allgemein humanistischen Maxime:

Unter gar keinen Umständen. Also wirklich unter überhaupt gar keinen Umständen.

Stirbt das Christentum in Europa? Das wird sich unter anderem an der Frage entscheiden, wie

80 wir zu diesem „Punkt“ stehen. Ob wir ihn weiterhin setzen wollen – wenn es uns auch in der

Realität nicht immer gelingen mag, so doch zumindest als Ideal, als ethische Forderung –

oder ob wir ihn, wie die vernünftigen, pragmatischen, rationalen Heiden, weglassen. Diese

Grenze verläuft nicht zwischen denen, die christliche Traditionen verteidigen, und jenen, die

sie bekämpfen. Sie verläuft auch nicht zwischen denen, die sich als christlich verstehen, und

85 jenen, die es nicht tun. Sie verläuft vermutlich überhaupt nicht als klare Grenze, sondern

mäandert 4 durch politische und gesellschaftliche Debatten, ohne dass sie von den Beteiligten

selbst erkannt würde. Und darauf kommt es auch gar nicht an. Es sind ja sowieso häufig die

vermeintlich „Ungläubigen“, die viel besser wissen, was zu tun ist – auch das steht schon in

der Bibel, im Gleichnis vom barmherzigen Samariter 5.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage.)

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin.

1 C-Frage: Frage nach dem christlichen Profil der Parteien, die das „christlich“ in ihrem Namen führen (CDU/CSU)

2 vgl. Mt 25,40ff.

3 Hegemonie: Vormachtstellung, Vorherrschaft, faktische Überlegenheit

4 mäandern: in Windungen und Schleifen verlaufen

5 vgl. Lk 10,29–37

1. Stellen Sie das Thema sowie den Gedankengang des Textes von Antje Schrupp dar und arbeiten Sie heraus, wie darin die gesellschaftliche Verantwortung von Christinnen und Christen verstanden wird. [24 Punkte]

Aufgabe 3 - Teilaufgaben 2 und 3: Apokalyptik und… · Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht

Antje Schrupp

Ab in die Hölle mit euch

Wie christlich ist Deutschland? Nicht sehr, könnte man meinen. Die Kirchen haben erheblich

an Einfluss verloren. Nur noch gut die Hälfte der Bevölkerung ist evangelisch oder römisch-

katholisch, und bis 2060 wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder noch einmal halbieren.

Der Bezug auf Gott ist aus vielen öffentlichen Debatten schon lange verschwunden.

5 Aber nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria in Griechenland wurde die C-Frage 1 wieder

mit erstaunlicher Vehemenz gestellt. Und es war eine überwiegend säkulare Öffentlichkeit,

die jene Parteien, die sich in ihrem Namen zum Christentum bekennen, daran erinnerte, dass

es für gläubige Christen und Christinnen ein Ding der Unmöglichkeit ist, den Menschen in

Moria nicht zu helfen. Offensichtlich kennen sie die Bibel besser als Horst Seehofer und Co

10 oder haben zumindest ein besseres Gespür dafür, welche der zentralen Stellen des Neuen

Testaments ausschlaggebend für das sind, was heute gern als christliche Tradition subsum-

miert wird.

Wie im Matthäus-Evangelium, Kapitel 25 2, nachzulesen ist, teilt der wiedergekehrte Christus

beim Jüngsten Gericht die Menschen ein in die Gerechten und die Ungerechten. Letztere sind

15 empört. Warum, fragen sie, hältst du uns für ungerecht? Die Antwort: „Ich war hungrig, und

ihr gabt mir nicht zu essen. Ich war durstig, und ihr gabt mir kein Wasser. Ich war fremd, und

ihr nahmt mich nicht auf. Ich war nackt, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich war krank und

im Gefängnis, und ihr habt euch nicht um mich gekümmert.“ Aber das stimmt doch gar nicht,

protestieren die Leute, wann hätten wir dich jemals hungrig oder durstig oder fremd oder nackt

20 oder krank oder gefangen gesehen und nicht versorgt? Die Antwort: „Alles, was ihr für eine

oder einen von diesen Geringsten nicht getan habt, habt ihr auch für mich nicht getan.“

Also ab in die Hölle mit euch. Oder weiter im Originaltext: „Geht weg von mir, ihr seid ver-

flucht! Geht in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel vorbereitet ist!“ Doch,

so streng.

25 Tatsächlich lässt sich die Frage, wie christlich Deutschland ist, nicht mit einem Hinweis auf

Mitgliedszahlen oder Kirchensteueraufkommen beantworten. Denn diese Zahlen sagen nichts

darüber aus, ob und wie tief christliche Ideen und Vorstellungen in der Gesellschaft verankert

sind. Das Christentum hat Europa so lange dominiert, über Jahrhunderte, dass es kaum kultu-

relle Normen gibt, die nicht davon beeinflusst sind. Das Prinzip einer strikten Trennung von

30 Staat und Kirche etwa lässt sich als moderne Version der Zwei-Reiche-Lehre verstehen, in

der das Reich Gottes eben nicht identisch ist mit weltlicher Herrschaft. Oder die Hartnäckig-

keit, mit der Menschen am Ideal der monogamen Liebesehe festhalten; sie ist nur als Fortwir-

kung eines christlichen Eheideals zu verstehen, das die Säkularisierung ganz prima überstan-

den hat. Auf der anderen Seite glauben auch viele Kirchenmitglieder heute nicht mehr an die

35 Auferstehung von den Toten und geben sich, wie alle anderen, in Bezug auf die Entstehung

der Welt mit dem Urknall zufrieden. Und vor der Hölle hat heute auch kaum jemand mehr

Angst.

Dagegen (oder auch: damit) wächst die Uneinigkeit über die Vorstellung von Nächsten- und

Feindesliebe. Wer sich für die Frage nach der Zukunft des Christentums interessiert, sollte

40 deshalb die Debatten über den Umgang mit Geflüchteten verfolgen. Es geht dabei, wohlge-

merkt, nicht um die Frage, ob man anderen Menschen helfen soll, wenn sie in Not sind. Das

soll man natürlich, aber diese Erkenntnis hat nichts spezifisch Christliches, es gibt sie in allen

ernstzunehmenden Religionen und humanistisch geprägten Weltanschauungen. Man braucht

keine christlichen Werte, um zu wissen, dass man in Moria helfen muss.

45 Die Besonderheit einer genuin christlichen Position liegt vielmehr darin, diese Aufforderung,

anderen zu helfen, als bedingungslos zu setzen. Als Christinnen und Christen müssen wir

nicht viele Menschen retten, oder solche, die in besonders schrecklichem Elend sind, sondern

alle – sofern es uns irgend möglich ist. Die in der Geschichte vom Jüngsten Gericht als unge-

recht Abgeurteilten waren ja keine bösen Menschen. Auch sie haben anderen geholfen – viel-

50 leicht hätten sie sogar deutlich mehr als 1.500 Menschen aus Moria nach Deutschland geholt.

Aber sie haben eben nicht jederzeit allen Bedürftigen geholfen – und das reicht schon für die

Hölle, jedenfalls laut Matthäus.

Nicht ohne Grund erschien das frühe Christentum, wie Paulus schreibt, „den Heiden eine

Torheit“. Christliche Ethik ist nicht einfach eine religiös formulierte Version allgemein ver-

55 nünftiger moralischer Leitsätze. Sondern sie enthält Setzungen, die durchaus auch unter ethi-

schen Gesichtspunkten diskutabel sind. Dass wir zurzeit das Ende der selbstverständlichen

christlichen Hegemonie 3 miterleben, ist eine gute Chance, diese Diskussionen endlich einmal

offen zu führen: Glauben wir, dass jedes menschliche Leben einen unbedingten Wert an sich

hat, ganz unabhängig von den Umständen und von der gesellschaftlichen Nützlichkeit, Ver-

60 wertbarkeit, Funktionalität? Liebt Gott tatsächlich jeden Menschen? Wirklich jeden? Sogar

Hitler? Bringen Sie diese Frage auf, wenn Sie mal eine Party sprengen möchten. […]

[Die] wachsende Offenheit dafür, den Wert des Lebens mit pragmatischen Argumenten zu

relativieren, lässt sich nicht mit Rassismus erklären, also der Unterscheidung zwischen „denen“

und „uns“, auch wenn das in der Flüchtlingspolitik eine große Rolle spielt. In der Corona-

65 Krise ist deutlich geworden, dass die realpolitisch-pragmatische Haltung inzwischen auch

dann weit verbreitet ist, wenn unter den Opfern viele von „uns“ sind: Welcher Preis für wie

viel verhinderte Tode angemessen und verkraftbar wäre, wurde, übrigens auch von Theo-

log*innen, offen diskutiert, und kaum jemand hielt das für einen Skandal.

Und vielleicht ist es ja auch wirklich vernünftig, Menschenleben gegen Nützlichkeit abzu-

70 wägen. Aber die traditionelle christliche Position antwortet hier eben mit „Nein“. Deshalb

war das Seenot-Rettungsschiff, das die evangelische Kirche in Deutschland zusammen mit

dem Bündnis United4Rescue gekauft und ins Mittelmeer geschickt hat, die vielleicht stärkste

missionarische Handlung seit Jahrzehnten: Es transportiert nicht nur aus Seenot gerettete Men-

schen, sondern genau diese Botschaft, die so einfach ist wie die Worte, die Pfarrerin Sandra

75 Bils beim Abschlussgottesdienst des Kirchentages voriges Jahr ins Mikrofon gesprochen hat:

Man lässt keine Menschen ertrinken, Punkt.

Das „Punkt“ steht für die christliche Zuspitzung einer allgemein humanistischen Maxime:

Unter gar keinen Umständen. Also wirklich unter überhaupt gar keinen Umständen.

Stirbt das Christentum in Europa? Das wird sich unter anderem an der Frage entscheiden, wie

80 wir zu diesem „Punkt“ stehen. Ob wir ihn weiterhin setzen wollen – wenn es uns auch in der

Realität nicht immer gelingen mag, so doch zumindest als Ideal, als ethische Forderung –

oder ob wir ihn, wie die vernünftigen, pragmatischen, rationalen Heiden, weglassen. Diese

Grenze verläuft nicht zwischen denen, die christliche Traditionen verteidigen, und jenen, die

sie bekämpfen. Sie verläuft auch nicht zwischen denen, die sich als christlich verstehen, und

85 jenen, die es nicht tun. Sie verläuft vermutlich überhaupt nicht als klare Grenze, sondern

mäandert 4 durch politische und gesellschaftliche Debatten, ohne dass sie von den Beteiligten

selbst erkannt würde. Und darauf kommt es auch gar nicht an. Es sind ja sowieso häufig die

vermeintlich „Ungläubigen“, die viel besser wissen, was zu tun ist – auch das steht schon in

der Bibel, im Gleichnis vom barmherzigen Samariter 5.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage.)

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin.

1 C-Frage: Frage nach dem christlichen Profil der Parteien, die das „christlich“ in ihrem Namen führen (CDU/CSU)

2 vgl. Mt 25,40ff.

3 Hegemonie: Vormachtstellung, Vorherrschaft, faktische Überlegenheit

4 mäandern: in Windungen und Schleifen verlaufen

5 vgl. Lk 10,29–37

2.

Entfalten Sie, welche christlichen Bilder von Angst und Hoffnung im Zusammenhang apokalyptischen Denkens auch in der Gegenwartskultur begegnen, und bringen Sie diese in Beziehung zu der im Text von Antje Schrupp enthaltenen Auffassung von gesellschaftlicher Verantwortung der Christinnen und Christen. [30 Punkte]

3.

Setzen Sie sich mit der Position auseinander, die Antje Schrupp in ihrem Text vertritt, und erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, inwiefern der Glaube an Gottes Gericht dazu motivieren kann, sich für Menschen in Not einzusetzen. [26 Punkte]

Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1: Texterschließung · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Infolge einer Abstimmung beim Dortmunder Kirchentag 2019 entschieden sich die Evangelische Kirche in Deutschland, mehrere Landeskirchen und etliche Kirchengemeinden dazu, ein Rettungsschiff für das Mittelmeer zu finanzieren und dessen Einsatz zu unterstützen. Mit der Seenotrettung von Migrantinnen und Migranten im Mittelmeer befassen sich die Autoren in einem Beitrag (M 1) sowie in einem Leserbrief (M 2), der darauf antwortet.

M 1

Ulrich Eckert

„Du sollst nicht ertrinken lassen!“

Das kontinuierliche Sterben im Mittelmeer rückte in Mitteleuropa erst wieder ins öffentliche

Bewusstsein, als 2013 ein Schiff mit Hunderten Flüchtlingen bei Lampedusa sank. [...]

Die Menschenrechte (noch nicht einmal Bürgerrechte) dieser Menschen werden nicht irgend-

wo, sondern vor der Haustür und in den Gewässern der EU (inkl. Deutschland) respektiert

5 oder eben nicht. [...]

Die Notwendigkeit konkreter Seenotrettung bleibt bestehen. Die Mitwirkung hierbei ist ge-

nauso menschenfördernd, nachhaltig und verantwortlich wie jene bei der Erarbeitung und

Umsetzung von Strategien zur nachhaltigen Bekämpfung von Flucht-, Armuts- und Unrechts-

gründen in den Herkunftsländern der Flüchtenden und Migrierenden. [...]

10 In der Diskussion geht es nicht nur darum, wie sich Kirche in einer demokratischen Grund-

ordnung (Deutschland, EU etc.) sinnvoll, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit fördernd und ver-

antwortungsvoll einbringen kann angesichts des auch todbringenden Flucht- und Migrations-

geschehens zwischen Afrika und Europa. Sondern es wird bestritten, dass der Kirche ein sol-

ches Engagement überhaupt zustünde im Rahmen einer recht verstandenen „Zwei-Reiche-

15 Lehre“.

Ich bin überzeugt: Aktive Beteiligung – auch der Kirche als Organisation – an Seenotret-

tung ist ein situationsorientierter, verantwortungsvoller Versuch sinnvollen Handelns

im Vorläufigen. Kirche gönnt der Welt ein Zeugnis ihres Vertrauens auf Gott, wenn sie be-

wusst aus dem vom Glauben geprägten Gewissen heraus handelt und dabei Verantwortung

20 und Schuld übernimmt.

Im Folgenden möchte ich meine Meinung begründen.

1. Kirche, auch protestantische Kirche in lutherischer Tradition, hat einen öffentlichen

Auftrag, gerade in Anlehnung an die wichtige Denkfigur der „Zwei-Regimenten-Lehre“

[...].

25 Wesentlich ist, dass einzelne Christenmenschen, aber auch die Kirche innerhalb ihrer Gesell-

schaft zu aktivem Zeugnis des Evangeliums aufgerufen sind. Luther betont in der „Freiheits-

schrift“ 1, dass ein Christenmensch angesichts des Unrechts, das andere erleiden, in Wort und

Tat zu agieren hat, inkl. eventueller Konsequenzen für Leib und Leben. Somit hat er auch der

ebenfalls durch Gott autorisierten weltlichen Macht ggf. Widerstand zu leisten, wenn diese

30 ihrer Aufgabe nicht nachkommt, Böses zu ahnden oder im Zaum zu halten. Dies gilt m. E.

auch für die Kirche.

Auf Seenotrettung im Kontext der EU angewandt: wenn staatliche Stellen die Rettung von

wie auch immer in Seenot geratenen Menschen nicht durchführen, kann es nötig werden,

selbst aktiv zu werden, damit Menschen nicht untergehen. Hierzu hat sich die EKD mit ande-

35 ren Organisationen und Städten verbündet. [...]

2. [...] Kirchen in Deutschland haben einen Beitrag dafür zu leisten, dass die politisch kom-

petenten Instanzen ihre Mitverantwortung für menschenwürdige Lebensverhältnisse und für

die Ausbreitung von gerechten, angemessenen Lebens-, Wirtschafts- und Entwicklungsmög-

lichkeiten wahrnehmen. Dies gilt für die Menschen, die in Deutschland leben, aber eben nicht

40 nur. Dieser weltweite Advocacy-Gedanke 2 wurde durch die ökumenische Bewegung in Ver-

bindung mit dem „politischen Wächteramt“ der Kirche bzw. mit „politischer Diakonie“ eta-

bliert. Kirche ist gefordert, aus dem im Glauben gestärkten Gewissen heraus konkret an der

Seite Benachteiligter „Kirche für andere“ zu sein. Indem sie sich einbringt, tritt sie situations-

bezogen, nachhaltig und verantwortlich für konkrete Menschen und deren Nachkommen ein,

45 auch für Flüchtlinge (auch in Seenot) – im Bewusstsein, sich die Finger schmutzig zu machen

und Fehler zu begehen. [...]

3. [...] Ich finde es auch bedenklich, dass in der Flüchtlingsthematik immer wieder der Rekurs

auf Mk. 12,29–31 und auf Mt. 7,12 bei der Erarbeitung von Strategien von Deeskalation,

von Rettung Gefährdeter oder von einseitigem Machtverzicht als gesinnungsethisches Gutbür-

50 gerverhalten ohne Nachhaltigkeit und Verantwortung bezeichnet wird. Freilich muss gerade

Kirche beachten, dass „gut gemeint nicht gut gehandelt“ ist, wenn sie im Glauben an die gott-

gegebene Würde aller Menschen eine an Menschenrechten orientierte politische Verantwor-

tungsübernahme fordert. In „lutherischer“ Sprache: Die allein aus Gnade von Gott geschenkte

Rechtfertigung der Sünder/innen einerseits und das Engagement für ein Zusammenleben in

55 Recht und v. a. Gerechtigkeit andererseits gehören zusammen. Ich bin überzeugt: Die christli-

che Grundorientierung und -zielrichtung der „radikalen Liebe“ Gottes und das daraus ermög-

lichte radikale Lieben der vom Glauben an Jesus Christus getragenen Menschen drängt gera-

dezu zu einer kritisch-proaktiven, nachhaltigen Übernahme von Verantwortung. [...]

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang unangetastet und entfernen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne dass sich der Sinn verändert.)

Ulrich Eckert ist evangelischer Theologe.

1 Martin Luther, „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520)

2 advocacy: hier: der christliche Einsatz für andere Menschen

M 2

Matthias Dreher

Ein Christ kann ertrinken lassen

Die kategorische Behauptung „Man kann doch als Christ niemanden ertrinken lassen!“ fun-

giert in der ethischen Frage nach privater bzw. kirchlicher Seenotrettung immer öfter als depri-

mierend unterkomplexes 1 Totschlag-Argument. Zu einer schwierigen, dilemmatischen 2 Frage

der Ethik wird eine Anschauung von großer emotionaler Plausibilität hinzugesetzt, um nur

5 eine Antwort als möglich und christlich zu evozieren 3 – ein übliches populistisches Verfah-

ren. Da steht also ein Christenmensch an der Reling eines Schiffes und sieht vor sich unten

im Wasser Menschen schreien und strampeln. Ohne Hilfe müssten sie alsbald untergehen und

ertrinken. Kann sich der Christenmensch – in Erinnerung an den barmherzigen Samariter –

dieser Hilfe entziehen? Klare Antwort: Nein! (Auch für mich gälte dies übrigens, wenn es zu

10 jener Situation käme.) Damit aber ist das Problem keineswegs gelöst, es fängt vielmehr erst

an. [...]

Diese Menschen verfolgen ihren Wunsch nach einem besseren Leben. Das gibt ihnen aber

weder das Recht, diesen Wunsch erfüllt zu bekommen, noch verpflichtet es uns ethisch zu

entsprechender Erfüllungshilfe – erst recht nicht jenseits deutscher Hoheitsgebiete zu Was-

15 ser und zu Land. Selbstverständlich ist es unsere christliche Aufgabe, auf das Ertrinken im

Mittelmeer mahnend und dezimierend einzuwirken, aber kirchlich angemessen. [...] Wer

spricht endlich von entsprechend vernehmbarer Stelle aus nicht nur die afrikanischen Macht-

haber, sondern auch die Migranten an: „Ihr migrationswilligen Afrikaner! Wenn ihr nach

Europa wollt, strengt ein legales Asylverfahren an, statt euer Leben und das eurer Familie

20 aufs Spiel zu setzen! Das Risiko einer Boots-Überfahrt ist zu hoch. Dass ihr weniger Mittel

und Chancen habt als wir in Europa, entbindet euch nicht der Verantwortung für euer Leben!“

Im Zuge der Zwei-Reiche-Lehre, die operative Struktur-Politik dem Staat überlässt, kann ein

Christenmensch, soweit er nicht wie der Samariter einen Sterbenden vor sich sieht, Verant-

wortung vernachlässigende Migranten ertrinken lassen. Das ist nicht zynisch, sondern traurig

25 und ärgerlich und kontinuierlich systemisch zu verringern, aber es ist eben auch ein Kennzei-

chen der gefallenen Welt. Nur wer den Bau des Reiches Gottes nicht Gott überlassen kann,

sondern es selbst bewerkstelligen muss, wird weiter unverantwortlich mit Rettungsschiffen

mehr Migranten aufs Wasser ziehen.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Matthias Dreher ist evangelischer Theologe.

1 unterkomplex: hier: vereinfachend

2 dilemmatisch: ein Dilemma betreffend

3 evozieren: hier: behaupten

1. Stellen Sie die zentralen Gedanken der Textauszüge von Ulrich Eckert und Matthias Dreher dar und arbeiten Sie heraus, wie in beiden Texten jeweils das Verhältnis von Kirche und Staat verstanden wird. [26 Punkte]

Aufgabe 4 - Teilaufgaben 2 und 3: Kirche und Poli… · Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre

Infolge einer Abstimmung beim Dortmunder Kirchentag 2019 entschieden sich die Evangelische Kirche in Deutschland, mehrere Landeskirchen und etliche Kirchengemeinden dazu, ein Rettungsschiff für das Mittelmeer zu finanzieren und dessen Einsatz zu unterstützen. Mit der Seenotrettung von Migrantinnen und Migranten im Mittelmeer befassen sich die Autoren in einem Beitrag (M 1) sowie in einem Leserbrief (M 2), der darauf antwortet.

M 1

Ulrich Eckert

„Du sollst nicht ertrinken lassen!“

Das kontinuierliche Sterben im Mittelmeer rückte in Mitteleuropa erst wieder ins öffentliche

Bewusstsein, als 2013 ein Schiff mit Hunderten Flüchtlingen bei Lampedusa sank. [...]

Die Menschenrechte (noch nicht einmal Bürgerrechte) dieser Menschen werden nicht irgend-

wo, sondern vor der Haustür und in den Gewässern der EU (inkl. Deutschland) respektiert

5 oder eben nicht. [...]

Die Notwendigkeit konkreter Seenotrettung bleibt bestehen. Die Mitwirkung hierbei ist ge-

nauso menschenfördernd, nachhaltig und verantwortlich wie jene bei der Erarbeitung und

Umsetzung von Strategien zur nachhaltigen Bekämpfung von Flucht-, Armuts- und Unrechts-

gründen in den Herkunftsländern der Flüchtenden und Migrierenden. [...]

10 In der Diskussion geht es nicht nur darum, wie sich Kirche in einer demokratischen Grund-

ordnung (Deutschland, EU etc.) sinnvoll, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit fördernd und ver-

antwortungsvoll einbringen kann angesichts des auch todbringenden Flucht- und Migrations-

geschehens zwischen Afrika und Europa. Sondern es wird bestritten, dass der Kirche ein sol-

ches Engagement überhaupt zustünde im Rahmen einer recht verstandenen „Zwei-Reiche-

15 Lehre“.

Ich bin überzeugt: Aktive Beteiligung – auch der Kirche als Organisation – an Seenotret-

tung ist ein situationsorientierter, verantwortungsvoller Versuch sinnvollen Handelns

im Vorläufigen. Kirche gönnt der Welt ein Zeugnis ihres Vertrauens auf Gott, wenn sie be-

wusst aus dem vom Glauben geprägten Gewissen heraus handelt und dabei Verantwortung

20 und Schuld übernimmt.

Im Folgenden möchte ich meine Meinung begründen.

1. Kirche, auch protestantische Kirche in lutherischer Tradition, hat einen öffentlichen

Auftrag, gerade in Anlehnung an die wichtige Denkfigur der „Zwei-Regimenten-Lehre“

[...].

25 Wesentlich ist, dass einzelne Christenmenschen, aber auch die Kirche innerhalb ihrer Gesell-

schaft zu aktivem Zeugnis des Evangeliums aufgerufen sind. Luther betont in der „Freiheits-

schrift“ 1, dass ein Christenmensch angesichts des Unrechts, das andere erleiden, in Wort und

Tat zu agieren hat, inkl. eventueller Konsequenzen für Leib und Leben. Somit hat er auch der

ebenfalls durch Gott autorisierten weltlichen Macht ggf. Widerstand zu leisten, wenn diese

30 ihrer Aufgabe nicht nachkommt, Böses zu ahnden oder im Zaum zu halten. Dies gilt m. E.

auch für die Kirche.

Auf Seenotrettung im Kontext der EU angewandt: wenn staatliche Stellen die Rettung von

wie auch immer in Seenot geratenen Menschen nicht durchführen, kann es nötig werden,

selbst aktiv zu werden, damit Menschen nicht untergehen. Hierzu hat sich die EKD mit ande-

35 ren Organisationen und Städten verbündet. [...]

2. [...] Kirchen in Deutschland haben einen Beitrag dafür zu leisten, dass die politisch kom-

petenten Instanzen ihre Mitverantwortung für menschenwürdige Lebensverhältnisse und für

die Ausbreitung von gerechten, angemessenen Lebens-, Wirtschafts- und Entwicklungsmög-

lichkeiten wahrnehmen. Dies gilt für die Menschen, die in Deutschland leben, aber eben nicht

40 nur. Dieser weltweite Advocacy-Gedanke 2 wurde durch die ökumenische Bewegung in Ver-

bindung mit dem „politischen Wächteramt“ der Kirche bzw. mit „politischer Diakonie“ eta-

bliert. Kirche ist gefordert, aus dem im Glauben gestärkten Gewissen heraus konkret an der

Seite Benachteiligter „Kirche für andere“ zu sein. Indem sie sich einbringt, tritt sie situations-

bezogen, nachhaltig und verantwortlich für konkrete Menschen und deren Nachkommen ein,

45 auch für Flüchtlinge (auch in Seenot) – im Bewusstsein, sich die Finger schmutzig zu machen

und Fehler zu begehen. [...]

3. [...] Ich finde es auch bedenklich, dass in der Flüchtlingsthematik immer wieder der Rekurs

auf Mk. 12,29–31 und auf Mt. 7,12 bei der Erarbeitung von Strategien von Deeskalation,

von Rettung Gefährdeter oder von einseitigem Machtverzicht als gesinnungsethisches Gutbür-

50 gerverhalten ohne Nachhaltigkeit und Verantwortung bezeichnet wird. Freilich muss gerade

Kirche beachten, dass „gut gemeint nicht gut gehandelt“ ist, wenn sie im Glauben an die gott-

gegebene Würde aller Menschen eine an Menschenrechten orientierte politische Verantwor-

tungsübernahme fordert. In „lutherischer“ Sprache: Die allein aus Gnade von Gott geschenkte

Rechtfertigung der Sünder/innen einerseits und das Engagement für ein Zusammenleben in

55 Recht und v. a. Gerechtigkeit andererseits gehören zusammen. Ich bin überzeugt: Die christli-

che Grundorientierung und -zielrichtung der „radikalen Liebe“ Gottes und das daraus ermög-

lichte radikale Lieben der vom Glauben an Jesus Christus getragenen Menschen drängt gera-

dezu zu einer kritisch-proaktiven, nachhaltigen Übernahme von Verantwortung. [...]

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang unangetastet und entfernen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne dass sich der Sinn verändert.)

Ulrich Eckert ist evangelischer Theologe.

1 Martin Luther, „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520)

2 advocacy: hier: der christliche Einsatz für andere Menschen

M 2

Matthias Dreher

Ein Christ kann ertrinken lassen

Die kategorische Behauptung „Man kann doch als Christ niemanden ertrinken lassen!“ fun-

giert in der ethischen Frage nach privater bzw. kirchlicher Seenotrettung immer öfter als depri-

mierend unterkomplexes 1 Totschlag-Argument. Zu einer schwierigen, dilemmatischen 2 Frage

der Ethik wird eine Anschauung von großer emotionaler Plausibilität hinzugesetzt, um nur

5 eine Antwort als möglich und christlich zu evozieren 3 – ein übliches populistisches Verfah-

ren. Da steht also ein Christenmensch an der Reling eines Schiffes und sieht vor sich unten

im Wasser Menschen schreien und strampeln. Ohne Hilfe müssten sie alsbald untergehen und

ertrinken. Kann sich der Christenmensch – in Erinnerung an den barmherzigen Samariter –

dieser Hilfe entziehen? Klare Antwort: Nein! (Auch für mich gälte dies übrigens, wenn es zu

10 jener Situation käme.) Damit aber ist das Problem keineswegs gelöst, es fängt vielmehr erst

an. [...]

Diese Menschen verfolgen ihren Wunsch nach einem besseren Leben. Das gibt ihnen aber

weder das Recht, diesen Wunsch erfüllt zu bekommen, noch verpflichtet es uns ethisch zu

entsprechender Erfüllungshilfe – erst recht nicht jenseits deutscher Hoheitsgebiete zu Was-

15 ser und zu Land. Selbstverständlich ist es unsere christliche Aufgabe, auf das Ertrinken im

Mittelmeer mahnend und dezimierend einzuwirken, aber kirchlich angemessen. [...] Wer

spricht endlich von entsprechend vernehmbarer Stelle aus nicht nur die afrikanischen Macht-

haber, sondern auch die Migranten an: „Ihr migrationswilligen Afrikaner! Wenn ihr nach

Europa wollt, strengt ein legales Asylverfahren an, statt euer Leben und das eurer Familie

20 aufs Spiel zu setzen! Das Risiko einer Boots-Überfahrt ist zu hoch. Dass ihr weniger Mittel

und Chancen habt als wir in Europa, entbindet euch nicht der Verantwortung für euer Leben!“

Im Zuge der Zwei-Reiche-Lehre, die operative Struktur-Politik dem Staat überlässt, kann ein

Christenmensch, soweit er nicht wie der Samariter einen Sterbenden vor sich sieht, Verant-

wortung vernachlässigende Migranten ertrinken lassen. Das ist nicht zynisch, sondern traurig

25 und ärgerlich und kontinuierlich systemisch zu verringern, aber es ist eben auch ein Kennzei-

chen der gefallenen Welt. Nur wer den Bau des Reiches Gottes nicht Gott überlassen kann,

sondern es selbst bewerkstelligen muss, wird weiter unverantwortlich mit Rettungsschiffen

mehr Migranten aufs Wasser ziehen.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Matthias Dreher ist evangelischer Theologe.

1 unterkomplex: hier: vereinfachend

2 dilemmatisch: ein Dilemma betreffend

3 evozieren: hier: behaupten

2.

Entfalten Sie in Grundzügen, was Luther im historischen Zusammenhang unter den zwei Reichen und Regimenten versteht, und beziehen Sie darauf die Auffassungen vom Verhältnis zwischen Kirche und Staat, die in den Textauszügen von Ulrich Eckert und Matthias Dreher jeweils dargelegt werden. [30 Punkte]

3.

Erörtern Sie unter Einbezug Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand selbst gewählter Beispiele, inwiefern der christliche Glaube Christinnen und Christen zu politischem Engagement verpflichtet, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. [24 Punkte]

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