Aufgabe HT 1 - Teilaufgaben 2 und 3 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2022
Thema: Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Johanna Haberer
Weihnachtspredigt: Fürchte dich nicht!
Seit vierzig Jahren predige ich zu Weihnachten – alle Jahre wieder. […]
Und alle Jahre wieder dieselbe Geschichte: vom Kind, das geboren wird. Vom Stall und den Hirten. Von der großen Freude und vom Frieden, der kommen wird. Ganz gewiss und ganz bestimmt. Man könnte sich eigentlich eine Predigt aus dem Internet ziehen. Da findet man 5 gleich zehn auf Knopfdruck. Oder man könnte eine frühere, längst gehaltene Ansprache nochmal recyceln und „einen alten Hirsch zum frischen Wasser“ führen, wie wir Predigtprofis das nennen.
Aber wer Weihnachten ernst nimmt, kann es drehen und wenden, wie er will – recyceln geht nicht. Denn in Wahrheit ist jedes Jahr anders. Ich selber bin in jedem Jahr anders, und auch 10 meine Worte, meine Sprache und meine Stimme. Vor allem aber verändert sich die Bühne, auf der ich jedes Jahr zur Weihnachtszeit spreche, sie verändert sich unablässig.
Die Kulisse des Jahres 2020 besteht aus den Bildern hilfloser Menschen an Beatmungsgeräten und ihrer weiß vermummten Pfleger und Ärztinnen. Im vergangenen Jahr tropfte die Weihnachtsbotschaft hinein in die Aufmärsche schwarz vermummter Rechter in Chemnitz, Hanno 15 ver und anderswo, noch frisch waren die Erinnerungen an die Anschläge auf Walter Lübcke und die Synagoge in Halle. Und 2015, in jenem Jahr der langen Flüchtlingszüge, war die Herbergssuche von Josef und der hochschwangeren Maria das Thema. Laut dem Lukasevangelium suchen die beiden im überfüllten Bethlehem verzweifelt eine Unterkunft, in der Maria ihr Kind bekommen kann: „Wer klopfet an? O zwei gar arme Leut“, heißt es in einem baye 20 rischen Adventslied, nur dass es 2015 nicht zwei, sondern Hunderttausende „arme Leut“ waren, die da klopften. Die da kamen, um zu bleiben. Und auch das haben wir geschafft, als etwas erschöpfte Herbergswirte.
Die froheste Nachricht der Welt ist diese besondere Geburt in Bethlehem unter erschwerten Bedingungen. Das jedenfalls behaupten wir Christen. 25 Und ich, die Weihnachtspredigerin, bin gemeinsam mit Abertausenden von Predigern in allen Sprachen aller Länder eine Überbringerin der guten Nachricht im immer neuen Gewand. „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt“, heißt es schon im Alten Testament beim Propheten Jesaja. Frieden. Gutes. Heilung der Welt.
30 Mit einer solchen Nachricht im Gepäck steigen unsere Füße auf die Kanzeln. Wir verkünden die Taten eines unglaublichen Gottes, der das funkelnde Weltenherrscherkostüm ablegt und vom König zum Bettler wird. Wir sprechen von einem Säugling, der, als Gegenmodell zum Imperator Augustus in Rom, in einem winzigen Dorf am Rande der politisch relevanten Regionen zur Welt kommt und, in einem schmuddeligen Trog liegend, ein welterschüttern 35 des Staunen auslöst.
Die Sterne wechseln ihre eingefahrene Bahn und ziehen nach Bethlehem. Weise und belesene Leute aus allen Kontinenten machen sich auf den Weg, um auf dem Stroh zwischen Schafen und Hirten auf die Knie zu sinken. Und droben singen die Engel vom Frieden auf Erden.
40 Dichtung und Wahrheit, Märchen und Utopie, alles mischt sich in der Legende von der Heiligen Nacht. Die handelnden Personen hat es größtenteils gegeben, das nehmen wir an. Jesus hat einmal gelebt und wohl auch Maria, Josef und sicherlich Herodes, jener jüdische König unter römischer Besatzung. Auch die Städte Nazareth und Bethlehem kann man seit Tausenden von Jahren besuchen. Die historischen Fakten werden von unserem biblischen Erzähler 45 Lukas hochgeworfen und herumjongliert wie von einem Akrobaten, der acht Bälle gleichzeitig in der Luft halten kann. Er zaubert aus historischen Fakten und hinzuerfundenen Wundern das Kunstwerk einer neuen Weltsicht.
Zum Beispiel wird der Begriff der Macht umgedeutet: Der jüdische König Herodes wusste in Wahrheit bestimmt nichts von der Geburt eines neuen „Königs“ namens Jesus in seinem 50 Reich. Auch Kaiser Augustus in Rom dürfte keine Ahnung gehabt haben, dass er bald Konkurrenz bekommen würde. Aber unser biblischer Erzähler, der Evangelist Lukas, der sah das so. Dieser griechische Arzt und christliche Missionar hatte nichts Geringeres vor, als die Weltgeschichte umzuschreiben und auf den Kopf zu stellen. Er war der Überzeugung, dass von den Worten dieses kleinen, ärmlichen und schwachen Jesuskindes später eine so gewaltige Kraft 55 ausgehen würde, dass alle Potentaten der Welt wie Zwerge neben ihm aussehen.
Und so inszenierte Lukas – die Lehre des Predigers Jesus im Herzen – in seiner Weihnachtsgeschichte die Vision von einer Welt, die ganz anders werden kann. „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“, lässt der Evangelist die blutjunge Mutter Maria singen. Im sogenannten Magnifikat, einem Text, an dem kaum ein Komponist vorbeikam. Auch die 60 ses Lied wird an Weihnachten in allen Kirchen der Welt aus vielen Kehlen gesungen. Nur in diesem Jahr nicht. Das Singen fehlt fürchterlich.
Bleibt eine ernste Frage: Seit 2000 Jahren wird an Weihnachten diese gute Botschaft an die Armen, die Kleinen, die Schwachen und Ohnmächtigen verkündet. Und trotzdem beherrschen Männer wie Xi Jinping und Kim Jong Un, wie Putin, Assad oder Emmerson Mnangagwa in 65 Simbabwe das Weltgeschehen, und um ein Haar hätte das amerikanische Volk einen weiteren Herrscher der Willkür und Lobbyisten der Superreichen in eine zweite Amtszeit gehievt. Die Utopie der gerechten Lebensverhältnisse und der Befreiung aus der Unterdrückung ist immer noch in weiter Ferne. Die Pandemie hat die Milliardäre der Welt noch reicher gemacht und beutelt die Armen in ihren Favelas 1. Und ich steige trotzdem – wie immer an Weihnachten – 70 auch jetzt leidenschaftlich auf die Kanzel und richte diese Botschaft aus. Bin ich verrückt? Ja und nein. Denn was wären wir ohne den Traum von Frieden und Gerechtigkeit?
Es gibt auch unter christlichen Predigern nicht wenige, die dem Dilemma, dass die Welt trotz dieses Gottes in Menschengestalt nicht viel besser geworden ist, dadurch begegnen, dass sie das Reich der Liebe und Gerechtigkeit ins Jenseits verschieben: Nach dem Tod wird alles gut, 75 das Friedensreich ist nicht von dieser, sondern von einer anderen Welt. Deshalb kann ruhig alles so schlecht bleiben, wie es ist.
Die vor sich hergeschobene Revolution – daran kann man sehen, wie brandgefährlich Predigen sein kann. Zum Beispiel wenn man vertröstet, statt zu trösten. Mit solchen Taschenspielertricks aber will die Weihnachtsgeschichte nichts zu tun haben. In ihr sind die himmlischen 80 Heerscharen unübersehbar von dieser Welt.
Der Evangelist Lukas – er dürfte wenige Jahre nach der Hinrichtung Jesu von Nazareth geboren worden sein – hat den Umbruch sehr handfest in seiner eigenen Umgebung erlebt, in den kleinen, neu gegründeten christlichen Gemeinden nämlich, in denen er sich aufhielt. Er hatte am eigenen Leib erfahren, was es bedeutet, wenn Menschen ihre Positionen und ihr Geld 85 einer Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Die kleinen Enklaven der frühen Christenheit bildeten eine radikale Alternative zu den Lebensverhältnissen im römischen Weltreich: Sklaven wurden freigelassen, Schwache von der Gemeinschaft unterstützt, Kranke nicht ausgestoßen, sondern behandelt und gepflegt, Gäste freundlich empfangen, und die Reichen in der Gemeinde wussten plötzlich, wohin mit ihrem Geld. Lukas hatte die sanfte Revolution der 90 Urchristen wahrhaftig vor Augen. Und er dachte sehr diesseitig. Er träumte allerdings nicht vom bewaffneten Widerstand, auch nicht von Straßenschlachten und brennenden Autos. Lukas war ein grenzenloser Optimist. Kein politischer Ideologe, der meinte, wenn sich die Besitzstrukturen ändern, ändert sich die Welt. Er war aber davon überzeugt, dass Menschen – und auch die Menschheit – sich nach und nach ändern können. Er träumte von ihrer Erleuchtung: 95 Das neugeborene Kind und die Botschaft vom gerechten Frieden waren für ihn eine Hoffnung, an der nicht zu rütteln war. Das helle Licht in finsteren Zeiten.
Menschen können sehr gut sein und altruistisch handeln. Sie können – um Gottes willen – die Erde zu einem glücklichen Ort machen. Sie können Licht bringen in die Armenhäuser und Foltergefängnisse, in die Rüstungskonzerne und an die Börse. Sie können diesen Planeten 100 retten und erleben, wie wunderbar es ist, füreinander zu sorgen.
Ja, Menschen können sich ändern – und damit alles!
Wir Christen glauben an diese Art von Erleuchtung. Wir sind sogar der Überzeugung, dass die Menschheit all den Computerprogrammen ein Schnippchen schlagen kann, die unser Verhalten vorhersagen und noch während wir schlafen schon ausrechnen, was wir morgen wün 105 schen, brauchen, kaufen, lesen, denken und tun.
Die Weihnachtsbotschaft traut uns zu, dass wir unvorhersehbar, unberechenbar und überraschend menschlich handeln. Eine Ahnung davon haben wir bekommen, als in diesem Pandemie-Jahr zahllose Nachbarn einander geholfen und Ärzte bis zur Erschöpfung um fremde Leben gekämpft haben, als in Laboren bis zum Umfallen nach dem Impfstoff geforscht wurde 110 und – ja sogar Nationen sich gegenseitig unterstützten. Genau besehen sind Menschen tatsächlich fähig, Wunder zu bewirken, wenn sie sich selbst vergessen und ihren Nächsten in den Blick nehmen.
Der oder die andere und die Gemeinschaft, das sind die Kometen, die den Weg zur Weihnachtskrippe weisen. Du kannst die Welt verändern.
115 Also: Fürchte dich nicht!
1 Favela: Armenviertel in Südamerika
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)
Johanna Haberer ist evangelische Theologin.
Aufgabenstellung:
2.
Entfalten Sie Luthers Lehre von den zwei Reichen und Regimenten vor ihrem historischen Hintergrund und bringen Sie sie mit Johanna Haberers Deutung der Weihnachtsbotschaft in Beziehung. (30 Punkte)
3.
Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand selbst gewählter konkreter Beispiele, inwiefern christlicher Glaube in der Gegenwart zu politischem Engagement führen sollte, und nehmen Sie begründet Stellung. (26 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Entfalten Sie Luthers Lehre von den zwei Reichen und Regimenten vor ihrem historischen Hintergrund und bringen Sie sie mit Johanna Haberers Deutung der Weihnachtsbotschaft in Beziehung. (30 Punkte)
Lösung: Entfaltung der Zwei-Reiche- und Zwei-Regimente-Lehre Luthers und differenzierter Vergleich mit Haberer.
3. Erörtern Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand selbst gewählter konkreter Beispiele, inwiefern christlicher Glaube in der Gegenwart zu politischem Engagement führen sollte, und nehmen Sie begründet Stellung. (26 Punkte)
Lösung: Erörterung an mindestens zwei Beispielen (pro/contra) mit abschließender begründeter Stellungnahme.
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