Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1: Texterschließung · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Nachtermin 2022

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Antje Schrupp

Ab in die Hölle mit euch

Wie christlich ist Deutschland? Nicht sehr, könnte man meinen. Die Kirchen haben erheblich

an Einfluss verloren. Nur noch gut die Hälfte der Bevölkerung ist evangelisch oder römisch-

katholisch, und bis 2060 wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder noch einmal halbieren.

Der Bezug auf Gott ist aus vielen öffentlichen Debatten schon lange verschwunden.

5 Aber nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria in Griechenland wurde die C-Frage 1 wieder

mit erstaunlicher Vehemenz gestellt. Und es war eine überwiegend säkulare Öffentlichkeit,

die jene Parteien, die sich in ihrem Namen zum Christentum bekennen, daran erinnerte, dass

es für gläubige Christen und Christinnen ein Ding der Unmöglichkeit ist, den Menschen in

Moria nicht zu helfen. Offensichtlich kennen sie die Bibel besser als Horst Seehofer und Co

10 oder haben zumindest ein besseres Gespür dafür, welche der zentralen Stellen des Neuen

Testaments ausschlaggebend für das sind, was heute gern als christliche Tradition subsum-

miert wird.

Wie im Matthäus-Evangelium, Kapitel 25 2, nachzulesen ist, teilt der wiedergekehrte Christus

beim Jüngsten Gericht die Menschen ein in die Gerechten und die Ungerechten. Letztere sind

15 empört. Warum, fragen sie, hältst du uns für ungerecht? Die Antwort: „Ich war hungrig, und

ihr gabt mir nicht zu essen. Ich war durstig, und ihr gabt mir kein Wasser. Ich war fremd, und

ihr nahmt mich nicht auf. Ich war nackt, und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich war krank und

im Gefängnis, und ihr habt euch nicht um mich gekümmert.“ Aber das stimmt doch gar nicht,

protestieren die Leute, wann hätten wir dich jemals hungrig oder durstig oder fremd oder nackt

20 oder krank oder gefangen gesehen und nicht versorgt? Die Antwort: „Alles, was ihr für eine

oder einen von diesen Geringsten nicht getan habt, habt ihr auch für mich nicht getan.“

Also ab in die Hölle mit euch. Oder weiter im Originaltext: „Geht weg von mir, ihr seid ver-

flucht! Geht in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel vorbereitet ist!“ Doch,

so streng.

25 Tatsächlich lässt sich die Frage, wie christlich Deutschland ist, nicht mit einem Hinweis auf

Mitgliedszahlen oder Kirchensteueraufkommen beantworten. Denn diese Zahlen sagen nichts

darüber aus, ob und wie tief christliche Ideen und Vorstellungen in der Gesellschaft verankert

sind. Das Christentum hat Europa so lange dominiert, über Jahrhunderte, dass es kaum kultu-

relle Normen gibt, die nicht davon beeinflusst sind. Das Prinzip einer strikten Trennung von

30 Staat und Kirche etwa lässt sich als moderne Version der Zwei-Reiche-Lehre verstehen, in

der das Reich Gottes eben nicht identisch ist mit weltlicher Herrschaft. Oder die Hartnäckig-

keit, mit der Menschen am Ideal der monogamen Liebesehe festhalten; sie ist nur als Fortwir-

kung eines christlichen Eheideals zu verstehen, das die Säkularisierung ganz prima überstan-

den hat. Auf der anderen Seite glauben auch viele Kirchenmitglieder heute nicht mehr an die

35 Auferstehung von den Toten und geben sich, wie alle anderen, in Bezug auf die Entstehung

der Welt mit dem Urknall zufrieden. Und vor der Hölle hat heute auch kaum jemand mehr

Angst.

Dagegen (oder auch: damit) wächst die Uneinigkeit über die Vorstellung von Nächsten- und

Feindesliebe. Wer sich für die Frage nach der Zukunft des Christentums interessiert, sollte

40 deshalb die Debatten über den Umgang mit Geflüchteten verfolgen. Es geht dabei, wohlge-

merkt, nicht um die Frage, ob man anderen Menschen helfen soll, wenn sie in Not sind. Das

soll man natürlich, aber diese Erkenntnis hat nichts spezifisch Christliches, es gibt sie in allen

ernstzunehmenden Religionen und humanistisch geprägten Weltanschauungen. Man braucht

keine christlichen Werte, um zu wissen, dass man in Moria helfen muss.

45 Die Besonderheit einer genuin christlichen Position liegt vielmehr darin, diese Aufforderung,

anderen zu helfen, als bedingungslos zu setzen. Als Christinnen und Christen müssen wir

nicht viele Menschen retten, oder solche, die in besonders schrecklichem Elend sind, sondern

alle – sofern es uns irgend möglich ist. Die in der Geschichte vom Jüngsten Gericht als unge-

recht Abgeurteilten waren ja keine bösen Menschen. Auch sie haben anderen geholfen – viel-

50 leicht hätten sie sogar deutlich mehr als 1.500 Menschen aus Moria nach Deutschland geholt.

Aber sie haben eben nicht jederzeit allen Bedürftigen geholfen – und das reicht schon für die

Hölle, jedenfalls laut Matthäus.

Nicht ohne Grund erschien das frühe Christentum, wie Paulus schreibt, „den Heiden eine

Torheit“. Christliche Ethik ist nicht einfach eine religiös formulierte Version allgemein ver-

55 nünftiger moralischer Leitsätze. Sondern sie enthält Setzungen, die durchaus auch unter ethi-

schen Gesichtspunkten diskutabel sind. Dass wir zurzeit das Ende der selbstverständlichen

christlichen Hegemonie 3 miterleben, ist eine gute Chance, diese Diskussionen endlich einmal

offen zu führen: Glauben wir, dass jedes menschliche Leben einen unbedingten Wert an sich

hat, ganz unabhängig von den Umständen und von der gesellschaftlichen Nützlichkeit, Ver-

60 wertbarkeit, Funktionalität? Liebt Gott tatsächlich jeden Menschen? Wirklich jeden? Sogar

Hitler? Bringen Sie diese Frage auf, wenn Sie mal eine Party sprengen möchten. […]

[Die] wachsende Offenheit dafür, den Wert des Lebens mit pragmatischen Argumenten zu

relativieren, lässt sich nicht mit Rassismus erklären, also der Unterscheidung zwischen „denen“

und „uns“, auch wenn das in der Flüchtlingspolitik eine große Rolle spielt. In der Corona-

65 Krise ist deutlich geworden, dass die realpolitisch-pragmatische Haltung inzwischen auch

dann weit verbreitet ist, wenn unter den Opfern viele von „uns“ sind: Welcher Preis für wie

viel verhinderte Tode angemessen und verkraftbar wäre, wurde, übrigens auch von Theo-

log*innen, offen diskutiert, und kaum jemand hielt das für einen Skandal.

Und vielleicht ist es ja auch wirklich vernünftig, Menschenleben gegen Nützlichkeit abzu-

70 wägen. Aber die traditionelle christliche Position antwortet hier eben mit „Nein“. Deshalb

war das Seenot-Rettungsschiff, das die evangelische Kirche in Deutschland zusammen mit

dem Bündnis United4Rescue gekauft und ins Mittelmeer geschickt hat, die vielleicht stärkste

missionarische Handlung seit Jahrzehnten: Es transportiert nicht nur aus Seenot gerettete Men-

schen, sondern genau diese Botschaft, die so einfach ist wie die Worte, die Pfarrerin Sandra

75 Bils beim Abschlussgottesdienst des Kirchentages voriges Jahr ins Mikrofon gesprochen hat:

Man lässt keine Menschen ertrinken, Punkt.

Das „Punkt“ steht für die christliche Zuspitzung einer allgemein humanistischen Maxime:

Unter gar keinen Umständen. Also wirklich unter überhaupt gar keinen Umständen.

Stirbt das Christentum in Europa? Das wird sich unter anderem an der Frage entscheiden, wie

80 wir zu diesem „Punkt“ stehen. Ob wir ihn weiterhin setzen wollen – wenn es uns auch in der

Realität nicht immer gelingen mag, so doch zumindest als Ideal, als ethische Forderung –

oder ob wir ihn, wie die vernünftigen, pragmatischen, rationalen Heiden, weglassen. Diese

Grenze verläuft nicht zwischen denen, die christliche Traditionen verteidigen, und jenen, die

sie bekämpfen. Sie verläuft auch nicht zwischen denen, die sich als christlich verstehen, und

85 jenen, die es nicht tun. Sie verläuft vermutlich überhaupt nicht als klare Grenze, sondern

mäandert 4 durch politische und gesellschaftliche Debatten, ohne dass sie von den Beteiligten

selbst erkannt würde. Und darauf kommt es auch gar nicht an. Es sind ja sowieso häufig die

vermeintlich „Ungläubigen“, die viel besser wissen, was zu tun ist – auch das steht schon in

der Bibel, im Gleichnis vom barmherzigen Samariter 5.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage.)

Antje Schrupp ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin.

1 C-Frage: Frage nach dem christlichen Profil der Parteien, die das „christlich“ in ihrem Namen führen (CDU/CSU)

2 vgl. Mt 25,40ff.

3 Hegemonie: Vormachtstellung, Vorherrschaft, faktische Überlegenheit

4 mäandern: in Windungen und Schleifen verlaufen

5 vgl. Lk 10,29–37

1. Stellen Sie das Thema sowie den Gedankengang des Textes von Antje Schrupp dar und arbeiten Sie heraus, wie darin die gesellschaftliche Verantwortung von Christinnen und Christen verstanden wird. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1: Texterschließung · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie das Thema sowie den Gedankengang des Textes von Antje Schrupp dar und arbeiten Sie heraus, wie darin die gesellschaftliche Verantwortung von Christinnen und Christen verstanden wird.

Lösung: Ausarbeitung mit Textanalyse, Darstellung des Gedankengangs und Bestimmung des Verständnisses gesellschaftlicher Verantwortung nach den Kriterien der amtlichen Vorgaben.

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