Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1: Texterschließung · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Nachtermin 2022

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Simon Gebs

Rumorende Niederlage

Predigt zu Johannes 19,16–30

Liebe Karfreitagsgemeinde,

„Es ist vollbracht“. Nach dem Johannesevangelium stirbt Jesus mit diesen letzten Worten am

Kreuz. Ganz anders als im Markusevangelium, in dem Jesus in äußerster Not verzweifelt

schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das Letztere können wir

eher nachvollziehen, kennen doch viele von uns Erfahrungen, in denen wir uns fragen, wo

5 denn nun dieser Gott ist, wo wir ihn dringend bräuchten. Anders das Johannesevangelium.

In dessen Augen kommt mit dem Tod, und zwar mit dem grausamsten und schändlichsten,

den die Antike kannte, etwas zur Vollendung, ans Ziel. Schwierig für uns, nicht? Wie kann

je ein gewaltsamer Tod sinnvoll sein? Wie kann ein derart grausamer Akt nur schon eine win-

zige Spur von positiver Bedeutung enthalten? Und wenn überhaupt, sicherlich nur aus der

10 Perspektive der damaligen Machthaber. Sie rieben sich die Hände: „ein Störenfried weniger“,

„Problem aus der Welt geschafft“. Wir nennen den Karfreitag einen „Feiertag“, zusammen

mit Millionen von Christinnen und Christen erinnern wir uns an den Tod Jesu, und zwar nicht

im Sinne eines Gedenkens, wie wir einem verstorbenen Menschen gedenken, sondern in einer

Art und Weise, die daran festhält, dass dieser Tod auch heute noch von Bedeutung für uns ist.

15 Wie soll das gehen?

Das Johannesevangelium spricht also vom Kreuzestod als Vollendung, ja es erweckt den Ein-

druck, als ob ein göttlicher Plan drehbuchmäßig, Szene um Szene, mit innerer Logik und mit

klarem Erzählduktus umgesetzt würde. Die Soldaten losen um das Untergewand, Jesus be-

klagt sich: „mich dürstet“, alles nur, damit die Schrift erfüllt wird, Schritt für Schritt. Ich

20 wähne mich an einem Filmdreh, mit Golgatha als Drehort.

Sie merken, liebe Mitdenkende, ich ringe nicht nur mit diesem Text, sondern überhaupt mit

dieser fertig formulierten Theologie, die diesen Jesus so souverän am Kreuz sterben lässt.

Das geht mir zu einfach.

Vielleicht hilft es uns, wenn wir zuerst einmal bei den am Kreuz anwesenden Frauen und beim

25 Lieblingsjünger Jesu ansetzen. Sie haben den Mut, auch im Letzten, in der Niederlage dabei

zu sein, auch wenn sie nichts mehr ausrichten können, sie vermeiden und verdrängen nicht,

sondern halten aus. Sie sind im wahrsten Sinn des Wortes sprachlos. Es ist und bleibt für sie

ein Schock, ein absolut sinnloser Tod, der keinen Zusammenhang ergibt. Nichts da von „es

ist vollbracht“, kein bewunderndes, ermutigendes Wort zu Jesus ist aus ihrem Munde zu ver-

30 nehmen: „Bald hast du es geschafft“, „wir staunen, wie konsequent du das durchziehst als

Opfer für uns alle“. Aus dem Mund von Maria und dem Jünger kommt kein einziges Wort,

Sprachlosigkeit pur. – Eltern, die ihr Kind verlieren, ein Vater von 4 Kindern, der seine Frau

durch Brustkrebs verliert, die Nachricht eines tödlichen Verkehrsunfalls einer 22-Jährigen

oder eines Suizides eines guten Freundes, es gibt so viele sinnlose Tode, auch heutzutage.

35 Ich denke, wir können diese Sprachlosigkeit gut nachvollziehen. Mir persönlich ist dieser

Aspekt gerade an Karfreitag wichtig. Christlicher Glaube redet die Realität des Dunkels und

das Gefühl der Leere nicht schön, wenn der Tod in seinen vielen Facetten zuschlägt, für einen

die Welt zusammenbricht, ohne dass es nur im Entferntesten Sinn macht. Alles was bleibt,

ist erstmal Schmerz, Leere, tiefes Vermissen, ein Gefühl der Ohnmacht.

40 Für mich ist es gerade eine Stärke des christlichen Glaubens, dass dieser Aspekt nicht schön-

geredet wird, nicht mit Photoshop korrigiert wird. Ja, es ist so. Zuweilen kann das Leben mit

aller Härte zuschlagen, dass es einem die Sprache verschlägt, weil nichts mehr dafürspricht,

dass es nochmals anders werden kann. Genau darum, meine ich, müssen wir immer wieder

lernen, Gott und Niederlage zusammenzudenken, ein Gedanke, der wohl quer liegt. Gott und

45 Niederlage zusammendenken? Diesem Gedanken müssen wir einen Moment nachgehen, wir

werfen einen zweiten Blick auf unsern Karfreitagstext.

Ich finde es nämlich spannend, wie das Johannesevangelium diese Sprachlosigkeit überwin-

det. Vielleicht in einer Sprache, die uns fremd ist, die aber auch kühn und widerspenstig ist.

Ja, das Johannesevangelium hat den Mut, das Sinnlose, das, was überhaupt nicht aufgeht und

50 zuerst einfach nur unerklärlich ist, umzudeuten. Es überlässt die Deutungshoheit über den

Tod Jesu nicht den Gegnern von Jesus, sondern sucht selbst eine neue Sprache dafür. Und

zwar nach Ostern. Jetzt erscheint Karfreitag in einem ganz anderen Licht. Die ersten Christin-

nen und Christen haben allmählich zu verstehen begonnen, dass das Ganze kein Zufall war,

auch kein Missverständnis, dass dieser Jesus nicht einfach nur der Ausgelieferte, Gefolterte

55 und kaltschnäuzig Eliminierte war, sondern, dass Gott selbst in Jesus in diese Niederlage ge-

gangen ist, um seinen Weg mit uns Menschen durchzuziehen. Gott und Schlamassel zusam-

mendenken, für mich eine zentrale Herausforderung an Karfreitag.

Und stellen Sie sich vor, Jesus hätte bei den Verhören einen Rückzieher gemacht, kurz vor

der Kreuzigung kapituliert… „Okay, okay, ich nehme zurück, was ich gesagt habe, alles ein

60 Missverständnis, ich widerrufe meine Behauptungen und bedauere meine Provokationen…“

Was wäre von Jesus in Erinnerung geblieben? Gäbe es dann den christlichen Glauben? Das

Johannesevangelium hat das begriffen, ja es hatte den Mut, den Tod Jesu radikal umzudenken.

In Jesus von Nazareth, den es betont als den beschreibt, der das Kreuz selber getragen hat,

macht Gott selbst keinen Rückzieher, sondern er zieht seine Liebe durch bis hin zur schein-

65 bar endgültigen Niederlage. Genau aus dieser Glaubensüberlegung setzt das Evangelium das

Kreuz mit der Erhöhung Jesu als Christus gleich. Diese Bereitschaft, für den Menschen in

die Niederlage hineinzugehen, erscheint nun in einem anderen Licht. Das Kreuz ist dann das

große Ja Gottes zu diesem Weg. […]

Um es deutlich zu sagen, ich glaube nicht, dass wir die Glaubenssprache des Johannesevan-

70 geliums telquel¹ für uns übernehmen müssen. Was uns aber vielleicht ansprechen kann, ist

dieser Prozess des Umdeutens, den die ersten Christinnen und Christen mitgemacht haben.

Zuerst ist es ein einziges Fiasko, die Evangelien sind sich da einig, die Jünger sind davonge-

laufen, die Frauen wollten einfach sauber abschließen, den Toten am Grab mit feinem Öl bal-

samieren und dann ernüchtert in ihr altes Leben zurückkehren. Viele von uns kennen doch

75 auch solche Niederlagen, wo’s nur noch weh tut, wir am Grab eines lieben Menschen stehen,

ein Lebensplan durchkreuzt wird, wo kaum mehr was dafürspricht, dass es nochmals gut kom-

men kann. Genau in diese Erfahrung hinein, spricht nun das Johannesevangelium. „Es ist voll-

bracht“. – Und sagt damit: Ja, es ist etwas unwiderruflich vorüber, aber es steht unter einem

ganz anderen Stern. Es ist nur das Vorletzte und nie das Letzte.

80 Mich faszinieren diese beiden Komponenten im Karfreitagsbericht des Johannesevangeliums.

Auf der einen, der menschlichen Seite fehlen die Worte angesichts eines rabenschwarzen

Tages, auf der anderen Seite kommt eine unglaubliche Zuversicht zur Sprache. So weltfremd

und paradox es tönt, in der Niederlage rumort auch Zukunft. Auch wenn du keinen Plan hast,

was diese Zukunft genau beinhalten soll, lass dieses Rumoren der Hoffnung zu. Nicht du

85 musst es krampfhaft suchen, es kommt von außen, rechne mit diesem Gott, der dich in der

Niederlage sehr wohl versteht.

Diese innere Bewegung des Glaubens, dieses abtastende Suchen und Fragen nach dem, was

doch wieder oder neu möglich werden kann, wünsche ich uns allen, immer wieder. Amen.

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang unangetastet und entfernen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne dass sich der Sinn verändert.)

Simon Gebs ist evangelischer Theologe.

¹ telquel: hier: unverändert

Aufgabenstellung

1.

Stellen Sie die zentralen Gedanken der Predigt von Simon Gebs dar und arbeiten Sie das Gottesverständnis heraus, das in ihr zum Ausdruck kommt.

[24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1: Texterschließung · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie die zentralen Gedanken der Predigt von Simon Gebs dar und arbeiten Sie das Gottesverständnis heraus, das in ihr zum Ausdruck kommt. (24 Punkte)

Lösung: Ausführliche Darstellung der Kerngedanken der Predigt von Simon Gebs sowie des darin entfalteten Gottesverständnisses gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben.

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