Aufgabe 4 - Teilaufgaben 2 und 3: Kirche und Poli… · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Nachtermin 2022
Thema: Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)
Aufgabenstellung
Infolge einer Abstimmung beim Dortmunder Kirchentag 2019 entschieden sich die Evangelische Kirche in Deutschland, mehrere Landeskirchen und etliche Kirchengemeinden dazu, ein Rettungsschiff für das Mittelmeer zu finanzieren und dessen Einsatz zu unterstützen. Mit der Seenotrettung von Migrantinnen und Migranten im Mittelmeer befassen sich die Autoren in einem Beitrag (M 1) sowie in einem Leserbrief (M 2), der darauf antwortet.
M 1
Ulrich Eckert
„Du sollst nicht ertrinken lassen!“
Das kontinuierliche Sterben im Mittelmeer rückte in Mitteleuropa erst wieder ins öffentliche
Bewusstsein, als 2013 ein Schiff mit Hunderten Flüchtlingen bei Lampedusa sank. [...]
Die Menschenrechte (noch nicht einmal Bürgerrechte) dieser Menschen werden nicht irgend-
wo, sondern vor der Haustür und in den Gewässern der EU (inkl. Deutschland) respektiert
5 oder eben nicht. [...]
Die Notwendigkeit konkreter Seenotrettung bleibt bestehen. Die Mitwirkung hierbei ist ge-
nauso menschenfördernd, nachhaltig und verantwortlich wie jene bei der Erarbeitung und
Umsetzung von Strategien zur nachhaltigen Bekämpfung von Flucht-, Armuts- und Unrechts-
gründen in den Herkunftsländern der Flüchtenden und Migrierenden. [...]
10 In der Diskussion geht es nicht nur darum, wie sich Kirche in einer demokratischen Grund-
ordnung (Deutschland, EU etc.) sinnvoll, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit fördernd und ver-
antwortungsvoll einbringen kann angesichts des auch todbringenden Flucht- und Migrations-
geschehens zwischen Afrika und Europa. Sondern es wird bestritten, dass der Kirche ein sol-
ches Engagement überhaupt zustünde im Rahmen einer recht verstandenen „Zwei-Reiche-
15 Lehre“.
Ich bin überzeugt: Aktive Beteiligung – auch der Kirche als Organisation – an Seenotret-
tung ist ein situationsorientierter, verantwortungsvoller Versuch sinnvollen Handelns
im Vorläufigen. Kirche gönnt der Welt ein Zeugnis ihres Vertrauens auf Gott, wenn sie be-
wusst aus dem vom Glauben geprägten Gewissen heraus handelt und dabei Verantwortung
20 und Schuld übernimmt.
Im Folgenden möchte ich meine Meinung begründen.
1. Kirche, auch protestantische Kirche in lutherischer Tradition, hat einen öffentlichen
Auftrag, gerade in Anlehnung an die wichtige Denkfigur der „Zwei-Regimenten-Lehre“
[...].
25 Wesentlich ist, dass einzelne Christenmenschen, aber auch die Kirche innerhalb ihrer Gesell-
schaft zu aktivem Zeugnis des Evangeliums aufgerufen sind. Luther betont in der „Freiheits-
schrift“ 1, dass ein Christenmensch angesichts des Unrechts, das andere erleiden, in Wort und
Tat zu agieren hat, inkl. eventueller Konsequenzen für Leib und Leben. Somit hat er auch der
ebenfalls durch Gott autorisierten weltlichen Macht ggf. Widerstand zu leisten, wenn diese
30 ihrer Aufgabe nicht nachkommt, Böses zu ahnden oder im Zaum zu halten. Dies gilt m. E.
auch für die Kirche.
Auf Seenotrettung im Kontext der EU angewandt: wenn staatliche Stellen die Rettung von
wie auch immer in Seenot geratenen Menschen nicht durchführen, kann es nötig werden,
selbst aktiv zu werden, damit Menschen nicht untergehen. Hierzu hat sich die EKD mit ande-
35 ren Organisationen und Städten verbündet. [...]
2. [...] Kirchen in Deutschland haben einen Beitrag dafür zu leisten, dass die politisch kom-
petenten Instanzen ihre Mitverantwortung für menschenwürdige Lebensverhältnisse und für
die Ausbreitung von gerechten, angemessenen Lebens-, Wirtschafts- und Entwicklungsmög-
lichkeiten wahrnehmen. Dies gilt für die Menschen, die in Deutschland leben, aber eben nicht
40 nur. Dieser weltweite Advocacy-Gedanke 2 wurde durch die ökumenische Bewegung in Ver-
bindung mit dem „politischen Wächteramt“ der Kirche bzw. mit „politischer Diakonie“ eta-
bliert. Kirche ist gefordert, aus dem im Glauben gestärkten Gewissen heraus konkret an der
Seite Benachteiligter „Kirche für andere“ zu sein. Indem sie sich einbringt, tritt sie situations-
bezogen, nachhaltig und verantwortlich für konkrete Menschen und deren Nachkommen ein,
45 auch für Flüchtlinge (auch in Seenot) – im Bewusstsein, sich die Finger schmutzig zu machen
und Fehler zu begehen. [...]
3. [...] Ich finde es auch bedenklich, dass in der Flüchtlingsthematik immer wieder der Rekurs
auf Mk. 12,29–31 und auf Mt. 7,12 bei der Erarbeitung von Strategien von Deeskalation,
von Rettung Gefährdeter oder von einseitigem Machtverzicht als gesinnungsethisches Gutbür-
50 gerverhalten ohne Nachhaltigkeit und Verantwortung bezeichnet wird. Freilich muss gerade
Kirche beachten, dass „gut gemeint nicht gut gehandelt“ ist, wenn sie im Glauben an die gott-
gegebene Würde aller Menschen eine an Menschenrechten orientierte politische Verantwor-
tungsübernahme fordert. In „lutherischer“ Sprache: Die allein aus Gnade von Gott geschenkte
Rechtfertigung der Sünder/innen einerseits und das Engagement für ein Zusammenleben in
55 Recht und v. a. Gerechtigkeit andererseits gehören zusammen. Ich bin überzeugt: Die christli-
che Grundorientierung und -zielrichtung der „radikalen Liebe“ Gottes und das daraus ermög-
lichte radikale Lieben der vom Glauben an Jesus Christus getragenen Menschen drängt gera-
dezu zu einer kritisch-proaktiven, nachhaltigen Übernahme von Verantwortung. [...]
(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang unangetastet und entfernen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne dass sich der Sinn verändert.)
Ulrich Eckert ist evangelischer Theologe.
1 Martin Luther, „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ (1520)
2 advocacy: hier: der christliche Einsatz für andere Menschen
M 2
Matthias Dreher
Ein Christ kann ertrinken lassen
Die kategorische Behauptung „Man kann doch als Christ niemanden ertrinken lassen!“ fun-
giert in der ethischen Frage nach privater bzw. kirchlicher Seenotrettung immer öfter als depri-
mierend unterkomplexes 1 Totschlag-Argument. Zu einer schwierigen, dilemmatischen 2 Frage
der Ethik wird eine Anschauung von großer emotionaler Plausibilität hinzugesetzt, um nur
5 eine Antwort als möglich und christlich zu evozieren 3 – ein übliches populistisches Verfah-
ren. Da steht also ein Christenmensch an der Reling eines Schiffes und sieht vor sich unten
im Wasser Menschen schreien und strampeln. Ohne Hilfe müssten sie alsbald untergehen und
ertrinken. Kann sich der Christenmensch – in Erinnerung an den barmherzigen Samariter –
dieser Hilfe entziehen? Klare Antwort: Nein! (Auch für mich gälte dies übrigens, wenn es zu
10 jener Situation käme.) Damit aber ist das Problem keineswegs gelöst, es fängt vielmehr erst
an. [...]
Diese Menschen verfolgen ihren Wunsch nach einem besseren Leben. Das gibt ihnen aber
weder das Recht, diesen Wunsch erfüllt zu bekommen, noch verpflichtet es uns ethisch zu
entsprechender Erfüllungshilfe – erst recht nicht jenseits deutscher Hoheitsgebiete zu Was-
15 ser und zu Land. Selbstverständlich ist es unsere christliche Aufgabe, auf das Ertrinken im
Mittelmeer mahnend und dezimierend einzuwirken, aber kirchlich angemessen. [...] Wer
spricht endlich von entsprechend vernehmbarer Stelle aus nicht nur die afrikanischen Macht-
haber, sondern auch die Migranten an: „Ihr migrationswilligen Afrikaner! Wenn ihr nach
Europa wollt, strengt ein legales Asylverfahren an, statt euer Leben und das eurer Familie
20 aufs Spiel zu setzen! Das Risiko einer Boots-Überfahrt ist zu hoch. Dass ihr weniger Mittel
und Chancen habt als wir in Europa, entbindet euch nicht der Verantwortung für euer Leben!“
Im Zuge der Zwei-Reiche-Lehre, die operative Struktur-Politik dem Staat überlässt, kann ein
Christenmensch, soweit er nicht wie der Samariter einen Sterbenden vor sich sieht, Verant-
wortung vernachlässigende Migranten ertrinken lassen. Das ist nicht zynisch, sondern traurig
25 und ärgerlich und kontinuierlich systemisch zu verringern, aber es ist eben auch ein Kennzei-
chen der gefallenen Welt. Nur wer den Bau des Reiches Gottes nicht Gott überlassen kann,
sondern es selbst bewerkstelligen muss, wird weiter unverantwortlich mit Rettungsschiffen
mehr Migranten aufs Wasser ziehen.
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)
Matthias Dreher ist evangelischer Theologe.
1 unterkomplex: hier: vereinfachend
2 dilemmatisch: ein Dilemma betreffend
3 evozieren: hier: behaupten
2.
Entfalten Sie in Grundzügen, was Luther im historischen Zusammenhang unter den zwei Reichen und Regimenten versteht, und beziehen Sie darauf die Auffassungen vom Verhältnis zwischen Kirche und Staat, die in den Textauszügen von Ulrich Eckert und Matthias Dreher jeweils dargelegt werden. [30 Punkte]
3.
Erörtern Sie unter Einbezug Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand selbst gewählter Beispiele, inwiefern der christliche Glaube Christinnen und Christen zu politischem Engagement verpflichtet, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. [24 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Entfalten Sie in Grundzügen, was Luther im historischen Zusammenhang unter den zwei Reichen und Regimenten versteht, und beziehen Sie darauf die Auffassungen vom Verhältnis zwischen Kirche und Staat, die in den Textauszügen von Ulrich Eckert und Matthias Dreher jeweils dargelegt werden.
Lösung: Ausarbeitung zur Zwei-Reiche- und Zwei-Regimenten-Lehre Luthers und Einordnung der Positionen von Eckert und Dreher.
3. Erörtern Sie unter Einbezug Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand selbst gewählter Beispiele, inwiefern der christliche Glaube Christinnen und Christen zu politischem Engagement verpflichtet, und nehmen Sie dazu begründet Stellung.
Lösung: Begründete theologische Erörterung mit mindestens zwei konkreten Beispielen und abschließendem Urteil.
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