Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1: Texterschließung · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Nachtermin 2022
Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)
Aufgabenstellung
Wolfgang Huber
Frei von falschen Göttern
Kaum einem fällt […] auf, dass die Zehn Gebote mit keiner der so oft zitierten Aufforderungen beginnen. Sie beginnen überhaupt nicht mit einem Gebot. Ihr erster Satz heißt: „Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ Schon diese Selbstvorstellung Gottes ist bemerkenswert. Am Anfang steht die Erinnerung an Gottes 5 rettendes Handeln. Mit der Befreiung aus der Sklaverei fängt alles an. Gott begegnet in seinem Handeln. Er ist nicht einfach eine feststehende, unwandelbare Größe. Gott ist nicht „handhabbar“. Adresse und Telefonnummer lassen sich nicht einfach im Handy speichern. Aber ich kann mich im Gebet an ihn wenden, ihn als Vater ansprechen, „Du“ zu ihm sagen.
„Ich bin der Herr, dein Gott.“ Mit dieser Selbstvorstellung Gottes beginnen die Zehn Gebote, 10 erst dann folgt die erste Aufforderung, das erste Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ So wie die Einleitung unterschätzt wird – die Zusage der Freiheit –, so wird auch das erste Gebot unterschätzt – die Wegweisung der Freiheit. Dabei ist auch sie von kaum zu überschätzender Aktualität. Die Freiheit des Glaubens bewährt sich in der Freiheit von falschen Göttern. Woran erkennt man, dass sie falsch sind? Daran, dass sie Menschen knechten, 15 ihnen die Freiheit rauben, sie abhängig machen.
Doch wenn Gott in die Freiheit führt, muss auch seine Freiheit respektiert werden. Sie wird jedoch missachtet, wenn man Gott in ein Bild presst und dieses Bild anbetet statt den lebendigen Gott. Deshalb beharren die Zehn Gebote darauf, dass es von Gott keine Abbilder gibt. Ein Steckbrief ist nicht möglich. Kein Gottesbeweis reicht an Gott selbst heran. Nicht nur die 20 bildende Kunst, sondern auch die menschliche Vernunft überfordert sich, wenn sie ein intellektuelles Fahndungsfoto von Gott erstellen will.
Neben den Versuch, Gott in ein Bild zu bannen, tritt der falsche Gebrauch seines Namens. Auch durch seine Sprache versucht der Mensch, sich Gott gefügig zu machen. „Gott sei Dank“, sagt sogar der Atheist. Wenn jemand eine Sache auf sich beruhen lassen will oder weitere 25 Bemühungen aufgibt, sagt er resignierend: „In Gottes Namen“. Besonders im Fluch ist die Berufung auf Gott schnell bei der Stelle: „Herrgott noch mal!“ Im Ersten Weltkrieg trugen deutsche Soldaten ein Koppelschloss mit der Aufschrift „Gott mit uns“ – als handle es sich um einen Nationalgott, der gegen die Kriegsgegner in Stellung gebracht werden könnte. Dafür, den Namen Gottes für die eigene Sache zu vereinnahmen, gibt es viele Formen.
30 Auf die Frage des Mose nach seinem Namen antwortet Gott aus dem brennenden Dornbusch: „Ich bin, der ich bin“ – oder auch: „Ich werde sein, der ich sein werde“ (2. Mose 3,14). Für den jüdischen Glauben ist diese Selbstvorstellung Gottes in den vier Buchstaben JHWH enthalten. Aus der Erzählung vom brennenden Dornbusch wie aus dem Gebot, den Gottesnamen nicht zu missbrauchen, ergibt sich für Juden ein Verbot, überhaupt den Gottesnamen auszusprechen. 35 Überall dort, wo jene vier Buchstaben (das sogenannte Tetragramm) erscheinen, sagen Juden deshalb: „der Herr“ („Adonaj“). Für Christen ist nicht jedes Aussprechen des Gottesnamens bereits missbräuchlich; es geht vielmehr darum, ob in der Verwendung des Gottesnamens Gott selbst die Ehre gegeben wird.
Gottes Einzigkeit, Gottesbild und Gottesname – unter diesen drei Themen widmet der Beginn 40 der Zehn Gebote alle Aufmerksamkeit der Frage nach Gott. Es handelt sich ja auch um ein elementares Thema. Denn auf die eine oder andere Weise muss sich jeder damit auseinandersetzen, worin er die letzte, alles bestimmende Wirklichkeit sieht. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott.“ So hat Martin Luther die Gottesfrage beschrieben. Auch wer Gott leugnet, sucht einen festen Grund für sein Leben. Für manche ist es die Wissenschaft, für andere das 45 Geld oder das, was sie dafür kaufen können. Der Beginn der Zehn Gebote enthält nicht nur Verbote – das Verbot anderer Götter, das Verbot, Gott in ein Bild zu pressen, und das Verbot, den Namen Gottes zu missbrauchen. In diesem Beginn steckt vielmehr zugleich die Aufforderung, die Rumpelkammer der eigenen religiösen oder religionsähnlichen Vorstellungen aufzuräumen und zu prüfen, woran man „sein Herz hängt“.
50 Zu dieser religiösen Aufräumarbeit gehört der Abschied von allzu schlichten Gottesbildern, die sich von Generation zu Generation vererben. Die Bilder von einem bärtigen Greis in wolkiger Höhe sind nicht biblisch, sondern heidnisch.
Anders die biblische Überlieferung: Der unsichtbare Gott des Volkes Israel kann nicht abgebildet werden. Es ist unvorstellbar, Gott in einen Bilderrahmen einzupassen. Sein Wirken ent- 55 faltet sich als Rettung und Segen.
Bedenken wir einen Augenblick die dramatische Szene, in der das Volk Israel, durch Mose vermittelt, die Zehn Gebote erhält: Die Israeliten werden aus dem Land der Knechtschaft herausgeführt. Ihre Neugeborenen werden nicht mehr getötet. Die Fronarbeit im fremden Land ist vorbei. Sie sind noch nicht im Land der Freiheit, aber sie sind auf dem Weg. Am 60 Berg Sinai schlägt Gott dem Volk einen Bund vor. Das Volk selbst soll das Heiligtum Gottes sein. Und er will ihr starker Gott sein. Die mit dem Finger Gottes auf die Steintafeln geschriebenen Zehn Gebote sollen der Bewahrung der Freiheit dienen.
Wir können die Ereignisse vom Schilfmeer und vom Sinai auf das Urdatum christlicher Gotteserkenntnis übertragen. In Entsprechung zum ersten Gebot lässt sich das so zusammenfassen: 65 Ich bin der Herr, dein Gott. Ich habe mich für dich in Jesus Christus der äußersten Erniedrigung und dem tiefsten Leid ausgesetzt, um dich aus der Knechtschaft der Sinnlosigkeit und der Schuld zu befreien. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
Für Christen verdichtet sich die Gotteserfahrung auf unüberbietbare Weise in Jesus Christus. In seinem Antlitz gibt Gott sich zu erkennen. Die Suche nach einem Gottesbild kommt an ein 70 Ende. Gott zeigt sich in einem Menschen; dieser Mensch ist das Bild Gottes.
Wenn ich mich für eine Begegnung mit Gott öffne, tritt mir das Geschenk der Freiheit vor Augen wie ein weiter Horizont. Wenn ich dem unsichtbaren Gott die Ehre gebe, dann bewahrt mich das davor, mein Heil von falschen Mächten zu erwarten.
Das Hauptproblem der Menschheitsgeschichte sind die falschen Götter, denen sich die Men- 75 schen verschreiben, die sie anbeten, denen sie ihr Hab und Gut und manchmal auch ihre eigenen Kinder opfern. Die falschen Götter, mit denen Gewalt gerechtfertigt und Ungerechtigkeit bestärkt wird.
Götzen verlangen immer Opfer. Entweder man opfert sich selbst für sie oder man opfert andere. Wenn dann nach dem Krieg ein Schuldbekenntnis 1 gesprochen wird, dann sagen die 80 Menschen: Wir haben zu wenig geglaubt und zu wenig geliebt. Das stimmt. Doch man könnte sich auch anklagen, dass man zu viel geglaubt hat, viel zu viel. Dem Glauben an falsche Götter hing und hängt man an: an die eigene Nation, die eigene Klasse, den eigenen wirtschaftlichen Vorteil. Der Glaube an Gott lehrt uns das Misstrauen gegen die Netze und Fallen der Götzen, der Ungeheuer, die uns zwingen, uns oder unsere Kinder in ihren Rachen zu werfen. 85 Unser Herz ist zu kostbar dafür, es an etwas anderes zu hängen als an den lebendigen Gott.
Offenkundig stehen wir Menschen in der Gefahr, uns solchen Götzen zu unterwerfen. Die Götter des Erfolgs, der Selbstverwirklichung, der Eigenverantwortung, die Neigung dazu, wirtschaftliche Maßstäbe über alles und jedes herrschen zu lassen, beispielsweise auch über den Sonntag, die Vergötzung der maximalen Rendite – all das zeigt, mit welcher Art von 90 Götzendienst wir uns heute auseinanderzusetzen haben.
(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang unangetastet und entfernen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne dass sich der Sinn verändert.)
Wolfgang Huber ist evangelischer Theologe.
1 Schuldbekenntnis: Anspielung auf das Stuttgarter Schuldbekenntnis, mit dem die Evangelische Kirche in Deutschland 1945 eine Mitschuld evangelischer Christen an den Verbrechen des Nationalsozialismus bekannte
1. Stellen Sie das Thema sowie den Gedankengang des Textes von Wolfgang Huber dar und arbeiten Sie das Gottesbild heraus, das in diesem Text entfaltet wird.
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Lösung
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