Abitur NRW Erziehungswissenschaft 2021 · LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Erziehungswissenschaft in Nordrhein-Westfalen 2021, LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg: 5 Aufgaben mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Identität und Sozialisation · Gewalt und unzureichende Identitätsentwicklung (Heitmeyer) · Bildung und Schule (Klafki, Fend) · Interkulturelle Bildung
Aufgabe 1 · Bildung und Schule (Klafki, Fend)
Abiturprüfung 2021 – Erziehungswissenschaft, Leistungskurs
Materialgrundlage
Aladin El-Mafaalani: Mythos Bildung. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2020, S. 9 – 20 (Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)
Aladin El-Mafaalani
Mythos Bildung
Unsere Gesellschaft ist ungerecht, ungerechter als andere, ungerecht zu Kindern. Und das ist nicht neu. Neu sind aber die Folgen, die dieser uralte Befund zeitigt. Genau genommen ist das deutsche Bildungssystem heute insgesamt deutlich durchlässiger als früher. Paradoxerweise führt ein Mehr an Durchlässigkeit nicht zu weniger Bildungsungleichheit, dafür aber zu neuen Problemen. Und diese neuen Probleme gefährden sowohl den Wohlstand als auch den sozialen Zusammenhalt als auch die Legitimationsgrundlagen unserer Gesellschaft. Und daher müssen uralte Fragen neu gestellt werden.
Durch die Bildungsexpansionen in den letzten 60 Jahren hat sich das Bildungsniveau in der Bevölkerung wesentlich erhöht und damit wuchsen auch die Bildungs- und Teilhabechancen aller Bevölkerungsgruppen. Nicht zuletzt auch deshalb ist die Gesellschaft heute deutlich dynamischer, pluraler und liberaler. Gleichzeitig gibt es nach wie vor junge Menschen, die von diesen Chancenzuwächsen nicht profitieren. Für sie wird die Situation hochproblematisch. Sie laufen Gefahr, den Kompetenz- und Flexibilitätsanforderungen heute und in Zukunft nicht zu genügen. Sie sind zurückgefallen – zumindest im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Einfache und mittlere Bildungsabschlüsse haben an Wert verloren, wodurch sich für einen Teil der jungen Menschen die Benachteiligung verstärkt, weil diese entwertete Bildung keinen sicheren Platz in der Gesellschaft garantiert. Die Bildungsexpansion hat die Perspektiven und Chancen verschoben – sehr viele haben davon profitiert, aber bei Weitem nicht alle.
[...]
Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit sind Legitimationsgrundlagen unserer Gesellschaft. Sie waren schon immer eher Postulate als Realität. Aber solange man sich in den unteren und mittleren Schichten darauf verlassen konnte, dass es die eigenen Kinder einmal besser haben werden, ließen sich ungerechte Verhältnisse legitimieren – so war es noch in den 1970er-, 1980er- und 1990er-Jahren. Im Jahr 2020 sind es nicht nur ökonomische und arbeitsmarktpolitische Gründe – Stichwort Fachkräftemangel und demografischer Wandel –, die diese uralten Zusammenhänge zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen hochproblematisch erscheinen lassen, sondern auch normative: Es ist schlichtweg ungerecht, Kinder mit ungleichen Chancen in eine hochkomplexe und ungewisse Zukunft zu entlassen, in der sie die Folgen persönlich verantworten sollen. Es gibt also eine seltene Allianz zwischen ökonomischen und normativen Argumenten, und die hat der Bildungspolitik einen hohen Stellenwert eingeräumt – einen zu hohen.
Bildung hat bei Eltern und Lehrern, bei Regierung und Opposition, bei Arbeitnehmer und Arbeitgebervertretern höchste Priorität. Alle sind sich einig, und genau das ist Anlass zur Skepsis. Denn für nahezu jedes gesellschaftliche Problem wird Bildung als die Lösung präsentiert. Wenn man nicht mehr weiterweiß, wird Bildung als Zauberformel und Allheilmittel, als Lückenfüller oder als Totschlagargument ins Spiel gebracht. Bildung ist ein Mythos, ein kaum bestimmbarer Begriff, den man über jedes gesellschaftliche Problem stülpen kann. Das Bildungssystem soll es richten. Dabei ist das Bildungssystem das zentrale Problem.
Der kritische Blick, der in diesem Buch 1 auf Bildung, Bildungschancen und Bildungsinstitutionen geworfen wird, leitet sich aus drei miteinander zusammenhängenden Grundproblemen ab, die in einem deutlichen Spannungsverhältnis zueinander stehen:
Erstens ist es die Gesellschaft, die Ungleichheiten zulässt und produziert, die ohne das Bildungssystem, insbesondere die Schulen, noch viel größer wären. Denn in keinem Teilbereich der Gesellschaft werden Menschen derart gleichbehandelt wie im Bildungssystem. Die Chancenungleichheit bleibt jedoch bestehen, weil ungleiche Startchancen im Bildungssystem nicht systematisch ausgeglichen werden. Sie werden aber nicht primär im Bildungssystem produziert. Aber: Wo Ungleiches gleichbehandelt wird, reproduziert sich Ungleichheit. Vielmehr müsste Ungleiches gezielt ungleich behandelt werden.
Zweitens wird durch die Bildungsinstitutionen, die diese Ungleichheiten nicht ausgleichen, soziale Ungleichheit überhaupt erst legitimiert. Wenn am Ende „nur“ ein Hauptschulabschluss steht, dann rechtfertigt dieses Ergebnis der Bildungslaufbahn geringere Lebenschancen – und zwar auch für die Betroffenen selbst. Ungleiche Chancen reproduzieren sich selbstverständlich auch dann, wenn Privilegien gewahrt werden.
Drittens gibt es keinen anderen gesellschaftlichen Bereich, in dem dieser Kreislauf durchbrochen werden könnte. Das Bildungssystem ist der einzige „Ort“, an dem Kompetenzen und Leistungsfähigkeit systematisch entwickelt – und nicht nur bewertet – werden. Nur durch das Bildungssystem, insbesondere die Schulen, können alle Menschen gleichermaßen erreicht werden. Daher ist die Forderung an das Bildungssystem, systematisch auf Ungleichheit einzuwirken und sozialer Benachteiligung entgegenzuwirken, berechtigt. Hier werden die Weichen für alle anderen gesellschaftlichen Bereiche gelegt.
Gleichzeitig haben wir ein in vielerlei Hinsicht über Jahrzehnte hinweg unverändertes Bildungssystem, in dem sich extrem viel gewandelt hat, sodass man es kaum wiedererkennt. Heute gehen die meisten Kinder auf ein Gymnasium, die wenigsten auf eine Hauptschule. Mehr junge Erwachsene beginnen ein Studium als eine duale Ausbildung. Dadurch hat sich klammheimlich – man sollte eigentlich sagen: strategielos – das Wesen von Bildungsgängen und -institutionen verändert, ohne dass sich im Hinblick auf Chancengleichheit Wesentliches verbessert hätte. Die Bildungsexpansion hat Ungleichheit deshalb kaum reduziert, weil es lediglich ein Mehr vom Gleichen ist. Es kommt aber darauf an, etwas anders zu machen.
Etwas anders machen bedeutet aber weder Revolution noch Restauration 2 des Schulsystems und des Unterrichts. Notwendig wäre ein Umdenken. Das Bildungssystem darf nicht auf Lehrkräfte und ihren Unterricht oder abstrakte Schulsystemfragen reduziert werden. Erst über diesen Perspektivwechsel – so die hier verfolgte These – kann das Bildungssystem, insbesondere das Schulsystem, so aufgestellt werden, dass es zum einen die hohen Erwartungen in ganz unterschiedlichen Bereichen zukünftig auch erfüllen kann und zum anderen soziale Ungleichheiten systematisch bekämpft.
Wenn man sich mit sozialer Benachteiligung von Kindern beschäftigt, stellt man nämlich fest, dass diese ziemlich wenig mit dem Unterricht zu tun hat und entsprechend auch kaum durch Unterricht und Lehrkräfte (allein) ausgeglichen werden kann. Vielmehr unterscheiden sich die Lebenswelten der Kinder enorm und damit die Erfahrungshorizonte und die Entwicklungsmöglichkeiten. [...]
1 Bei dem Text handelt es sich um das Vorwort zum in der Materialgrundlage angegebenen Buch.
2 Restauration: Wiederherstellung
Anmerkung zum Autor: Aladin El-Mafaalani ist ein deutscher Soziologe.
1.
Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Autors, stellen Sie den Textinhalt dar und skizzieren Sie, wie der Autor seine Argumentation aufbaut. [18 Punkte]
2.
Erläutern Sie die Aussagen des Autors unter Heranziehung der Schulfunktionen nach Helmut Fend. [32 Punkte]
3.
„Wo Ungleiches gleichbehandelt wird, reproduziert sich Ungleichheit. Vielmehr müsste Ungleiches gezielt ungleich behandelt werden.“ (Z. 47 f.)
Leiten Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ausführungen pädagogische Konsequenzen ab, die den Forderungen des Autors gerecht werden. Beziehen Sie dabei Aspekte aus mehreren Referenzen ein. [30 Punkte]
Aufgabe 2 · Interkulturelle Bildung
Abiturprüfung 2021 – Erziehungswissenschaft, Leistungskurs
Aufgabenstellung
1.
Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes, stellen Sie dessen Inhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist. (18 Punkte)
2.
Ordnen Sie die Positionen der Autorin einem Modell Interkultureller Erziehung zu. (32 Punkte)
3.
Nehmen Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse Stellung zu den Positionen der Autorin. Beziehen Sie dabei Ihr Wissen über Chancen und Risiken pädagogischer Einflussnahme in Vorschuleinrichtungen ein. (30 Punkte)
(Hinweis: Weitere 20 Punkte werden für die Darstellungsleistung nach den Bewertungskriterien vergeben.)
Materialgrundlage
Helena Stockinger: Religiöse Differenz in elementarpädagogischen Einrichtungen. Was der Religionspädagogik zu denken geben kann. In: Österreichisches Religionspädagogisches Forum (ÖRF), 2014, Vol. 22, Nr. 1, S. 85 – 91.
(Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)
Im zweiten Artikel der UN-Kinderrechtskonvention wird Differenz thematisiert und verdeutlicht, dass diese kein Grund für Diskriminierung sein darf und die in der Konvention genannten Rechte jedem Kind zukommen, „ohne jede Diskriminierung unabhängig von der Rasse, der Hautfarbe, dem Geschlecht, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Anschauung, der nationalen, ethnischen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, einer Behinderung, der Geburt oder des sonstigen Status des Kindes, seiner Eltern oder seines Vormunds.“ 1 Im Artikel 29 der UN-Kinderrechtskonvention wird verlangt, dass die Bildung des Kindes unter anderem darauf auszulegen ist, „c) dem Kind Achtung vor seinen Eltern, seiner kulturellen Identität, seiner Sprache und seinen kulturellen Werten, den nationalen Werten des Landes, in dem es lebt, und gegebenenfalls des Landes, aus dem es stammt, sowie vor anderen Kulturen als der eigenen zu vermitteln; d) das Kind auf ein verantwortungsbewusstes Leben in einer freien Gesellschaft im Geist der Verständigung, des Friedens, der Toleranz, der Gleichberechtigung der Geschlechter und der Freundschaft zwischen allen Völkern und ethnischen, nationalen und religiösen Gruppen sowie zu Ureinwohnern vorzubereiten; […]“. 2 Da Kultur und Religion miteinander verwoben sind, kann somit auch die Achtung vor der eigenen und vor anderen Religionen implizit in diesem Recht 3 gelesen werden. Kinder sind auf ein verantwortungsvolles Leben, in dem Freundschaft zwischen Völkern, ethnischen, nationalen und religiösen Gruppen vorhanden ist, vorzubereiten. Sie haben das Recht, zu erfahren, dass es andere Kulturen, andere Nationen, andere Religionen gibt, dass Unterschiede in der Gesellschaft existieren, dass diese keine Gefahr darstellen, sondern dass Verständigung, Frieden, Toleranz, Gleichberechtigung und Freundschaft möglich sind. Die Menschenrechte, insbesondere die Kinderrechte, sind Grundlage der Inklusion, in der pädagogisch zu realisieren versucht wird, jede Form der Diskriminierung zu vermeiden. Religiöse Differenz ist im pädagogischen Konzept der Inklusion mitzudenken.
Elementarpädagogische Einrichtungen als Spiegelbild der Gesellschaft sind oftmals die ersten Institutionen, in denen Kinder mit religiöser Differenz, sowohl religiöser Traditionen als auch individueller Religiosität, außerhalb des familiären Umfelds konfrontiert werden. Da Lernprozesse bereits in ihrer Grundstruktur dialogisch interpretativ angelegt sind, sind elementarpädagogische Einrichtungen wichtige Bildungsorte für Differenzfähigkeit. Kinder können ermutigt werden, voneinander zu lernen und Solidarität, Respekt für Diversität und demokratische Fähigkeiten einzuüben. Rahmenbedingungen von und Umgangsformen in Institutionen können zur Förderung der Differenzfähigkeit beitragen. […]
Institutionen wie elementarpädagogische Einrichtungen sind verantwortlich, gemeinsam mit allen Beteiligten den Respekt für Differenz, auch für religiöse Differenz einzuüben. „Die Einsicht, dass das Ignorieren von Differenz (etwa der Schule) zur Produktion von Ungleichheit führt und Ungleichheiten bestätigt, befördert die Forderung nach Sensibilität für Differenzen und Heterogenität.“ Trotz der Offenheit gegenüber kultureller Differenz in Institutionen wird religiöse Differenz häufig übersehen. Wird Religion, eine wesentliche Dimension des menschlichen Lebens und Zusammenlebens, in Bildungseinrichtungen ausgeblendet, wirkt sich das auf die Kultur der Schule und der elementarpädagogischen Einrichtung aus. Wird Religion in Institutionen marginalisiert 4, kann deren inhaltliche und soziale Schlüsselfunktion „– für die Art der Gestaltung des Zusammenlebens mit Migranten; – für die Intensität und Qualität wechselseitigen Verständnisses; – für den Erwerb einer Haltung kritischen Respekts gegenüber Anderen“ nicht zum Ausdruck kommen. Wird das eigene Umfeld als monoreligiös 5 oder monokonfessionell 6 wahrgenommen, werden die Anderen ausgeblendet. Die Einmaligkeit jeder einzelnen Person anzuerkennen, umfasst auch deren religiöse Differenz. […]
Wird Religion als spannungsfreier Bereich gesehen, dürfen mögliche Konflikte auf Grund von religiöser Differenz nicht zur Sprache kommen. „Ursachen und Grundlegungen sozialer und kultureller Konflikte“ bleiben so dauerhaft verborgen. Differenz kann Konfliktpotenzial haben, was nicht bedeutet, dass Differenz Konflikte produzieren muss. Konflikte, die sich auf Grund religiöser Differenz ergeben, können im Kindergartenalltag möglicherweise vermieden werden, wenn religiöse Differenz nicht erkennbar ist, weil sich die Kinder einer Norm anzupassen haben. Konflikte, die nicht thematisiert, bearbeitet oder ausgetragen werden, sind deswegen aber trotzdem vorhanden. „(Religiöse) Pluralität bedeutet nicht Idylle, sondern ist vielleicht nur dort keine Quelle von Konflikten, wo Religion gänzlich privatisiert, Religionen gesellschaftlich gleichgültig und letztlich bedeutungslos geworden sind. Auch im Dialog wird nicht die Harmonie des ‚Einanderverstehen‘ erreicht, sondern eher das ‚Einander-in-der-Fremdheit-Begleiten‘ als fruchtbare Lösung anzusehen sein. Konflikte bergen auch Chancen in sich. Auch deswegen ist nicht primär ihre Vermeidung anzustreben, sondern ein angemessener Umgang mit ihnen.“ Religiöse Differenz nicht zu thematisieren, kann eine Form des Umgangs sein, die im Kindergarten vorhandene Komplexität und vielfältigen Anforderungen zu reduzieren, ebenso kann dies mit fehlender Kompetenz und Unsicherheit in Bezug auf religiöse Differenz zusammenhängen.
Herausforderung der Religionspädagogik ist es, aufzuzeigen, dass Religion mehr ist als ein Faktor, der Zufriedenheit im Menschen fördert. Religion kann aus der Zufriedenheit aufrütteln, wodurch kreative Potenziale freigesetzt werden, die es zur Aufdeckung falscher Tendenzen bedarf, um Veränderung herbeizuführen. Religion ist nicht mit Harmonisierung gleichzusetzen, sondern trägt in sich ein Spannungspotenzial. […] Es gilt die Frage wachzuhalten, was Religion ist, Religion nicht zu instrumentalisieren und die Relevanz besonders der im Leben nie vollständig zu beantwortenden Fragen für die ElementarpädagogInnen zu verdeutlichen. Die Einstellung der ElementarpädagogInnen zur Religion beeinflusst deren Verständnis von religiöser Bildung und Erziehung und den Umgang mit religiöser Differenz im Kindergartenalltag. Das Spannungspotenzial, das Religion eigen ist, durch Harmonisierungstendenzen aufzulösen, hat einen zu hohen Preis, auch wenn der Versuch, dies zu tun, angesichts der Komplexität des Alltags verlockend ist. […]
Dass der Dialog über religiöse Differenz im Kindergarten von besonderer Bedeutung ist und möglicherweise in einen interreligiösen Dialog mündet, wird von Peter L. Berger festgestellt: „Dieser interreligiöse Dialog auf Kindergarten-Ebene ist wahrscheinlich letztlich wichtiger als der interreligiöse Dialog von Akademikern, weil einfach mehr Menschen im Kindergarten sind als an der Universität.“ Die Religionspädagogik kann ihren Beitrag dazu leisten, in elementarpädagogischen Einrichtungen das Miteinanderleben und Voneinanderlernen in Verschiedenheit zu unterstützen.
1 Übereinkommen über die Rechte des Kindes, 1989, Artikel 2
2 Übereinkommen über die Rechte des Kindes, 1989, Artikel 29
3 Die Autorin bezieht sich auf das Recht auf Bildung.
4 marginalisiert: an den Rand oder ins Abseits gedrängt
5 monoreligiös: nur eine Religion betrachtend
6 monokonfessionell: nur eine Konfession betrachtend, als Konfessionen werden unterschiedliche christliche Richtungen und Gemeinschaften bezeichnet, z. B. evangelische oder katholische Konfession
1.
2.
3.
Aufgabe 3 - Gewalt und unzureichende Identitätsen… · Gewalt und unzureichende Identitätsentwicklung (Heitmeyer)
Wilhelm Heitmeyer
Autoritäre Versuchungen
Verschärfte Ambivalenz der Moderne erzeugt verschiedene Formen des Autoritarismus
[...] Als Ambivalenz der Moderne wurde und wird in der soziologischen Literatur eine Zeit-
diagnose verstanden, die sich auf bestimmte Individualisierungsprozesse und deren Folgen
konzentriert, die für das Leben der Menschen in der Moderne paradigmatisch 1 seien [...].
In dieser Ambivalenz drücken sich Unterschiedlichkeit und Widersprüchlichkeit externer
5 Anforderungen an den Menschen in der modernen Gesellschaft aus. Dazu bedarf es dann –
im Sinne sozialpsychologischer Konzepte – der Ambivalenztoleranz, um damit umgehen zu
können. Untrennbar damit verbunden ist eine weitere Fähigkeit, die Ambiguitätstoleranz, das
heißt das Aushalten von unklaren, mehrdeutigen, unentschiedenen Situationen, die sich nicht
klar und eindeutig klassifizieren lassen.
10 Hier liegen nun erhebliche Gefahren im Zusammenhang mit autoritären Versuchungen, wie
sich beispielsweise an rechtsextremistischen Orientierungsmustern bei Jugendlichen aufzei-
gen ließ. Denn wenn Situationen oder auch die Anwesenheit von fremden Menschen als un-
berechenbar oder unkontrollierbar wahrgenommen werden, dann reagieren Personen, deren
Ambiguitätstoleranz niedrig ist, mit vereinfachten Weltsichten oder Stereotypen, um wieder
15 Ordnung, Struktur und Kontrolle zu erreichen.
Dass mit der Ambivalenz der modernen Welt die Eindeutigkeit unwiederbringlich verloren
gegangen ist und deshalb in erhöhtem Maße die Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz notwen-
dig wäre, um nicht in autoritäre Versuchungen zu geraten, ist naheliegend. Thomas Bauer 2
hat nun aufgezeigt, dass diese Ambiguitätstoleranz jedoch beständig abnimmt und auf fatale
20 Folgen für Gesellschaft und Politik verwiesen. Das Autoritäre ist dann ein Weg zur Realitäts-
kontrolle. [...].
Diese Ambivalenz der Moderne hatte insbesondere in den neuen Bundesländern gravierende
Folgen, die im sozialen wie im politischen Bereich bis heute nachhallen. Für Menschen aus
der ehemaligen DDR, die zuvor in einem autoritären, geschlossenen System mit mehr Sicher-
25 heit und weniger Freiheit gelebt hatten, fand 1989 eine Art Individualisierungsaufprall statt.
Es gab kein sukzessives Hineinwachsen und kein „trainierendes“ Umgehen mit gesellschaft-
lichen Veränderungen. Die eingelebten Verhältnisse hatten sich verdreht: mehr Freiheiten,
weniger Sicherheiten.
Inzwischen ist die Aufstiegsgesellschaft, wie sie in der alten Bundesrepublik jahrzehntelang
30 als Erfolgsmodell galt, auch im Westen Geschichte. Ulrich Becks einprägsame optimistische
Metapher vom „Fahrstuhl“, in dem alle sozialen Gruppen mit gleichbleibendem Ungleich-
heitsabstand nach oben fahren, ist seit Langem nicht mehr zeitgemäß und muss durch das
„Paternoster“-Bild ersetzt werden: Für einige geht es immer noch aufwärts, für andere hinge-
gen abwärts. Um die Frage, wie sehr sich die Verhältnisse auf dem Feld der sozialen Ungleich-
35 heit verändert haben, wird mit statistischen Waffen gekämpft. Die altbekannte und ungelöste
Spannung zwischen den Aufstiegsambitionen und Abstiegsängsten in den die Gesellschaft
bislang stabilisierenden mittleren sozialen Schichten erhält zwei relativ neue zusätzliche
Spannungspunkte, für die es bisher keine beruhigenden Antworten gibt: Viele machen sich
Sorgen über erstens die eigene Altersversorgung und zweitens die zukünftige Statusplatzie-
40 rung ihrer Kinder. Letztere ist deshalb von großem Belang, weil in die Vergleiche bezüglich
der Sicherung von Status und sozialer Anerkennung immer auch die Erfolgsaussichten der
nachfolgenden Generation eingehen. Der „relative Aufstiegsautomatismus“ 3, auf den man
früher vertrauen konnte, existiert heute nicht mehr, ist aber als prägendes Leitbild und als
Erwartungshintergrund – auch im intergenerationalen 4 Vergleich – präsent. Ein weiterer Fak-
45 tor, der zur Verschärfung der Ambivalenz der Moderne beiträgt.
Es gibt an dieser Stelle mehrere typische Verarbeitungsstrategien. Welche zum Einsatz kom-
men, hängt unter anderem vom jeweiligen Bildungsgrad, von den sozialräumlichen Gelegen-
heitsstrukturen und von der Unterstützung aus der sozialen Umgebung ab:
• Steigerung des Konkurrenzbewusstseins und der individuellen Anstrengungen, etwa durch
50 erhöhte berufliche oder geografische Mobilität;
• resignierendes Geschehenlassen angesichts übermächtiger „Verhältnisse“;
• aufbegehrende Suche nach autoritären sozialen und kulturellen Angeboten, zum Beispiel
als Schutz vor externer Konkurrenz, zur Sicherung von knappen Aufstiegschancen, zu einer
vermeintlichen Stabilisierung der Ordnung usw.
55 Um die Folgen des Zusammenwirkens von autoritärem Kapitalismus, Demokratieentleerung
und sozialer Desintegration für die Herausbildung des neuen politischen Typs des autoritären
Nationalradikalismus angemessen analysieren zu können, ist es notwendig, das Phänomen
des Autoritären in den Blick zu nehmen – Konstellationen von Hierarchie und Kontrolle, Füh-
rung und Lenkung, Einfluss, Geltung und Macht –, um dessen Relevanz für die gesellschaft-
60 liche Entwicklung zu verdeutlichen.
Da wir in der ambivalenten Moderne veränderte Individualisierungsbedingungen vorfinden
und darüber hinaus auch die Erziehungsmethoden – zumindest in der alten Bundesrepublik –
eine Liberalisierung erfahren haben, haben psychoanalytische Autoritarismus-Konzeptionen
wie die des „autoritären Charakters“ 5 an Relevanz eingebüßt, weil die Ursachen nicht mehr
65 umfassend als Ergebnis unterdrückerischer und zerstörerischer Erziehungspraktiken und in
den Kategorien von „Ich-Schwäche“ etc. gefasst werden können. Oliver Decker spricht in
diesem Zusammenhang von einem Veralten des „autoritären Charakters“. Das Konzept des
Autoritarismus insgesamt hingegen bleibe höchst relevant und müsse unter sich wandelnden
gesellschaftlichen Bedingungen immer wieder neu bestimmt werden. Deshalb wird in dieser
70 Analyse vor allem von der makrostrukturellen Ebene, von ökonomischen, sozialen und politi-
schen Entsicherungen und Kontrollverlusten aus gedacht. [...]
Autoritäre Versuchungen sind vor diesem Hintergrund vor allem als Reaktionen auf indivi-
duellen oder gesellschaftlichen Kontrollverlust zu interpretieren. Sie erzeugen eine Nachfrage
nach politischen Angeboten, die darauf abzielen, die Kontrolle wiederherzustellen, und zwar
75 durch die Ausübung von Macht und Herrschaft sowie über Ausgrenzung und Diskriminie-
rung bzw. gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. [...]
Nachdem das Autoritäre lange Zeit überdeckt war, gilt es nun, sich mit den Bedingungen der
Wiederkehr des Autoritären in Zeiten der Globalisierung zu befassen. Wie aktuell ist die Flucht
ins Autoritäre und in die Unterwerfung, die Flucht ins Destruktive (sodass sogar Zerstörung
80 noch positiv bewertet wird), die Flucht in die Konformität, also in Anpassung und Abhängig-
keit?
Anmerkungen und Erläuterungen
1 paradigmatisch: als Muster oder Beispiel dienend
2 Thomas Bauer ist Islamwissenschaftler an der Universität Münster.
3 Aufstiegsautomatismus meint die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder wohlhabender Eltern ganz selbstverständlich ebenfalls wohlhabend sein werden.
4 intergenerational: alle Generationen betreffend
5 Der „autoritäre Charakter“ nach Adorno beschreibt in der Psychoanalyse in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein typisches Muster von Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften, die ein Potenzial für antidemokratische und faschistische Einstellungen und Verhaltensweisen bilden und ihren Ursprung in psychischen Verarbeitungsmustern wichtiger emotionaler Erfahrungen, insbesondere streng-autoritärer Erziehung haben.
Anmerkung zum Autor: Wilhelm Heitmeyer ist ein deutscher Soziologe, Erziehungswissenschaftler und Professor für Sozialisation am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.
Wilhelm Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen, Signaturen der Bedrohung. Berlin: Suhrkamp Verlag 2018, S. 87 ff. (Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)
1.
Formulieren Sie die zentrale(n) Aussage(n) des Textes, stellen Sie dessen Inhalt dar und skizzieren Sie, wie die Argumentation aufgebaut ist.
(18 Punkte)
2.
Erläutern Sie Heitmeyers Aussagen unter Einbeziehung seines soziologischen Ansatzes zur Erklärung von Gewalt.
(32 Punkte)
Aufgabe 3 - Bildung und Schule (Klafki) · Bildung und Schule (Klafki, Fend)
Wilhelm Heitmeyer
Autoritäre Versuchungen
Verschärfte Ambivalenz der Moderne erzeugt verschiedene Formen des Autoritarismus
[...] Als Ambivalenz der Moderne wurde und wird in der soziologischen Literatur eine Zeit-
diagnose verstanden, die sich auf bestimmte Individualisierungsprozesse und deren Folgen
konzentriert, die für das Leben der Menschen in der Moderne paradigmatisch 1 seien [...].
In dieser Ambivalenz drücken sich Unterschiedlichkeit und Widersprüchlichkeit externer
5 Anforderungen an den Menschen in der modernen Gesellschaft aus. Dazu bedarf es dann –
im Sinne sozialpsychologischer Konzepte – der Ambivalenztoleranz, um damit umgehen zu
können. Untrennbar damit verbunden ist eine weitere Fähigkeit, die Ambiguitätstoleranz, das
heißt das Aushalten von unklaren, mehrdeutigen, unentschiedenen Situationen, die sich nicht
klar und eindeutig klassifizieren lassen.
10 Hier liegen nun erhebliche Gefahren im Zusammenhang mit autoritären Versuchungen, wie
sich beispielsweise an rechtsextremistischen Orientierungsmustern bei Jugendlichen aufzei-
gen ließ. Denn wenn Situationen oder auch die Anwesenheit von fremden Menschen als un-
berechenbar oder unkontrollierbar wahrgenommen werden, dann reagieren Personen, deren
Ambiguitätstoleranz niedrig ist, mit vereinfachten Weltsichten oder Stereotypen, um wieder
15 Ordnung, Struktur und Kontrolle zu erreichen.
Dass mit der Ambivalenz der modernen Welt die Eindeutigkeit unwiederbringlich verloren
gegangen ist und deshalb in erhöhtem Maße die Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz notwen-
dig wäre, um nicht in autoritäre Versuchungen zu geraten, ist naheliegend. Thomas Bauer 2
hat nun aufgezeigt, dass diese Ambiguitätstoleranz jedoch beständig abnimmt und auf fatale
20 Folgen für Gesellschaft und Politik verwiesen. Das Autoritäre ist dann ein Weg zur Realitäts-
kontrolle. [...].
Diese Ambivalenz der Moderne hatte insbesondere in den neuen Bundesländern gravierende
Folgen, die im sozialen wie im politischen Bereich bis heute nachhallen. Für Menschen aus
der ehemaligen DDR, die zuvor in einem autoritären, geschlossenen System mit mehr Sicher-
25 heit und weniger Freiheit gelebt hatten, fand 1989 eine Art Individualisierungsaufprall statt.
Es gab kein sukzessives Hineinwachsen und kein „trainierendes“ Umgehen mit gesellschaft-
lichen Veränderungen. Die eingelebten Verhältnisse hatten sich verdreht: mehr Freiheiten,
weniger Sicherheiten.
Inzwischen ist die Aufstiegsgesellschaft, wie sie in der alten Bundesrepublik jahrzehntelang
30 als Erfolgsmodell galt, auch im Westen Geschichte. Ulrich Becks einprägsame optimistische
Metapher vom „Fahrstuhl“, in dem alle sozialen Gruppen mit gleichbleibendem Ungleich-
heitsabstand nach oben fahren, ist seit Langem nicht mehr zeitgemäß und muss durch das
„Paternoster“-Bild ersetzt werden: Für einige geht es immer noch aufwärts, für andere hinge-
gen abwärts. Um die Frage, wie sehr sich die Verhältnisse auf dem Feld der sozialen Ungleich-
35 heit verändert haben, wird mit statistischen Waffen gekämpft. Die altbekannte und ungelöste
Spannung zwischen den Aufstiegsambitionen und Abstiegsängsten in den die Gesellschaft
bislang stabilisierenden mittleren sozialen Schichten erhält zwei relativ neue zusätzliche
Spannungspunkte, für die es bisher keine beruhigenden Antworten gibt: Viele machen sich
Sorgen über erstens die eigene Altersversorgung und zweitens die zukünftige Statusplatzie-
40 rung ihrer Kinder. Letztere ist deshalb von großem Belang, weil in die Vergleiche bezüglich
der Sicherung von Status und sozialer Anerkennung immer auch die Erfolgsaussichten der
nachfolgenden Generation eingehen. Der „relative Aufstiegsautomatismus“ 3, auf den man
früher vertrauen konnte, existiert heute nicht mehr, ist aber als prägendes Leitbild und als
Erwartungshintergrund – auch im intergenerationalen 4 Vergleich – präsent. Ein weiterer Fak-
45 tor, der zur Verschärfung der Ambivalenz der Moderne beiträgt.
Es gibt an dieser Stelle mehrere typische Verarbeitungsstrategien. Welche zum Einsatz kom-
men, hängt unter anderem vom jeweiligen Bildungsgrad, von den sozialräumlichen Gelegen-
heitsstrukturen und von der Unterstützung aus der sozialen Umgebung ab:
• Steigerung des Konkurrenzbewusstseins und der individuellen Anstrengungen, etwa durch
50 erhöhte berufliche oder geografische Mobilität;
• resignierendes Geschehenlassen angesichts übermächtiger „Verhältnisse“;
• aufbegehrende Suche nach autoritären sozialen und kulturellen Angeboten, zum Beispiel
als Schutz vor externer Konkurrenz, zur Sicherung von knappen Aufstiegschancen, zu einer
vermeintlichen Stabilisierung der Ordnung usw.
55 Um die Folgen des Zusammenwirkens von autoritärem Kapitalismus, Demokratieentleerung
und sozialer Desintegration für die Herausbildung des neuen politischen Typs des autoritären
Nationalradikalismus angemessen analysieren zu können, ist es notwendig, das Phänomen
des Autoritären in den Blick zu nehmen – Konstellationen von Hierarchie und Kontrolle, Füh-
rung und Lenkung, Einfluss, Geltung und Macht –, um dessen Relevanz für die gesellschaft-
60 liche Entwicklung zu verdeutlichen.
Da wir in der ambivalenten Moderne veränderte Individualisierungsbedingungen vorfinden
und darüber hinaus auch die Erziehungsmethoden – zumindest in der alten Bundesrepublik –
eine Liberalisierung erfahren haben, haben psychoanalytische Autoritarismus-Konzeptionen
wie die des „autoritären Charakters“ 5 an Relevanz eingebüßt, weil die Ursachen nicht mehr
65 umfassend als Ergebnis unterdrückerischer und zerstörerischer Erziehungspraktiken und in
den Kategorien von „Ich-Schwäche“ etc. gefasst werden können. Oliver Decker spricht in
diesem Zusammenhang von einem Veralten des „autoritären Charakters“. Das Konzept des
Autoritarismus insgesamt hingegen bleibe höchst relevant und müsse unter sich wandelnden
gesellschaftlichen Bedingungen immer wieder neu bestimmt werden. Deshalb wird in dieser
70 Analyse vor allem von der makrostrukturellen Ebene, von ökonomischen, sozialen und politi-
schen Entsicherungen und Kontrollverlusten aus gedacht. [...]
Autoritäre Versuchungen sind vor diesem Hintergrund vor allem als Reaktionen auf indivi-
duellen oder gesellschaftlichen Kontrollverlust zu interpretieren. Sie erzeugen eine Nachfrage
nach politischen Angeboten, die darauf abzielen, die Kontrolle wiederherzustellen, und zwar
75 durch die Ausübung von Macht und Herrschaft sowie über Ausgrenzung und Diskriminie-
rung bzw. gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. [...]
Nachdem das Autoritäre lange Zeit überdeckt war, gilt es nun, sich mit den Bedingungen der
Wiederkehr des Autoritären in Zeiten der Globalisierung zu befassen. Wie aktuell ist die Flucht
ins Autoritäre und in die Unterwerfung, die Flucht ins Destruktive (sodass sogar Zerstörung
80 noch positiv bewertet wird), die Flucht in die Konformität, also in Anpassung und Abhängig-
keit?
Anmerkungen und Erläuterungen
1 paradigmatisch: als Muster oder Beispiel dienend
2 Thomas Bauer ist Islamwissenschaftler an der Universität Münster.
3 Aufstiegsautomatismus meint die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder wohlhabender Eltern ganz selbstverständlich ebenfalls wohlhabend sein werden.
4 intergenerational: alle Generationen betreffend
5 Der „autoritäre Charakter“ nach Adorno beschreibt in der Psychoanalyse in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein typisches Muster von Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften, die ein Potenzial für antidemokratische und faschistische Einstellungen und Verhaltensweisen bilden und ihren Ursprung in psychischen Verarbeitungsmustern wichtiger emotionaler Erfahrungen, insbesondere streng-autoritärer Erziehung haben.
Anmerkung zum Autor: Wilhelm Heitmeyer ist ein deutscher Soziologe, Erziehungswissenschaftler und Professor für Sozialisation am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.
Wilhelm Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen, Signaturen der Bedrohung. Berlin: Suhrkamp Verlag 2018, S. 87 ff. (Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)
3.
Beurteilen Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse und der bildungstheoretischen Überlegungen von Wolfgang Klafki, welche Möglichkeiten und Grenzen die Schule bei der Förderung von Ambiguitätstoleranz hat.
(30 Punkte)
Aufgabe 4 · Identität und Sozialisation
Abiturprüfung 2021 – Erziehungswissenschaft, Leistungskurs
Aufgabenstellung:
1.
Arbeiten Sie heraus, welche Chancen und welche Risiken sich aus der Mediennutzung für die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen ergeben und welchen Einfluss die erzieherische Begleitung des Medienkonsums auf dessen Wirkrichtung ausübt. (18 Punkte)
2.
Setzen Sie die Aussagen des Textes zu einem psychosozialen Entwicklungsmodell sowie zu einer weiteren Identitätstheorie, die Sie selbst auswählen, in Beziehung. (34 Punkte)
3.
Leiten Sie auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse pädagogische Konsequenzen für die Begleitung des Medienkonsums in Schule und Elternhaus ab. (28 Punkte)
Materialgrundlage:
Alexander Martin: Medienerziehung im Unterrichtsfach Pädagogik – Praxisorientierte Entwicklung, Durchführung und Evaluation einer Lehrkräftefortbildung zu den Themenbereichen Cybermobbing, Gewalt und Sexualisierung in Medien. Dissertation. Universität Paderborn 2017, S. 25–29.
(Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)
Alexander Martin
Medienerziehung im Unterrichtsfach Pädagogik
Entwicklungsaufgaben und -herausforderungen von Kindern und Jugendlichen im Kontext einer mediatisierten Lebenswelt
1 In einer mediatisierten Gesellschaft sind Heranwachsende von Beginn ihres Lebens an mit vielzähligen Medieneinflüssen konfrontiert und Medien stellen einen entscheidenden und prägenden Einflussfaktor dar. Dabei geraten insbesondere entwicklungspsychologische (Ebene des Individuums) und soziologische (Ebene der Gesellschaft) Perspektiven in den Blick, die
5 sich überlappen und wechselseitig beeinflussen. Kindheit und Jugend können nicht zuletzt ob der unausweichlichen Medieneinflüsse nicht mehr (ausschließlich) als Lebensphase des gefahrlosen Experimentierens im Sinne eines „Moratoriums“ 1 verstanden werden. Ein Charakteristikum zunehmend mediatisierter Lebenswelten ist, dass sich Kindern hier Zugriffs-, Einblick- und Handlungsmöglichkeiten eröffnen, die ihrem Entwicklungsstand oftmals nicht ent-
10 sprechen. Damit unterscheidet sich das gegenwärtige Auf- und Heranwachsen substanziell von vormaligen Kinderjahren, die dadurch geprägt waren, dass Erwachsene Kinder sukzessive an ihre Lebenswelt herangeführt haben und den Takt dabei (idealerweise entwicklungsangemessen) selbst bestimmen konnten. [...]
14 Mit zunehmendem Alter entwickelt sich dann bei Kindern auch eine eigenständige und aktive
15 Hinwendung zur Mediennutzung. [...]
16 Insbesondere ältere Kinder und Jugendliche prüfen „[i]n der Auseinandersetzung mit den medialen Helden und Idolen [...] ihr Selbstbild, klären ihre Geschlechterrolle und inszenieren ihre Subjektivität. Im sozialen Bereich nutzen sie die Medien, um sich Ansehen in der Gruppe zu verschaffen, Konflikte mit den Eltern auszutragen und sich von ihnen abzulösen oder sich
20 über Medieninhalte mit anderen zu verständigen“. Da anzunehmen ist, dass das identitäts- und sinnstiftende Moment des Medienkonsums in diesem Alter insbesondere dann eine ungünstige Entwicklung einschlägt, wenn reale Erfahrungen wenig Halt geben, „wird sich der pädagogische Blick immer wieder auf die Kontexte richten müssen, die möglicherweise einen problematischen Medienumgang mit bedingen“.
25 Insbesondere im sozialen Miteinander von Jugendlichen haben Medien und hierbei vor allem Angebote des „Social Web“, das sich dadurch kennzeichnet, „dass die [...] Nutzer zu Inhaltsanbietern werden können“, einen entscheidenden Stellenwert und sind „ein Bestandteil der Peer-Kulturen“, etwa als Mittel zur Kommunikation oder wenn die Nutzung gleicher Medienangebote und -inhalte eine verbindende Gemeinsamkeit markiert. Webbasierte Angebote, die
30 Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit geben, auch selbst als Produzierende in Erscheinung zu treten, tangieren zentrale Bereiche der Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung. Insbesondere in einer „Gesellschaft, die von Individualisierungsprozessen, von relativer Wahlfreiheit einerseits, aber auch von einer verwirrenden Vielfalt der Lebenskonzepte und Wertsysteme andererseits gekennzeichnet ist, bedeutet es keinesfalls eine leichte Aufgabe, zu einem
35 stabilen Selbstkonzept zu gelangen“. Webangebote wie soziale Netzwerke bieten zwar eine Vielzahl von Möglichkeiten, ‚Identitäten‘ zu erproben, können aber bei unbedarfter Anwendung die Identitätsfindung auch erschweren oder gefährden.
38 Es ist anzunehmen, „dass Kinder und Jugendliche vor allem Medienangebote nutzen, die ihnen eine Befriedigung von Bedürfnissen ermöglichen. Insofern liegt darin auch ein Schlüssel, um
40 die Beliebtheit bestimmter Medienangebote zu erklären“. Jenseits basaler 2 physischer Bedürfnisse streben Kinder und Jugendliche „nach Sinneserregung und Spannung, nach Orientierung und Sicherheit sowie der darüber liegenden Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Liebe sowie nach Achtung und Wertschätzung“. So suchen beispielsweise Jugendliche in Zeiten einer zunehmend multioptionalen Gesellschaft „Orientierungshilfen in den Medien“. Insbesondere im
45 Zuge anspruchsvoller Entwicklungs- und Orientierungsaufgaben wie Übergangssituationen [...] oder der Verortung in einer wertepluralistischen Gesellschaft, kann die Befriedigung dieser Bedürfnisse versagt bleiben und ersatzweise „an die Medien heran[ge]tragen werden“. [...]
48 Aus einer entwicklungspsychologischen Warte betrachtet, ergeben sich bestimmte Aufgaben, die das Aufwachsen begleiten. Mittlerweile hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass sich
50 zwar Entwicklungsaufgaben benennen lassen, die Menschen mehr oder minder gleichermaßen begegnen, dass sich aber die Frage nach einer gelingenden Entwicklung (bzw. erfolgreichen Bewältigung dieser Aufgaben) nur bedingt pauschal beantworten lässt, da unterschiedliche Milieus dies unterschiedlich deuten. So kann etwa die „Übernahme der männlichen resp. 3 weiblichen Geschlechterrollen“ ganz unterschiedlichen Auffassungen darüber unterliegen, wie
55 diese Rollen auszufüllen sind oder ob es sie in Reinform überhaupt gibt. Bei allen Unterschieden im Detail kann aber die „Entwicklung zu einer eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit“ als allgemein gültige Richtschnur für den Entwicklungsprozess angenommen werden.
59 Ausgangspunkt der Diskussion darüber, wie der anzustoßende Entwicklungsprozess gelingen
60 kann, ist zunächst die Anerkennung der Tatsache, dass Heranwachsende in eine mediatisierte Gesellschaft hineinwachsen und dass es sich dabei um einen gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozess handelt, von dem nicht anzunehmen ist, dass er sich wird rückgängig machen lassen, geschweige denn, dass dies einem mehrheitlichen gesellschaftlichen Willen entspräche. Geht man davon aus, stellt sich die Frage, was Gelingensbedingungen für eine
65 erfolgreiche Mediensozialisation sind.
66 Unbestreitbar sind Medienentwicklungen mit möglichen Risiken verbunden: „Medien konfrontieren die Heranwachsenden mit Konsum- und Konformitätsdruck, sie verleiten zu fremdbestimmter Zeit, wenn die Programmstrukturen der Angebote den Tagesablauf beherrschen. Medienfiguren und -geschichten können das Selbst- und Weltbild verzerren und die Identi-
70 tätsgrenzen ins Wanken bringen.“
71 Gleichermaßen können der zunehmende Stellenwert und die breite Verfügbarkeit von Medien auch mit positiven Effekten einhergehen: „Der hohe Aufforderungscharakter der Medien kann dazu führen, dass Menschen lernen, ihre Zeit bewusst zu gestalten. Der Anspruch an permanente Verfügbarkeit durch die mobilen Medien kann dazu zwingen, bewusste Abgrenzung zu
75 lernen. Medien werden als Bausteine einer anregenden sozialen Umwelt genutzt. Statt eines Ersatzes kommt es zu einer Ergänzung der Face-to-Face Beziehungen.“
77 Entscheidend ist vor diesem Hintergrund also die Frage, wie sich Risiken vermeiden und Potenziale heben lassen. [...] Medienerzieherische Einflussnahme muss sich dann als stabilisierendes Korrektiv verstehen. Wie bereits zuvor skizziert, lässt sich der Einfluss von Medien
80 nur im Kontext des sozialen Systems, in dem Kinder und Jugendliche aufwachsen, verstehen. Dass Medieneinflüsse eine zentrale Einflussgröße darstellen, ist unstrittig. Entscheidenden Einfluss auf die Wirkrichtung hat dann allerdings die erzieherische Begleitung des Medienkonsums.
Anmerkung zum Autor: Alexander Martin ist Junior Professor an der Universität zu Köln und arbeitet an der Fachdidaktik des Unterrichtsfaches Pädagogik.
1 Moratorium: Aufhaltung, Aufschub
2 basal: die Basis bildend, grundlegend, elementar
3 resp.: Abkürzung von respektive: beziehungsweise, besser gesagt
1.
2.
3.
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