Aufgabe 3 - Bildung und Schule (Klafki) · Abitur NRW Erziehungswissenschaft LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Bildung und Schule (Klafki, Fend) · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Wilhelm Heitmeyer
Autoritäre Versuchungen
Verschärfte Ambivalenz der Moderne erzeugt verschiedene Formen des Autoritarismus
[...] Als Ambivalenz der Moderne wurde und wird in der soziologischen Literatur eine Zeit-
diagnose verstanden, die sich auf bestimmte Individualisierungsprozesse und deren Folgen
konzentriert, die für das Leben der Menschen in der Moderne paradigmatisch 1 seien [...].
In dieser Ambivalenz drücken sich Unterschiedlichkeit und Widersprüchlichkeit externer
5 Anforderungen an den Menschen in der modernen Gesellschaft aus. Dazu bedarf es dann –
im Sinne sozialpsychologischer Konzepte – der Ambivalenztoleranz, um damit umgehen zu
können. Untrennbar damit verbunden ist eine weitere Fähigkeit, die Ambiguitätstoleranz, das
heißt das Aushalten von unklaren, mehrdeutigen, unentschiedenen Situationen, die sich nicht
klar und eindeutig klassifizieren lassen.
10 Hier liegen nun erhebliche Gefahren im Zusammenhang mit autoritären Versuchungen, wie
sich beispielsweise an rechtsextremistischen Orientierungsmustern bei Jugendlichen aufzei-
gen ließ. Denn wenn Situationen oder auch die Anwesenheit von fremden Menschen als un-
berechenbar oder unkontrollierbar wahrgenommen werden, dann reagieren Personen, deren
Ambiguitätstoleranz niedrig ist, mit vereinfachten Weltsichten oder Stereotypen, um wieder
15 Ordnung, Struktur und Kontrolle zu erreichen.
Dass mit der Ambivalenz der modernen Welt die Eindeutigkeit unwiederbringlich verloren
gegangen ist und deshalb in erhöhtem Maße die Fähigkeit zur Ambiguitätstoleranz notwen-
dig wäre, um nicht in autoritäre Versuchungen zu geraten, ist naheliegend. Thomas Bauer 2
hat nun aufgezeigt, dass diese Ambiguitätstoleranz jedoch beständig abnimmt und auf fatale
20 Folgen für Gesellschaft und Politik verwiesen. Das Autoritäre ist dann ein Weg zur Realitäts-
kontrolle. [...].
Diese Ambivalenz der Moderne hatte insbesondere in den neuen Bundesländern gravierende
Folgen, die im sozialen wie im politischen Bereich bis heute nachhallen. Für Menschen aus
der ehemaligen DDR, die zuvor in einem autoritären, geschlossenen System mit mehr Sicher-
25 heit und weniger Freiheit gelebt hatten, fand 1989 eine Art Individualisierungsaufprall statt.
Es gab kein sukzessives Hineinwachsen und kein „trainierendes“ Umgehen mit gesellschaft-
lichen Veränderungen. Die eingelebten Verhältnisse hatten sich verdreht: mehr Freiheiten,
weniger Sicherheiten.
Inzwischen ist die Aufstiegsgesellschaft, wie sie in der alten Bundesrepublik jahrzehntelang
30 als Erfolgsmodell galt, auch im Westen Geschichte. Ulrich Becks einprägsame optimistische
Metapher vom „Fahrstuhl“, in dem alle sozialen Gruppen mit gleichbleibendem Ungleich-
heitsabstand nach oben fahren, ist seit Langem nicht mehr zeitgemäß und muss durch das
„Paternoster“-Bild ersetzt werden: Für einige geht es immer noch aufwärts, für andere hinge-
gen abwärts. Um die Frage, wie sehr sich die Verhältnisse auf dem Feld der sozialen Ungleich-
35 heit verändert haben, wird mit statistischen Waffen gekämpft. Die altbekannte und ungelöste
Spannung zwischen den Aufstiegsambitionen und Abstiegsängsten in den die Gesellschaft
bislang stabilisierenden mittleren sozialen Schichten erhält zwei relativ neue zusätzliche
Spannungspunkte, für die es bisher keine beruhigenden Antworten gibt: Viele machen sich
Sorgen über erstens die eigene Altersversorgung und zweitens die zukünftige Statusplatzie-
40 rung ihrer Kinder. Letztere ist deshalb von großem Belang, weil in die Vergleiche bezüglich
der Sicherung von Status und sozialer Anerkennung immer auch die Erfolgsaussichten der
nachfolgenden Generation eingehen. Der „relative Aufstiegsautomatismus“ 3, auf den man
früher vertrauen konnte, existiert heute nicht mehr, ist aber als prägendes Leitbild und als
Erwartungshintergrund – auch im intergenerationalen 4 Vergleich – präsent. Ein weiterer Fak-
45 tor, der zur Verschärfung der Ambivalenz der Moderne beiträgt.
Es gibt an dieser Stelle mehrere typische Verarbeitungsstrategien. Welche zum Einsatz kom-
men, hängt unter anderem vom jeweiligen Bildungsgrad, von den sozialräumlichen Gelegen-
heitsstrukturen und von der Unterstützung aus der sozialen Umgebung ab:
• Steigerung des Konkurrenzbewusstseins und der individuellen Anstrengungen, etwa durch
50 erhöhte berufliche oder geografische Mobilität;
• resignierendes Geschehenlassen angesichts übermächtiger „Verhältnisse“;
• aufbegehrende Suche nach autoritären sozialen und kulturellen Angeboten, zum Beispiel
als Schutz vor externer Konkurrenz, zur Sicherung von knappen Aufstiegschancen, zu einer
vermeintlichen Stabilisierung der Ordnung usw.
55 Um die Folgen des Zusammenwirkens von autoritärem Kapitalismus, Demokratieentleerung
und sozialer Desintegration für die Herausbildung des neuen politischen Typs des autoritären
Nationalradikalismus angemessen analysieren zu können, ist es notwendig, das Phänomen
des Autoritären in den Blick zu nehmen – Konstellationen von Hierarchie und Kontrolle, Füh-
rung und Lenkung, Einfluss, Geltung und Macht –, um dessen Relevanz für die gesellschaft-
60 liche Entwicklung zu verdeutlichen.
Da wir in der ambivalenten Moderne veränderte Individualisierungsbedingungen vorfinden
und darüber hinaus auch die Erziehungsmethoden – zumindest in der alten Bundesrepublik –
eine Liberalisierung erfahren haben, haben psychoanalytische Autoritarismus-Konzeptionen
wie die des „autoritären Charakters“ 5 an Relevanz eingebüßt, weil die Ursachen nicht mehr
65 umfassend als Ergebnis unterdrückerischer und zerstörerischer Erziehungspraktiken und in
den Kategorien von „Ich-Schwäche“ etc. gefasst werden können. Oliver Decker spricht in
diesem Zusammenhang von einem Veralten des „autoritären Charakters“. Das Konzept des
Autoritarismus insgesamt hingegen bleibe höchst relevant und müsse unter sich wandelnden
gesellschaftlichen Bedingungen immer wieder neu bestimmt werden. Deshalb wird in dieser
70 Analyse vor allem von der makrostrukturellen Ebene, von ökonomischen, sozialen und politi-
schen Entsicherungen und Kontrollverlusten aus gedacht. [...]
Autoritäre Versuchungen sind vor diesem Hintergrund vor allem als Reaktionen auf indivi-
duellen oder gesellschaftlichen Kontrollverlust zu interpretieren. Sie erzeugen eine Nachfrage
nach politischen Angeboten, die darauf abzielen, die Kontrolle wiederherzustellen, und zwar
75 durch die Ausübung von Macht und Herrschaft sowie über Ausgrenzung und Diskriminie-
rung bzw. gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. [...]
Nachdem das Autoritäre lange Zeit überdeckt war, gilt es nun, sich mit den Bedingungen der
Wiederkehr des Autoritären in Zeiten der Globalisierung zu befassen. Wie aktuell ist die Flucht
ins Autoritäre und in die Unterwerfung, die Flucht ins Destruktive (sodass sogar Zerstörung
80 noch positiv bewertet wird), die Flucht in die Konformität, also in Anpassung und Abhängig-
keit?
Anmerkungen und Erläuterungen
1 paradigmatisch: als Muster oder Beispiel dienend
2 Thomas Bauer ist Islamwissenschaftler an der Universität Münster.
3 Aufstiegsautomatismus meint die hohe Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder wohlhabender Eltern ganz selbstverständlich ebenfalls wohlhabend sein werden.
4 intergenerational: alle Generationen betreffend
5 Der „autoritäre Charakter“ nach Adorno beschreibt in der Psychoanalyse in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ein typisches Muster von Einstellungen und Persönlichkeitseigenschaften, die ein Potenzial für antidemokratische und faschistische Einstellungen und Verhaltensweisen bilden und ihren Ursprung in psychischen Verarbeitungsmustern wichtiger emotionaler Erfahrungen, insbesondere streng-autoritärer Erziehung haben.
Anmerkung zum Autor: Wilhelm Heitmeyer ist ein deutscher Soziologe, Erziehungswissenschaftler und Professor für Sozialisation am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld.
Wilhelm Heitmeyer: Autoritäre Versuchungen, Signaturen der Bedrohung. Berlin: Suhrkamp Verlag 2018, S. 87 ff. (Zwischenüberschriften und Quellenangaben wurden zugunsten einer besseren Lesbarkeit weggelassen. Die Rechtschreibung entspricht dem Original.)
3.
Beurteilen Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse und der bildungstheoretischen Überlegungen von Wolfgang Klafki, welche Möglichkeiten und Grenzen die Schule bei der Förderung von Ambiguitätstoleranz hat.
(30 Punkte)

Lösung
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3. Beurteilen Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse und der bildungstheoretischen Überlegungen von Wolfgang Klafki, welche Möglichkeiten und Grenzen die Schule bei der Förderung von Ambiguitätstoleranz hat. (30 Punkte)
Lösung: Individuelle kriteriengeleitete Beurteilung auf Basis der Bildungstheorie von Wolfgang Klafki.
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