Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Deutsch LK · Haupttermin 2022
Thema: Analyse pragmatischer Texte · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)
Aufgabenstellung
Kübra Gümüşay
Sprache und Sein (Auszug 1, 2020)
Stellen Sie sich vor, Folgendes geschieht: Ein Vater und ein Sohn sind mit dem Auto unter-
wegs und haben einen Unfall, bei dem beide schwer verletzt werden. Der Vater stirbt wäh-
rend der Fahrt zum Krankenhaus, der Sohn muss sofort operiert werden. Bei seinem Anblick
jedoch erblasst einer der diensthabenden Chirurgen und sagt: „Ich kann ihn nicht operieren –
5 das ist mein Sohn!“
Wer ist diese Person? Die Wissenschaftlerin Annabell Preussler verwendet dieses Beispiel,
um zu verdeutlichen, welche Bilder sich aufgrund unseres Sprachgebrauchs in unseren Köpfen
festsetzen. Die Antwort lautet: Es ist die Mutter.
Warum sorgt diese Geschichte im ersten Moment für Irritation? Weil wir uns – wenn von
10 einem „Chirurgen“ die Rede ist – einen Mann vorstellen, keine Frau. Wir tun das, weil die
deutsche Sprache nicht nur geschlechtsspezifische Pronomen kennt, sondern auch einen Genus,
also ein grammatikalisches Geschlecht – anders als beispielsweise das Englische, in dem der
teacher sich auf eine Lehrerin oder einen Lehrer beziehen kann. Trotz dieser Unterscheidungs-
möglichkeit gibt es die Konvention des generischen Maskulinums, die dazu führt, dass die
15 Berufsbezeichnung Lehrer Männer wie Frauen umfassen soll.
Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg argumentiert, dass mit einer solchen Sammel-
bezeichnung weder Männer noch Frauen gemeint seien, sondern eben alle, die lehren. Nur
die Tätigkeit sei interessant. Damit wird jedoch der männliche Standpunkt als neutral univer-
salisiert und die männliche Form als Standard vorgegeben. Wenn also weder Männer noch
20 Frauen gemeint sind – warum dann nicht einfach die weibliche Form nehmen? Das schlägt
Luise F. Pusch vor, Mitbegründerin der feministischen Sprachwissenschaft in Deutschland.
Wenn also die Berufsbezeichnung Lehrerin lautete, ließe sich dann immer noch behaupten,
es seien all jene gemeint, die lehren?
Das Gedankenspiel verdeutlicht die Unzulänglichkeit des generischen Maskulinums. Es
25 reicht nicht aus, dass Frauen – womöglich – mitgemeint sind, wenn sie nicht auch von allen
mitgedacht werden, die den Begriff verwenden.
Die Wissenschaftlerinnen Dagmar Stahlberg, Sabine Sczesny und Friederike Braun haben
den Einfluss geschlechtergerechter Sprache auf unser Denken in folgendem Experiment auf-
gezeigt: Sie legten 50 Frauen und 46 Männern, unterteilt in drei Gruppen, jeweils einen Frage-
30 bogen vor. Die Fragebögen waren alle exakt gleich, sie unterschieden sich einzig in der Ge-
schlechterbezeichnung. Während die einen nach ihren liebsten Romanhelden befragt wurden,
wurde die zweite Gruppe nach ihren liebsten Romanfiguren und die dritte nach ihren liebsten
RomanheldInnen befragt. Also mit männlicher, geschlechtsneutraler und schließlich männ-
lich-weiblicher Begriffsform, dem Binnen-I.
35 Weibliche Romanheldinnen wurden am häufigsten in der geschlechtsneutralen und der
männlich-weiblichen Begriffsform genannt, deutlich weniger dagegen in der ersten Gruppe,
also jener, bei der die männliche Form vermeintlich Figuren beiderlei Geschlechts „neutral“
umfasst. Viele ähnliche Studien, die sich mit dem Gebrauch der männlichen Sprachform be-
schäftigen, haben das gleiche Ergebnis erbracht: Frauen werden gedanklich weniger einbe-
40 zogen.
Wie lässt sich dieses Problem lösen? Darüber wird seit Jahrzehnten gestritten und debat-
tiert. Sollen wir ein Binnen-I verwenden (und damit eine binäre Geschlechterdarstellung
sprachlich zementieren)? Einen Unterstrich (und damit die weibliche Form als Anhängsel
in weite Ferne vom männlichen Wortstamm rücken)? Einen Doppelpunkt? Ein Ausrufezei-
45 chen? Ein Sternchen? Ein X? Und wie sprechen sich diese Schreibweisen jeweils aus? Was
würde sich im Sprachgebrauch durchsetzen? Trotzdem bleibt die Frage: Bekämpfen diese
Vorschläge nur Symptome? Brauchen wir vielleicht eine neue, sichtbar nicht neutrale Endung
für die männlichen Formen? Damit Lehrer tatsächlich all jene meint, die lehren? Damit der
Mann nicht mehr der Standard ist? Oder brauchen wir eine Sprache, die gänzlich darauf ver-
50 zichtet, Menschen nach ihrer Geschlechtsidentität zu kategorisieren? Bei Sprachen wie Swahili,
Usbekisch, Armenisch, Finnisch oder Türkisch ist das der Fall. […]
Klar ist: Wir müssen uns mit der Architektur der Sprache beschäftigen, die unsere Reali-
tät erfassen soll. Damit wir aussprechen können, was ist. Damit wir sein können, wer wir sind.
Damit wir sehen können, wer die jeweils anderen sind.
55 Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen
meiner Welt.
Ludwig Wittgenstein 2
Bei einem Abendessen in einer diversen Runde habe ich über dieses Thema gesprochen –
darüber, wie Sprache Menschen ausgrenzen kann. Viele am Tisch stimmten mir zu und berich-
60 teten von eigenen Erfahrungen, bis sich eine Frau zu Wort meldete, die bis dahin geschwie-
gen hatte. Sie sagte, sie sei überrascht, dass ich und auch andere im Raum sich so für Unge-
rechtigkeiten in der Sprache interessierten. Sie selbst habe sich nie vom generischen Maskuli-
num ausgeschlossen, nie durch Sprache begrenzt gefühlt. […]
Ein bisschen ratlos hörte ich ihr zu. Und dachte: Vielleicht kann sich ein Mensch, der noch
65 nie gegen eine Mauer gelaufen, der noch nie hart auf den Boden der Machtlosigkeit, des Kon-
trollverlusts, der Demütigung, der Einsamkeit oder der Sprachlosigkeit geschlagen ist – viel-
leicht kann so ein Mensch sich die Mauern, die sich tatsächlich durch unsere Gesellschaft zie-
hen, gar nicht vorstellen. Vielleicht läuft dieser Mensch neben einer solchen Mauer entlang,
ohne sie auch nur zu spüren. Ohne zu ahnen, dass sie für viele andere […] real ist.
70 Eine inzwischen berühmte Analogie des US-amerikanischen Autors David Foster Wallace
ist ein bildlicher Ausdruck dessen, was Sprache und ihre Macht für mich bedeuten: „Schwim-
men zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegen-
richtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: ‚Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?‘ Die
zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem ande-
75 ren einen Blick zu und sagt: ‚Was zum Teufel ist Wasser?‘“
Sprache in all ihren Facetten – ihr Lexikon, ihre Wortarten, ihre Zeitformen – ist für Men-
schen wie Wasser für Fische. Der Stoff unseres Denkens und Lebens, der uns formt und prägt,
ohne dass wir uns seiner in Gänze bewusst wären. Wenn ich dieses Bewusstsein herstelle,
wenn ich die Grenzen meiner eigenen Wahrnehmung spüre, dann löst das Demut in mir aus.
80 Demut vor der Welt, die ich nur aus meinem eingeschränkten Blickwinkel betrachte. Ich bin
dankbar für das Bewusstsein um die Existenz dieser Grenzen – ich hoffe, sie bewahren mich
davor, mit unwandelbaren Prämissen und Grundannahmen durch die Welt zu gehen. Das Be-
wusstsein für unsere Grenzen relativiert die Dinge, die wir ignorant voraussetzen. Die Dinge,
die wir als universal postulieren – definieren sie doch nichts mehr als die Grenzen unseres
85 Horizonts.
Die Begrenztheit meiner Wahrnehmung ist aber auch Antrieb – sie veranschaulicht mir,
wie viel ich noch lernen, aufsaugen und verstehen kann. Wenn Sprache unsere Betrachtung
der Welt so fundamental lenkt – und damit auch beeinträchtigt –, dann ist sie keine Banalität,
kein Nebenschauplatz politischer Auseinandersetzungen. Wenn sie der Stoff unseres Denkens
90 und Lebens ist, dann müsste es selbstverständlich sein, dass wir uns immer wieder fragen, ob
wir einverstanden sind mit dieser Prägung.
1 Es handelt sich um einen Auszug aus einer Schrift, in der die Autorin Kübra Gümüşay sich mit der Frage beschäftigt, wie Sprache das Denken prägt und in die Politik hineinwirkt. Der Auszug entstammt dem ersten Kapitel, das einführend die Macht von Sprache thematisiert. Fußnoten, die sich im Originaltext finden, wurden aus Gründen der besseren Lesbarkeit nicht übernommen.
2 Kübra Gümüşay beginnt die meisten Kapitel ihrer Schrift „Sprache und Sein“ mit Zitaten. Häufig beginnt sie Textabschnitte mit einem Zitat, in diesem Fall mit einem Zitat des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951).
Anmerkungen zur Autorin:
Kübra Gümüşay (geb. 1988 in Hamburg) hat in Hamburg und London Politikwissenschaften studiert. Sie lebt in Hamburg und arbeitet als Journalistin. Kübra Gümüşay schreibt zu den Themen Rassismus, Feminismus, Netzkultur und setzt sich mit Fragen gesellschaftlicher Vielfalt auseinander. Weiterhin betätigt sie sich als politische Aktivistin.
1. Analysieren Sie den vorliegenden Auszug aus Kübra Gümüşays Werk „Sprache und Sein“. (38 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den vorliegenden Auszug aus Kübra Gümüşays Werk „Sprache und Sein“.
Lösung: Individuelle Textanalyse nach den Kriterien des amtlichen Erwartungshorizonts.
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