Aufgabe 3 - Nervenzelle: Membranpotenziale und Er… · Abitur NRW Biologie GK · Haupttermin 2023

Thema: Nervenzelle: Membranpotenziale und Erregungsleitung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Material A: Überwinterung bei der Weinbergschnecke

Die Weinbergschnecke ( Helix pomatia) überwintert etwa von Oktober bis Anfang Mai zurückgezogen in ihrem mit einem Kalkdeckel dicht verschlossenem Schneckengehäuse unter Laubstreu eingegraben im Boden. Liegen die Temperaturen unter 8 °Celsius, stellt sich der Stoffwechsel der Weinbergschnecke auf die Kältestarre um. Während der Kältestarre nimmt die Schnecke keine Nahrung auf. Ihre Stoffwechselrate, ihr Sauerstoffverbrauch, ihr Herzschlag und die Aktivität ihres Nervensystems sind reduziert. Die Weinbergschnecke zehrt während dieser Zeit von den angefressenen Nährstoffreserven. Bei ausreichender Feuchtigkeit ist die Weinbergschnecke ab Mai wieder aktiv auf Nahrungssuche. Sie ernährt sich von weichen, welken Pflanzenteilen und Algenbewüchsen.

Material B: Erregungsleitung bei der Weinbergschnecke

Die Ausbildung und Weiterleitung von Aktionspotentialen wird auch bei der Weinbergschnecke durch spannungsgesteuerte Ionenkanäle ermöglicht. Es werden verschiedene Typen spannungsgesteuerter Natriumionen-Kanäle, abgekürzt Na v -Kanäle, aufgrund ihrer Eigenschaften unterschieden. Diese Na v -Kanäle weisen während der unterschiedlichen Phasen eines Aktionspotentials unterschiedliche Leitfähigkeiten auf (Abbildung 1). Je höher ihre Leitfähigkeit ist, umso mehr Natriumionen können durch den Na v -Kanal strömen.

Material C: Neurophysiologische Untersuchungen

Um die Aktivität von Neuronen im Gehirn der Weinbergschnecke genauer zu untersuchen, wurden verschiedene Experimente mit aktiven und mit überwinternden Weinbergschnecken durchgeführt. Die aktiven Schnecken wurden bei Raumtemperatur gehalten. Die überwinternden Schnecken wurden im Herbst in Kältestarre gesammelt und bei etwa 3 °Celsius aufbewahrt.

Bei aktiven und bei überwinternden Weinbergschnecken wurde jeweils die relative Dichte ausgewählter Na v -Kanäle der Neuronen im Gehirn untersucht (Abbildung 2).

Bei Neuronen im Gehirn der Weinbergschnecken wurden neurophysiologische Messungen vorgenommen. Der maximale Natriumionen-Strom durch Na v 1.9-Kanäle nach Reizung wurde sowohl bei Neuronen aktiver als auch überwinternder Weinbergschnecken gemessen (Abbildung 3).

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2: Neurophysiologische Mechanismen

2.1

Fassen Sie die Informationen aus Abbildung 1 zusammen und erläutern Sie, welche Rolle die einzelnen Natriumionen-Kanäle beim Ablauf eines Aktionspotentials spielen (Material B).

(13 Punkte)

2.2

Fassen Sie die Ergebnisse aus den Abbildungen 2 und 3 zusammen und erläutern Sie, wie sich diese auf die Erregungsleitung der Weinbergschnecke während der Kältestarre auswirken (Materialien A bis C).

(14 Punkte)

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Fassen Sie die Informationen aus Abbildung 1 zusammen und erläutern Sie, welche Rolle die einzelnen Natriumionen-Kanäle beim Ablauf eines Aktionspotentials spielen (Material B).

Lösung: Zusammenfassung Abbildung 1: - Nav1.9Na_v1.9 ist insbesondere während der beginnenden Depolarisation leitfähig. - Nav1.7Na_v1.7 ist bei der beginnenden Depolarisation bis zum Erreichen des Schwellenwertes leitfähig. - Nav1.8Na_v1.8 besitzt insbesondere während der beginnenden Depolarisation und des steilen Anstiegs der Depolarisation bis zum Peak des Aktionspotentials eine sehr hohe Leitfähigkeit. Bedeutung der jeweiligen NavNa_v-Kanäle: - Nav1.9Na_v1.9 trägt zur frühen Depolarisation bei. - Nav1.7Na_v1.7 bewirkt den frühen Einstrom von Natriumionen bis zur Überschreitung des Schwellenwertes; anschließend wird er refraktär. - Nav1.8Na_v1.8 ist für den massiven Natriumionen-Einstrom bei der Ladungsumkehr (Depolarisationsphase bis zum Peak) verantwortlich; während der Repolarisation ist er refraktär. - Für die kontinuierliche Erregungsleitung bzw. Entstehung des Aktionspotentials sind alle drei Kanäle koordiniert wichtig, da sie in zeitlich aufeinanderfolgenden Phasen für den Na+Na^+-Einstrom sorgen. An Repolarisation und Hyperpolarisation sind sie nicht beteiligt (Refraktärphase).

Fassen Sie die Ergebnisse aus den Abbildungen 2 und 3 zusammen und erläutern Sie, wie sich diese auf die Erregungsleitung der Weinbergschnecke während der Kältestarre auswirken (Materialien A bis C).

Lösung: Zusammenfassung der Abbildungen 2 und 3: - Abbildung 2: Die relative Dichte der Nav1.8Na_v1.8-Kanäle im Gehirn überwinternder Weinbergschnecken ist um etwa drei Viertel niedriger als bei aktiven Schnecken (ca. 0,6 statt ca. 2,1). Die relative Dichte der Nav1.9Na_v1.9-Kanäle bleibt hingegen etwa gleich hoch (ca. 2,2 bis 2,3). - Abbildung 3: Der maximale Natriumionen-Strom durch Nav1.9Na_v1.9-Kanäle ist im Gehirn überwinternder Schnecken um etwa zwei Drittel geringer als bei aktiven Schnecken (ca. 140 nA statt ca. 420 nA). Auswirkungen auf die Erregungsleitung während der Kältestarre: - Die Auslösung und Weiterleitung von Aktionspotenzialen hängt von der Dichte und Funktionsfähigkeit der NavNa_v-Kanäle ab. - Durch den drastisch reduzierten Na+Na^+-Strom der Nav1.9Na_v1.9-Kanäle bei Kälte wird die Membran bei Reizung kaum noch depolarisiert und der Schwellenwert selten erreicht. - Selbst bei Reizung verhindert die stark verringerte Dichte der Nav1.8Na_v1.8-Kanäle eine effektive Ladungsumkehr zur schnellen Aktionspotenzialbildung. - Folglich ist die Erregungsleitung im Nervensystem überwinternder Weinbergschnecken stark gehemmt. Dies erklärt die extrem reduzierte neuronale Aktivität im Gehirn und das Verharren im Zustand der Kältestarre.

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