Aufgabe: Ein Gift der Riesenläufer · Abitur NRW Biologie LK · Riesenläufer 2026
Thema: Nervenzelle: Membranpotenziale und Erregungsleitung · Aus der Prüfung LK · Riesenläufer (2026)
Aufgabenstellung
Ein Gift der Riesenläufer
In Südostasien gibt es eine Art der Hundertfüßer, den Riesenläufer ( Scolopendra subspinipes), der als äußerst effektiver Jäger gilt: Mit seinem Biss verabreicht das Tier ein Gift, mit dem auch größere Beutetiere wie Mäuse getötet werden. Das Gift wird von den Riesenläufern auch zur Abwehr von Artgenossen eingesetzt. Die Wirkung des Giftes wurde experimentell untersucht.
1
Erklären Sie den Verlauf eines Aktionspotenzials auf molekularer Ebene. [8 BE]
Material 1: Die Wirkung des Neurotoxins SsTx
Der in tropischen Gebieten vorkommende Riesenläufer Scolopendra subspinipes produziert unter anderem das Neurotoxin SsTx. SsTx ist der Hauptbestandteil des in ein Beutetier durch einen Biss injizierten Giftes. Die Beutetiere sind in kürzester Zeit bewegungsunfähig und sterben schließlich in Folge der Giftinjektion.
Unter Laborbedingungen wurde die Wirksamkeit von SsTx auf spannungsgesteuerte Kalium-Ionenkanäle untersucht. Hierfür wurde der Kalium-Ionenstrom durch die Kanäle ohne Zugabe des Neurotoxins und in Anwesenheit von SsTx am Axon gemessen. Abbildung 1 stellt die Ergebnisse dieser Untersuchung dar.
2
Deuten Sie die Untersuchungsergebnisse vor dem Hintergrund einer möglichen Wirkung des Neurotoxins SsTx (M 1). [5 BE]
Material 4: Vorlage für die Skizze des veränderten Aktionspotenzials in Anwesenheit von SsTx (Teilaufgabe 3)
3
Skizzieren Sie in die Vorlage in Material 4 den veränderten Verlauf des Aktionspotenzials in Anwesenheit von SsTx (M 1, M 4). [5 BE]
Begründen Sie den Verlauf des skizzierten Aktionspotenzials in Anwesenheit von SsTx (M 1, M 4). [5 BE]
Material 2: Retigabin als mögliches Gegenmittel von SsTx
In weiteren neurophysiologischen Versuchen wurde die Wirkung des Medikaments Retigabin als mögliches Gegenmittel von SsTx untersucht. Dazu wurden isolierte Neuronen von Mäusen überschwellig gereizt und die resultierenden Aktionspotenzialfrequenzen gemessen. Es wurden drei Versuchsansätze bei identischer Reizung durchgeführt:
Versuchsansatz I (Kontrolle): Messung ohne Zugabe von SsTx und Retigabin
Versuchsansatz II: Messung nach Zugabe von SsTx, aber ohne Retigabin-Zugabe
Versuchsansatz III: Messung nach Zugabe von SsTx und Retigabin.
Die Messergebnisse sind in Abbildung 2 schematisch dargestellt.
4
Erklären Sie die in Abbildung 2 dargestellten Untersuchungsergebnisse (M 1, M 2). [6 BE]
Stellen Sie zwei Hypothesen zur Wirkungsweise von Retigabin auf (M 1, M 2). [6 BE]
Material 3: Die Wirkung von SsTx auf unterschiedliche Typen spannungsgesteuerter Kalium-Ionenkanäle
In Riesenläufern und Wirbeltieren kommen gleichzeitig unterschiedliche Typen spannungsgesteuerter Kalium-Ionenkanäle vor. Unter anderem wurden die Typen 1 bis 5 identifiziert.
Riesenläufer setzen ihr Gift nicht nur zur Jagd ein, sondern auch zur Abwehr von Artgenossen. Es wurde festgestellt, dass SsTx bei S. subspinipes selbst und seinen Beutetieren sehr unterschiedlich wirkt, obwohl die Tiere die gleichen Typen spannungsgesteuerter Kalium-Ionenkanäle besitzen. Das Gift von S. subspinipes löst bei gebissenen Artgenossen eine Bewegungsunfähigkeit aus, die etwa 10 Minuten lang anhält. Im Gegensatz zu den Beutetieren erholen sich die Riesenläufer nach einem Giftbiss wieder vollständig. Beutetiere sind nach einem Giftbiss sofort bewegungsunfähig und sterben schließlich. Untersuchungen zeigten, dass bei den Beutetieren SsTx an mehreren spannungsgesteuerten Kalium-Ionenkanaltypen wirkt. Um die Ursache für die geringere Toxizität von SsTx bei Riesenläufern zu erforschen, wurde der Kalium-Ionenstrom durch die verschiedenen Kalium-Ionenkanäle von S. subspinipes in Anwesenheit von SsTx untersucht (Abb. 3).
5
Werten Sie die Ergebnisse in Abbildung 3 hinsichtlich der Wirkung von SsTx bei Artgenossen aus (M 1, M 3). [5 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Skizzieren Sie in die Vorlage in Material 4 den veränderten Verlauf des Aktionspotenzials in Anwesenheit von SsTx (M 1, M 4).
Lösung: In der Skizze sollen eine verlangsamte Repolarisation und keine Hyperpolarisation erkennbar sein.
1. Erklären Sie den Verlauf eines Aktionspotenzials auf molekularer Ebene.
Lösung: • Nach Reizung öffnen spannungsgesteuerte Natrium-Ionenkanäle. Aufgrund des elektrochemischen Gradienten kommt es zum massiven Einstrom von Natrium-Ionen in das Axon und dadurch zur Depolarisation. Die Inaktivierung der Natrium-Ionenkanäle bewirkt den Stopp des Natrium-Ionen-Einstroms. • Bei Erreichen eines positiven Membranpotenzials öffnen sich spannungsgesteuerte Kalium-Ionenkanäle. Es kommt zum Ausstrom von Kalium-Ionen und dadurch zur Repolarisation. • Da mehr Kalium-Ionen ausströmen als zum Erreichen des Ruhepotenzials notwendig sind, kommt es zur Hyperpolarisation. • Die Kalium-Ionenkanäle schließen sich und durch die Aktivität der Natrium-Kalium-Ionenpumpe wird die ursprüngliche Ionenverteilung des Ruhepotenzials wiederhergestellt.
2. Deuten Sie die Untersuchungsergebnisse vor dem Hintergrund einer möglichen Wirkung des Neurotoxins SsTx (M 1).
Lösung: Gemäß den Untersuchungsergebnissen erfolgt nach einer Reizung nur ein sehr geringer Kalium-Ionenausstrom aus dem Axon. Eine mögliche Wirkung von SsTx könnte darin bestehen, dass SsTx die spannungsgesteuerten Kalium-Ionenkanäle blockiert, so dass diese auch bei Erreichen der maximalen Depolarisation nicht öffnen können.
3. Begründen Sie den Verlauf des skizzierten Aktionspotenzials in Anwesenheit von SsTx (M 1, M 4).
Lösung: • Im Anschluss an die Depolarisation ist nur noch ein geringer Kalium-Ionenausstrom zu verzeichnen. Die Repolarisation wird dadurch stark verlangsamt. • Die verlangsamte Repolarisation ist durch die Diffusion der Kalium-Ionen durch die noch geöffneten, nicht blockierten Kalium-Ionenkanäle zu erklären. • Durch den verringerten Kalium-Ionenstrom bleibt die Hyperpolarisation ganz aus.
4. Erklären Sie die in Abbildung 2 dargestellten Untersuchungsergebnisse (M 1, M 2).
Lösung: • Versuchsansatz I: Die Kontrolle ohne Zugabe von SsTx und Retigabin zeigt, dass die Reizung zu einer bestimmten Aktionspotenzialfrequenz führt. • Versuchsansatz II: Durch den verminderten Kalium-Ionenausstrom nach SsTx-Zugabe und die dadurch bedingte verzögerte Repolarisation ist die Refraktärzeit der Na⁺-Kanäle abgelaufen bevor die Repolarisation beendet ist. Dies bedeutet, dass eine erneute Depolarisation vor Erreichen des Ruhepotenzials erreicht wird. Dies verursacht eine höhere Aktionspotenzialfrequenz im Vergleich zur Kontrolle. • Versuchsansatz III: Bei gleichzeitiger Anwesenheit von SsTx und Retigabin entspricht die Aktionspotenzialfrequenz der im Kontrollversuch. In Anwesenheit von Retigabin unterbleibt die Wirkung von SsTx.
4. Stellen Sie zwei Hypothesen zur Wirkungsweise von Retigabin auf (M 1, M 2).
Lösung: Hypothese 1: Retigabin bindet möglicherweise an die gleiche Position der spannungsgesteuerten Kalium-Ionenkanäle wie SsTx und verdrängt dabei das Neurotoxin. Die Blockade der Ionenkanäle durch SsTx wird dadurch aufgehoben und es kommt zu einer Normalisierung der Kalium-Ionenströme und damit der Aktionspotenzialfrequenz. Hypothese 2: Retigabin bindet möglicherweise an SsTx, so dass keine Blockierung der Kalium-Ionenkanäle durch SsTx möglich ist.
5. Werten Sie die Ergebnisse in Abbildung 3 hinsichtlich der Wirkung von SsTx bei Artgenossen aus (M 1, M 3).
Lösung: • Außer dem Typ 2-Kanal sind bei Artgenossen alle anderen Typen spannungsgesteuerter Kalium-Ionenkanäle resistent gegenüber SsTx. • Der verminderte Kalium-Ionenstrom des Typ 2-Kanals in Anwesenheit von SsTx verursacht demnach die kurzzeitige Bewegungsunfähigkeit bei Riesenläufern. • Da bis auf den Typ 2-Kanal alle anderen Kanäle fast nicht von SsTx beeinflusst werden und voll funktionsfähig sind, ist die Wirkung von SsTx für die Riesenläufer nicht lebensbedrohlich und zeitlich begrenzt.
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