Aufgabe Chili neurobiologisch betrachtet · Abitur NRW Biologie GK · Chili 2025
Thema: Nervenzelle: Membranpotenziale und Erregungsleitung · Aus der Prüfung GK · Chili (2025)
Aufgabenstellung
Chili neurobiologisch betrachtet
Chili-Schoten enthalten unter anderem Capsaicin. Der Stoff verursacht bei Kontakt mit der Haut von Säugetieren ein brennend schmerzhaftes Gefühl. Die Wirkung von Capsaicin wurde auf neurobiologischer Ebene untersucht.
Material 1: Schmerzwahrnehmung
Die Wahrnehmung von Schmerzen bezeichnet man als Nozizeption. Ausgelöst wird Schmerz durch Reizung von Sinneszellen (Nozizeptoren) in der Haut (Abb. 1). Die freien Nervenendigungen dieser Sinneszellen besitzen Rezeptoren, die beispielsweise durch mechanische Einwirkungen gereizt werden können. Werden nach erfolgter Reizung Aktionspotenziale ausgelöst und über Axone in bestimmte Areale des Gehirns fortgeleitet, geht die dortige neuronale Aktivierung mit der Wahrnehmung von Schmerz einher.
Material 2: Zeitversetzte Schmerzwahrnehmung
Die durch einen einzigen Schmerzreiz verursachte Wahrnehmung läuft im Hinblick auf den zeitlichen Verlauf und die Qualität des Schmerzempfindens nach dem in Abbildung 2 gezeigten Schema ab.
1
Beschreiben Sie die Erregungsleitung an den Axonen von C-Fasern und Aδ-Fasern (M 1).
Erläutern Sie anhand von Material 1 das Phänomen der zeitversetzten Schmerzwahrnehmung (M 2).
[12 BE]
Material 3: Signaltransduktion an Nozizeptoren
Der Transiente Rezeptor-Potenzial-Kationenkanal der Unterfamilie V (TRPV) ist ein Ionenkanal, der in den freien Nervenendigungen von Nozizeptoren vorkommt. Abbildung 3 veranschaulicht die Vorgänge, die an Nozizeptoren vom TRPV-Typ nach Reizung durch Capsaicin beziehungsweise durch Einwirkung von Temperaturen ab 45 °C ablaufen.
2
Erläutern Sie die Erregungsauslösung an einem Nozizeptor (M 3).
[5 BE]
Material 4: Capsaicin und Hitzeschmerz beim Genuss von Chili
Heiße Speisen können einen brennenden Schmerz auf der Zunge verursachen. Viele Menschen geben an, dass diese Wahrnehmung beim Verzehr von heißen und gleichzeitig mit Chili gewürzten Speisen verstärkt auftritt. Das Phänomen dieses gesteigerten Schmerzempfindens wurde wissenschaftlich untersucht. Die ermittelten Daten sind in Abbildung 4 dargestellt.
Hinweis: Das Gewebe der Zunge verfügt über Nozizeptoren vom TRPV-Typ.
3
Interpretieren Sie die in Material 4 dargestellten Messergebnisse im Hinblick auf die Intensität des Schmerzempfindens.
[7 BE]
Material 5: Capsaicin im Reitsport
Springpferde können höhere Barrieren überwinden, wenn ihnen im Training der Kontakt der unteren Extremitäten mit den Hindernissen wiederholt Schmerzen bereitet. Daher sind Capsaicin-Salben, mit denen man die Hautbereiche über den Hufen während der Vorbereitung auf Wettkämpfe behandelte, heute als Dopingmittel verboten. Trotz Kontrollen werden die frei erhältlichen Salben gelegentlich noch verwendet.
Material 6: Aufbau eines Arguments
In der Bioethik kann ein aussagekräftiges Argument aus drei Bestandteilen bestehen: Aus zwei aufeinander bezogenen Aussagen wird eine Schlussfolgerung gezogen (Tabelle 1).
Tabelle 1: Beispiel für den Aufbau eines Arguments
Normative Aussage:
Zur Heilung kranker Menschen soll alles Mögliche getan werden.
Deskriptive Aussage:
Gentherapien können das Leben kranker Menschen verbessern.
Schlussfolgerung:
Gentherapien sollten zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden.
4
Formulieren Sie mit Hilfe von Material 6 ein ablehnendes und ein befürwortendes Argument zur Verwendung von Capsaicin beim Springreiten (M 4, M 5).
[6 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1 Beschreiben Sie die Erregungsleitung an den Axonen von C-Fasern und Aδ-Fasern (M 1). Erläutern Sie anhand von Material 1 das Phänomen der zeitversetzten Schmerzwahrnehmung (M 2).
Lösung: Beschreiben: - Kontinuierliche Erregungsleitung an nicht myelinisierten C-Fasern: Durch Spannungsumkehr beim Aktionspotenzial (AP) wird am benachbarten Axonabschnitt ein weiteres AP ausgelöst; vom erregten Axonabschnitt wird wiederum ein AP am angrenzenden Axonabschnitt generiert gerichtete Fortleitung von AP entlang des Axons; aufgrund der Refraktärzeit erregter Axonabschnitte erfolgt die Erregungsleitung unidirektional. - Saltatorische Erregungsleitung an myelinisierten Aδ-Fasern: Depolarisierung eines nicht myelinisierten Axonabschnittes breitet sich über den isolierten Membranabschnitt direkt auf den angrenzenden Ranvier’schen Schnürring aus; Aktionspotenziale „springen“ von Schnürring zu Schnürring; aufgrund der Refraktärzeit erregter Axonabschnitte erfolgt die Erregungsleitung unidirektional. Erläutern: Die unterschiedlichen Zeitpunkte der Wahrnehmung eines einzigen Reizereignisses werden auf die jeweilige Erregungsgeschwindigkeit zurückgeführt: - Die nach einem Schmerzreiz zunächst eintretende Schmerzwahrnehmung wird durch die schnellere, saltatorische Erregungsleitung über die Aδ-Fasern verursacht. - Die versetzte, zweite Schmerzempfindung wird über die langsamere, kontinuierliche Erregungsleitung über die C-Fasern verursacht.
2 Erläutern Sie die Erregungsauslösung an einem Nozizeptor (M 3).
Lösung: Öffnung der TRPV-Kanäle an freien Nervenendigungen durch Umgebungstemperatur ab 45 °C oder Bindung von Capsaicin an die Bindestelle des TRPV-Kanals Einstrom von Natrium- und Calcium-Ionen in das Zellinnere Depolarisation Öffnung von spannungsgesteuerten Natrium-Ionenkanälen am Axonhügel Depolarisierung und Auslösung von Aktionspotenzialen (AP).
3 Interpretieren Sie die in Material 4 dargestellten Messergebnisse im Hinblick auf die Intensität des Schmerzempfindens.
Lösung: - Ein Temperaturreiz (45 °C) führt zu einer Potenzialänderung an TRPV-Nozizeptoren mit anschließender Erregungsausbildung Wahrnehmung von Hitzeschmerz. Der gleiche Reiz führt nach zusätzlicher Capsaicin-Gabe zu einer erhöhten AP-Frequenz am Axon, was mit einer verstärkten Empfindung von Hitzeschmerz einhergeht. - Die Daten legen nahe, dass die gesteigerte Schmerzwahrnehmung auf gleichzeitiger Reizung der TRPV-Nozizeptoren durch Capsaicin und Temperaturen von 45 °C basiert, wodurch eine stärkere Depolarisierung der Nozizeptoren erfolgt.
4 Formulieren Sie mit Hilfe von Material 6 ein ablehnendes und ein befürwortendes Argument zur Verwendung von Capsaicin beim Springreiten (M 4, M 5).
Lösung: Ablehnendes Argument: - Normative Aussage: Tieren soll kein Leid (Schmerz) zugefügt werden. - Deskriptive Aussage: Die leistungssteigernde Behandlung mit Capsaicin verursacht bei Springpferden Schmerzen. - Schlussfolgerung: Capsaicin sollte nicht zur Leistungssteigerung beim Springpferd angewendet werden. Befürwortendes Argument: - Normative Aussage: Maßnahmen zur Leistungssteigerung bringen sportliche Erfolge und somit soziale Anerkennung. - Deskriptive Aussage: Nach einer Capsaicin-Behandlung springt das Pferd höher. - Schlussfolgerung: Die Anwendung von Capsaicin zur Leistungssteigerung beim Springpferd ist zu befürworten.
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