Aufgabe Vorschlag D - I Übersetzung · Abitur Hessen Latein GK 2022

Thema: Übersetzung lateinischer Prosa (Cicero, Seneca) · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Material 1

Vorbemerkung

Seneca will einen Brief an Lucilius gerade abschließen und versiegeln, öffnet ihn dann aber wieder und fügt noch einen Abschnitt hinzu:

1 Iam imprimebam epistulae signum: Resolvenda est, ut cum sollemni ad te munusculo veniat

2 et aliquam magnificam vocem ferat secum. […]

3 „Nemo“, inquit [Epicurus], „aliter quam, quomodo natus est, exit e vita.“ Falsum est: Peiores

4 morimur quam nascimur. Nostrum istud, non naturae vitium est. Illa nobiscum queri debet et

5 dicere: „Quid hoc est? Sine cupiditatibus vos genui, sine timoribus, sine superstitione, sine

6 perfidia ceterisque pestibus: Quales intravistis, exite!“

7 Percepit sapientiam, si quis tam securus moritur, quam nascitur. Nunc vero trepidamus, cum

8 periculum accessit […]. Quid est turpius quam in ipso limine securitatis esse sollicitum?

9 Causa autem haec est: Quod inanes omnium bonorum sumus, vitae iactura laboramus. Non

10 enim apud nos pars eius ulla subsedit: Transmissa est et effluxit. Nemo, quam bene vivat, sed

11 quam diu, curat, cum omnibus possit contingere, ut bene vivant, ut diu, nulli. Vale.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · signum, -i, n.: hier Siegel

resolvenda est, ut […] veniat: Ergänzen Sie epistula als Subjekt.

sollemne munusculum, sollemnis munusculi, n.: hier gewohnter kleiner Ratschlag

Z. 2 · vox, vocis, f.: hier Ausspruch

Z. 3 · quam, quomodo […]: als (so), wie […]

Z. 4 · nostrum […] est: Ordnen Sie istud est nostrum vitium, non [vitium] naturae.

Illa = natura

queri cum (+ Abl.): klagen über ( jmd.)

Z. 5 · gignere, gigno, genui: zeugen, hervorbringen

Z. 6 · quales intravistis, exite = quales [vitam] intravistis, exite [e vita]

Z. 7 · Percepit sapientiam […] nascitur: Ordnen Sie Si quis [= aliquis] tam […] quam nascitur, percepit sapientiam.

securus, -a, -um: sorgenfrei

Z. 8 · limen securitatis, liminis securitatis, n.: Schwelle zur Sorgenfreiheit

Z. 9 · inanes omnium bonorum: ohne jegliche inneren Werte

iactura, -ae, f.: Verlust

laborare (+ Abl.): leiden an/unter ( etw.)

Z. 10 · eius: Beziehen Sie auf vita.

subsidere, -sido, -sedi: zurückbleiben

transmissus, -a, -um: hier vergangen

Transmissa est et effluxit: Ergänzen Sie vita.

Z. 10f. · Nemo […] curat: Ordnen Sie Nemo curat, quam […].

Z. 11 · cum: hier konzessiv

contingere: gelingen

ut diu, nulli = sed nulli possit contingere, ut diu vivat.

Arbeitsübersetzung (zu Material 1)

Schon wollte ich dem Brief das Siegel aufdrücken: Er muss wieder geöffnet werden, damit er mit dem gewohnten kleinen Ratschlag zu dir kommt und irgendeinen eindrucksvollen Ausspruch mit sich bringt. […]

„Niemand“, sagt [Epikur], „geht anders als so, wie er geboren wurde, aus dem Leben.“ Falsch ist das: Als schlechtere Menschen sterben wir, als wir geboren werden. Dies ist unser Fehler, nicht der der Natur. Sie muss über uns klagen und sagen: „Was ist das? Ohne Begierden habe ich euch gezeugt, ohne Ängste, ohne Aberglauben, ohne Heimtücke und die übrigen unheilvollen Eigenschaften: Wie ihr ins Leben getreten seid, (so) geht hinaus!“

Die Weisheit hat einer erfasst, wenn er so sorgenfrei stirbt, wie er geboren wird. Jetzt aber zittern wir, sobald die Gefahr nahegekommen ist […]. Was ist schimpflicher, als unmittelbar auf der Schwelle zur Freiheit von Sorgen beunruhigt zu sein? Dies aber ist die Ursache: Weil wir ohne jegliche inneren Werte sind, leiden wir unter dem Verlust des Lebens. Es ist nämlich bei uns kein Teil davon zurückgeblieben: Es ist vergangen und verronnen. Niemand sorgt sich darum, wie er gut lebt, sondern (nur) wie lange er lebt, obwohl es allen gelingen kann, gut zu leben, keinem aber, lange zu leben. Leb wohl.

Material 2

Vorbemerkung

Am Ende seiner Schrift De re publica, die Cicero als fiktive Unterhaltung des jüngeren Scipio Africanus, des Bezwingers von Karthago (146 v. Chr.), mit befreundeten Staatsmännern gestaltet, lässt er Scipio von einem lange zurückliegenden Traum berichten, in dem ihm sein Adoptivgroßvater Scipio Africanus Maior erschienen sei, die Zukunft vorausgesagt und ihm dabei himmlischen Lohn in Aussicht gestellt habe:

1 „Sed quo sis, Africane, alacrior ad tutandam rem publicam, sic habeto: Omnibus, qui patriam

2 conservaverint, adiuverint, auxerint, certum esse in caelo definitum locum, ubi beati aevo sempiterno

3 fruantur; nihil est enim illi principi deo, qui omnem mundum regit, quod quidem in terris fiat,

4 acceptius quam concilia coetusque hominum iure sociati, quae,civitates‘ appellantur; harum rectores

5 et conservatores hinc profecti huc revertuntur.“

1 „Damit du aber, Africanus, umso eifriger (darin) bist, den Staat zu schützen, sollst du Folgendes

2 wissen: Allen, die ihr Vaterland erhalten, gefördert und erweitert haben, ist im Himmel ein fester Platz

3 bestimmt, wo sie ein ewiges Leben in Seligkeit genießen sollen. Denn von allem, was auf Erden

4 geschieht, ist jenem höchsten Gotte, der das Weltall lenkt, nichts wohlgefälliger als der

5 Zusammenschluss und die Vereinigung von Menschen in einer Rechtsform, die man als,Staat‘

6 bezeichnet; ihre Lenker und Erhalter sind von hier oben ausgegangen und kehren hierhin zurück.“

(Unveröffentlichte Übersetzung nach K. Atzert, Steffen-Verlag 1950)

Cicero, De re publica 6, 13.

I Übersetzung

Übersetzen Sie den Text (Material 1) in angemessenes Deutsch.

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag D - I Übersetzung · Abitur Hessen Latein GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Übersetzen Sie den Text (Material 1) in angemessenes Deutsch.

Lösung: Ich war schon dabei, das Siegel auf den Brief zu drücken: Er muss wieder erbrochen werden, damit er mit dem gewohnten kleinen Ratschlag zu dir kommt und einen gewissen großartigen Ausspruch mit sich bringt. [...] „Niemand“, sagt er [sc. Epikur], „scheidet anders aus dem Leben, als wie er hineingeboren wurde.“ Das ist falsch: Schlechter sterben wir, als wir geboren werden. Dies ist unser Fehler, nicht der der Natur. Jene [die Natur] muss mit uns hadern und sagen: „Was soll das? Ohne Begierden habe ich euch gezeugt, ohne Furcht, ohne Aberglauben, ohne Treulosigkeit und die übrigen Seuchen: Wie ihr eingetreten seid, so geht hinaus!“ Weisheit hat der erlangt, wenn jemand so frei von Sorgen stirbt, wie er geboren wird. Jetzt aber zittern wir vor Angst, sobald eine Gefahr herannaht [...]. Was ist schändlicher, als auf der Schwelle der Sorgenfreiheit selbst unruhig zu sein? Der Grund aber hierfür ist: Weil wir bar aller Güter sind, leiden wir am Verlust unseres Lebens. Denn kein Teil von ihm ist bei uns zurückgeblieben: Es ist vorübergegangen und davongeflossen. Niemand kümmert sich darum, wie gut er lebt, sondern darum, wie lange, während es doch allen zuteilwerden kann, gut zu leben, lange aber niemandem. Lebe wohl.

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