Abitur Hessen Geschichte 2022 · LK
Abiturprüfung Geschichte in Hessen 2022, LK: 8 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung · Kaiserreich: Herrschaft, Gesellschaft und Ausgrenzung · Imperialismus und Weg in den Ersten Weltkrieg · Weimarer Republik: Entstehung, Verfassung und innere Belastungen · Versailler Vertrag und Außenpolitik der Weimarer Republik · Scheitern der Weimarer Republik und Errichtung der NS-Diktatur 1930-1934 · Nachkriegszeit, Teilung Deutschlands und Westbindung 1945-1955
Aufgabe Vorschlag A - Aufgaben 1-3: Wiener Kongress · Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung
Material 1
Die „Neue Freie Presse“ über den Wiener Kongress (15.09.1915)
Für Rückblicke in die Vergangenheit gibt es in der übervollen Gegenwart kaum noch eine beschauliche Ecke, und so manche historische Erinnerung, die wir sonst laut begrüßt hätten, versinkt daher ohne Sang und Klang in der Hochflut der großen Tagesereignisse. Bedauerlich ist es, daß wir auch des Wiener Kongresses nur flüchtig gedenken konnten, an seinem hundertsten Geburtstage mit einem höflichen Bückling vorübergehen mußten. Sonderlich erhebend wäre ja die Feier nicht gewesen, aber belehrend, eine Mahnung, eine Warnung. Damals stand die Welt hinter dem Abschlusse einer ganzen Reihe furchtbarer Kriegsjahre, und die Völker, die sich für Thron und Vaterland verblutet hatten, waren des schmerzlich verdienten Lohnes gewärtig. Wohltaten hatte man ihnen mehr als genug versprochen, einen ganzen Himmel voll. Zar Alexander [...] forderte gleich zu Beginn des Kongresses die Einführung des Repräsentativsystems in sämtlichen vertretenen Staaten, und keiner seiner gekrönten Standesgenossen wagte zu widersprechen. Wie weit jedoch war der Weg vom Wunsche zur Erfüllung! Je länger die Herren beisammen blieben, um so gründlicher vergaßen sie, daß außer ihnen auch noch Völker im alten Europa lebten. Auf dem Kongreß ist ja auch der Deutsche Bund zur Welt gekommen, eine Mißgeburt, die ein berühmter deutscher Geschichtsschreiber als „die unwürdigste Verfassung“ bezeichnete „welche je einem Kulturvolke von eingebornen Herrschern auferlegt wurde.“ 1 Aber auch dieses windschiefe, kläglich durchlöcherte Notdach, unter wieviel Nöten und Fährden 2 ist es gezimmert worden! Man suchte ein Band für alle deutschen Stämme, und Bayern pochte auf sein souveränes Sonderrecht als „europäische Macht“; in vollem Chorus erklang schon das schöne Lied von der deutschen Einheit, und der Stuttgarter Hof ließ hierher vermelden, man werde doch nicht die ungleichartigsten Völkerschaften zu einer sogenannten Nation vereinigen wollen. In jenen Tagen dachten die Fürsten bloß an die Vergrößerung ihrer Hausmacht 3. Jeder verlangte mehr Einwohner, mehr „Seelen“, wohlgemerkt solche, die was eintrugen, zahlungsfähige, besteuerbare Seelen. [...]
Man bemüht sich zwar in neuerer Zeit, selbst an diesem Monstrum Vorzüge zu entdecken, und auch August Fournier 4 meint irgendwo [...] dieser habe uns wenigstens vierzig Friedensjahre gesichert. Der scharfsichtige, auch politisch-geschulte Historiker spendet dieses Almosen im Vorübergehen. Natürlich weiß er es besser, weiß sehr wohl, daß dieser klägliche Konvent von Staatsbonzen 5, der neun Monate brauchte, um das Unheil Europas auszutragen, höchstens das Datum der beginnenden Ruhe bestimmte, nimmermehr deren Ursache war. Die völlige Erschöpfung der Völker nach der langen Kriegsnot war es, was die Ruhe verbürgte, den Frieden sicherte das allgemeine Friedensbedürfnis.
Leider bereitete es auch die Stimmung für die heillose Reaktion, die nun hereinbrach. In einigen deutschen Kleinstaaten kam es zu Versuchen mit dem Repräsentativsystem, in den großen blieb alles beim Alten, ging man hinter das Alte zurück. [...] Statt einer Verfassung erblühten die Heilige Allianz, die Karlsbader Beschlüsse, die Demagogenjagd. Die Schwärmer für das einige Deutschland galten nun als Hochverräter, die Helden der Befreiungskriege als staatsgefährlich. [...] Die deutschen Fürsten beseelt heute zum Glück ein anderer Geist, auch besitzen die Völker schon vieles, wovon sie dazumal erst zu träumen anfingen. Dennoch gilt es, auf der Hut zu sein. Ob nach dem furchtbaren Krieg, der gegenwärtig tobt, wieder so eine Fürsten- und Diplomatenparlotte 6 zusammentreten wird, bleibt fraglich.
Wenn aber doch, dann möge man des Zentenariums 7 gedenken, das wir im Getümmel der Zeit zu feiern unterlassen mußten. Es gibt kein abschreckenderes Beispiel, keine stärkere Mahnung an die Völker, ihr Recht zu wahren, nachdem sie mit übermenschlichem Opfermut ihre Pflicht getan.
Neue Freie Presse, 15.09.1915, URL: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nfp&datum=19150915&seite=1&zoom=33 (abgerufen am: 21.06.2017).
Hinweise:
„Neue Freie Presse“: liberale Tageszeitung aus Österreich
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 so die Einschätzung des nationalliberalen preußischen Historikers Heinrich von Treitschke (1834–1896) über die Deutsche Bundesakte
2 Fährde: Gefahr
3 Hausmacht: Einfluss einer Fürstenfamilie
4 August Fournier (1850–1920), österreichischer Politiker
5 Staatsbonze, hier: abwertend ein hochgestellter Beamter, der viele Privilegien genießt
6 Parlotte: leeres Gerede
7 Zentenarium: Hundertjahrfeier
Material 2
Charles Seignobos: Vom Wiener Kongress zum Krieg von 1914 (1915)
Der glühende, einhellige, vielleicht unabweisbare Wille Europas wird nach diesem schrecklichen Krieg den Frieden verlangen, nicht nur den offiziellen Frieden, der den Massakern und Ruinen ein Ende setzt und die Soldaten dem normalen Leben zurückgibt, sondern den wahrhaften Frieden, den endgültigen Frieden, der die Welt vom Rüstungswettlauf und vom Daueralbtraum eines plötzlichen Krieges befreit, den Frieden, der den Völkern die für die Arbeit notwendige Sicherheit und die Freiheit gibt, ihre Ressourcen für die Werke der Zivilisation zu verwenden. Europa will nicht mehr eine ständig alarmbereite Armee sein, bedroht von einem Angriff, den die Perfektionierungen der Sprengmittel und der Luftschiffe immer schrecklicher machen würden. Es will nicht mehr, um ein Überranntwerden durch Preußen zu verhindern, gezwungen sein selbst halb preußisch zu werden, noch aus Furcht vor dem „Präventivkrieg“ zu einem „bewaffneten Frieden“ gezwungen sein. Das preußische Regime 1 hat Bankrott gemacht, es hat niemals Sicherheit gegeben, es hat noch nicht einmal den Krieg verhindert. Es braucht ein Regime, das Europa vollständige Sicherheit gibt und es von den ruinösen Rüstungsausgaben befreit. Auf welcher Grundlage kann es aufgebaut werden?
Der nächste Kongress wird sich weder wie Metternich auf das Legitimitätsprinzip der Fürsten noch wie Bismarck auf das göttliche Urteil berufen; unsere Zeit glaubt nicht mehr an das göttliche Recht der Könige noch an den Kult der Kraft; ihre Religion ist das Nationalgefühl. Die Völker haben seit 1815 Fortschritte gemacht und sogar seit 1866; sie wurden reicher, gebildeter, freier, alle wurden sich ihrer Nationalität bewusst, die meisten haben das Recht zur Teilhabe am politischen Leben errungen und haben sich daran gewöhnt, dass man ihren Willen berücksichtigt. Man wird nicht mehr, wie beim Wiener Kongress, die Seelen zählen, man wird wissen müssen, was diese Seelen wünschen. Dieser Krieg 2 war überall ein nationaler Krieg und hat Forderungen auch von nicht staatlich organisierten Nationen geweckt. [...] Man kann also hoffen, dass es sich der Kongress zur Regel machen wird, bei der Aufteilung der Territorien das Nationalgefühl und den Willen der Völker zu beachten. [...]
Der Krieg wird eine Bedrohung bleiben, solange ein Staatsmann es als seine patriotische Pflicht ansehen wird, einen Angriffskrieg vorzubereiten, und solange sein Volk ihn bewundern wird, wenn er damit Erfolg hat. [...] Hier muss also im internationalen Leben eine Revolution stattfinden, als Pendant 3 zu der Revolution, die in den einzelnen Staaten das Repräsentativsystem errichtet hat. Nur die öffentliche Meinung kann dies bewerkstelligen; sie ist den Diplomaten voraus, sie fühlt bereits, dass die Völker Europas mehr gemeinsame als gegensätzliche Interessen haben, dass es vorteilhafter ist zusammenzuarbeiten als sich zu zerstören, sie weiß, dass der Frieden dem Krieg vorzuziehen ist. Wenn die öffentliche Meinung in der bisher geschlossenen Welt der Diplomaten wehen wird, dann wird sie den Geist von Machiavelli und Bismarck, den Geist von List und Gewalt, zerstreuen.
Charles Seignobos: 1815–1915. Du congrès de Vienne à la guerre de 1914, Paris 1915, S. 31–35 (eigene Übersetzung).
Hinweis:
Charles Seignobos (1854–1942), französischer Historiker
1 das preußische Regime, hier: ein unter deutscher Hegemonie stehendes Europa
2 dieser Krieg: Gemeint ist der Erste Weltkrieg.
3 Pendant: Gegenstück
Aufgaben
1
Fassen Sie den Artikel aus der „Neuen Freien Presse“ zusammen. (Material 1) [20 BE]
2
Setzen Sie die Ausführungen des Historikers Charles Seignobos (Material 2) zu dem Artikel der „Neuen Freien Presse“ (Material 1) in Beziehung. [20 BE]
3
Erläutern Sie – auch unter Bezugnahme auf beide Materialien (Material 1 und 2) – Zielsetzungen, Ergebnisse und die historische Bedeutung des Wiener Kongresses. [30 BE]
Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 4: Versailler Vertrag · Versailler Vertrag und Außenpolitik der Weimarer Republik
Material 1
Die „Neue Freie Presse“ über den Wiener Kongress (15.09.1915)
Für Rückblicke in die Vergangenheit gibt es in der übervollen Gegenwart kaum noch eine beschauliche Ecke, und so manche historische Erinnerung, die wir sonst laut begrüßt hätten, versinkt daher ohne Sang und Klang in der Hochflut der großen Tagesereignisse. Bedauerlich ist es, daß wir auch des Wiener Kongresses nur flüchtig gedenken konnten, an seinem hundertsten Geburtstage mit einem höflichen Bückling vorübergehen mußten. Sonderlich erhebend wäre ja die Feier nicht gewesen, aber belehrend, eine Mahnung, eine Warnung. Damals stand die Welt hinter dem Abschlusse einer ganzen Reihe furchtbarer Kriegsjahre, und die Völker, die sich für Thron und Vaterland verblutet hatten, waren des schmerzlich verdienten Lohnes gewärtig. Wohltaten hatte man ihnen mehr als genug versprochen, einen ganzen Himmel voll. Zar Alexander [...] forderte gleich zu Beginn des Kongresses die Einführung des Repräsentativsystems in sämtlichen vertretenen Staaten, und keiner seiner gekrönten Standesgenossen wagte zu widersprechen. Wie weit jedoch war der Weg vom Wunsche zur Erfüllung! Je länger die Herren beisammen blieben, um so gründlicher vergaßen sie, daß außer ihnen auch noch Völker im alten Europa lebten. Auf dem Kongreß ist ja auch der Deutsche Bund zur Welt gekommen, eine Mißgeburt, die ein berühmter deutscher Geschichtsschreiber als „die unwürdigste Verfassung“ bezeichnete „welche je einem Kulturvolke von eingebornen Herrschern auferlegt wurde.“ 1 Aber auch dieses windschiefe, kläglich durchlöcherte Notdach, unter wieviel Nöten und Fährden 2 ist es gezimmert worden! Man suchte ein Band für alle deutschen Stämme, und Bayern pochte auf sein souveränes Sonderrecht als „europäische Macht“; in vollem Chorus erklang schon das schöne Lied von der deutschen Einheit, und der Stuttgarter Hof ließ hierher vermelden, man werde doch nicht die ungleichartigsten Völkerschaften zu einer sogenannten Nation vereinigen wollen. In jenen Tagen dachten die Fürsten bloß an die Vergrößerung ihrer Hausmacht 3. Jeder verlangte mehr Einwohner, mehr „Seelen“, wohlgemerkt solche, die was eintrugen, zahlungsfähige, besteuerbare Seelen. [...]
Man bemüht sich zwar in neuerer Zeit, selbst an diesem Monstrum Vorzüge zu entdecken, und auch August Fournier 4 meint irgendwo [...] dieser habe uns wenigstens vierzig Friedensjahre gesichert. Der scharfsichtige, auch politisch-geschulte Historiker spendet dieses Almosen im Vorübergehen. Natürlich weiß er es besser, weiß sehr wohl, daß dieser klägliche Konvent von Staatsbonzen 5, der neun Monate brauchte, um das Unheil Europas auszutragen, höchstens das Datum der beginnenden Ruhe bestimmte, nimmermehr deren Ursache war. Die völlige Erschöpfung der Völker nach der langen Kriegsnot war es, was die Ruhe verbürgte, den Frieden sicherte das allgemeine Friedensbedürfnis.
Leider bereitete es auch die Stimmung für die heillose Reaktion, die nun hereinbrach. In einigen deutschen Kleinstaaten kam es zu Versuchen mit dem Repräsentativsystem, in den großen blieb alles beim Alten, ging man hinter das Alte zurück. [...] Statt einer Verfassung erblühten die Heilige Allianz, die Karlsbader Beschlüsse, die Demagogenjagd. Die Schwärmer für das einige Deutschland galten nun als Hochverräter, die Helden der Befreiungskriege als staatsgefährlich. [...] Die deutschen Fürsten beseelt heute zum Glück ein anderer Geist, auch besitzen die Völker schon vieles, wovon sie dazumal erst zu träumen anfingen. Dennoch gilt es, auf der Hut zu sein. Ob nach dem furchtbaren Krieg, der gegenwärtig tobt, wieder so eine Fürsten- und Diplomatenparlotte 6 zusammentreten wird, bleibt fraglich.
Wenn aber doch, dann möge man des Zentenariums 7 gedenken, das wir im Getümmel der Zeit zu feiern unterlassen mußten. Es gibt kein abschreckenderes Beispiel, keine stärkere Mahnung an die Völker, ihr Recht zu wahren, nachdem sie mit übermenschlichem Opfermut ihre Pflicht getan.
Neue Freie Presse, 15.09.1915, URL: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nfp&datum=19150915&seite=1&zoom=33 (abgerufen am: 21.06.2017).
Hinweise:
„Neue Freie Presse“: liberale Tageszeitung aus Österreich
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 so die Einschätzung des nationalliberalen preußischen Historikers Heinrich von Treitschke (1834–1896) über die Deutsche Bundesakte
2 Fährde: Gefahr
3 Hausmacht: Einfluss einer Fürstenfamilie
4 August Fournier (1850–1920), österreichischer Politiker
5 Staatsbonze, hier: abwertend ein hochgestellter Beamter, der viele Privilegien genießt
6 Parlotte: leeres Gerede
7 Zentenarium: Hundertjahrfeier
Material 2
Charles Seignobos: Vom Wiener Kongress zum Krieg von 1914 (1915)
Der glühende, einhellige, vielleicht unabweisbare Wille Europas wird nach diesem schrecklichen Krieg den Frieden verlangen, nicht nur den offiziellen Frieden, der den Massakern und Ruinen ein Ende setzt und die Soldaten dem normalen Leben zurückgibt, sondern den wahrhaften Frieden, den endgültigen Frieden, der die Welt vom Rüstungswettlauf und vom Daueralbtraum eines plötzlichen Krieges befreit, den Frieden, der den Völkern die für die Arbeit notwendige Sicherheit und die Freiheit gibt, ihre Ressourcen für die Werke der Zivilisation zu verwenden. Europa will nicht mehr eine ständig alarmbereite Armee sein, bedroht von einem Angriff, den die Perfektionierungen der Sprengmittel und der Luftschiffe immer schrecklicher machen würden. Es will nicht mehr, um ein Überranntwerden durch Preußen zu verhindern, gezwungen sein selbst halb preußisch zu werden, noch aus Furcht vor dem „Präventivkrieg“ zu einem „bewaffneten Frieden“ gezwungen sein. Das preußische Regime 1 hat Bankrott gemacht, es hat niemals Sicherheit gegeben, es hat noch nicht einmal den Krieg verhindert. Es braucht ein Regime, das Europa vollständige Sicherheit gibt und es von den ruinösen Rüstungsausgaben befreit. Auf welcher Grundlage kann es aufgebaut werden?
Der nächste Kongress wird sich weder wie Metternich auf das Legitimitätsprinzip der Fürsten noch wie Bismarck auf das göttliche Urteil berufen; unsere Zeit glaubt nicht mehr an das göttliche Recht der Könige noch an den Kult der Kraft; ihre Religion ist das Nationalgefühl. Die Völker haben seit 1815 Fortschritte gemacht und sogar seit 1866; sie wurden reicher, gebildeter, freier, alle wurden sich ihrer Nationalität bewusst, die meisten haben das Recht zur Teilhabe am politischen Leben errungen und haben sich daran gewöhnt, dass man ihren Willen berücksichtigt. Man wird nicht mehr, wie beim Wiener Kongress, die Seelen zählen, man wird wissen müssen, was diese Seelen wünschen. Dieser Krieg 2 war überall ein nationaler Krieg und hat Forderungen auch von nicht staatlich organisierten Nationen geweckt. [...] Man kann also hoffen, dass es sich der Kongress zur Regel machen wird, bei der Aufteilung der Territorien das Nationalgefühl und den Willen der Völker zu beachten. [...]
Der Krieg wird eine Bedrohung bleiben, solange ein Staatsmann es als seine patriotische Pflicht ansehen wird, einen Angriffskrieg vorzubereiten, und solange sein Volk ihn bewundern wird, wenn er damit Erfolg hat. [...] Hier muss also im internationalen Leben eine Revolution stattfinden, als Pendant 3 zu der Revolution, die in den einzelnen Staaten das Repräsentativsystem errichtet hat. Nur die öffentliche Meinung kann dies bewerkstelligen; sie ist den Diplomaten voraus, sie fühlt bereits, dass die Völker Europas mehr gemeinsame als gegensätzliche Interessen haben, dass es vorteilhafter ist zusammenzuarbeiten als sich zu zerstören, sie weiß, dass der Frieden dem Krieg vorzuziehen ist. Wenn die öffentliche Meinung in der bisher geschlossenen Welt der Diplomaten wehen wird, dann wird sie den Geist von Machiavelli und Bismarck, den Geist von List und Gewalt, zerstreuen.
Charles Seignobos: 1815–1915. Du congrès de Vienne à la guerre de 1914, Paris 1915, S. 31–35 (eigene Übersetzung).
Hinweis:
Charles Seignobos (1854–1942), französischer Historiker
1 das preußische Regime, hier: ein unter deutscher Hegemonie stehendes Europa
2 dieser Krieg: Gemeint ist der Erste Weltkrieg.
3 Pendant: Gegenstück
Seignobos hofft auf „den wahrhaften Frieden, den endgültigen Frieden, der die Welt vom Rüstungswettlauf und vom Daueralbtraum eines plötzlichen Krieges befreit“. (Material 2)
Beurteilen Sie vor dem Hintergrund dieser Erwartungen Seignobos’ den Beitrag des Versailler Vertrages für eine dauerhafte europäische Friedensordnung. (30 BE)
Aufgabe Vorschlag B - Aufgaben 1-2: Weimarer Republik · Weimarer Republik: Entstehung, Verfassung und innere Belastungen
Material
Aus einer Debatte zur Frage der Flagge der neu gegründeten Republik in der deutschen Nationalversammlung am 2. Juli 1919
Dr. David, Reichsminister des Inneren (MSPD):
Lassen Sie mich ein paar Worte der Empfehlung der Annahme der in Art. 3 vorgesehenen Wahl der
Farben schwarz-rot-gold als Reichsfarben zu Ihnen sprechen. […] Meine Herren, die schwarz-weiß-
rote Fahne ist schon in den Jahrzehnten vor dem Kriege von einem großen Teil des Volkes als eine
5 Parteifahne betrachtet worden.
(Lebhafter Widerspruch und Unruhe rechts.) […]
Das frühere System hat jahrzehntelang einen großen Teil unseres Volkes durch Ausnahmegesetze und
Ächtung als Vaterlandsfeinde bezeichnet, hat dadurch einen Gegensatz zwischen Millionen unseres
Volkes und der offiziellen Regierung mit ihren offiziellen Symbolen erzeugt,
10 (sehr richtig! bei den Sozialdemokraten)
und so ist es gekommen, daß diese Fahne als eine Parteifahne, als ein feindliches Symbol
(Rufe rechts: Oho! – sehr wahr! bei den Sozialdemokraten)
im Kampfe von Millionen von Arbeitern empfunden wurde.
(Zurufe rechts.) […]
15 Auch jetzt wieder ist das Schwarz-weiß-rot als ein Parteibanner entfaltet worden mit der Devise: Ge-
gen Demokratie, gegen die Republik!
(Zurufe rechts. – Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) […]
Wir müssen nach einem Symbol suchen, das über alle Parteigegensätze und alle Parteifahnen hinaus
von möglichst allen Parteien als der Ausdruck der Zusammengehörigkeit zur Volksgemeinschaft, die
20 höher ist als alle Parteien, angesehen und empfunden wird. Das ist die Aufgabe. Als Symbol für diese
innere Einheit, für dieses nationale Gemeinschaftsgefühl, glaube ich, ist das Schwarz-rot-gold durch
seine eigene Geschichte gegeben. […]
Dr. Kahl (DVP):
Mir kommt [es] darauf an, die Frage zu prüfen: liegt überhaupt eine Notwendigkeit vor, einen Reichs-
farbenwechsel vorzunehmen? […]
25 Preußischer Staat und deutsches Kaisertum haben in der universalgeschichtlichen Entwicklung so un-
ermeßlich Großes und für die Gesamtheit, für die Welt Notwendiges, Unvergängliches geleistet, daß
demgegenüber Schlagworte – und ein anderes sind sie nicht – wie „Obrigkeitsstaat“ oder „Imperialis-
mus“ nicht ausreichen können, die Notwendigkeit des Farbenwechsels irgendwie zu begründen.
(Sehr richtig! rechts.)
30 Es soll mit diesen Schlagworten die grundsätzliche Abkehr von den politischen Systemen der früheren
Zeit markiert, es soll die Geringschätzung gegen das Historische, die Geringschätzung gegen unsern
preußischen Staat und das Kaisertum ausgedrückt werden. […]
Nicht ein Grund, sondern tausend Gründe haben zur Katastrophe [der Kriegsniederlage] geführt. Der
hauptsächlichste ist, offen und ehrlich kurz zusammengefaßt, der: das alte System ist zusammengebro-
35 chen dadurch, daß mit russischem Golde Propaganda für den Bolschewismus im deutschen Heere ge-
trieben worden ist.
(Lebhafte Zustimmung rechts. – Zurufe bei den Sozialdemokraten.) […]
Aus diesem Obrigkeitsstaat ist so viel für Sie erwachsen heute und für lange Zukunft, daß Sie ihm
volle Pietät 1 und Dankbarkeit zu bewahren alle Ursache hätten.
40 (Zurufe von den Sozialdemokraten.)
Speziell die Revolution hat Veranlassung, ihm dafür dankbar zu sein, daß aus ihm jenes hervorragende
mustergültige Beamtentum hervorgegangen ist, das die Revolution allein getragen hat, ohne das alles
in ein Chaos ausgeartet wäre. […]
Vor einer ruhigen, unbefangenen, gerechten Geschichtswürdigung kann es nicht bestehen, den Farben-
45 wechsel zu begründen als notwendige Folge unserer vorangegangenen politischen Entwicklung als
notwendige Wirkung des Obrigkeitsstaates oder des Imperialismus. […]
Wenn man sich für schwarz-rot-gold auf die großen geschichtlichen Erinnerungen des vorigen Jahr-
hunderts beruft, deren Wert ich an sich nicht bestreite, so muß ich feststellen: unter schwarz-rot-gold
hat die deutsche Reichseinheit Schiffbruch gelitten,
50 (lebhafte Zustimmung rechts)
man hat sie unter dieser Farbe nie erreicht. Unter schwarz-weiß-rot aber haben wir die Reichseinheit
gewonnen. […]
Laverrenz (DNVP):
Wir bitten […] das hohe Haus in letzter Stunde, den von uns gestellten Antrag annehmen zu wollen,
der […] das Bekenntnis zu dem alten Banner schwarz-weiß-rot erneuert. Wir glauben auch, mit die-
55 sem Antrag die Stimmung des überwiegenden Teils unseres Volks zum Ausdruck zu bringen.
(Beifall rechts.)
Denn diese alten Farben sind durch tausend Wurzeln mit dem Herzen des Volks verwachsen.
(Sehr richtig! rechts.)
Sie waren es, unter denen unsere Väter den ruhmreichen Krieg von 1870 geführt haben, aus dem sie
60 als köstlichen Siegespreis die heißersehnte deutsche Einheit heimbrachten, auf Grund deren das Ge-
stühl gezimmert ist, auf dem Sie heute noch sitzen.
(Sehr richtig! rechts.)
Es sind die Farben, unter denen Deutschland den glänzendsten Abschnitt seiner zweitausendjährigen
Geschichte zurückgelegt hat. Es sind aber auch die Farben, für welche im Weltkriege Millionen von
65 Volksgenossen im guten Vertrauen auf die gerechte Sache des Vaterlandes in den Tod gegangen sind.
(Beifall rechts.) […]
Die Farben schwarz-rot-gold sind dem heutigen Geschlecht 2 innerlich fremd,
(sehr wahr! rechts)
und sie werden nicht dadurch zum Leben erweckt, daß man sie künstlich mit der Parteimaschine sozu-
70 sagen wieder in das Gedächtnis zurückrufen will.
(Sehr wahr! rechts.) […]
Dr. Cohn (USPD):
Die rote Farbe ist, solange wir überhaupt die Geschichte von Freiheitsbewegungen schreiben können,
solange der Drang hervorgetreten ist, gewisse Bewegungen in Farben zu symbolisieren, in jedem
Lande, unter jedem Himmelsstrich die Farbe der Revolution gewesen, die Farbe jeder wahren Frei-
75 heitsbewegung. […] So war es 1848, und so war es, wie Sie aus der Zeit wissen, die wir vor wenigen
Monaten durchlebt haben, im Jahre 1918 im November und Dezember auch. […] Die Farbe rot ist das
Zeichen der Revolution, und weil wir der Meinung sind, […] daß man bewußt abgehen muß von dem
alten Geist, der vorherrschend war, uns von seinem Symbol, den alten Farben, deswegen sind wir da-
für, daß auch die Reichsfarben symbolisch Ausdruck geben der bewußten Abkehr von dem alten
80 Geist.
Deshalb haben wir den Antrag gestellt, rot zur Reichsfarbe zu machen. […]
Dr. Quidde (DDP):
Schwarz-rot-gold […] hat für uns, […] von Anfang an die doppelte Bedeutung gehabt, die Farbe zu
sein für die Idee der Freiheit, in Erinnerung an die Bewegung von 1848, und zugleich die Farbe Groß-
deutschlands zu sein.
85 Seitdem ich im politischen Leben stehe, ist für mich und für viele von uns […] schwarz-rot-gold das
Symbol der freiheitlichen Bewegung gewesen, das Symbol auch der alten Einheitsbewegung des deut-
schen Volkes, die aus der Tiefe des Volkes gekommen ist,
(sehr wahr! links)
und die nicht mit den Mitteln äußerer Machtpolitik das Ziel erreichen wollte. Diese Bedeutung hat
90 schwarz-rot-gold für uns behalten. Für uns ist es deshalb die Erfüllung eines alten Traumes, wenn
heute schwarz-rot-gold, das unsere Parteifahne war, zur Reichsfarbe wird. Für uns ist das ein Symbol
dafür, daß wir jetzt ein Reich der Freiheit aufrichten, ein Reich der Ideen, für die schon 1848 unsere
politischen Vorfahren eingetreten sind.
Verhandlungen der verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung. Stenographische Berichte, Bd. 327, Berlin 1920, S. 1224–1235.
Hinweise
Schwarz-Weiß-Rot in einer Trikolore mit waagerechten Streifen war die Nationalflagge des Norddeutschen Bundes ab 1867 bzw. des Deutschen Reiches ab 1871 und wurde in Folge der abgedruckten Debatte 1919 von Schwarz-Rot-Gold abgelöst. Artikel 3 der Weimarer Reichsverfassung lautet: „Die Reichsfarben sind schwarz-rot-gold. Die Handelsflagge ist schwarz-weiß-rot mit den Reichsfarben in der oberen inneren Ecke.“
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Pietät: ehrfürchtige Rücksichtnahme
2 dem heutigen Geschlecht, hier: der heutigen Generation
1
Beschreiben Sie, welche Positionen die Redner in der Flaggendebatte vertreten, und erläutern Sie deren parteipolitische Hintergründe. (Material)
(35 BE)
2
Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf das Material, den Entstehungsprozess der Weimarer Republik (1918/19) und die damit verbundenen Belastungen.
(35 BE)
Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3: Revolution 1848 · Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung
Material
Aus einer Debatte zur Frage der Flagge der neu gegründeten Republik in der deutschen Nationalversammlung am 2. Juli 1919
Dr. David, Reichsminister des Inneren (MSPD):
Lassen Sie mich ein paar Worte der Empfehlung der Annahme der in Art. 3 vorgesehenen Wahl der
Farben schwarz-rot-gold als Reichsfarben zu Ihnen sprechen. […] Meine Herren, die schwarz-weiß-
rote Fahne ist schon in den Jahrzehnten vor dem Kriege von einem großen Teil des Volkes als eine
5 Parteifahne betrachtet worden.
(Lebhafter Widerspruch und Unruhe rechts.) […]
Das frühere System hat jahrzehntelang einen großen Teil unseres Volkes durch Ausnahmegesetze und
Ächtung als Vaterlandsfeinde bezeichnet, hat dadurch einen Gegensatz zwischen Millionen unseres
Volkes und der offiziellen Regierung mit ihren offiziellen Symbolen erzeugt,
10 (sehr richtig! bei den Sozialdemokraten)
und so ist es gekommen, daß diese Fahne als eine Parteifahne, als ein feindliches Symbol
(Rufe rechts: Oho! – sehr wahr! bei den Sozialdemokraten)
im Kampfe von Millionen von Arbeitern empfunden wurde.
(Zurufe rechts.) […]
15 Auch jetzt wieder ist das Schwarz-weiß-rot als ein Parteibanner entfaltet worden mit der Devise: Ge-
gen Demokratie, gegen die Republik!
(Zurufe rechts. – Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) […]
Wir müssen nach einem Symbol suchen, das über alle Parteigegensätze und alle Parteifahnen hinaus
von möglichst allen Parteien als der Ausdruck der Zusammengehörigkeit zur Volksgemeinschaft, die
20 höher ist als alle Parteien, angesehen und empfunden wird. Das ist die Aufgabe. Als Symbol für diese
innere Einheit, für dieses nationale Gemeinschaftsgefühl, glaube ich, ist das Schwarz-rot-gold durch
seine eigene Geschichte gegeben. […]
Dr. Kahl (DVP):
Mir kommt [es] darauf an, die Frage zu prüfen: liegt überhaupt eine Notwendigkeit vor, einen Reichs-
farbenwechsel vorzunehmen? […]
25 Preußischer Staat und deutsches Kaisertum haben in der universalgeschichtlichen Entwicklung so un-
ermeßlich Großes und für die Gesamtheit, für die Welt Notwendiges, Unvergängliches geleistet, daß
demgegenüber Schlagworte – und ein anderes sind sie nicht – wie „Obrigkeitsstaat“ oder „Imperialis-
mus“ nicht ausreichen können, die Notwendigkeit des Farbenwechsels irgendwie zu begründen.
(Sehr richtig! rechts.)
30 Es soll mit diesen Schlagworten die grundsätzliche Abkehr von den politischen Systemen der früheren
Zeit markiert, es soll die Geringschätzung gegen das Historische, die Geringschätzung gegen unsern
preußischen Staat und das Kaisertum ausgedrückt werden. […]
Nicht ein Grund, sondern tausend Gründe haben zur Katastrophe [der Kriegsniederlage] geführt. Der
hauptsächlichste ist, offen und ehrlich kurz zusammengefaßt, der: das alte System ist zusammengebro-
35 chen dadurch, daß mit russischem Golde Propaganda für den Bolschewismus im deutschen Heere ge-
trieben worden ist.
(Lebhafte Zustimmung rechts. – Zurufe bei den Sozialdemokraten.) […]
Aus diesem Obrigkeitsstaat ist so viel für Sie erwachsen heute und für lange Zukunft, daß Sie ihm
volle Pietät 1 und Dankbarkeit zu bewahren alle Ursache hätten.
40 (Zurufe von den Sozialdemokraten.)
Speziell die Revolution hat Veranlassung, ihm dafür dankbar zu sein, daß aus ihm jenes hervorragende
mustergültige Beamtentum hervorgegangen ist, das die Revolution allein getragen hat, ohne das alles
in ein Chaos ausgeartet wäre. […]
Vor einer ruhigen, unbefangenen, gerechten Geschichtswürdigung kann es nicht bestehen, den Farben-
45 wechsel zu begründen als notwendige Folge unserer vorangegangenen politischen Entwicklung als
notwendige Wirkung des Obrigkeitsstaates oder des Imperialismus. […]
Wenn man sich für schwarz-rot-gold auf die großen geschichtlichen Erinnerungen des vorigen Jahr-
hunderts beruft, deren Wert ich an sich nicht bestreite, so muß ich feststellen: unter schwarz-rot-gold
hat die deutsche Reichseinheit Schiffbruch gelitten,
50 (lebhafte Zustimmung rechts)
man hat sie unter dieser Farbe nie erreicht. Unter schwarz-weiß-rot aber haben wir die Reichseinheit
gewonnen. […]
Laverrenz (DNVP):
Wir bitten […] das hohe Haus in letzter Stunde, den von uns gestellten Antrag annehmen zu wollen,
der […] das Bekenntnis zu dem alten Banner schwarz-weiß-rot erneuert. Wir glauben auch, mit die-
55 sem Antrag die Stimmung des überwiegenden Teils unseres Volks zum Ausdruck zu bringen.
(Beifall rechts.)
Denn diese alten Farben sind durch tausend Wurzeln mit dem Herzen des Volks verwachsen.
(Sehr richtig! rechts.)
Sie waren es, unter denen unsere Väter den ruhmreichen Krieg von 1870 geführt haben, aus dem sie
60 als köstlichen Siegespreis die heißersehnte deutsche Einheit heimbrachten, auf Grund deren das Ge-
stühl gezimmert ist, auf dem Sie heute noch sitzen.
(Sehr richtig! rechts.)
Es sind die Farben, unter denen Deutschland den glänzendsten Abschnitt seiner zweitausendjährigen
Geschichte zurückgelegt hat. Es sind aber auch die Farben, für welche im Weltkriege Millionen von
65 Volksgenossen im guten Vertrauen auf die gerechte Sache des Vaterlandes in den Tod gegangen sind.
(Beifall rechts.) […]
Die Farben schwarz-rot-gold sind dem heutigen Geschlecht 2 innerlich fremd,
(sehr wahr! rechts)
und sie werden nicht dadurch zum Leben erweckt, daß man sie künstlich mit der Parteimaschine sozu-
70 sagen wieder in das Gedächtnis zurückrufen will.
(Sehr wahr! rechts.) […]
Dr. Cohn (USPD):
Die rote Farbe ist, solange wir überhaupt die Geschichte von Freiheitsbewegungen schreiben können,
solange der Drang hervorgetreten ist, gewisse Bewegungen in Farben zu symbolisieren, in jedem
Lande, unter jedem Himmelsstrich die Farbe der Revolution gewesen, die Farbe jeder wahren Frei-
75 heitsbewegung. […] So war es 1848, und so war es, wie Sie aus der Zeit wissen, die wir vor wenigen
Monaten durchlebt haben, im Jahre 1918 im November und Dezember auch. […] Die Farbe rot ist das
Zeichen der Revolution, und weil wir der Meinung sind, […] daß man bewußt abgehen muß von dem
alten Geist, der vorherrschend war, uns von seinem Symbol, den alten Farben, deswegen sind wir da-
für, daß auch die Reichsfarben symbolisch Ausdruck geben der bewußten Abkehr von dem alten
80 Geist.
Deshalb haben wir den Antrag gestellt, rot zur Reichsfarbe zu machen. […]
Dr. Quidde (DDP):
Schwarz-rot-gold […] hat für uns, […] von Anfang an die doppelte Bedeutung gehabt, die Farbe zu
sein für die Idee der Freiheit, in Erinnerung an die Bewegung von 1848, und zugleich die Farbe Groß-
deutschlands zu sein.
85 Seitdem ich im politischen Leben stehe, ist für mich und für viele von uns […] schwarz-rot-gold das
Symbol der freiheitlichen Bewegung gewesen, das Symbol auch der alten Einheitsbewegung des deut-
schen Volkes, die aus der Tiefe des Volkes gekommen ist,
(sehr wahr! links)
und die nicht mit den Mitteln äußerer Machtpolitik das Ziel erreichen wollte. Diese Bedeutung hat
90 schwarz-rot-gold für uns behalten. Für uns ist es deshalb die Erfüllung eines alten Traumes, wenn
heute schwarz-rot-gold, das unsere Parteifahne war, zur Reichsfarbe wird. Für uns ist das ein Symbol
dafür, daß wir jetzt ein Reich der Freiheit aufrichten, ein Reich der Ideen, für die schon 1848 unsere
politischen Vorfahren eingetreten sind.
Verhandlungen der verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung. Stenographische Berichte, Bd. 327, Berlin 1920, S. 1224–1235.
Hinweise
Schwarz-Weiß-Rot in einer Trikolore mit waagerechten Streifen war die Nationalflagge des Norddeutschen Bundes ab 1867 bzw. des Deutschen Reiches ab 1871 und wurde in Folge der abgedruckten Debatte 1919 von Schwarz-Rot-Gold abgelöst. Artikel 3 der Weimarer Reichsverfassung lautet: „Die Reichsfarben sind schwarz-rot-gold. Die Handelsflagge ist schwarz-weiß-rot mit den Reichsfarben in der oberen inneren Ecke.“
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Pietät: ehrfürchtige Rücksichtnahme
2 dem heutigen Geschlecht, hier: der heutigen Generation
Für den Abgeordneten der DDP ist die schwarz-rot-goldene Flagge „ein Symbol dafür, daß wir jetzt ein Reich der Freiheit aufrichten, ein Reich der Ideen, für die schon 1848 unsere politischen Vorfahren eingetreten sind.“ (Material)
Aufgabe 3: Überprüfen Sie, ob mit der Weimarer Republik die politischen Vorstellungen der Revolutionäre von 1848 erfüllt worden sind. [30 BE]
Aufgabe Vorschlag C - Aufgaben 1-2: Nachkriegszeit und Te… · Nachkriegszeit, Teilung Deutschlands und Westbindung 1945-1955
Vorschlag C: Deutschlands Platz in Europa
Material
Klaus Mann in einem Brief an seinen deutschen Freund Hans Reiser vom 28. September 1945, abgedruckt in Manns Autobiografie „Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht“
Ich war im Mai und Juni [1945 in Deutschland], als Berichterstatter der [Armeezeitung],Stars and
Stripes‘, und dann noch einmal, im September, ein paar Tage nur. Gleich nach meiner Ankunft in Ber-
lin (noch wüster zugerichtet als München, noch konfuser und apokalyptischer) erreichte mich die
Nachricht, daß ich mich am 28. IX. – das ist heute – hier in Neapel beim,Seventh Replacement De-
5 pot‘ 1 zu melden hätte. Zu welchem Zweck? Um mich von der US Army zu verabschieden! Ich komme
gerade von dieser Zeremonie […] ein Zivilist, ein freier Bürger […].
Dies ist also für mich ein,großer Tag‘, obwohl es in meinem Leben zunächst kaum drastische Verän-
derungen geben wird. […]
Keine drastischen Veränderungen, sogar die Uniform muß ich bis auf weiteres anbehalten, mangels
10 irgendwelcher Zivilgarderobe. Und trotzdem ist es ein großer Tag, ein Wendepunkt. Erst jetzt, erst
heute spüre ich so recht, daß der Krieg zu Ende ist. Nun geht es weiter, nächste Episode! Fragt sich
nur, in welcher Richtung es weitergeht. Dies hängt von uns ab; an jedem Wendepunkt hat man die
Wahl. Wir können uns für die richtige Richtung entscheiden oder für die falsche. Die falsche wird im-
mer falscher, immer gefährlicher. Von einem Wendepunkt zum nächsten wächst die Gefahr. Noch ein
15 paar Schritte auf den Abgrund zu, und wir stürzen hinein, kopfüber. Dann hätten wir gewählt, ein für
allemal. Der finale Wendepunkt wäre erreicht, das episodenreiche Drama abgeschlossen.
Soweit sind wir noch nicht. Die Krise, deren universaler und permanenter Charakter immer deutlicher
wird, die weltweite Dauerkrise also tritt in eine neue Phase ein. Nirgends steht geschrieben, daß der
nun beginnende Abschnitt katastrophal verlaufen oder gar zur total-finalen Katastrophe führen müsse.
20 Im Gegenteil, es ist eine ermutigende Konstellation, in deren Zeichen wir uns jetzt befinden. Das
Bündnis zwischen Ost und West, zwischen Sozialismus und Demokratie, noch besteht es und könnte
von Dauer sein. Aus der Waffenbrüderschaft, die den zwei großen Rivalen und Antagonisten 2 – Rus-
sen und Angelsachsen 3 – von Adolf Hitler aufgezwungen wurde, muß die Zusammenarbeit im Dienst
des Friedens werden: und wir sind gerettet! Alle übrigen Probleme, auch das deutsche, wären relativ
25 leicht zu lösen. Einigen sich die westlichen Alliierten mit der Sowjetunion, eine Weltordnung müßte
zustande kommen oder würde sich fast von selbst ergeben, in deren Rahmen auch Deutschland, dies
hochbegabte gefährlich-gefährdete Sorgenkind Europas, seinen Platz und seine Würde hätte. Die auf-
richtige Verständigung zwischen Ost und West ist die conditio sine qua non 4: ohne sie geht es nicht.
Jeder Schritt, der diese Verständigung näher bringt oder sie konsolidiert, ist ein Schritt in der guten
30 Richtung. Jeder Schritt, der uns von diesem Ziel entfernt, tendiert zum Abgrund.
Die Tendenz entscheidet. Am Wendepunkt bedarf es der Orientierung; ein klarer Kurs tut not. Was
wollen wir, die geeinte Welt oder die zerstörte? Sollen in zehn Jahren alle Städte so aussehen wie jetzt
Berlin und München, oder besteht die Absicht, Berlin und München wieder aufzubauen als friedliche
Zentren eines endlich befriedeten Reiches? Die Absicht entscheidet, besonders die Absichten der Rus-
35 sen und Amerikaner; aber auch Deutschland zählt, wenngleich zunächst nur als passiver Faktor im
großen Spiel.
Hofft Deutschland, daß es vom Zerwürfnis der Sieger profitieren könnte? So ist seine Absicht böse.
Mag sein, daß eine zunächst ausgeschaltete, zur weltpolitischen Passivität verurteilte Nation auf ab-
sehbare Zeit kaum in der Lage ist, das Verhältnis zwischen den großen Mächten zu beeinflussen oder
40 gar zu bestimmen. Aber die Tendenz, die Absicht, davon hängt alles ab! Gerade dem Besiegten – in
materieller Sphäre ohne Macht und Responsibilität 5 – geziemt 6 ein gesteigertes moralisches Gefühl,
eine besondere Sensitivität 7 und Entschiedenheit in sittlich-geistigen Fragen. Gerade Deutschland, das
sich am weitesten vorgewagt hat in der schlimmen Richtung, sollte nun das Beispiel der Umkehr und
Einkehr geben. Dies tut es nicht, wenn es die etwa vorhandenen Gegensätze, den potentiellen Konflikt
45 zwischen Moskau und Washington, mit düsterem Schmunzeln beobachtet und hämisch schürt. Das
Land der Mitte möge seine Funktion und,raison d’être‘ 8 darin sehen, zu verbinden und zu versöhnen.
Entschlösse Deutschland sich zu einer Haltung, die durchaus vom Moralischen her determiniert 9 wäre
– es hätte sich zu einer klugen Haltung entschlossen. Ein ethisch-räsonables 10 Arrangement der Welt
ist dem Besiegten günstig, er profitiert davon, nur davon, nicht vom Streit der Sieger, der ihn zur
50 Schachfigur, zum Spielball, dann zum Landsknecht 11 und schließlich gar zum Opfer degradiert. […]
Etwas liegt hinter mir, hinter uns, der Kampf gegen einen Tyrannen. Ich habe im Laufe des Kampfes
mein Deutschtum aufgegeben und bin Amerikaner geworden, schließlich sogar amerikanischer Soldat.
[…]
All dies ist nun Vergangenheit. Mein Gedanke ist auf die Zukunft gerichtet, auf Ihre sowohl wie auf
55 meine. Denn es ist die gleiche.
Der große F. D. Roosevelt hat einmal gesagt, die gegenwärtige Generation von Amerikanern sei zu
einem Rendezvous with Destiny 12 ausersehen. […] Der Appell gilt sämtlichen Nationen. Sie, der Deut-
sche, sind ebenso dringlich aufgerufen wie irgendein Russe, irgendein Amerikaner. Dies Jahrhundert,
welches nicht „das deutsche“ geworden ist, soll auch nicht „das amerikanische“ oder „das russische“
60 werden. Es wird das Jahrhundert der beginnenden Welt-Zivilisation, oder es wird das Jahrhundert der
beginnenden Welt-Barbarei – wenn nicht gar schon der vollendeten. […]
Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht, Hamburg 1984, S. 508–511.
Hinweise
Klaus Mann (1906–1949): deutscher Schriftsteller, emigrierte 1933 in die USA und erhielt 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er trat 1941 in die US-Armee ein und kehrte im Zweiten Weltkrieg als amerikanischer Soldat nach Europa zurück. Seine Autobiografie „Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht“ erschien zuerst 1942 in den USA unter dem Titel „The Turning Point: Thirty-Five Years in this Century“ und in einer überarbeiteten Version 1952 in Deutschland. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus einem (möglicherweise fiktiven) Brief an seinen deutschen Freund Hans Reiser, der auf den 28. September 1945 datiert ist und der das Ende der Autobiografie bildet.
Die Rechtschreibung und der Kursivdruck entsprechen der Textvorlage.
Worterläuterungen
1 Replacement Depot, hier: US-amerikanische Reserveeinheit bzw. deren Sammelstelle
2 Antagonist: Gegenspieler
3 Angelsachsen, hier: Engländer und US-Amerikaner
4 conditio sine qua non (lat.): notwendige Bedingung, unabdingbare Voraussetzung
5 Responsibilität: Verantwortung
6 geziemt: gehört sich
7 Sensitivität: Feinfühligkeit, Überempfindlichkeit
8 raison d’être (frz.): Existenzberechtigung
9 determiniert: bestimmt, festgelegt
10 räsonabel: vernünftig, von Vernunft zeugend
11 Landsknecht, hier: Soldat, der (für Geld) im Dienst einer fremden Macht steht
12 Rendezvous with Destiny (engl.): Rendezvous mit dem Schicksal
1
Fassen Sie die Überlegungen Klaus Manns zu Deutschlands zukünftiger Entwicklung zusammen. (Material) (25 BE)
2
Erläutern Sie die welt- und deutschlandpolitische Entwicklung von 1945 bis 1949 und untersuchen Sie, inwiefern die Hoffnungen und Befürchtungen Klaus Manns (Material) Wirklichkeit geworden sind. (40 BE)
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3: Imperialismus vor 1914 · Imperialismus und Weg in den Ersten Weltkrieg
Vorschlag C: Aufgabe 3
Material
Klaus Mann in einem Brief an seinen deutschen Freund Hans Reiser vom 28. September 1945, abgedruckt in Manns Autobiografie „Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht“
Ich war im Mai und Juni [1945 in Deutschland], als Berichterstatter der [Armeezeitung],Stars and
Stripes‘, und dann noch einmal, im September, ein paar Tage nur. Gleich nach meiner Ankunft in Ber-
lin (noch wüster zugerichtet als München, noch konfuser und apokalyptischer) erreichte mich die
Nachricht, daß ich mich am 28. IX. – das ist heute – hier in Neapel beim,Seventh Replacement De-
5 pot‘ 1 zu melden hätte. Zu welchem Zweck? Um mich von der US Army zu verabschieden! Ich komme
gerade von dieser Zeremonie […] ein Zivilist, ein freier Bürger […].
Dies ist also für mich ein,großer Tag‘, obwohl es in meinem Leben zunächst kaum drastische Verän-
derungen geben wird. […]
Keine drastischen Veränderungen, sogar die Uniform muß ich bis auf weiteres anbehalten, mangels
10 irgendwelcher Zivilgarderobe. Und trotzdem ist es ein großer Tag, ein Wendepunkt. Erst jetzt, erst
heute spüre ich so recht, daß der Krieg zu Ende ist. Nun geht es weiter, nächste Episode! Fragt sich
nur, in welcher Richtung es weitergeht. Dies hängt von uns ab; an jedem Wendepunkt hat man die
Wahl. Wir können uns für die richtige Richtung entscheiden oder für die falsche. Die falsche wird im-
mer falscher, immer gefährlicher. Von einem Wendepunkt zum nächsten wächst die Gefahr. Noch ein
15 paar Schritte auf den Abgrund zu, und wir stürzen hinein, kopfüber. Dann hätten wir gewählt, ein für
allemal. Der finale Wendepunkt wäre erreicht, das episodenreiche Drama abgeschlossen.
Soweit sind wir noch nicht. Die Krise, deren universaler und permanenter Charakter immer deutlicher
wird, die weltweite Dauerkrise also tritt in eine neue Phase ein. Nirgends steht geschrieben, daß der
nun beginnende Abschnitt katastrophal verlaufen oder gar zur total-finalen Katastrophe führen müsse.
20 Im Gegenteil, es ist eine ermutigende Konstellation, in deren Zeichen wir uns jetzt befinden. Das
Bündnis zwischen Ost und West, zwischen Sozialismus und Demokratie, noch besteht es und könnte
von Dauer sein. Aus der Waffenbrüderschaft, die den zwei großen Rivalen und Antagonisten 2 – Rus-
sen und Angelsachsen 3 – von Adolf Hitler aufgezwungen wurde, muß die Zusammenarbeit im Dienst
des Friedens werden: und wir sind gerettet! Alle übrigen Probleme, auch das deutsche, wären relativ
25 leicht zu lösen. Einigen sich die westlichen Alliierten mit der Sowjetunion, eine Weltordnung müßte
zustande kommen oder würde sich fast von selbst ergeben, in deren Rahmen auch Deutschland, dies
hochbegabte gefährlich-gefährdete Sorgenkind Europas, seinen Platz und seine Würde hätte. Die auf-
richtige Verständigung zwischen Ost und West ist die conditio sine qua non 4: ohne sie geht es nicht.
Jeder Schritt, der diese Verständigung näher bringt oder sie konsolidiert, ist ein Schritt in der guten
30 Richtung. Jeder Schritt, der uns von diesem Ziel entfernt, tendiert zum Abgrund.
Die Tendenz entscheidet. Am Wendepunkt bedarf es der Orientierung; ein klarer Kurs tut not. Was
wollen wir, die geeinte Welt oder die zerstörte? Sollen in zehn Jahren alle Städte so aussehen wie jetzt
Berlin und München, oder besteht die Absicht, Berlin und München wieder aufzubauen als friedliche
Zentren eines endlich befriedeten Reiches? Die Absicht entscheidet, besonders die Absichten der Rus-
35 sen und Amerikaner; aber auch Deutschland zählt, wenngleich zunächst nur als passiver Faktor im
großen Spiel.
Hofft Deutschland, daß es vom Zerwürfnis der Sieger profitieren könnte? So ist seine Absicht böse.
Mag sein, daß eine zunächst ausgeschaltete, zur weltpolitischen Passivität verurteilte Nation auf ab-
sehbare Zeit kaum in der Lage ist, das Verhältnis zwischen den großen Mächten zu beeinflussen oder
40 gar zu bestimmen. Aber die Tendenz, die Absicht, davon hängt alles ab! Gerade dem Besiegten – in
materieller Sphäre ohne Macht und Responsibilität 5 – geziemt 6 ein gesteigertes moralisches Gefühl,
eine besondere Sensitivität 7 und Entschiedenheit in sittlich-geistigen Fragen. Gerade Deutschland, das
sich am weitesten vorgewagt hat in der schlimmen Richtung, sollte nun das Beispiel der Umkehr und
Einkehr geben. Dies tut es nicht, wenn es die etwa vorhandenen Gegensätze, den potentiellen Konflikt
45 zwischen Moskau und Washington, mit düsterem Schmunzeln beobachtet und hämisch schürt. Das
Land der Mitte möge seine Funktion und,raison d’être‘ 8 darin sehen, zu verbinden und zu versöhnen.
Entschlösse Deutschland sich zu einer Haltung, die durchaus vom Moralischen her determiniert 9 wäre
– es hätte sich zu einer klugen Haltung entschlossen. Ein ethisch-räsonables 10 Arrangement der Welt
ist dem Besiegten günstig, er profitiert davon, nur davon, nicht vom Streit der Sieger, der ihn zur
50 Schachfigur, zum Spielball, dann zum Landsknecht 11 und schließlich gar zum Opfer degradiert. […]
Etwas liegt hinter mir, hinter uns, der Kampf gegen einen Tyrannen. Ich habe im Laufe des Kampfes
mein Deutschtum aufgegeben und bin Amerikaner geworden, schließlich sogar amerikanischer Soldat.
[…]
All dies ist nun Vergangenheit. Mein Gedanke ist auf die Zukunft gerichtet, auf Ihre sowohl wie auf
55 meine. Denn es ist die gleiche.
Der große F. D. Roosevelt hat einmal gesagt, die gegenwärtige Generation von Amerikanern sei zu
einem Rendezvous with Destiny 12 ausersehen. […] Der Appell gilt sämtlichen Nationen. Sie, der Deut-
sche, sind ebenso dringlich aufgerufen wie irgendein Russe, irgendein Amerikaner. Dies Jahrhundert,
welches nicht „das deutsche“ geworden ist, soll auch nicht „das amerikanische“ oder „das russische“
60 werden. Es wird das Jahrhundert der beginnenden Welt-Zivilisation, oder es wird das Jahrhundert der
beginnenden Welt-Barbarei – wenn nicht gar schon der vollendeten. […]
Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht, Hamburg 1984, S. 508–511.
Hinweise
Klaus Mann (1906–1949): deutscher Schriftsteller, emigrierte 1933 in die USA und erhielt 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er trat 1941 in die US-Armee ein und kehrte im Zweiten Weltkrieg als amerikanischer Soldat nach Europa zurück. Seine Autobiografie „Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht“ erschien zuerst 1942 in den USA unter dem Titel „The Turning Point: Thirty-Five Years in this Century“ und in einer überarbeiteten Version 1952 in Deutschland. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus einem (möglicherweise fiktiven) Brief an seinen deutschen Freund Hans Reiser, der auf den 28. September 1945 datiert ist und der das Ende der Autobiografie bildet.
Die Rechtschreibung und der Kursivdruck entsprechen der Textvorlage.
Worterläuterungen
1 Replacement Depot, hier: US-amerikanische Reserveeinheit bzw. deren Sammelstelle
2 Antagonist: Gegenspieler
3 Angelsachsen, hier: Engländer und US-Amerikaner
4 conditio sine qua non (lat.): notwendige Bedingung, unabdingbare Voraussetzung
5 Responsibilität: Verantwortung
6 geziemt: gehört sich
7 Sensitivität: Feinfühligkeit, Überempfindlichkeit
8 raison d’être (frz.): Existenzberechtigung
9 determiniert: bestimmt, festgelegt
10 räsonabel: vernünftig, von Vernunft zeugend
11 Landsknecht, hier: Soldat, der (für Geld) im Dienst einer fremden Macht steht
12 Rendezvous with Destiny (engl.): Rendezvous mit dem Schicksal
3
Diskutieren Sie, inwiefern Deutschland von 1871 bis 1914 als das „gefährlich-gefährdete Sorgenkind Europas“ (Material) bezeichnet werden kann. (35 BE)
Aufgabe Vorschlag D - Aufgaben 1-2: Sozialistengesetz im… · Kaiserreich: Herrschaft, Gesellschaft und Ausgrenzung
Der Staat und seine „Feinde“ – Der Umgang mit der Opposition
Material 1
Daten zum Sozialistengesetz – Jahreschronik 1878
11.5.
Der Handwerksgeselle Max Hödel (1857–1878) verübt in Berlin ein Revolverattentat auf Kaiser Wilhelm I. Der 81jährige Monarch bleibt unverletzt.
23.–25.5.
Ein Gesetzentwurf von Reichskanzler Bismarck zur Unterdrückung der Sozialdemokratie, deren Einfluss angeblich hinter dieser Tat stehe, wird vom Reichstag diskutiert und mehrheitlich abgelehnt.
2.6.
Bei einem erneuten Attentatsversuch wird Kaiser Wilhelm I. an Kopf und Armen verletzt. Der Attentäter, ein offenbar geistig verwirrter Akademiker namens Dr. Karl Eduard Nobiling (1848–1878), begeht Selbstmord.
11.6.
Reichskanzler Otto von Bismarck lässt unter dem Eindruck des Attentats den Reichstag auflösen.
30.7.
Bei den vorgezogenen Wahlen zum Reichstag verlieren die Nationalliberalen, die mehrheitlich gegen den ersten Entwurf eines Sozialistengesetzes gestimmt hatten.
19.10.
Bismarcks zweiter Gesetzentwurf wird, nun auch mit den Stimmen der Nationalliberalen, verabschiedet.
21.10.
Das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, kurz Sozialistengesetz genannt, tritt in Kraft.
Zitiert nach: https://www.dhm.de/lemo/jahreschronik/1878; https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/sozialistengesetz.html (abgerufen am 17.07.2021).
Material 2
Auszug aus dem „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ vom 21. Oktober 1878
Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen etc. verordnen im Namen des Reichs, nach erfolgter Zustimmung des Bundesrates und des Reichstages, was folgt:
§. 1.
Vereine, welche durch sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung bezwecken, sind zu verbieten.
Dasselbe gilt von Vereinen, in welchen sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische auf den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der Bevölkerungsklassen gefährdenden Weise zu Tage treten. […]
§. 9.
Versammlungen, in denen sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische auf den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen zu Tage treten, sind aufzulösen. […]
§. 11.
Druckschriften, in welchen sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische auf den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der Bevölkerungsklassen gefährdende Weise zu Tage treten, sind zu verbieten. […]
Deutsches Reichsgesetzblatt 1878, Nr. 34, S. 351–358, URL: https://de.wikisource.org/wiki/Gesetz_gegen_die_gemeingefährlichen_Bestrebungen_der_Sozialdemokratie_(Sozialistengesetz)#%C2%A7._1 (abgerufen am 17.07.2021).
Material 3
a) Begründung des von Bismarck dem Reichstag vorgelegten ersten Entwurfes zum Sozialistengesetz (Mai 1878)
Die Ausbreitung der Sozialdemokratie hat in Deutschland im Laufe der letzten Jahre immer größere Dimensionen angenommen. Die sozialdemokratischen Lehren und Tendenzen sind in Kreise gedrungen, welche denselben früher unzugänglich waren. Die sozialdemokratische Agitation, planmäßig […] betrieben, übt mehr und mehr ihren verderblichen, die Gemüter verwirrenden Einfluß auf die Massen der Bevölkerung aus. Um den Umsturz der bestehenden Verhältnisse und die Bildung des sozialistischen Staates herbeizuführen, ist die Sozialdemokratie unablässig bemüht, Unzufriedenheit in den besitzlosen Klassen zu verbreiten, dieselben gegen die besitzenden Klassen aufzureizen, die überlieferten sittlichen und religiösen Anschauungen, die Vaterlandsliebe, die Pietät und die Achtung vor dem Gesetze, überhaupt alle diejenigen Grundlagen zu untergraben, auf welchen der Staat und die Sicherheit der Gesellschaft beruhen.
Richard Lipinski (Hg.): Dokumente zum Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 24 f.
b) Begründung des von Bismarck dem Bundesrat vorgelegten ersten Entwurfes zum Sozialistengesetz (Mai 1878)
In der Presse und in dem Vereinswesen liegt der Schwerpunkt der sozialdemokratischen Agitation. Die Zahl der zum Teil stark verbreiteten Zeitungen und Zeitschriften der Sozialdemokraten in Deutschland beläuft sich zurzeit auf mehr als sechzig, darunter als die hervorragendste das in Leipzig unter dem Namen „Vorwärts“ erscheinende Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie.
Richard Lipinski (Hg.): Dokumente zum Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 25.
c) Eingabe Bismarcks an den Präsidenten des Reichskanzleramtes Hofmann (19. Mai 1878)
Nicht das Hödelsche Attentat hat das Bedürfnis der Vorlage geschaffen […]. Ein Bedürfnis zur Bekämpfung derselben hat in den Augen der Regierung jederzeit bestanden. Das Hödelsche Attentat kann nur als ein neuer Beleg für die Richtigkeit jener Auffassung dienen; es hat dieselbe nur bestärkt, nicht hervorgerufen, und bietet Anlaß zur Erneuerung des früheren Versuchs, ohne ihn an sich zu begründen.
Richard Lipinski (Hg.): Dokumente zum Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 27.
d) Der preußische Innenminister Graf Eulenburg im Reichstag 23. Mai 1878
Es ist niemandem, am wenigsten mir oder einem Vertreter der Bundesregierungen 1 eingefallen, zu behaupten, daß diese Tat 2 speziell veranlaßt oder hervorgerufen worden ist auf Anstiften der Sozialdemokraten. Nein, dahin geht die Behauptung nicht. Die Behauptung geht aber dahin, daß die Lehren der Sozialdemokratie die Gemüter in der Art verwirren, daß sie sehr leicht dergleichen Ruchlosigkeiten erzeugen können; und in diesem Zusammenhang allein muß man die Sozialdemokratie und deren Lehren für dergleichen traurige und erschreckende Erscheinungen verantwortlich machen.
1 Bundesregierungen, hier: die Regierungen der deutschen Bundesstaaten
2 diese Tat: Gemeint ist das Attentat Hödels.
Richard Lipinski (Hg.): Dokumente zum Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 29.
e) Dr. Nobiling bei seiner Vernehmung am 2. Juni 1878
Was mich dazu veranlaßt hat, weiß ich selbst nicht, einen Grund, Seine Majestät zu hassen, hatte ich nicht.
Ich hatte die Absicht, den Kaiser zu töten und deshalb die beiden Läufe des Gewehres, die ich schon früher, ich glaube vorgestern, mit Schrot geladen, auf S[eine] Majestät abgeschossen. Ich hatte Schrot gewählt, weil ich glaubte, so würde ich besser treffen. Ich hatte schon seit acht Tagen den Entschluß gefaßt, das Oberhaupt des Staates um das Leben zu bringen. Ich habe diese Absicht vor einigen Tagen in einer Kneipe mehreren Bekannten vorgetragen, die dieselbe billigten. Wo diese Kneipe liegt und wer diese Bekannten sind, das kann ich nicht sagen. Schonen will ich meine Bekannten nicht, aber ich kann es nun einmal nicht sagen.
Für Politik interessiere ich mich, ich besuchte seit Weihnachten sozialdemokratische Versammlungen […]. Ich habe auch einmal selbst gesprochen, als über Schutzzoll und Freihandel verhandelt wurde. Die Bekannten, denen ich meine Absicht, den Kaiser zu erschießen, vorgetragen, sind nicht solche, welche ich in den Versammlungen kennen gelernt. Ich schoß auf den Kaiser, weil ich es für das Staatswohl für das Beste hielt, wenn das Staatsoberhaupt weggeschafft würde.
Die Grundzüge der [Sozial-]Demokraten gefielen mir, darum besuchte ich ihre Versammlungen.
Richard Lipinski (Hg.): Dokumente zum Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 30 f.
f) Aus dem Gutachten der Mediziner Johl und Helbing vom 18. Juli 1878
Wenngleich nun Nobiling im allgemeinen verständige Antworten gibt, so muß doch die absolute Gleichgültigkeit und Gemütsleere, die ihn nicht verläßt, Zweifel daran erregen, ob er imstande ist, ein richtiges Verständnis von Frage und Antwort zu haben. Will man selbst annehmen, daß Nobiling von jeher ein eminenter Egoist gewesen, so läßt sich doch nicht statuieren 3, daß im normalen Geisteszustand eine so absolute Stumpfheit, ja gerade Leere an moralischen Empfindungen möglich – Vaterland, Fürst, Familie, Religion, Achtung und Ehre, nichts von allem findet einen Anklang in seinem Innern –, die einzige Regung, die an ihm wahrnehmbar, ist ein dann und wann hervortretender Zug von kindischer Eitelkeit. Seine Gesichtszüge haben etwas Idiotenhaftes […], das früher als höhnisch bezeichnete, auch jetzt noch ziemlich stereotype Lächeln hat den Charakter des Stumpfen, Tierischen.
3 statuieren: feststellen, bestimmen
Paul Kampffmeyer: Unter dem Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 38 f.
g) Staatsanwalt Tessendorff am 18. Juli 1878
Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, daß der Angeschuldigte – ein seine Fähigkeiten überschätzender, eitler und ruhmsüchtiger Mensch –, nachdem die wiederholte Zurückweisung seines Gesuchs um Anstellung und die Erschöpfung seiner Subsistenzmittel 4 die Gedanken der Tat und des Selbstmordes in ihm zum Entschluß gebracht haben mögen, aus den Kreisen seiner Partei heraus hierin bestärkt und zum Entschluß getrieben worden ist.
4 Subsistenzmittel: Mittel zur Existenzsicherung, z. B. Lebensmittel
Richard Lipinski (Hg.): Dokumente zum Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 33.
h) Bismarck im Deutschen Reichstag am 19. September 1878
[V]on diesem Augenblick an 5 habe ich in den socialdemokratischen Elementen einen Feind erkannt, gegen den der Staat, die Gesellschaft sich im Stande der Nothwehr befindet. Die Versuche, die ich dagegen gemacht habe bei verschiedenen Acten der Gesetzgebung […], sind ja bekannt und in der Erinnerung des Reichstags; Sie wissen ja, ich bin damit nicht durchgekommen, ich habe sogar viele Vorwürfe darüber hören müssen, aber es hat von dem Augenblick an Versuchen, dem Socialismus entgegen zu treten, nicht gefehlt. […]
Ihr seid gewarnt. Wovor denn gewarnt? Doch vor nichts Anderem, als vor dem nihilistischen 6 Messer und vor der Nobilingschen Schrotflinte. Ja, meine Herren, wenn wir in einer solchen Weise unter der Tyrannei einer Gesellschaft von Banditen existieren sollen, dann verliert jede Existenz ihren Werth, (Bravo! rechts.)
und ich hoffe, daß der Reichstag den Regierungen, dem Kaiser, der den Schutz für seine Person, für seine preußischen Unterthanen und seine deutschen Landsleute verlangt, – daß wir ihm zur Seite stehen werden! Daß bei der Gelegenheit vielleicht einige Opfer des Meuchelmordes unter uns noch fallen werden, das ist ja sehr wohl möglich, aber Jeder, dem das geschehen könnte, mag eingedenk sein, daß er zum Nutzen, zum großen Nutzen seines Vaterlandes auf dem Schlachtfeld der Ehre bleibt!
(Lebhaftes Bravo! Rechts.)
5 Bismarck bezieht sich hier auf eine positive Äußerung des Sozialdemokraten Bebel zum Aufstand revolutionär-linker Kräfte in Paris 1871.
6 nihilistisch, hier: lebensverachtend; Ideale, Werte, Normen bedingungslos ablehnend
Horst Kohl (Hg.): Die Reden des Fürsten Bismarck, 7. Bd., Stuttgart 1893, S. 267 ff.
Hinweise
In den folgenden Jahren nach 1878 wurden über tausend Druckschriften und über dreihundert Organisationen (Vereine, Gewerkschaften) verboten. Tausende Menschen wurden verhaftet oder emigrierten.
Die Reichstagsfraktion der Sozialdemokraten blieb bestehen und Sozialdemokraten konnten auch in den folgenden Jahren in den Reichstag gewählt werden.
Die Rechtschreibung entspricht den jeweiligen Textvorlagen.
1
Beschreiben Sie anhand der Materialien die Entstehung des Sozialistengesetzes 1878 in eigenen Worten. (Materialien 1, 2 und 3)
(35 BE)
2
Setzen Sie die Entstehungsgeschichte des Sozialistengesetzes (Materialien 1, 2 und 3) zu Politik und Gesellschaft im Kaiserreich in Beziehung, insbesondere zu den Exklusionsstrategien gegenüber den so genannten „Reichsfeinden“.
(35 BE)
Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3: NS-Machtergreifung 1933/… · Scheitern der Weimarer Republik und Errichtung der NS-Diktatur 1930-1934
Material 1
Daten zum Sozialistengesetz – Jahreschronik 1878
11.5.
Der Handwerksgeselle Max Hödel (1857–1878) verübt in Berlin ein Revolverattentat auf Kaiser Wilhelm I. Der 81jährige Monarch bleibt unverletzt.
23.–25.5.
Ein Gesetzentwurf von Reichskanzler Bismarck zur Unterdrückung der Sozialdemokratie, deren Einfluss angeblich hinter dieser Tat stehe, wird vom Reichstag diskutiert und mehrheitlich abgelehnt.
2.6.
Bei einem erneuten Attentatsversuch wird Kaiser Wilhelm I. an Kopf und Armen verletzt. Der Attentäter, ein offenbar geistig verwirrter Akademiker namens Dr. Karl Eduard Nobiling (1848–1878), begeht Selbstmord.
11.6.
Reichskanzler Otto von Bismarck lässt unter dem Eindruck des Attentats den Reichstag auflösen.
30.7.
Bei den vorgezogenen Wahlen zum Reichstag verlieren die Nationalliberalen, die mehrheitlich gegen den ersten Entwurf eines Sozialistengesetzes gestimmt hatten.
19.10.
Bismarcks zweiter Gesetzentwurf wird, nun auch mit den Stimmen der Nationalliberalen, verabschiedet.
21.10.
Das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“, kurz Sozialistengesetz genannt, tritt in Kraft.
Zitiert nach: https://www.dhm.de/lemo/jahreschronik/1878; https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/sozialistengesetz.html (abgerufen am 17.07.2021).
Material 2
Auszug aus dem „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ vom 21. Oktober 1878
Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen etc. verordnen im Namen des Reichs, nach erfolgter Zustimmung des Bundesrates und des Reichstages, was folgt:
§. 1.
Vereine, welche durch sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische Bestrebungen den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung bezwecken, sind zu verbieten.
Dasselbe gilt von Vereinen, in welchen sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische auf den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der Bevölkerungsklassen gefährdenden Weise zu Tage treten. […]
§. 9.
Versammlungen, in denen sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische auf den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen zu Tage treten, sind aufzulösen. […]
§. 11.
Druckschriften, in welchen sozialdemokratische, sozialistische oder kommunistische auf den Umsturz der bestehenden Staats- oder Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen in einer den öffentlichen Frieden, insbesondere die Eintracht der Bevölkerungsklassen gefährdende Weise zu Tage treten, sind zu verbieten. […]
Deutsches Reichsgesetzblatt 1878, Nr. 34, S. 351–358, URL: https://de.wikisource.org/wiki/Gesetz_gegen_die_gemeingefährlichen_Bestrebungen_der_Sozialdemokratie_(Sozialistengesetz)#%C2%A7._1 (abgerufen am 17.07.2021).
Material 3
a) Begründung des von Bismarck dem Reichstag vorgelegten ersten Entwurfes zum Sozialistengesetz (Mai 1878)
Die Ausbreitung der Sozialdemokratie hat in Deutschland im Laufe der letzten Jahre immer größere Dimensionen angenommen. Die sozialdemokratischen Lehren und Tendenzen sind in Kreise gedrungen, welche denselben früher unzugänglich waren. Die sozialdemokratische Agitation, planmäßig […] betrieben, übt mehr und mehr ihren verderblichen, die Gemüter verwirrenden Einfluß auf die Massen der Bevölkerung aus. Um den Umsturz der bestehenden Verhältnisse und die Bildung des sozialistischen Staates herbeizuführen, ist die Sozialdemokratie unablässig bemüht, Unzufriedenheit in den besitzlosen Klassen zu verbreiten, dieselben gegen die besitzenden Klassen aufzureizen, die überlieferten sittlichen und religiösen Anschauungen, die Vaterlandsliebe, die Pietät und die Achtung vor dem Gesetze, überhaupt alle diejenigen Grundlagen zu untergraben, auf welchen der Staat und die Sicherheit der Gesellschaft beruhen.
Richard Lipinski (Hg.): Dokumente zum Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 24 f.
b) Begründung des von Bismarck dem Bundesrat vorgelegten ersten Entwurfes zum Sozialistengesetz (Mai 1878)
In der Presse und in dem Vereinswesen liegt der Schwerpunkt der sozialdemokratischen Agitation. Die Zahl der zum Teil stark verbreiteten Zeitungen und Zeitschriften der Sozialdemokraten in Deutschland beläuft sich zurzeit auf mehr als sechzig, darunter als die hervorragendste das in Leipzig unter dem Namen „Vorwärts“ erscheinende Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie.
Richard Lipinski (Hg.): Dokumente zum Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 25.
c) Eingabe Bismarcks an den Präsidenten des Reichskanzleramtes Hofmann (19. Mai 1878)
Nicht das Hödelsche Attentat hat das Bedürfnis der Vorlage geschaffen […]. Ein Bedürfnis zur Bekämpfung derselben hat in den Augen der Regierung jederzeit bestanden. Das Hödelsche Attentat kann nur als ein neuer Beleg für die Richtigkeit jener Auffassung dienen; es hat dieselbe nur bestärkt, nicht hervorgerufen, und bietet Anlaß zur Erneuerung des früheren Versuchs, ohne ihn an sich zu begründen.
Richard Lipinski (Hg.): Dokumente zum Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 27.
d) Der preußische Innenminister Graf Eulenburg im Reichstag 23. Mai 1878
Es ist niemandem, am wenigsten mir oder einem Vertreter der Bundesregierungen 1 eingefallen, zu behaupten, daß diese Tat 2 speziell veranlaßt oder hervorgerufen worden ist auf Anstiften der Sozialdemokraten. Nein, dahin geht die Behauptung nicht. Die Behauptung geht aber dahin, daß die Lehren der Sozialdemokratie die Gemüter in der Art verwirren, daß sie sehr leicht dergleichen Ruchlosigkeiten erzeugen können; und in diesem Zusammenhang allein muß man die Sozialdemokratie und deren Lehren für dergleichen traurige und erschreckende Erscheinungen verantwortlich machen.
1 Bundesregierungen, hier: die Regierungen der deutschen Bundesstaaten
2 diese Tat: Gemeint ist das Attentat Hödels.
Richard Lipinski (Hg.): Dokumente zum Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 29.
e) Dr. Nobiling bei seiner Vernehmung am 2. Juni 1878
Was mich dazu veranlaßt hat, weiß ich selbst nicht, einen Grund, Seine Majestät zu hassen, hatte ich nicht.
Ich hatte die Absicht, den Kaiser zu töten und deshalb die beiden Läufe des Gewehres, die ich schon früher, ich glaube vorgestern, mit Schrot geladen, auf S[eine] Majestät abgeschossen. Ich hatte Schrot gewählt, weil ich glaubte, so würde ich besser treffen. Ich hatte schon seit acht Tagen den Entschluß gefaßt, das Oberhaupt des Staates um das Leben zu bringen. Ich habe diese Absicht vor einigen Tagen in einer Kneipe mehreren Bekannten vorgetragen, die dieselbe billigten. Wo diese Kneipe liegt und wer diese Bekannten sind, das kann ich nicht sagen. Schonen will ich meine Bekannten nicht, aber ich kann es nun einmal nicht sagen.
Für Politik interessiere ich mich, ich besuchte seit Weihnachten sozialdemokratische Versammlungen […]. Ich habe auch einmal selbst gesprochen, als über Schutzzoll und Freihandel verhandelt wurde. Die Bekannten, denen ich meine Absicht, den Kaiser zu erschießen, vorgetragen, sind nicht solche, welche ich in den Versammlungen kennen gelernt. Ich schoß auf den Kaiser, weil ich es für das Staatswohl für das Beste hielt, wenn das Staatsoberhaupt weggeschafft würde.
Die Grundzüge der [Sozial-]Demokraten gefielen mir, darum besuchte ich ihre Versammlungen.
Richard Lipinski (Hg.): Dokumente zum Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 30 f.
f) Aus dem Gutachten der Mediziner Johl und Helbing vom 18. Juli 1878
Wenngleich nun Nobiling im allgemeinen verständige Antworten gibt, so muß doch die absolute Gleichgültigkeit und Gemütsleere, die ihn nicht verläßt, Zweifel daran erregen, ob er imstande ist, ein richtiges Verständnis von Frage und Antwort zu haben. Will man selbst annehmen, daß Nobiling von jeher ein eminenter Egoist gewesen, so läßt sich doch nicht statuieren 3, daß im normalen Geisteszustand eine so absolute Stumpfheit, ja gerade Leere an moralischen Empfindungen möglich – Vaterland, Fürst, Familie, Religion, Achtung und Ehre, nichts von allem findet einen Anklang in seinem Innern –, die einzige Regung, die an ihm wahrnehmbar, ist ein dann und wann hervortretender Zug von kindischer Eitelkeit. Seine Gesichtszüge haben etwas Idiotenhaftes […], das früher als höhnisch bezeichnete, auch jetzt noch ziemlich stereotype Lächeln hat den Charakter des Stumpfen, Tierischen.
3 statuieren: feststellen, bestimmen
Paul Kampffmeyer: Unter dem Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 38 f.
g) Staatsanwalt Tessendorff am 18. Juli 1878
Ich halte es nicht für unwahrscheinlich, daß der Angeschuldigte – ein seine Fähigkeiten überschätzender, eitler und ruhmsüchtiger Mensch –, nachdem die wiederholte Zurückweisung seines Gesuchs um Anstellung und die Erschöpfung seiner Subsistenzmittel 4 die Gedanken der Tat und des Selbstmordes in ihm zum Entschluß gebracht haben mögen, aus den Kreisen seiner Partei heraus hierin bestärkt und zum Entschluß getrieben worden ist.
4 Subsistenzmittel: Mittel zur Existenzsicherung, z. B. Lebensmittel
Richard Lipinski (Hg.): Dokumente zum Sozialistengesetz, Berlin 1928, S. 33.
h) Bismarck im Deutschen Reichstag am 19. September 1878
[V]on diesem Augenblick an 5 habe ich in den socialdemokratischen Elementen einen Feind erkannt, gegen den der Staat, die Gesellschaft sich im Stande der Nothwehr befindet. Die Versuche, die ich dagegen gemacht habe bei verschiedenen Acten der Gesetzgebung […], sind ja bekannt und in der Erinnerung des Reichstags; Sie wissen ja, ich bin damit nicht durchgekommen, ich habe sogar viele Vorwürfe darüber hören müssen, aber es hat von dem Augenblick an Versuchen, dem Socialismus entgegen zu treten, nicht gefehlt. […]
Ihr seid gewarnt. Wovor denn gewarnt? Doch vor nichts Anderem, als vor dem nihilistischen 6 Messer und vor der Nobilingschen Schrotflinte. Ja, meine Herren, wenn wir in einer solchen Weise unter der Tyrannei einer Gesellschaft von Banditen existieren sollen, dann verliert jede Existenz ihren Werth, (Bravo! rechts.)
und ich hoffe, daß der Reichstag den Regierungen, dem Kaiser, der den Schutz für seine Person, für seine preußischen Unterthanen und seine deutschen Landsleute verlangt, – daß wir ihm zur Seite stehen werden! Daß bei der Gelegenheit vielleicht einige Opfer des Meuchelmordes unter uns noch fallen werden, das ist ja sehr wohl möglich, aber Jeder, dem das geschehen könnte, mag eingedenk sein, daß er zum Nutzen, zum großen Nutzen seines Vaterlandes auf dem Schlachtfeld der Ehre bleibt!
(Lebhaftes Bravo! Rechts.)
5 Bismarck bezieht sich hier auf eine positive Äußerung des Sozialdemokraten Bebel zum Aufstand revolutionär-linker Kräfte in Paris 1871.
6 nihilistisch, hier: lebensverachtend; Ideale, Werte, Normen bedingungslos ablehnend
Horst Kohl (Hg.): Die Reden des Fürsten Bismarck, 7. Bd., Stuttgart 1893, S. 267 ff.
Hinweise
In den folgenden Jahren nach 1878 wurden über tausend Druckschriften und über dreihundert Organisationen (Vereine, Gewerkschaften) verboten. Tausende Menschen wurden verhaftet oder emigrierten.
Die Reichstagsfraktion der Sozialdemokraten blieb bestehen und Sozialdemokraten konnten auch in den folgenden Jahren in den Reichstag gewählt werden.
Die Rechtschreibung entspricht den jeweiligen Textvorlagen.
3 Die „Zeitschrift für Sozialismus“ behauptet bereits 1935:
„Als 1878 Hödel und Nobiling auf den deutschen Kaiser schossen, war das für Bismarck die gleiche Gelegenheit, wie sie 1933 der Reichstagsbrand Hitler und seiner Bande bot.“
Überprüfen Sie, ausgehend vom vorliegenden Zitat, mögliche Parallelen zwischen dem Sozialistengesetz und dem Umgang der Nationalsozialisten mit der politischen Opposition 1933/34.
(30 BE)
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