Aufgabe Vorschlag B - Aufgaben 1-2: Weimarer Republik · Abitur Hessen Geschichte LK 2022
Thema: Weimarer Republik: Entstehung, Verfassung und innere Belastungen · Aus der Prüfung LK (2022)
Aufgabenstellung
Material
Aus einer Debatte zur Frage der Flagge der neu gegründeten Republik in der deutschen Nationalversammlung am 2. Juli 1919
Dr. David, Reichsminister des Inneren (MSPD):
Lassen Sie mich ein paar Worte der Empfehlung der Annahme der in Art. 3 vorgesehenen Wahl der
Farben schwarz-rot-gold als Reichsfarben zu Ihnen sprechen. […] Meine Herren, die schwarz-weiß-
rote Fahne ist schon in den Jahrzehnten vor dem Kriege von einem großen Teil des Volkes als eine
5 Parteifahne betrachtet worden.
(Lebhafter Widerspruch und Unruhe rechts.) […]
Das frühere System hat jahrzehntelang einen großen Teil unseres Volkes durch Ausnahmegesetze und
Ächtung als Vaterlandsfeinde bezeichnet, hat dadurch einen Gegensatz zwischen Millionen unseres
Volkes und der offiziellen Regierung mit ihren offiziellen Symbolen erzeugt,
10 (sehr richtig! bei den Sozialdemokraten)
und so ist es gekommen, daß diese Fahne als eine Parteifahne, als ein feindliches Symbol
(Rufe rechts: Oho! – sehr wahr! bei den Sozialdemokraten)
im Kampfe von Millionen von Arbeitern empfunden wurde.
(Zurufe rechts.) […]
15 Auch jetzt wieder ist das Schwarz-weiß-rot als ein Parteibanner entfaltet worden mit der Devise: Ge-
gen Demokratie, gegen die Republik!
(Zurufe rechts. – Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) […]
Wir müssen nach einem Symbol suchen, das über alle Parteigegensätze und alle Parteifahnen hinaus
von möglichst allen Parteien als der Ausdruck der Zusammengehörigkeit zur Volksgemeinschaft, die
20 höher ist als alle Parteien, angesehen und empfunden wird. Das ist die Aufgabe. Als Symbol für diese
innere Einheit, für dieses nationale Gemeinschaftsgefühl, glaube ich, ist das Schwarz-rot-gold durch
seine eigene Geschichte gegeben. […]
Dr. Kahl (DVP):
Mir kommt [es] darauf an, die Frage zu prüfen: liegt überhaupt eine Notwendigkeit vor, einen Reichs-
farbenwechsel vorzunehmen? […]
25 Preußischer Staat und deutsches Kaisertum haben in der universalgeschichtlichen Entwicklung so un-
ermeßlich Großes und für die Gesamtheit, für die Welt Notwendiges, Unvergängliches geleistet, daß
demgegenüber Schlagworte – und ein anderes sind sie nicht – wie „Obrigkeitsstaat“ oder „Imperialis-
mus“ nicht ausreichen können, die Notwendigkeit des Farbenwechsels irgendwie zu begründen.
(Sehr richtig! rechts.)
30 Es soll mit diesen Schlagworten die grundsätzliche Abkehr von den politischen Systemen der früheren
Zeit markiert, es soll die Geringschätzung gegen das Historische, die Geringschätzung gegen unsern
preußischen Staat und das Kaisertum ausgedrückt werden. […]
Nicht ein Grund, sondern tausend Gründe haben zur Katastrophe [der Kriegsniederlage] geführt. Der
hauptsächlichste ist, offen und ehrlich kurz zusammengefaßt, der: das alte System ist zusammengebro-
35 chen dadurch, daß mit russischem Golde Propaganda für den Bolschewismus im deutschen Heere ge-
trieben worden ist.
(Lebhafte Zustimmung rechts. – Zurufe bei den Sozialdemokraten.) […]
Aus diesem Obrigkeitsstaat ist so viel für Sie erwachsen heute und für lange Zukunft, daß Sie ihm
volle Pietät 1 und Dankbarkeit zu bewahren alle Ursache hätten.
40 (Zurufe von den Sozialdemokraten.)
Speziell die Revolution hat Veranlassung, ihm dafür dankbar zu sein, daß aus ihm jenes hervorragende
mustergültige Beamtentum hervorgegangen ist, das die Revolution allein getragen hat, ohne das alles
in ein Chaos ausgeartet wäre. […]
Vor einer ruhigen, unbefangenen, gerechten Geschichtswürdigung kann es nicht bestehen, den Farben-
45 wechsel zu begründen als notwendige Folge unserer vorangegangenen politischen Entwicklung als
notwendige Wirkung des Obrigkeitsstaates oder des Imperialismus. […]
Wenn man sich für schwarz-rot-gold auf die großen geschichtlichen Erinnerungen des vorigen Jahr-
hunderts beruft, deren Wert ich an sich nicht bestreite, so muß ich feststellen: unter schwarz-rot-gold
hat die deutsche Reichseinheit Schiffbruch gelitten,
50 (lebhafte Zustimmung rechts)
man hat sie unter dieser Farbe nie erreicht. Unter schwarz-weiß-rot aber haben wir die Reichseinheit
gewonnen. […]
Laverrenz (DNVP):
Wir bitten […] das hohe Haus in letzter Stunde, den von uns gestellten Antrag annehmen zu wollen,
der […] das Bekenntnis zu dem alten Banner schwarz-weiß-rot erneuert. Wir glauben auch, mit die-
55 sem Antrag die Stimmung des überwiegenden Teils unseres Volks zum Ausdruck zu bringen.
(Beifall rechts.)
Denn diese alten Farben sind durch tausend Wurzeln mit dem Herzen des Volks verwachsen.
(Sehr richtig! rechts.)
Sie waren es, unter denen unsere Väter den ruhmreichen Krieg von 1870 geführt haben, aus dem sie
60 als köstlichen Siegespreis die heißersehnte deutsche Einheit heimbrachten, auf Grund deren das Ge-
stühl gezimmert ist, auf dem Sie heute noch sitzen.
(Sehr richtig! rechts.)
Es sind die Farben, unter denen Deutschland den glänzendsten Abschnitt seiner zweitausendjährigen
Geschichte zurückgelegt hat. Es sind aber auch die Farben, für welche im Weltkriege Millionen von
65 Volksgenossen im guten Vertrauen auf die gerechte Sache des Vaterlandes in den Tod gegangen sind.
(Beifall rechts.) […]
Die Farben schwarz-rot-gold sind dem heutigen Geschlecht 2 innerlich fremd,
(sehr wahr! rechts)
und sie werden nicht dadurch zum Leben erweckt, daß man sie künstlich mit der Parteimaschine sozu-
70 sagen wieder in das Gedächtnis zurückrufen will.
(Sehr wahr! rechts.) […]
Dr. Cohn (USPD):
Die rote Farbe ist, solange wir überhaupt die Geschichte von Freiheitsbewegungen schreiben können,
solange der Drang hervorgetreten ist, gewisse Bewegungen in Farben zu symbolisieren, in jedem
Lande, unter jedem Himmelsstrich die Farbe der Revolution gewesen, die Farbe jeder wahren Frei-
75 heitsbewegung. […] So war es 1848, und so war es, wie Sie aus der Zeit wissen, die wir vor wenigen
Monaten durchlebt haben, im Jahre 1918 im November und Dezember auch. […] Die Farbe rot ist das
Zeichen der Revolution, und weil wir der Meinung sind, […] daß man bewußt abgehen muß von dem
alten Geist, der vorherrschend war, uns von seinem Symbol, den alten Farben, deswegen sind wir da-
für, daß auch die Reichsfarben symbolisch Ausdruck geben der bewußten Abkehr von dem alten
80 Geist.
Deshalb haben wir den Antrag gestellt, rot zur Reichsfarbe zu machen. […]
Dr. Quidde (DDP):
Schwarz-rot-gold […] hat für uns, […] von Anfang an die doppelte Bedeutung gehabt, die Farbe zu
sein für die Idee der Freiheit, in Erinnerung an die Bewegung von 1848, und zugleich die Farbe Groß-
deutschlands zu sein.
85 Seitdem ich im politischen Leben stehe, ist für mich und für viele von uns […] schwarz-rot-gold das
Symbol der freiheitlichen Bewegung gewesen, das Symbol auch der alten Einheitsbewegung des deut-
schen Volkes, die aus der Tiefe des Volkes gekommen ist,
(sehr wahr! links)
und die nicht mit den Mitteln äußerer Machtpolitik das Ziel erreichen wollte. Diese Bedeutung hat
90 schwarz-rot-gold für uns behalten. Für uns ist es deshalb die Erfüllung eines alten Traumes, wenn
heute schwarz-rot-gold, das unsere Parteifahne war, zur Reichsfarbe wird. Für uns ist das ein Symbol
dafür, daß wir jetzt ein Reich der Freiheit aufrichten, ein Reich der Ideen, für die schon 1848 unsere
politischen Vorfahren eingetreten sind.
Verhandlungen der verfassungsgebenden Deutschen Nationalversammlung. Stenographische Berichte, Bd. 327, Berlin 1920, S. 1224–1235.
Hinweise
Schwarz-Weiß-Rot in einer Trikolore mit waagerechten Streifen war die Nationalflagge des Norddeutschen Bundes ab 1867 bzw. des Deutschen Reiches ab 1871 und wurde in Folge der abgedruckten Debatte 1919 von Schwarz-Rot-Gold abgelöst. Artikel 3 der Weimarer Reichsverfassung lautet: „Die Reichsfarben sind schwarz-rot-gold. Die Handelsflagge ist schwarz-weiß-rot mit den Reichsfarben in der oberen inneren Ecke.“
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Pietät: ehrfürchtige Rücksichtnahme
2 dem heutigen Geschlecht, hier: der heutigen Generation
1
Beschreiben Sie, welche Positionen die Redner in der Flaggendebatte vertreten, und erläutern Sie deren parteipolitische Hintergründe. (Material)
(35 BE)
2
Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf das Material, den Entstehungsprozess der Weimarer Republik (1918/19) und die damit verbundenen Belastungen.
(35 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Beschreiben Sie, welche Positionen die Redner in der Flaggendebatte vertreten, und erläutern Sie deren parteipolitische Hintergründe. (Material)
Lösung: Ausführliche Analyse der Redebeiträge (David/SPD, Kahl/DVP, Laverrenz/DNVP, Cohn/USPD, Quidde/DDP) und deren parteipolitische Einordnung.
2. Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf das Material, den Entstehungsprozess der Weimarer Republik (1918/19) und die damit verbundenen Belastungen.
Lösung: Darstellung des Entstehungsprozesses (1918/19) sowie Erläuterung der Hypotheken und Belastungen mit konkretem Materialbezug.
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