Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 4: Versailler Vertrag · Abitur Hessen Geschichte LK 2022

Thema: Versailler Vertrag und Außenpolitik der Weimarer Republik · Aus der Prüfung LK (2022)

Aufgabenstellung

Material 1

Die „Neue Freie Presse“ über den Wiener Kongress (15.09.1915)

Für Rückblicke in die Vergangenheit gibt es in der übervollen Gegenwart kaum noch eine beschauliche Ecke, und so manche historische Erinnerung, die wir sonst laut begrüßt hätten, versinkt daher ohne Sang und Klang in der Hochflut der großen Tagesereignisse. Bedauerlich ist es, daß wir auch des Wiener Kongresses nur flüchtig gedenken konnten, an seinem hundertsten Geburtstage mit einem höflichen Bückling vorübergehen mußten. Sonderlich erhebend wäre ja die Feier nicht gewesen, aber belehrend, eine Mahnung, eine Warnung. Damals stand die Welt hinter dem Abschlusse einer ganzen Reihe furchtbarer Kriegsjahre, und die Völker, die sich für Thron und Vaterland verblutet hatten, waren des schmerzlich verdienten Lohnes gewärtig. Wohltaten hatte man ihnen mehr als genug versprochen, einen ganzen Himmel voll. Zar Alexander [...] forderte gleich zu Beginn des Kongresses die Einführung des Repräsentativsystems in sämtlichen vertretenen Staaten, und keiner seiner gekrönten Standesgenossen wagte zu widersprechen. Wie weit jedoch war der Weg vom Wunsche zur Erfüllung! Je länger die Herren beisammen blieben, um so gründlicher vergaßen sie, daß außer ihnen auch noch Völker im alten Europa lebten. Auf dem Kongreß ist ja auch der Deutsche Bund zur Welt gekommen, eine Mißgeburt, die ein berühmter deutscher Geschichtsschreiber als „die unwürdigste Verfassung“ bezeichnete „welche je einem Kulturvolke von eingebornen Herrschern auferlegt wurde.“ 1 Aber auch dieses windschiefe, kläglich durchlöcherte Notdach, unter wieviel Nöten und Fährden 2 ist es gezimmert worden! Man suchte ein Band für alle deutschen Stämme, und Bayern pochte auf sein souveränes Sonderrecht als „europäische Macht“; in vollem Chorus erklang schon das schöne Lied von der deutschen Einheit, und der Stuttgarter Hof ließ hierher vermelden, man werde doch nicht die ungleichartigsten Völkerschaften zu einer sogenannten Nation vereinigen wollen. In jenen Tagen dachten die Fürsten bloß an die Vergrößerung ihrer Hausmacht 3. Jeder verlangte mehr Einwohner, mehr „Seelen“, wohlgemerkt solche, die was eintrugen, zahlungsfähige, besteuerbare Seelen. [...]

Man bemüht sich zwar in neuerer Zeit, selbst an diesem Monstrum Vorzüge zu entdecken, und auch August Fournier 4 meint irgendwo [...] dieser habe uns wenigstens vierzig Friedensjahre gesichert. Der scharfsichtige, auch politisch-geschulte Historiker spendet dieses Almosen im Vorübergehen. Natürlich weiß er es besser, weiß sehr wohl, daß dieser klägliche Konvent von Staatsbonzen 5, der neun Monate brauchte, um das Unheil Europas auszutragen, höchstens das Datum der beginnenden Ruhe bestimmte, nimmermehr deren Ursache war. Die völlige Erschöpfung der Völker nach der langen Kriegsnot war es, was die Ruhe verbürgte, den Frieden sicherte das allgemeine Friedensbedürfnis.

Leider bereitete es auch die Stimmung für die heillose Reaktion, die nun hereinbrach. In einigen deutschen Kleinstaaten kam es zu Versuchen mit dem Repräsentativsystem, in den großen blieb alles beim Alten, ging man hinter das Alte zurück. [...] Statt einer Verfassung erblühten die Heilige Allianz, die Karlsbader Beschlüsse, die Demagogenjagd. Die Schwärmer für das einige Deutschland galten nun als Hochverräter, die Helden der Befreiungskriege als staatsgefährlich. [...] Die deutschen Fürsten beseelt heute zum Glück ein anderer Geist, auch besitzen die Völker schon vieles, wovon sie dazumal erst zu träumen anfingen. Dennoch gilt es, auf der Hut zu sein. Ob nach dem furchtbaren Krieg, der gegenwärtig tobt, wieder so eine Fürsten- und Diplomatenparlotte 6 zusammentreten wird, bleibt fraglich.

Wenn aber doch, dann möge man des Zentenariums 7 gedenken, das wir im Getümmel der Zeit zu feiern unterlassen mußten. Es gibt kein abschreckenderes Beispiel, keine stärkere Mahnung an die Völker, ihr Recht zu wahren, nachdem sie mit übermenschlichem Opfermut ihre Pflicht getan.

Neue Freie Presse, 15.09.1915, URL: http://anno.onb.ac.at/cgi-content/anno?aid=nfp&datum=19150915&seite=1&zoom=33 (abgerufen am: 21.06.2017).

Hinweise:

„Neue Freie Presse“: liberale Tageszeitung aus Österreich

Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.

1 so die Einschätzung des nationalliberalen preußischen Historikers Heinrich von Treitschke (1834–1896) über die Deutsche Bundesakte

2 Fährde: Gefahr

3 Hausmacht: Einfluss einer Fürstenfamilie

4 August Fournier (1850–1920), österreichischer Politiker

5 Staatsbonze, hier: abwertend ein hochgestellter Beamter, der viele Privilegien genießt

6 Parlotte: leeres Gerede

7 Zentenarium: Hundertjahrfeier

Material 2

Charles Seignobos: Vom Wiener Kongress zum Krieg von 1914 (1915)

Der glühende, einhellige, vielleicht unabweisbare Wille Europas wird nach diesem schrecklichen Krieg den Frieden verlangen, nicht nur den offiziellen Frieden, der den Massakern und Ruinen ein Ende setzt und die Soldaten dem normalen Leben zurückgibt, sondern den wahrhaften Frieden, den endgültigen Frieden, der die Welt vom Rüstungswettlauf und vom Daueralbtraum eines plötzlichen Krieges befreit, den Frieden, der den Völkern die für die Arbeit notwendige Sicherheit und die Freiheit gibt, ihre Ressourcen für die Werke der Zivilisation zu verwenden. Europa will nicht mehr eine ständig alarmbereite Armee sein, bedroht von einem Angriff, den die Perfektionierungen der Sprengmittel und der Luftschiffe immer schrecklicher machen würden. Es will nicht mehr, um ein Überranntwerden durch Preußen zu verhindern, gezwungen sein selbst halb preußisch zu werden, noch aus Furcht vor dem „Präventivkrieg“ zu einem „bewaffneten Frieden“ gezwungen sein. Das preußische Regime 1 hat Bankrott gemacht, es hat niemals Sicherheit gegeben, es hat noch nicht einmal den Krieg verhindert. Es braucht ein Regime, das Europa vollständige Sicherheit gibt und es von den ruinösen Rüstungsausgaben befreit. Auf welcher Grundlage kann es aufgebaut werden?

Der nächste Kongress wird sich weder wie Metternich auf das Legitimitätsprinzip der Fürsten noch wie Bismarck auf das göttliche Urteil berufen; unsere Zeit glaubt nicht mehr an das göttliche Recht der Könige noch an den Kult der Kraft; ihre Religion ist das Nationalgefühl. Die Völker haben seit 1815 Fortschritte gemacht und sogar seit 1866; sie wurden reicher, gebildeter, freier, alle wurden sich ihrer Nationalität bewusst, die meisten haben das Recht zur Teilhabe am politischen Leben errungen und haben sich daran gewöhnt, dass man ihren Willen berücksichtigt. Man wird nicht mehr, wie beim Wiener Kongress, die Seelen zählen, man wird wissen müssen, was diese Seelen wünschen. Dieser Krieg 2 war überall ein nationaler Krieg und hat Forderungen auch von nicht staatlich organisierten Nationen geweckt. [...] Man kann also hoffen, dass es sich der Kongress zur Regel machen wird, bei der Aufteilung der Territorien das Nationalgefühl und den Willen der Völker zu beachten. [...]

Der Krieg wird eine Bedrohung bleiben, solange ein Staatsmann es als seine patriotische Pflicht ansehen wird, einen Angriffskrieg vorzubereiten, und solange sein Volk ihn bewundern wird, wenn er damit Erfolg hat. [...] Hier muss also im internationalen Leben eine Revolution stattfinden, als Pendant 3 zu der Revolution, die in den einzelnen Staaten das Repräsentativsystem errichtet hat. Nur die öffentliche Meinung kann dies bewerkstelligen; sie ist den Diplomaten voraus, sie fühlt bereits, dass die Völker Europas mehr gemeinsame als gegensätzliche Interessen haben, dass es vorteilhafter ist zusammenzuarbeiten als sich zu zerstören, sie weiß, dass der Frieden dem Krieg vorzuziehen ist. Wenn die öffentliche Meinung in der bisher geschlossenen Welt der Diplomaten wehen wird, dann wird sie den Geist von Machiavelli und Bismarck, den Geist von List und Gewalt, zerstreuen.

Charles Seignobos: 1815–1915. Du congrès de Vienne à la guerre de 1914, Paris 1915, S. 31–35 (eigene Übersetzung).

Hinweis:

Charles Seignobos (1854–1942), französischer Historiker

1 das preußische Regime, hier: ein unter deutscher Hegemonie stehendes Europa

2 dieser Krieg: Gemeint ist der Erste Weltkrieg.

3 Pendant: Gegenstück

Seignobos hofft auf „den wahrhaften Frieden, den endgültigen Frieden, der die Welt vom Rüstungswettlauf und vom Daueralbtraum eines plötzlichen Krieges befreit“. (Material 2)

Beurteilen Sie vor dem Hintergrund dieser Erwartungen Seignobos’ den Beitrag des Versailler Vertrages für eine dauerhafte europäische Friedensordnung. (30 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 4: Versailler Vertrag · Abitur Hessen Geschichte LK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Seignobos hofft auf „den wahrhaften Frieden, den endgültigen Frieden, der die Welt vom Rüstungswettlauf und vom Daueralbtraum eines plötzlichen Krieges befreit“. (Material 2) Beurteilen Sie vor dem Hintergrund dieser Erwartungen Seignobos’ den Beitrag des Versailler Vertrages für eine dauerhafte europäische Friedensordnung.

Lösung: Ausführliche historische Beurteilung unter Berücksichtigung von Seignobos' Erwartungen sowie friedensfördernden und konfliktverschärfenden Elementen des Versailler Vertrages.

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