Aufgabe Vorschlag C - Aufgaben 1-2: Nachkriegszeit und Te… · Abitur Hessen Geschichte LK 2022
Thema: Nachkriegszeit, Teilung Deutschlands und Westbindung 1945-1955 · Aus der Prüfung LK (2022)
Aufgabenstellung
Vorschlag C: Deutschlands Platz in Europa
Material
Klaus Mann in einem Brief an seinen deutschen Freund Hans Reiser vom 28. September 1945, abgedruckt in Manns Autobiografie „Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht“
Ich war im Mai und Juni [1945 in Deutschland], als Berichterstatter der [Armeezeitung],Stars and
Stripes‘, und dann noch einmal, im September, ein paar Tage nur. Gleich nach meiner Ankunft in Ber-
lin (noch wüster zugerichtet als München, noch konfuser und apokalyptischer) erreichte mich die
Nachricht, daß ich mich am 28. IX. – das ist heute – hier in Neapel beim,Seventh Replacement De-
5 pot‘ 1 zu melden hätte. Zu welchem Zweck? Um mich von der US Army zu verabschieden! Ich komme
gerade von dieser Zeremonie […] ein Zivilist, ein freier Bürger […].
Dies ist also für mich ein,großer Tag‘, obwohl es in meinem Leben zunächst kaum drastische Verän-
derungen geben wird. […]
Keine drastischen Veränderungen, sogar die Uniform muß ich bis auf weiteres anbehalten, mangels
10 irgendwelcher Zivilgarderobe. Und trotzdem ist es ein großer Tag, ein Wendepunkt. Erst jetzt, erst
heute spüre ich so recht, daß der Krieg zu Ende ist. Nun geht es weiter, nächste Episode! Fragt sich
nur, in welcher Richtung es weitergeht. Dies hängt von uns ab; an jedem Wendepunkt hat man die
Wahl. Wir können uns für die richtige Richtung entscheiden oder für die falsche. Die falsche wird im-
mer falscher, immer gefährlicher. Von einem Wendepunkt zum nächsten wächst die Gefahr. Noch ein
15 paar Schritte auf den Abgrund zu, und wir stürzen hinein, kopfüber. Dann hätten wir gewählt, ein für
allemal. Der finale Wendepunkt wäre erreicht, das episodenreiche Drama abgeschlossen.
Soweit sind wir noch nicht. Die Krise, deren universaler und permanenter Charakter immer deutlicher
wird, die weltweite Dauerkrise also tritt in eine neue Phase ein. Nirgends steht geschrieben, daß der
nun beginnende Abschnitt katastrophal verlaufen oder gar zur total-finalen Katastrophe führen müsse.
20 Im Gegenteil, es ist eine ermutigende Konstellation, in deren Zeichen wir uns jetzt befinden. Das
Bündnis zwischen Ost und West, zwischen Sozialismus und Demokratie, noch besteht es und könnte
von Dauer sein. Aus der Waffenbrüderschaft, die den zwei großen Rivalen und Antagonisten 2 – Rus-
sen und Angelsachsen 3 – von Adolf Hitler aufgezwungen wurde, muß die Zusammenarbeit im Dienst
des Friedens werden: und wir sind gerettet! Alle übrigen Probleme, auch das deutsche, wären relativ
25 leicht zu lösen. Einigen sich die westlichen Alliierten mit der Sowjetunion, eine Weltordnung müßte
zustande kommen oder würde sich fast von selbst ergeben, in deren Rahmen auch Deutschland, dies
hochbegabte gefährlich-gefährdete Sorgenkind Europas, seinen Platz und seine Würde hätte. Die auf-
richtige Verständigung zwischen Ost und West ist die conditio sine qua non 4: ohne sie geht es nicht.
Jeder Schritt, der diese Verständigung näher bringt oder sie konsolidiert, ist ein Schritt in der guten
30 Richtung. Jeder Schritt, der uns von diesem Ziel entfernt, tendiert zum Abgrund.
Die Tendenz entscheidet. Am Wendepunkt bedarf es der Orientierung; ein klarer Kurs tut not. Was
wollen wir, die geeinte Welt oder die zerstörte? Sollen in zehn Jahren alle Städte so aussehen wie jetzt
Berlin und München, oder besteht die Absicht, Berlin und München wieder aufzubauen als friedliche
Zentren eines endlich befriedeten Reiches? Die Absicht entscheidet, besonders die Absichten der Rus-
35 sen und Amerikaner; aber auch Deutschland zählt, wenngleich zunächst nur als passiver Faktor im
großen Spiel.
Hofft Deutschland, daß es vom Zerwürfnis der Sieger profitieren könnte? So ist seine Absicht böse.
Mag sein, daß eine zunächst ausgeschaltete, zur weltpolitischen Passivität verurteilte Nation auf ab-
sehbare Zeit kaum in der Lage ist, das Verhältnis zwischen den großen Mächten zu beeinflussen oder
40 gar zu bestimmen. Aber die Tendenz, die Absicht, davon hängt alles ab! Gerade dem Besiegten – in
materieller Sphäre ohne Macht und Responsibilität 5 – geziemt 6 ein gesteigertes moralisches Gefühl,
eine besondere Sensitivität 7 und Entschiedenheit in sittlich-geistigen Fragen. Gerade Deutschland, das
sich am weitesten vorgewagt hat in der schlimmen Richtung, sollte nun das Beispiel der Umkehr und
Einkehr geben. Dies tut es nicht, wenn es die etwa vorhandenen Gegensätze, den potentiellen Konflikt
45 zwischen Moskau und Washington, mit düsterem Schmunzeln beobachtet und hämisch schürt. Das
Land der Mitte möge seine Funktion und,raison d’être‘ 8 darin sehen, zu verbinden und zu versöhnen.
Entschlösse Deutschland sich zu einer Haltung, die durchaus vom Moralischen her determiniert 9 wäre
– es hätte sich zu einer klugen Haltung entschlossen. Ein ethisch-räsonables 10 Arrangement der Welt
ist dem Besiegten günstig, er profitiert davon, nur davon, nicht vom Streit der Sieger, der ihn zur
50 Schachfigur, zum Spielball, dann zum Landsknecht 11 und schließlich gar zum Opfer degradiert. […]
Etwas liegt hinter mir, hinter uns, der Kampf gegen einen Tyrannen. Ich habe im Laufe des Kampfes
mein Deutschtum aufgegeben und bin Amerikaner geworden, schließlich sogar amerikanischer Soldat.
[…]
All dies ist nun Vergangenheit. Mein Gedanke ist auf die Zukunft gerichtet, auf Ihre sowohl wie auf
55 meine. Denn es ist die gleiche.
Der große F. D. Roosevelt hat einmal gesagt, die gegenwärtige Generation von Amerikanern sei zu
einem Rendezvous with Destiny 12 ausersehen. […] Der Appell gilt sämtlichen Nationen. Sie, der Deut-
sche, sind ebenso dringlich aufgerufen wie irgendein Russe, irgendein Amerikaner. Dies Jahrhundert,
welches nicht „das deutsche“ geworden ist, soll auch nicht „das amerikanische“ oder „das russische“
60 werden. Es wird das Jahrhundert der beginnenden Welt-Zivilisation, oder es wird das Jahrhundert der
beginnenden Welt-Barbarei – wenn nicht gar schon der vollendeten. […]
Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht, Hamburg 1984, S. 508–511.
Hinweise
Klaus Mann (1906–1949): deutscher Schriftsteller, emigrierte 1933 in die USA und erhielt 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er trat 1941 in die US-Armee ein und kehrte im Zweiten Weltkrieg als amerikanischer Soldat nach Europa zurück. Seine Autobiografie „Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht“ erschien zuerst 1942 in den USA unter dem Titel „The Turning Point: Thirty-Five Years in this Century“ und in einer überarbeiteten Version 1952 in Deutschland. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus einem (möglicherweise fiktiven) Brief an seinen deutschen Freund Hans Reiser, der auf den 28. September 1945 datiert ist und der das Ende der Autobiografie bildet.
Die Rechtschreibung und der Kursivdruck entsprechen der Textvorlage.
Worterläuterungen
1 Replacement Depot, hier: US-amerikanische Reserveeinheit bzw. deren Sammelstelle
2 Antagonist: Gegenspieler
3 Angelsachsen, hier: Engländer und US-Amerikaner
4 conditio sine qua non (lat.): notwendige Bedingung, unabdingbare Voraussetzung
5 Responsibilität: Verantwortung
6 geziemt: gehört sich
7 Sensitivität: Feinfühligkeit, Überempfindlichkeit
8 raison d’être (frz.): Existenzberechtigung
9 determiniert: bestimmt, festgelegt
10 räsonabel: vernünftig, von Vernunft zeugend
11 Landsknecht, hier: Soldat, der (für Geld) im Dienst einer fremden Macht steht
12 Rendezvous with Destiny (engl.): Rendezvous mit dem Schicksal
1
Fassen Sie die Überlegungen Klaus Manns zu Deutschlands zukünftiger Entwicklung zusammen. (Material) (25 BE)
2
Erläutern Sie die welt- und deutschlandpolitische Entwicklung von 1945 bis 1949 und untersuchen Sie, inwiefern die Hoffnungen und Befürchtungen Klaus Manns (Material) Wirklichkeit geworden sind. (40 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1 Fassen Sie die Überlegungen Klaus Manns zu Deutschlands zukünftiger Entwicklung zusammen. (Material) (25 BE)
Lösung: Zusammenfassung der Kerngedanken Klaus Manns zur Nachkriegsentwicklung und Deutschlands Rolle.
2 Erläutern Sie die welt- und deutschlandpolitische Entwicklung von 1945 bis 1949 und untersuchen Sie, inwiefern die Hoffnungen und Befürchtungen Klaus Manns (Material) Wirklichkeit geworden sind. (40 BE)
Lösung: Historische Erläuterung der Jahre 1945–1949 sowie kriteriengeleiteter Abgleich mit Klaus Manns Visionen.
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