Abitur Hessen Geschichte 2022 · GK
Abiturprüfung Geschichte in Hessen 2022, GK: 8 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung · Imperialismus und Weg in den Ersten Weltkrieg · Weimarer Republik: Entstehung, Verfassung und innere Belastungen · Scheitern der Weimarer Republik und Errichtung der NS-Diktatur 1930-1934 · NS-Diktatur: Ideologie, Volksgemeinschaft, Terror und Verfolgung · NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg · Nachkriegszeit, Teilung Deutschlands und Westbindung 1945-1955 · Friedliche Revolution in der DDR und deutsche Einheit 1989/90
Aufgabe Vorschlag A - Aufgaben 1 und 2 · Liberal-nationale Bewegung, Revolution 1848/49 und Reichsgründung
Thema und Aufgabenstellung: Vorschlag A
Demokratie und Nation in Deutschland
Material
Der Historiker Heinrich August Winkler in einem Interview (2010)
ZEIT Geschichte: Herr Winkler, warum haben sich die Deutschen in ihrer Geschichte so schwergetan
mit der Freiheit?
Winkler: Der Historiker Rudolf Stadelmann hat es 1948 einmal so formuliert: „Nicht die deutsche
Reaktion, sondern der deutsche Fortschritt hat Deutschland gegenüber dem Westen zurückgeworfen.“
5 Ein auf den ersten Blick paradoxer Befund. Stadelmann spielte damit auf die Langzeitwirkungen des
aufgeklärten Absolutismus an: Die Deutschen hätten statt einer Revolution „von unten“ Reformen
„von oben“ erwartet, die im Prinzip dasselbe bringen würden, nur ohne Blutvergießen. […]
ZEIT Geschichte: Es gab also keine Revolution in Deutschland, weil die deutschen Staaten zu aufge-
klärt waren […]?
10 Winkler: Ja. Wobei man ergänzen muss, dass in Frankreich die Bevölkerung zu aufgeklärt war, um
sich je mit einem aufgeklärten Absolutismus begnügen zu können. Andererseits hat es ja durchaus
eine deutsche Revolution gegeben – die von 1848/49, die aber in der Hauptsache gescheitert ist. Und
zwar deshalb, weil das Doppelziel Einheit und Freiheit die deutschen Liberalen und Demokraten über-
fordert hat. […]
15 ZEIT Geschichte: Und beiden Zielen widersetzten sich die alten Mächte …
Winkler: Allein das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Großmächten Österreich und Preußen
stellte die Liberalen vor eine fast unlösbare Aufgabe. Kleindeutsch oder großdeutsch? So lautete die
entscheidende Frage. […] Realistisch war einzig ein Kleindeutschland ohne Österreich unter preußi-
scher Führung. Doch auch diese Lösung erwies sich 1849 als nicht mehr durchsetzbar, weil die alten
20 Gewalten inzwischen zu sehr wiedererstarkt waren. […]
ZEIT Geschichte: Wäre 1848 ein demokratischer Wandel nicht auch ohne deutschen Nationalstaat
denkbar gewesen?
Winkler: Das konnten sich die Liberalen und Demokraten nicht vorstellen. Für sie ging es immer um
beides. […] Von 1840 an war es Konsens unter den Liberalen und Demokraten, dass es nichts unter-
25 halb des Doppelziels Einheit und Freiheit gab, für das es sich zu kämpfen lohnte. […]
ZEIT Geschichte: Der Philosoph und Soziologe Helmuth Plessner hat in den 1950er Jahren Deutsch-
land als „verspätete Nation“ bezeichnet. Teilen Sie seine These?
Winkler: Deutschland ist objektiv später als Großbritannien oder Frankreich ein Nationalstaat gewor-
den – ein Erbe des alten Reiches, der staatlichen Zersplitterung, des Dualismus der Großmächte Öster-
30 reich und Preußen. Erst durch Bismarcks Einigungskriege ist Deutschland ein Nationalstaat geworden
[…]. Bismarck erfüllte mit der Reichsgründung von 1871 also eine Forderung von 1848, die Einheits-
forderung – im Sinne der kleindeutschen Lösung –, was ihm die enthusiastische Zustimmung großer
Teile des deutschen Liberalismus einbrachte. Die Freiheitsfrage hingegen wurde vertagt – zumindest
die Forderung nach einer parlamentarisch verantwortlichen Regierung. […]
35 ZEIT Geschichte: Auf die Freiheit mussten die Deutschen also bis ins 20. Jahrhundert warten?
Winkler: Ja. Eine parlamentarisch verantwortliche Regierung gab es erst im Oktober 1918, fünf Mi-
nuten vor zwölf also, im Zeichen der militärischen Niederlage des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg.
Das war eine sehr späte Parlamentarisierung zu einem denkbar unglücklichen Zeitpunkt. Für viele
Deutsche war die repräsentative Demokratie fortan eng mit dem Gefühl der nationalen „Demütigung“
40 von 1918 verknüpft. Für die Weimarer Republik war dies eine gewaltige Belastung. Und Hitler ver-
stand es später nur zu gut, an die antidemokratischen Ressentiments des Bürgertums zu appellieren.
[…]
ZEIT Geschichte: Welche Rolle spielte die Zäsur von 1848/49 – die Revolution und ihr Scheitern?
Inwiefern beeinflusste sie den weiteren Gang der deutschen Geschichte? Und wie prägte sie das bür-
45 gerliche Selbstverständnis?
Winkler: Man könnte geradezu von einer autoritären Deformation 1 des deutschen Bürgertums infolge
von 1848/49 sprechen. Nach der Erfahrung des Scheiterns wurde, wie schon zur Zeit des aufgeklärten
Absolutismus, Veränderung nur noch von oben erwartet oder zumindest als Ergebnis eines Zusam-
menwirkens der aufgeklärten Kräfte der Gesellschaft mit den aufgeklärten Kräften der Monarchie.
50 […]
ZEIT Geschichte: 1848 zeitigte nur negative Folgen?
Winkler: Nein, die Revolution ist zwar überall in Europa gescheitert, aber sie hatte auch positive Aus-
wirkungen. Preußen ist immerhin ein Verfassungsstaat geworden, wenn auch durch einen Oktroi des
Königs 2. Ohne diese Verfassung aber wäre das spätere Zusammengehen mit den fortschrittlicheren
55 süddeutschen Verfassungsstaaten nicht denkbar gewesen. Auch waren die 1850er und 1860er Jahre,
die auf die Revolution folgten, keineswegs Jahre des Stillstands, wie es oft angenommen wird, son-
dern überaus dynamische Zeiten. Jetzt konnten die bürgerlichen Kräfte in der weltweit boomenden
Wirtschaft zeigen, was sie zu leisten vermochten. […]
Heinrich August Winkler: Deutschlands sonderbarer Weg, in: ZEIT Geschichte, Heft 3/2010, S. 22–28.
Hinweise
Heinrich August Winkler (geb. 1938) gehört zu den renommiertesten deutschen Historikern und war bis 2007 Professor für Neuere Geschichte an der Humboldt Universität in Berlin.
„ZEIT Geschichte“ ist ein geschichtswissenschaftliches Magazin der Wochenzeitung „DIE ZEIT“.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Deformation: Verformung, Fehlbildung, Verunstaltung
2 durch einen Oktroi des Königs: Gemeint ist hier die vom preußischen König aufgezwungene (= oktroyierte) Verfassung für Preußen.
1
Geben Sie die Aussagen Winklers zur liberalen und nationalen Bewegung des 19. Jahrhunderts in Deutschland wieder. (Material) [25 BE]
2
Erläutern Sie – ausgehend vom Material – zentrale Entwicklungslinien sowie Ziele der liberalen und nationalen Bewegung in Deutschland in der Zeit zwischen dem Wiener Kongress 1815 und der Reichsgründung 1871. [45 BE]
Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Weimarer Republik: Entstehung, Verfassung und innere Belastungen
Thema und Aufgabenstellung: Vorschlag A
Demokratie und Nation in Deutschland
Material
Der Historiker Heinrich August Winkler in einem Interview (2010)
ZEIT Geschichte: Herr Winkler, warum haben sich die Deutschen in ihrer Geschichte so schwergetan
mit der Freiheit?
Winkler: Der Historiker Rudolf Stadelmann hat es 1948 einmal so formuliert: „Nicht die deutsche
Reaktion, sondern der deutsche Fortschritt hat Deutschland gegenüber dem Westen zurückgeworfen.“
5 Ein auf den ersten Blick paradoxer Befund. Stadelmann spielte damit auf die Langzeitwirkungen des
aufgeklärten Absolutismus an: Die Deutschen hätten statt einer Revolution „von unten“ Reformen
„von oben“ erwartet, die im Prinzip dasselbe bringen würden, nur ohne Blutvergießen. […]
ZEIT Geschichte: Es gab also keine Revolution in Deutschland, weil die deutschen Staaten zu aufge-
klärt waren […]?
10 Winkler: Ja. Wobei man ergänzen muss, dass in Frankreich die Bevölkerung zu aufgeklärt war, um
sich je mit einem aufgeklärten Absolutismus begnügen zu können. Andererseits hat es ja durchaus
eine deutsche Revolution gegeben – die von 1848/49, die aber in der Hauptsache gescheitert ist. Und
zwar deshalb, weil das Doppelziel Einheit und Freiheit die deutschen Liberalen und Demokraten über-
fordert hat. […]
15 ZEIT Geschichte: Und beiden Zielen widersetzten sich die alten Mächte …
Winkler: Allein das Verhältnis zwischen den beiden deutschen Großmächten Österreich und Preußen
stellte die Liberalen vor eine fast unlösbare Aufgabe. Kleindeutsch oder großdeutsch? So lautete die
entscheidende Frage. […] Realistisch war einzig ein Kleindeutschland ohne Österreich unter preußi-
scher Führung. Doch auch diese Lösung erwies sich 1849 als nicht mehr durchsetzbar, weil die alten
20 Gewalten inzwischen zu sehr wiedererstarkt waren. […]
ZEIT Geschichte: Wäre 1848 ein demokratischer Wandel nicht auch ohne deutschen Nationalstaat
denkbar gewesen?
Winkler: Das konnten sich die Liberalen und Demokraten nicht vorstellen. Für sie ging es immer um
beides. […] Von 1840 an war es Konsens unter den Liberalen und Demokraten, dass es nichts unter-
25 halb des Doppelziels Einheit und Freiheit gab, für das es sich zu kämpfen lohnte. […]
ZEIT Geschichte: Der Philosoph und Soziologe Helmuth Plessner hat in den 1950er Jahren Deutsch-
land als „verspätete Nation“ bezeichnet. Teilen Sie seine These?
Winkler: Deutschland ist objektiv später als Großbritannien oder Frankreich ein Nationalstaat gewor-
den – ein Erbe des alten Reiches, der staatlichen Zersplitterung, des Dualismus der Großmächte Öster-
30 reich und Preußen. Erst durch Bismarcks Einigungskriege ist Deutschland ein Nationalstaat geworden
[…]. Bismarck erfüllte mit der Reichsgründung von 1871 also eine Forderung von 1848, die Einheits-
forderung – im Sinne der kleindeutschen Lösung –, was ihm die enthusiastische Zustimmung großer
Teile des deutschen Liberalismus einbrachte. Die Freiheitsfrage hingegen wurde vertagt – zumindest
die Forderung nach einer parlamentarisch verantwortlichen Regierung. […]
35 ZEIT Geschichte: Auf die Freiheit mussten die Deutschen also bis ins 20. Jahrhundert warten?
Winkler: Ja. Eine parlamentarisch verantwortliche Regierung gab es erst im Oktober 1918, fünf Mi-
nuten vor zwölf also, im Zeichen der militärischen Niederlage des Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg.
Das war eine sehr späte Parlamentarisierung zu einem denkbar unglücklichen Zeitpunkt. Für viele
Deutsche war die repräsentative Demokratie fortan eng mit dem Gefühl der nationalen „Demütigung“
40 von 1918 verknüpft. Für die Weimarer Republik war dies eine gewaltige Belastung. Und Hitler ver-
stand es später nur zu gut, an die antidemokratischen Ressentiments des Bürgertums zu appellieren.
[…]
ZEIT Geschichte: Welche Rolle spielte die Zäsur von 1848/49 – die Revolution und ihr Scheitern?
Inwiefern beeinflusste sie den weiteren Gang der deutschen Geschichte? Und wie prägte sie das bür-
45 gerliche Selbstverständnis?
Winkler: Man könnte geradezu von einer autoritären Deformation 1 des deutschen Bürgertums infolge
von 1848/49 sprechen. Nach der Erfahrung des Scheiterns wurde, wie schon zur Zeit des aufgeklärten
Absolutismus, Veränderung nur noch von oben erwartet oder zumindest als Ergebnis eines Zusam-
menwirkens der aufgeklärten Kräfte der Gesellschaft mit den aufgeklärten Kräften der Monarchie.
50 […]
ZEIT Geschichte: 1848 zeitigte nur negative Folgen?
Winkler: Nein, die Revolution ist zwar überall in Europa gescheitert, aber sie hatte auch positive Aus-
wirkungen. Preußen ist immerhin ein Verfassungsstaat geworden, wenn auch durch einen Oktroi des
Königs 2. Ohne diese Verfassung aber wäre das spätere Zusammengehen mit den fortschrittlicheren
55 süddeutschen Verfassungsstaaten nicht denkbar gewesen. Auch waren die 1850er und 1860er Jahre,
die auf die Revolution folgten, keineswegs Jahre des Stillstands, wie es oft angenommen wird, son-
dern überaus dynamische Zeiten. Jetzt konnten die bürgerlichen Kräfte in der weltweit boomenden
Wirtschaft zeigen, was sie zu leisten vermochten. […]
Heinrich August Winkler: Deutschlands sonderbarer Weg, in: ZEIT Geschichte, Heft 3/2010, S. 22–28.
Hinweise
Heinrich August Winkler (geb. 1938) gehört zu den renommiertesten deutschen Historikern und war bis 2007 Professor für Neuere Geschichte an der Humboldt Universität in Berlin.
„ZEIT Geschichte“ ist ein geschichtswissenschaftliches Magazin der Wochenzeitung „DIE ZEIT“.
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
1 Deformation: Verformung, Fehlbildung, Verunstaltung
2 durch einen Oktroi des Königs: Gemeint ist hier die vom preußischen König aufgezwungene (= oktroyierte) Verfassung für Preußen.
3
Überprüfen Sie, inwieweit ein „Gefühl der nationalen ‚Demütigung‘ von 1918 [...] eine gewaltige Belastung“ (Material) für die Weimarer Republik darstellte und maßgeblich zu deren Scheitern beitrug. [30 BE]
Aufgabe Vorschlag B - Aufgaben 1 und 2 · Scheitern der Weimarer Republik und Errichtung der NS-Diktatur 1930-1934
Material
Carlo Schmid in seiner Autobiographie zum Aufstieg der Nationalsozialisten (1979)
Mochte jener Adolf Hitler auch ein demagogischer Schwätzer sein, gelang es ihm doch offenbar, für
seine Ziele weit verbreitete Affekte zu mobilisieren, die sich in Parteinahme ummünzen ließen. Nicht
das marktschreierische Getue des Führers […] der „Bewegung“ schien mir das eigentlich Bedenkliche
zu sein, sondern daß viele seiner Gefolgsleute Durchschnittsbürger waren, die sich in ihren persönli-
5 chen und privaten Dingen benahmen, wie es guten Familienvätern und Leuten wohl ansteht, die für
Ruhe und Ordnung eintreten und ihr Brot ehrlich verdienen wollen, aber den Glauben verloren hatten,
daß die Republik imstande sei, dem Chaos zu wehren. Ich konnte mir allerdings nicht recht vorstellen,
daß man mit einem so primitiven Programm wie dem der NSDAP an die Hebel der Staatsmacht gelan-
gen könnte. Die Wahlerfolge dieser Partei machten mich zwar besorgt, aber noch nicht ängstlich. Ich
10 war überzeugt, daß die so gut organisierten Gewerkschaften in Verbindung mit den demokratischen
Parteien und den Verantwortungsbewußten unter den Konservativen sowie der auf den Reichspräsi-
denten von Hindenburg eingeschworenen Reichswehr mit der NSDAP schon fertig werden würden.
Schließlich gab es ja noch die Kirchen, an deren Autorität bisher in Deutschland umstürzlerische Be-
wegungen noch immer gescheitert waren. Ich war ferner überzeugt, daß Reichskanzler Brüning von
15 den Siegern des Weltkrieges die Lockerung, vielleicht sogar die Beseitigung der Bestimmungen des
Versailler Vertrages erreichen werde, die am schwersten auf das Selbstgefühl der Deutschen drückten.
Es mußte doch „drüben“¹ verantwortliche Staatsmänner geben, die begriffen, daß unter den herrschen-
den ökonomischen Verhältnissen dem Volk politische Vernunft nur eine Regierung abverlangen
konnte, die darauf zu verweisen vermochte, daß ihre demokratische Friedenspolitik honoriert wurde!
20 Ich hatte damals noch nicht begriffen, daß die letzten Jahrzehnte in Deutschland archaische² Kräfte des
Unterbewußtseins freigesetzt hatten. In weiten Kreisen war man der Meinung, daß Deutschland das
Opfer fremder, in ihrem Wesen rational nicht zu begreifender Mächte geworden sei. Die so dachten,
wollten nicht einsehen, daß am Zusammenbruch der Fundamente des sozialen Gefüges die Politiker
die Schuld trugen, die es 1914 zum Kriege hatten kommen lassen und ihn noch weiterführten, als
25 längst offenbar war, daß er verloren war. Daß die Schuldigen sich inmitten der Kreise derer befanden,
die nun zum Kampf gegen die Republik aufriefen, übersah man.
Wie man im Mittelalter bei großen Katastrophen die Schuld bei denen glaubte suchen zu müssen, die
„anders“ waren – Zigeuner, Ketzer, Juden –, so glaubten nun viele, die Zusammenbrüche und Nieder-
lagen der letzten Jahre hätten ihre Ursache in dem gezielten Wirken dunkler Gewalten, die ein dem
30 deutschen feindliches Lebensprinzip vertraten. Dies seien in erster Linie die Juden […]. Der Kommu-
nismus des Juden Karl Marx und der Kapitalismus der jüdischen Banken seien gleichermaßen Werk-
zeuge für die Errichtung der Herrschaft Zions³ über Deutschland und schließlich über die ganze Welt.
So etwa dachten und sprachen Bürger, die stolz darauf waren, daß in ihrer Familie die Tradition der
achtundvierziger Jahre [des 19. Jahrhunderts] lebendig geblieben sei […].
35 Ich fand es schändlich, daß sich Leute, die einen guten Namen hatten, mit einem bedenkenlosen De-
magogen wie Adolf Hitler zusammentaten. Aber wie viele andere dachte auch ich, ein von preußi-
schen Konservativen, Liberalen wie dem rheinischen Bankier Schacht⁴, von führenden Leuten des
Zentrums wie Franz von Papen eingekreister Hitler werde keine großen Sprünge machen können; der
Ruf der Unfehlbarkeit, auf dem seine Macht beruhte, werde bald dahin sein. Doch ich sollte mich täu-
40 schen: Die Aufnahme in diesen Kreis nahm Hitler nicht die Glaubwürdigkeit, sondern führte ihm
Scharen neuer Wähler zu. […]
Heinrich Brüning, auf dessen Schultern die Last der Kanzlerschaft bis zum 30. Mai 1932 ruhte, war
ein vortrefflicher, kluger, integrer Mann, ein Patriot und ein Asket. […]
Das oberste Ziel seiner Politik war die Befreiung Deutschlands von den Fesseln des Versailler Vertra-
45 ges. Er meinte, ein großes Volk könne nicht jahrzehntelang unter Tributen⁵ leben, die seine Wirtschaft
ruinieren, und sich damit abfinden, moralisch und rechtlich diskriminiert zu werden. Er war entschlos-
sen, den Staat unter das Gesetz altpreußischer Sparsamkeit zu stellen und eine Wirtschaftspolitik zu
führen, in der Stufe um Stufe die Ursachen der Arbeitslosigkeit überwunden würden. […]
Brüning brachte dem Reichspräsidenten von Hindenburg bedingungslose Verehrung entgegen. […]
50 Natürlich sei der Reichspräsident kein Demokrat in unserem Sinne und sicher sei ihm eine konserva-
tive Monarchie preußischen Stils lieber als eine Republik; doch solange die Verfassung von Weimar
bestehe, werde dieser Mann sie gemäß seinem Eide gegen jeden Angriff von innen und außen verteidi-
gen.
Heinrich Brüning hielt Adolf Hitler für einen verbrecherischen Demagogen, für einen Fanatiker, dem
55 die politische Verrücktheit den Hals brechen werde. Gefährlicher als er seien auf die Dauer die Leute
um Hugenberg und von Papen. Sie könnten es fertigbringen, sich unmittelbar oder mittelbar durch
ihnen nahestehende Persönlichkeiten aus den verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens die
Apparatur des Staates und seine Machtmittel anzueignen, weil diesen Herren die Sympathie der
Reichswehr sicher sei.
Carlo Schmid: Erinnerungen, 2. Aufl. München 1985, S. 149–153.
Hinweise
Carlo Schmid (1896–1979), Staatsrechtler und Politiker, war 1948/49 Mitglied des Parlamentarischen Rates, gilt als einer der Väter des Grundgesetzes und gehörte in den fünfziger und sechziger Jahren zu den profiliertesten Politikern der SPD (Mitglied des Deutschen Bundestages, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, Bundestagsvizepräsident).
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
¹ drüben: Gemeint sind hier die Siegermächte Großbritannien, USA und Frankreich.
² archaisch: urtümlich, urzeitlich
³ Herrschaft Zions, hier: Herrschaft der Juden
⁴ Hjalmar Schacht (1877–1970), deutscher Bankier und Politiker, zunächst parteilos, später Mitglied der NSDAP. Er war von 1923 bis 1930 und von März 1933 bis Januar 1939 Reichsbankpräsident sowie von 1934 bis 1937 Reichswirtschaftsminister und schuf die finanziellen Grundlagen für Hitlers Aufrüstungsprogramm.
⁵ Tribute, hier: Reparationen
1
Geben Sie Carlo Schmids Einschätzung zu den Aussichten der Nationalsozialisten auf eine Machtübernahme wieder. (Material)
(25 BE)
2
Erläutern Sie den Untergang der Weimarer Republik und die Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur von 1930–1934 und untersuchen Sie, ob sich Carlo Schmids damalige Erwartungen (Material) erfüllten.
(45 BE)
Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · NS-Diktatur: Ideologie, Volksgemeinschaft, Terror und Verfolgung
Material
Carlo Schmid in seiner Autobiographie zum Aufstieg der Nationalsozialisten (1979)
Mochte jener Adolf Hitler auch ein demagogischer Schwätzer sein, gelang es ihm doch offenbar, für
seine Ziele weit verbreitete Affekte zu mobilisieren, die sich in Parteinahme ummünzen ließen. Nicht
das marktschreierische Getue des Führers […] der „Bewegung“ schien mir das eigentlich Bedenkliche
zu sein, sondern daß viele seiner Gefolgsleute Durchschnittsbürger waren, die sich in ihren persönli-
5 chen und privaten Dingen benahmen, wie es guten Familienvätern und Leuten wohl ansteht, die für
Ruhe und Ordnung eintreten und ihr Brot ehrlich verdienen wollen, aber den Glauben verloren hatten,
daß die Republik imstande sei, dem Chaos zu wehren. Ich konnte mir allerdings nicht recht vorstellen,
daß man mit einem so primitiven Programm wie dem der NSDAP an die Hebel der Staatsmacht gelan-
gen könnte. Die Wahlerfolge dieser Partei machten mich zwar besorgt, aber noch nicht ängstlich. Ich
10 war überzeugt, daß die so gut organisierten Gewerkschaften in Verbindung mit den demokratischen
Parteien und den Verantwortungsbewußten unter den Konservativen sowie der auf den Reichspräsi-
denten von Hindenburg eingeschworenen Reichswehr mit der NSDAP schon fertig werden würden.
Schließlich gab es ja noch die Kirchen, an deren Autorität bisher in Deutschland umstürzlerische Be-
wegungen noch immer gescheitert waren. Ich war ferner überzeugt, daß Reichskanzler Brüning von
15 den Siegern des Weltkrieges die Lockerung, vielleicht sogar die Beseitigung der Bestimmungen des
Versailler Vertrages erreichen werde, die am schwersten auf das Selbstgefühl der Deutschen drückten.
Es mußte doch „drüben“¹ verantwortliche Staatsmänner geben, die begriffen, daß unter den herrschen-
den ökonomischen Verhältnissen dem Volk politische Vernunft nur eine Regierung abverlangen
konnte, die darauf zu verweisen vermochte, daß ihre demokratische Friedenspolitik honoriert wurde!
20 Ich hatte damals noch nicht begriffen, daß die letzten Jahrzehnte in Deutschland archaische² Kräfte des
Unterbewußtseins freigesetzt hatten. In weiten Kreisen war man der Meinung, daß Deutschland das
Opfer fremder, in ihrem Wesen rational nicht zu begreifender Mächte geworden sei. Die so dachten,
wollten nicht einsehen, daß am Zusammenbruch der Fundamente des sozialen Gefüges die Politiker
die Schuld trugen, die es 1914 zum Kriege hatten kommen lassen und ihn noch weiterführten, als
25 längst offenbar war, daß er verloren war. Daß die Schuldigen sich inmitten der Kreise derer befanden,
die nun zum Kampf gegen die Republik aufriefen, übersah man.
Wie man im Mittelalter bei großen Katastrophen die Schuld bei denen glaubte suchen zu müssen, die
„anders“ waren – Zigeuner, Ketzer, Juden –, so glaubten nun viele, die Zusammenbrüche und Nieder-
lagen der letzten Jahre hätten ihre Ursache in dem gezielten Wirken dunkler Gewalten, die ein dem
30 deutschen feindliches Lebensprinzip vertraten. Dies seien in erster Linie die Juden […]. Der Kommu-
nismus des Juden Karl Marx und der Kapitalismus der jüdischen Banken seien gleichermaßen Werk-
zeuge für die Errichtung der Herrschaft Zions³ über Deutschland und schließlich über die ganze Welt.
So etwa dachten und sprachen Bürger, die stolz darauf waren, daß in ihrer Familie die Tradition der
achtundvierziger Jahre [des 19. Jahrhunderts] lebendig geblieben sei […].
35 Ich fand es schändlich, daß sich Leute, die einen guten Namen hatten, mit einem bedenkenlosen De-
magogen wie Adolf Hitler zusammentaten. Aber wie viele andere dachte auch ich, ein von preußi-
schen Konservativen, Liberalen wie dem rheinischen Bankier Schacht⁴, von führenden Leuten des
Zentrums wie Franz von Papen eingekreister Hitler werde keine großen Sprünge machen können; der
Ruf der Unfehlbarkeit, auf dem seine Macht beruhte, werde bald dahin sein. Doch ich sollte mich täu-
40 schen: Die Aufnahme in diesen Kreis nahm Hitler nicht die Glaubwürdigkeit, sondern führte ihm
Scharen neuer Wähler zu. […]
Heinrich Brüning, auf dessen Schultern die Last der Kanzlerschaft bis zum 30. Mai 1932 ruhte, war
ein vortrefflicher, kluger, integrer Mann, ein Patriot und ein Asket. […]
Das oberste Ziel seiner Politik war die Befreiung Deutschlands von den Fesseln des Versailler Vertra-
45 ges. Er meinte, ein großes Volk könne nicht jahrzehntelang unter Tributen⁵ leben, die seine Wirtschaft
ruinieren, und sich damit abfinden, moralisch und rechtlich diskriminiert zu werden. Er war entschlos-
sen, den Staat unter das Gesetz altpreußischer Sparsamkeit zu stellen und eine Wirtschaftspolitik zu
führen, in der Stufe um Stufe die Ursachen der Arbeitslosigkeit überwunden würden. […]
Brüning brachte dem Reichspräsidenten von Hindenburg bedingungslose Verehrung entgegen. […]
50 Natürlich sei der Reichspräsident kein Demokrat in unserem Sinne und sicher sei ihm eine konserva-
tive Monarchie preußischen Stils lieber als eine Republik; doch solange die Verfassung von Weimar
bestehe, werde dieser Mann sie gemäß seinem Eide gegen jeden Angriff von innen und außen verteidi-
gen.
Heinrich Brüning hielt Adolf Hitler für einen verbrecherischen Demagogen, für einen Fanatiker, dem
55 die politische Verrücktheit den Hals brechen werde. Gefährlicher als er seien auf die Dauer die Leute
um Hugenberg und von Papen. Sie könnten es fertigbringen, sich unmittelbar oder mittelbar durch
ihnen nahestehende Persönlichkeiten aus den verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens die
Apparatur des Staates und seine Machtmittel anzueignen, weil diesen Herren die Sympathie der
Reichswehr sicher sei.
Carlo Schmid: Erinnerungen, 2. Aufl. München 1985, S. 149–153.
Hinweise
Carlo Schmid (1896–1979), Staatsrechtler und Politiker, war 1948/49 Mitglied des Parlamentarischen Rates, gilt als einer der Väter des Grundgesetzes und gehörte in den fünfziger und sechziger Jahren zu den profiliertesten Politikern der SPD (Mitglied des Deutschen Bundestages, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, Bundestagsvizepräsident).
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
¹ drüben: Gemeint sind hier die Siegermächte Großbritannien, USA und Frankreich.
² archaisch: urtümlich, urzeitlich
³ Herrschaft Zions, hier: Herrschaft der Juden
⁴ Hjalmar Schacht (1877–1970), deutscher Bankier und Politiker, zunächst parteilos, später Mitglied der NSDAP. Er war von 1923 bis 1930 und von März 1933 bis Januar 1939 Reichsbankpräsident sowie von 1934 bis 1937 Reichswirtschaftsminister und schuf die finanziellen Grundlagen für Hitlers Aufrüstungsprogramm.
⁵ Tribute, hier: Reparationen
3
Begründen Sie, warum es für „Bürger, die stolz darauf waren, daß in ihrer Familie die Tradition der achtundvierziger Jahre [des 19. Jahrhunderts] lebendig geblieben sei“ (Material), keine Option hätte sein können, die NSDAP zu wählen. Berücksichtigen Sie dabei insbesondere Ziele und Ideologie der Nationalsozialisten.
(30 BE)
Aufgabe Vorschlag C - Aufgaben 1-3 · Friedliche Revolution in der DDR und deutsche Einheit 1989/90
Angst vor einem zu starken Deutschland?
Der vorliegende Vorschlag enthält in Aufgabe 4 alternative Arbeitsanweisungen. Bearbeiten Sie hier die Aufgaben 1 bis 3.
Material 1
Der Journalist Serge July in der französischen Tageszeitung „Libération“ am 11. November 1989
Die Berliner Mauer war für den Kommunismus, was die Bastille für den Absolutismus war: das symbolhafte Bild eines erschöpften Regimes, dessen Zerstörung einem seit langem begonnenen historischen Prozess Sinn verleiht. Alle Ereignisse, die sich seit Beginn dieses Epochenjahrs in Osteuropa überstürzen, scheinen zusammen diesen 9. November vorzubereiten, der in der Zukunft das Ende des bürokratischen Totalitarismus 1 datieren wird. Zwischen der ersten ungarischen Lücke im eisernen Vorhang und dem Sturz der Berliner Mauer sind nur wenige Monate vergangen. Aber was für eine Geschwindigkeit zwischen diesem 2. Mai und diesem 9. November. Nichts weniger als eine Revolution. […]
Hier [war es] die Straße, die das ostdeutsche Regime auf friedlichem Weg gestürzt hat. Die Straße, die von Hunderttausenden Demonstranten bevölkert war, aber auch die Straße, die andere Massen nutzten, um aus der DDR zu fliehen. Die Staatsführung der sozialistischen Festung – durch diesen Aderlass schlicht und einfach von ihrem eigenen Verschwinden bedroht – musste überstürzt in wenigen Tagen umsetzen, was ihre sowjetischen Kollegen in fünf Jahren unternommen hatten. Um einer demographischen Schrumpfkur zu entgehen, hat die ostdeutsche Staatsführung angesichts des demokratischen Aggiornamento 2 alles auf eine Karte gesetzt: de facto Abschaffung der Mauer und freie Wahlen. Trotz seiner Überheblichkeit wird der ostdeutsche Kommunismus schneller zusammengebrochen sein als alle anderen: wie eine Strohhütte. Der Zug nach Westen kommt einer Meinungsumfrage über die Beliebtheit des Kommunismus gleich. Als letzter Ausweg blieb nur eine Lösung, um hoffentlich die Möbel, also die Existenz des ostdeutschen Staats, zu retten, dass die Bürger der DDR genügend Gründe hätten, bleiben zu wollen.
So spontan wie diese Flucht in den Westen auch war, so ist die Rolle Gorbatschows doch nicht weniger entscheidend. […]
Als im letzten Sommer amerikanische, deutsche und französische Diplomaten Gorbatschows Mitarbeiter zur Berliner Mauer und zur deutschen Einheit befragten, erhielten sie überraschende Antworten: Zum einen, dass man die Mauer von selbst einstürzen lassen solle und dass im Übrigen die sowjetische Staatsführung davon abgerückt sei, eine deutsche Wiedervereinigung als absolutes Tabu zu betrachten. […]
Und schließlich die deutsche Frage: Sie ist für die Sowjets eine zentrale Frage. Das ist der andere paradoxe Aspekt der Situation, die durch die Berliner Revolution entstanden ist. Das Ziel der sowjetischen Strategen war immer die militärische Neutralisierung Westdeutschlands. Dieses Ziel ist heute weniger unerreichbar als gestern: Die kulturelle Wiedervereinigung der Berliner, die sich in der freudentrunkenen Nacht vom 9. November zeigte, wird von nun an alle Faktoren unterstützen, die einer Demilitarisierung der beiden deutschen Staaten zuträglich sind. Dieser neue Sieg der Demokratie und der Freiheit, das Wiedersehen in Berlin, all das weckt natürlich Begeisterung. Wenn die erste Gefühlsregung vorbei ist, entsteht eine leichte Unruhe: Ist der Frieden nicht bedrohlicher als das Gegenüber der beiden Militärblöcke in Europa? Im Kielwasser der Ereignisse in der DDR sieht man nun in den USA und Westeuropa das Gespenst eines wiedervereinigten Deutschlands umhergehen, das in seiner Brust die beiden deutschen Mächte vereint, die DDR und die BRD.
Von nun an gibt es nicht mehr zwei deutsche Staaten, sondern eine Nation, die wirtschaftliche, kulturelle und familiäre Bande verbinden, anders ausgedrückt, eine Gesellschaft, die in zwei verschiedenen Staaten lebt und die den Kern einer deutschen Konföderation 3 im Herzen Europas bilden kann. […]
1 bürokratischer Totalitarismus: ein diktatorisches Regime, das durch einen Verwaltungsapparat gestützt wird
2 Aggiornamento, hier: Anpassung an die Verhältnisse, Erneuerung
3 Konföderation: Staatenbund
Serge July: Die andere Oktoberrevolution, in: Libération vom 11. November 1989, S. 4 (eigene Übersetzung), URL: https://www.liberation.fr/planete/1989/11/11/l-autre-revolution-d-octobre_591501 (abgerufen am 19.04.2020).
Hinweise
Serge July: französischer Journalist, geb. 1942, einer der Mitbegründer der Tageszeitung „Libération“
Libération: eine französische Tageszeitung, eher Mitte-links orientiert
Material 2
Karikatur im französischen Politmagazin „Le Nouvel Observateur“, November 1989
WIAZ (Pierre Wiazemsky), in: Le Nouvel Observateur. 16. bis 22.11.1989, S. 92, URL: https://www.cvce.eu/de/education/unit-content/-/unit/c3c5e6c5-1241-471d-9e3a-dc6e7202ca16/d6a52ee2-f45c-4e37-96a6-6d244ecd4ed5/Resources#21856661-c760-4ba0-84be-c29c2133a331_de&overlay (abgerufen am 01.02.2020).
Hinweis
Le Nouvel Observateur: ein französisches Politmagazin, das wöchentlich erscheint, eher Mitte-links orientiert
1
Fassen Sie zusammen, wie der Autor die Ereignisse des Jahres 1989 einschätzt. (Material 1)
[20 BE]
2
Setzen Sie die Karikatur (Material 2) und den vorliegenden Text (Material 1) zueinander in Beziehung.
[15 BE]
3
Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf Material 1, den Prozess der deutschen Einigung 1989/90 im deutschen und internationalen Kontext.
[35 BE]
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 4 (1890–1914) · Imperialismus und Weg in den Ersten Weltkrieg
Material 1
Der Journalist Serge July in der französischen Tageszeitung „Libération“ am 11. November 1989
Die Berliner Mauer war für den Kommunismus, was die Bastille für den Absolutismus war: das symbolhafte Bild eines erschöpften Regimes, dessen Zerstörung einem seit langem begonnenen historischen Prozess Sinn verleiht. Alle Ereignisse, die sich seit Beginn dieses Epochenjahrs in Osteuropa überstürzen, scheinen zusammen diesen 9. November vorzubereiten, der in der Zukunft das Ende des bürokratischen Totalitarismus 1 datieren wird. Zwischen der ersten ungarischen Lücke im eisernen Vorhang und dem Sturz der Berliner Mauer sind nur wenige Monate vergangen. Aber was für eine Geschwindigkeit zwischen diesem 2. Mai und diesem 9. November. Nichts weniger als eine Revolution. […]
Hier [war es] die Straße, die das ostdeutsche Regime auf friedlichem Weg gestürzt hat. Die Straße, die von Hunderttausenden Demonstranten bevölkert war, aber auch die Straße, die andere Massen nutzten, um aus der DDR zu fliehen. Die Staatsführung der sozialistischen Festung – durch diesen Aderlass schlicht und einfach von ihrem eigenen Verschwinden bedroht – musste überstürzt in wenigen Tagen umsetzen, was ihre sowjetischen Kollegen in fünf Jahren unternommen hatten. Um einer demographischen Schrumpfkur zu entgehen, hat die ostdeutsche Staatsführung angesichts des demokratischen Aggiornamento 2 alles auf eine Karte gesetzt: de facto Abschaffung der Mauer und freie Wahlen. Trotz seiner Überheblichkeit wird der ostdeutsche Kommunismus schneller zusammengebrochen sein als alle anderen: wie eine Strohhütte. Der Zug nach Westen kommt einer Meinungsumfrage über die Beliebtheit des Kommunismus gleich. Als letzter Ausweg blieb nur eine Lösung, um hoffentlich die Möbel, also die Existenz des ostdeutschen Staats, zu retten, dass die Bürger der DDR genügend Gründe hätten, bleiben zu wollen.
So spontan wie diese Flucht in den Westen auch war, so ist die Rolle Gorbatschows doch nicht weniger entscheidend. […]
Als im letzten Sommer amerikanische, deutsche und französische Diplomaten Gorbatschows Mitarbeiter zur Berliner Mauer und zur deutschen Einheit befragten, erhielten sie überraschende Antworten: Zum einen, dass man die Mauer von selbst einstürzen lassen solle und dass im Übrigen die sowjetische Staatsführung davon abgerückt sei, eine deutsche Wiedervereinigung als absolutes Tabu zu betrachten. […]
Und schließlich die deutsche Frage: Sie ist für die Sowjets eine zentrale Frage. Das ist der andere paradoxe Aspekt der Situation, die durch die Berliner Revolution entstanden ist. Das Ziel der sowjetischen Strategen war immer die militärische Neutralisierung Westdeutschlands. Dieses Ziel ist heute weniger unerreichbar als gestern: Die kulturelle Wiedervereinigung der Berliner, die sich in der freudentrunkenen Nacht vom 9. November zeigte, wird von nun an alle Faktoren unterstützen, die einer Demilitarisierung der beiden deutschen Staaten zuträglich sind. Dieser neue Sieg der Demokratie und der Freiheit, das Wiedersehen in Berlin, all das weckt natürlich Begeisterung. Wenn die erste Gefühlsregung vorbei ist, entsteht eine leichte Unruhe: Ist der Frieden nicht bedrohlicher als das Gegenüber der beiden Militärblöcke in Europa? Im Kielwasser der Ereignisse in der DDR sieht man nun in den USA und Westeuropa das Gespenst eines wiedervereinigten Deutschlands umhergehen, das in seiner Brust die beiden deutschen Mächte vereint, die DDR und die BRD.
Von nun an gibt es nicht mehr zwei deutsche Staaten, sondern eine Nation, die wirtschaftliche, kulturelle und familiäre Bande verbinden, anders ausgedrückt, eine Gesellschaft, die in zwei verschiedenen Staaten lebt und die den Kern einer deutschen Konföderation 3 im Herzen Europas bilden kann. […]
1 bürokratischer Totalitarismus: ein diktatorisches Regime, das durch einen Verwaltungsapparat gestützt wird
2 Aggiornamento, hier: Anpassung an die Verhältnisse, Erneuerung
3 Konföderation: Staatenbund
Serge July: Die andere Oktoberrevolution, in: Libération vom 11. November 1989, S. 4 (eigene Übersetzung), URL: https://www.liberation.fr/planete/1989/11/11/l-autre-revolution-d-octobre_591501 (abgerufen am 19.04.2020).
Hinweise
Serge July: französischer Journalist, geb. 1942, einer der Mitbegründer der Tageszeitung „Libération“
Libération: eine französische Tageszeitung, eher Mitte-links orientiert
Material 2
Karikatur im französischen Politmagazin „Le Nouvel Observateur“, November 1989
WIAZ (Pierre Wiazemsky), in: Le Nouvel Observateur. 16. bis 22.11.1989, S. 92, URL: https://www.cvce.eu/de/education/unit-content/-/unit/c3c5e6c5-1241-471d-9e3a-dc6e7202ca16/d6a52ee2-f45c-4e37-96a6-6d244ecd4ed5/Resources#21856661-c760-4ba0-84be-c29c2133a331_de&overlay (abgerufen am 01.02.2020).
Hinweis
Le Nouvel Observateur: ein französisches Politmagazin, das wöchentlich erscheint, eher Mitte-links orientiert
Aufgabe 4
July spricht vom „Gespenst eines wiedervereinigten Deutschlands“ (Material 1).
Überprüfen Sie mit Blick auf die Zeit von 1890–1914, inwiefern Furcht vor Deutschland die Außenpolitik der europäischen Großmächte prägte. [30 BE]
Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 4 (1933–1939) · NS-Außenpolitik und Weg in den Zweiten Weltkrieg
Material 1
Der Journalist Serge July in der französischen Tageszeitung „Libération“ am 11. November 1989
Die Berliner Mauer war für den Kommunismus, was die Bastille für den Absolutismus war: das symbolhafte Bild eines erschöpften Regimes, dessen Zerstörung einem seit langem begonnenen historischen Prozess Sinn verleiht. Alle Ereignisse, die sich seit Beginn dieses Epochenjahrs in Osteuropa überstürzen, scheinen zusammen diesen 9. November vorzubereiten, der in der Zukunft das Ende des bürokratischen Totalitarismus 1 datieren wird. Zwischen der ersten ungarischen Lücke im eisernen Vorhang und dem Sturz der Berliner Mauer sind nur wenige Monate vergangen. Aber was für eine Geschwindigkeit zwischen diesem 2. Mai und diesem 9. November. Nichts weniger als eine Revolution. […]
Hier [war es] die Straße, die das ostdeutsche Regime auf friedlichem Weg gestürzt hat. Die Straße, die von Hunderttausenden Demonstranten bevölkert war, aber auch die Straße, die andere Massen nutzten, um aus der DDR zu fliehen. Die Staatsführung der sozialistischen Festung – durch diesen Aderlass schlicht und einfach von ihrem eigenen Verschwinden bedroht – musste überstürzt in wenigen Tagen umsetzen, was ihre sowjetischen Kollegen in fünf Jahren unternommen hatten. Um einer demographischen Schrumpfkur zu entgehen, hat die ostdeutsche Staatsführung angesichts des demokratischen Aggiornamento 2 alles auf eine Karte gesetzt: de facto Abschaffung der Mauer und freie Wahlen. Trotz seiner Überheblichkeit wird der ostdeutsche Kommunismus schneller zusammengebrochen sein als alle anderen: wie eine Strohhütte. Der Zug nach Westen kommt einer Meinungsumfrage über die Beliebtheit des Kommunismus gleich. Als letzter Ausweg blieb nur eine Lösung, um hoffentlich die Möbel, also die Existenz des ostdeutschen Staats, zu retten, dass die Bürger der DDR genügend Gründe hätten, bleiben zu wollen.
So spontan wie diese Flucht in den Westen auch war, so ist die Rolle Gorbatschows doch nicht weniger entscheidend. […]
Als im letzten Sommer amerikanische, deutsche und französische Diplomaten Gorbatschows Mitarbeiter zur Berliner Mauer und zur deutschen Einheit befragten, erhielten sie überraschende Antworten: Zum einen, dass man die Mauer von selbst einstürzen lassen solle und dass im Übrigen die sowjetische Staatsführung davon abgerückt sei, eine deutsche Wiedervereinigung als absolutes Tabu zu betrachten. […]
Und schließlich die deutsche Frage: Sie ist für die Sowjets eine zentrale Frage. Das ist der andere paradoxe Aspekt der Situation, die durch die Berliner Revolution entstanden ist. Das Ziel der sowjetischen Strategen war immer die militärische Neutralisierung Westdeutschlands. Dieses Ziel ist heute weniger unerreichbar als gestern: Die kulturelle Wiedervereinigung der Berliner, die sich in der freudentrunkenen Nacht vom 9. November zeigte, wird von nun an alle Faktoren unterstützen, die einer Demilitarisierung der beiden deutschen Staaten zuträglich sind. Dieser neue Sieg der Demokratie und der Freiheit, das Wiedersehen in Berlin, all das weckt natürlich Begeisterung. Wenn die erste Gefühlsregung vorbei ist, entsteht eine leichte Unruhe: Ist der Frieden nicht bedrohlicher als das Gegenüber der beiden Militärblöcke in Europa? Im Kielwasser der Ereignisse in der DDR sieht man nun in den USA und Westeuropa das Gespenst eines wiedervereinigten Deutschlands umhergehen, das in seiner Brust die beiden deutschen Mächte vereint, die DDR und die BRD.
Von nun an gibt es nicht mehr zwei deutsche Staaten, sondern eine Nation, die wirtschaftliche, kulturelle und familiäre Bande verbinden, anders ausgedrückt, eine Gesellschaft, die in zwei verschiedenen Staaten lebt und die den Kern einer deutschen Konföderation 3 im Herzen Europas bilden kann. […]
1 bürokratischer Totalitarismus: ein diktatorisches Regime, das durch einen Verwaltungsapparat gestützt wird
2 Aggiornamento, hier: Anpassung an die Verhältnisse, Erneuerung
3 Konföderation: Staatenbund
Serge July: Die andere Oktoberrevolution, in: Libération vom 11. November 1989, S. 4 (eigene Übersetzung), URL: https://www.liberation.fr/planete/1989/11/11/l-autre-revolution-d-octobre_591501 (abgerufen am 19.04.2020).
Hinweise
Serge July: französischer Journalist, geb. 1942, einer der Mitbegründer der Tageszeitung „Libération“
Libération: eine französische Tageszeitung, eher Mitte-links orientiert
Material 2
Karikatur im französischen Politmagazin „Le Nouvel Observateur“, November 1989
WIAZ (Pierre Wiazemsky), in: Le Nouvel Observateur. 16. bis 22.11.1989, S. 92, URL: https://www.cvce.eu/de/education/unit-content/-/unit/c3c5e6c5-1241-471d-9e3a-dc6e7202ca16/d6a52ee2-f45c-4e37-96a6-6d244ecd4ed5/Resources#21856661-c760-4ba0-84be-c29c2133a331_de&overlay (abgerufen am 01.02.2020).
Hinweis
Le Nouvel Observateur: ein französisches Politmagazin, das wöchentlich erscheint, eher Mitte-links orientiert
Aufgabe 4
July spricht vom „Gespenst eines wiedervereinigten Deutschlands“ (Material 1).
Überprüfen Sie mit Blick auf die Zeit von 1933–1939, inwiefern Furcht vor Deutschland die Außenpolitik der europäischen Großmächte prägte. [30 BE]
Aufgabe Vorschlag D - Aufgaben 1 und 2 · NS-Diktatur: Ideologie, Volksgemeinschaft, Terror und Verfolgung
Material
Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland (1944)
Sie werden Deutschen begegnen, die sich zutiefst dafür schämen, Deutsche zu sein. Schon bevor Hit-
ler die Deutschen auf der ganzen Welt verhasst machte, litten sie unter einem nationalen Minderwer-
tigkeitsgefühl. Sie hatten das Gefühl, dass andere Nationen, wie die Briten, Amerikaner und Franzo-
sen, ihnen irgendwie voraus waren. Es ist kaum zu bezweifeln, dass Hitler das begriff und seine Theo-
5 rie der Herrenrasse nutzte, um dieses Gefühl auszutreiben. Er versuchte, den Deutschen Hochachtung
vor sich selbst zu vermitteln, und dabei übertrieb er. Es wird einige geben – insbesondere unter den
Jüngeren –, die die Legende, sie seien Mitglieder der Herrenrasse, geschluckt haben und sich uns des-
halb überlegen fühlen. […]
Hitler machte sich daran, […] Schwächen und Laster des deutschen Charakters für seine Zwecke zu
10 nutzen.
Er wollte, dass seine Nazis noch brutaler werden, weil er glaubte, die deutsche Nation auf diese Weise
in Angst und Schrecken versetzen und andere Nationen unterjochen zu können. […]
Einfachen Bürgern wurde beigebracht sich gegenseitig zu bespitzeln. Kleine Jungen und Mädchen
wurden in der Hitlerjugend dazu aufgefordert, ihre Eltern und Lehrer zu denunzieren, wenn sie so un-
15 vorsichtig sein sollten, kritische Bemerkungen über Hitler oder seine Regierung zu machen. Das führte
dazu, dass in Nazideutschland niemand seinem Nächsten trauen kann; freundschaftliche und familiäre
Bindungen sind zerrüttet, und Tausende von deutschen Nazigegnern sind dazu gezwungen worden,
sogar unter ihren eigenen Dächern Bewunderung für die Männer und Prinzipien zu heucheln, die sie
von ganzem Herzen verachten. Lüge und Heuchelei wurden überlebensnotwendig.
20 Hitlers eigene Vertrauensbrüche – insbesondere im Umgang mit anderen Nationen – wurden als diplo-
matische Meisterleistungen dargestellt. Die Deutschen bewunderten seine Erfolge, und nach und nach
bewunderten sie auch seine Methoden.
Das Schlimmste ist aber vielleicht, dass an den Schulen und in der Hitlerjugend den deutschen Kin-
dern eingebläut wurde, dass Macht vor Recht geht, Krieg die edelste Form menschlichen Tuns und das
25 Christentum nichts als schmalziger Kitsch ist. Indem man die Köpfe der Kinder mit Naziideen voll-
stopfte und andere Ideen von ihnen fernhielt, hoffte Hitler, eine Roboterrasse ganz nach seinem Her-
zen heranzüchten zu können. Derzeit können wir noch nicht beurteilen, inwieweit dieser unmenschli-
che Plan erfolgreich war. […]
Das bedeutet nicht, dass alle Deutschen Lügner, Heuchler und Unmenschen sind. Selbst die Erzie-
30 hungsmethoden der Nazis waren am Ende nicht sehr erfolgreich. Es bedeutet jedoch, dass sich der
deutsche Nationalcharakter unter dem Einfluss der Nazis deutlich verschlechtert hat. Seien Sie auf der
Hut. Wenn Sie mit Deutschen Umgang haben, müssen Sie auf der Hut sein. Nach dem letzten Krieg
haben sie uns überlistet: Viele von uns schluckten ihre Geschichte über den „grausamen“ Versailler
Vertrag, obwohl er eigentlich viel milder war als die Bedingungen, die sie selbst ein Jahr zuvor den
35 Russen auferlegt hatten. Viele von uns glaubten ihren Reden von Abrüstung und der Ernsthaftigkeit
ihrer Sehnsucht nach Frieden. Und so gerieten wir in diesen Krieg, der bedeutend größer als der vorige
war. Es gibt Anzeichen dafür, dass die deutschen Führer bereits wieder Pläne für einen Dritten
Weltkrieg schmieden. Das muss verhindert werden, koste es, was es wolle.
Wenn Sie nach Deutschland kommen, besteht die Möglichkeit, dass einige Zivilisten Ihre Ankunft be-
40 grüßen und Sie als Befreier von der Tyrannei Hitlers ansehen werden. Das werden diejenigen sein, die
sich Hitler auch während dessen erfolgreicher Jahre widersetzt haben. Nicht, dass sie öffentliche Re-
den gegen ihn gehalten oder Sabotage begangen hätten: Wer dergleichen getan hat, dürfte wahrschein-
lich nicht mehr am Leben sein, um Sie zu begrüßen. Aber es gibt viele, die sich treu geblieben sind
und Hitler während der ganzen Zeit passiv widerstanden haben.
45 In der Regel handelt es sich um treue Mitglieder der politischen Parteien, die Hitler unterdrückt hat,
zumeist Arbeiter, aber häufig auch ehrenwerte Leute aus dem Mittelstand. Oder es sind Katholiken
oder Protestanten, die Widerstand gegen Hitler leisteten, weil er das Christentum verfolgte.
Klaus Modick (Übers.): Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944, Köln 2014, S. 31–35.
Hinweise
Die Informationsbroschüre des britischen Außenministeriums diente zur Vorbereitung der britischen Soldaten auf ihren Kriegseinsatz und das Zusammentreffen mit der deutschen Bevölkerung. Die Broschüre wurde ca. 400 000 mal verteilt.
Rechtschreibung und Fettdruck entsprechen der Textvorlage.
1
Fassen Sie zusammen, wie in der vorliegenden Quelle die Haltung der Deutschen zum NS-Regime dargestellt wird. (Material)
(30 BE)
2
Erläutern Sie, ausgehend vom Material, Mittel und Methoden des NS-Regimes zur politisch-ideologischen Beeinflussung der deutschen Bevölkerung.
(40 BE)
Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Nachkriegszeit, Teilung Deutschlands und Westbindung 1945-1955
Material
Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland (1944)
Sie werden Deutschen begegnen, die sich zutiefst dafür schämen, Deutsche zu sein. Schon bevor Hit-
ler die Deutschen auf der ganzen Welt verhasst machte, litten sie unter einem nationalen Minderwer-
tigkeitsgefühl. Sie hatten das Gefühl, dass andere Nationen, wie die Briten, Amerikaner und Franzo-
sen, ihnen irgendwie voraus waren. Es ist kaum zu bezweifeln, dass Hitler das begriff und seine Theo-
5 rie der Herrenrasse nutzte, um dieses Gefühl auszutreiben. Er versuchte, den Deutschen Hochachtung
vor sich selbst zu vermitteln, und dabei übertrieb er. Es wird einige geben – insbesondere unter den
Jüngeren –, die die Legende, sie seien Mitglieder der Herrenrasse, geschluckt haben und sich uns des-
halb überlegen fühlen. […]
Hitler machte sich daran, […] Schwächen und Laster des deutschen Charakters für seine Zwecke zu
10 nutzen.
Er wollte, dass seine Nazis noch brutaler werden, weil er glaubte, die deutsche Nation auf diese Weise
in Angst und Schrecken versetzen und andere Nationen unterjochen zu können. […]
Einfachen Bürgern wurde beigebracht sich gegenseitig zu bespitzeln. Kleine Jungen und Mädchen
wurden in der Hitlerjugend dazu aufgefordert, ihre Eltern und Lehrer zu denunzieren, wenn sie so un-
15 vorsichtig sein sollten, kritische Bemerkungen über Hitler oder seine Regierung zu machen. Das führte
dazu, dass in Nazideutschland niemand seinem Nächsten trauen kann; freundschaftliche und familiäre
Bindungen sind zerrüttet, und Tausende von deutschen Nazigegnern sind dazu gezwungen worden,
sogar unter ihren eigenen Dächern Bewunderung für die Männer und Prinzipien zu heucheln, die sie
von ganzem Herzen verachten. Lüge und Heuchelei wurden überlebensnotwendig.
20 Hitlers eigene Vertrauensbrüche – insbesondere im Umgang mit anderen Nationen – wurden als diplo-
matische Meisterleistungen dargestellt. Die Deutschen bewunderten seine Erfolge, und nach und nach
bewunderten sie auch seine Methoden.
Das Schlimmste ist aber vielleicht, dass an den Schulen und in der Hitlerjugend den deutschen Kin-
dern eingebläut wurde, dass Macht vor Recht geht, Krieg die edelste Form menschlichen Tuns und das
25 Christentum nichts als schmalziger Kitsch ist. Indem man die Köpfe der Kinder mit Naziideen voll-
stopfte und andere Ideen von ihnen fernhielt, hoffte Hitler, eine Roboterrasse ganz nach seinem Her-
zen heranzüchten zu können. Derzeit können wir noch nicht beurteilen, inwieweit dieser unmenschli-
che Plan erfolgreich war. […]
Das bedeutet nicht, dass alle Deutschen Lügner, Heuchler und Unmenschen sind. Selbst die Erzie-
30 hungsmethoden der Nazis waren am Ende nicht sehr erfolgreich. Es bedeutet jedoch, dass sich der
deutsche Nationalcharakter unter dem Einfluss der Nazis deutlich verschlechtert hat. Seien Sie auf der
Hut. Wenn Sie mit Deutschen Umgang haben, müssen Sie auf der Hut sein. Nach dem letzten Krieg
haben sie uns überlistet: Viele von uns schluckten ihre Geschichte über den „grausamen“ Versailler
Vertrag, obwohl er eigentlich viel milder war als die Bedingungen, die sie selbst ein Jahr zuvor den
35 Russen auferlegt hatten. Viele von uns glaubten ihren Reden von Abrüstung und der Ernsthaftigkeit
ihrer Sehnsucht nach Frieden. Und so gerieten wir in diesen Krieg, der bedeutend größer als der vorige
war. Es gibt Anzeichen dafür, dass die deutschen Führer bereits wieder Pläne für einen Dritten
Weltkrieg schmieden. Das muss verhindert werden, koste es, was es wolle.
Wenn Sie nach Deutschland kommen, besteht die Möglichkeit, dass einige Zivilisten Ihre Ankunft be-
40 grüßen und Sie als Befreier von der Tyrannei Hitlers ansehen werden. Das werden diejenigen sein, die
sich Hitler auch während dessen erfolgreicher Jahre widersetzt haben. Nicht, dass sie öffentliche Re-
den gegen ihn gehalten oder Sabotage begangen hätten: Wer dergleichen getan hat, dürfte wahrschein-
lich nicht mehr am Leben sein, um Sie zu begrüßen. Aber es gibt viele, die sich treu geblieben sind
und Hitler während der ganzen Zeit passiv widerstanden haben.
45 In der Regel handelt es sich um treue Mitglieder der politischen Parteien, die Hitler unterdrückt hat,
zumeist Arbeiter, aber häufig auch ehrenwerte Leute aus dem Mittelstand. Oder es sind Katholiken
oder Protestanten, die Widerstand gegen Hitler leisteten, weil er das Christentum verfolgte.
Klaus Modick (Übers.): Leitfaden für britische Soldaten in Deutschland 1944, Köln 2014, S. 31–35.
Hinweise
Die Informationsbroschüre des britischen Außenministeriums diente zur Vorbereitung der britischen Soldaten auf ihren Kriegseinsatz und das Zusammentreffen mit der deutschen Bevölkerung. Die Broschüre wurde ca. 400 000 mal verteilt.
Rechtschreibung und Fettdruck entsprechen der Textvorlage.
3
Überprüfen Sie, inwieweit die im „Leitfaden“ (Material) zum Ausdruck kommenden Befürchtungen und Hoffnungen die Deutschlandpolitik der westlichen Siegermächte in den Jahren 1945 bis 1949 bestimmt haben.
(30 BE)
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