Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Abitur Hessen Geschichte GK 2022
Thema: NS-Diktatur: Ideologie, Volksgemeinschaft, Terror und Verfolgung · Aus der Prüfung GK (2022)
Aufgabenstellung
Material
Carlo Schmid in seiner Autobiographie zum Aufstieg der Nationalsozialisten (1979)
Mochte jener Adolf Hitler auch ein demagogischer Schwätzer sein, gelang es ihm doch offenbar, für
seine Ziele weit verbreitete Affekte zu mobilisieren, die sich in Parteinahme ummünzen ließen. Nicht
das marktschreierische Getue des Führers […] der „Bewegung“ schien mir das eigentlich Bedenkliche
zu sein, sondern daß viele seiner Gefolgsleute Durchschnittsbürger waren, die sich in ihren persönli-
5 chen und privaten Dingen benahmen, wie es guten Familienvätern und Leuten wohl ansteht, die für
Ruhe und Ordnung eintreten und ihr Brot ehrlich verdienen wollen, aber den Glauben verloren hatten,
daß die Republik imstande sei, dem Chaos zu wehren. Ich konnte mir allerdings nicht recht vorstellen,
daß man mit einem so primitiven Programm wie dem der NSDAP an die Hebel der Staatsmacht gelan-
gen könnte. Die Wahlerfolge dieser Partei machten mich zwar besorgt, aber noch nicht ängstlich. Ich
10 war überzeugt, daß die so gut organisierten Gewerkschaften in Verbindung mit den demokratischen
Parteien und den Verantwortungsbewußten unter den Konservativen sowie der auf den Reichspräsi-
denten von Hindenburg eingeschworenen Reichswehr mit der NSDAP schon fertig werden würden.
Schließlich gab es ja noch die Kirchen, an deren Autorität bisher in Deutschland umstürzlerische Be-
wegungen noch immer gescheitert waren. Ich war ferner überzeugt, daß Reichskanzler Brüning von
15 den Siegern des Weltkrieges die Lockerung, vielleicht sogar die Beseitigung der Bestimmungen des
Versailler Vertrages erreichen werde, die am schwersten auf das Selbstgefühl der Deutschen drückten.
Es mußte doch „drüben“¹ verantwortliche Staatsmänner geben, die begriffen, daß unter den herrschen-
den ökonomischen Verhältnissen dem Volk politische Vernunft nur eine Regierung abverlangen
konnte, die darauf zu verweisen vermochte, daß ihre demokratische Friedenspolitik honoriert wurde!
20 Ich hatte damals noch nicht begriffen, daß die letzten Jahrzehnte in Deutschland archaische² Kräfte des
Unterbewußtseins freigesetzt hatten. In weiten Kreisen war man der Meinung, daß Deutschland das
Opfer fremder, in ihrem Wesen rational nicht zu begreifender Mächte geworden sei. Die so dachten,
wollten nicht einsehen, daß am Zusammenbruch der Fundamente des sozialen Gefüges die Politiker
die Schuld trugen, die es 1914 zum Kriege hatten kommen lassen und ihn noch weiterführten, als
25 längst offenbar war, daß er verloren war. Daß die Schuldigen sich inmitten der Kreise derer befanden,
die nun zum Kampf gegen die Republik aufriefen, übersah man.
Wie man im Mittelalter bei großen Katastrophen die Schuld bei denen glaubte suchen zu müssen, die
„anders“ waren – Zigeuner, Ketzer, Juden –, so glaubten nun viele, die Zusammenbrüche und Nieder-
lagen der letzten Jahre hätten ihre Ursache in dem gezielten Wirken dunkler Gewalten, die ein dem
30 deutschen feindliches Lebensprinzip vertraten. Dies seien in erster Linie die Juden […]. Der Kommu-
nismus des Juden Karl Marx und der Kapitalismus der jüdischen Banken seien gleichermaßen Werk-
zeuge für die Errichtung der Herrschaft Zions³ über Deutschland und schließlich über die ganze Welt.
So etwa dachten und sprachen Bürger, die stolz darauf waren, daß in ihrer Familie die Tradition der
achtundvierziger Jahre [des 19. Jahrhunderts] lebendig geblieben sei […].
35 Ich fand es schändlich, daß sich Leute, die einen guten Namen hatten, mit einem bedenkenlosen De-
magogen wie Adolf Hitler zusammentaten. Aber wie viele andere dachte auch ich, ein von preußi-
schen Konservativen, Liberalen wie dem rheinischen Bankier Schacht⁴, von führenden Leuten des
Zentrums wie Franz von Papen eingekreister Hitler werde keine großen Sprünge machen können; der
Ruf der Unfehlbarkeit, auf dem seine Macht beruhte, werde bald dahin sein. Doch ich sollte mich täu-
40 schen: Die Aufnahme in diesen Kreis nahm Hitler nicht die Glaubwürdigkeit, sondern führte ihm
Scharen neuer Wähler zu. […]
Heinrich Brüning, auf dessen Schultern die Last der Kanzlerschaft bis zum 30. Mai 1932 ruhte, war
ein vortrefflicher, kluger, integrer Mann, ein Patriot und ein Asket. […]
Das oberste Ziel seiner Politik war die Befreiung Deutschlands von den Fesseln des Versailler Vertra-
45 ges. Er meinte, ein großes Volk könne nicht jahrzehntelang unter Tributen⁵ leben, die seine Wirtschaft
ruinieren, und sich damit abfinden, moralisch und rechtlich diskriminiert zu werden. Er war entschlos-
sen, den Staat unter das Gesetz altpreußischer Sparsamkeit zu stellen und eine Wirtschaftspolitik zu
führen, in der Stufe um Stufe die Ursachen der Arbeitslosigkeit überwunden würden. […]
Brüning brachte dem Reichspräsidenten von Hindenburg bedingungslose Verehrung entgegen. […]
50 Natürlich sei der Reichspräsident kein Demokrat in unserem Sinne und sicher sei ihm eine konserva-
tive Monarchie preußischen Stils lieber als eine Republik; doch solange die Verfassung von Weimar
bestehe, werde dieser Mann sie gemäß seinem Eide gegen jeden Angriff von innen und außen verteidi-
gen.
Heinrich Brüning hielt Adolf Hitler für einen verbrecherischen Demagogen, für einen Fanatiker, dem
55 die politische Verrücktheit den Hals brechen werde. Gefährlicher als er seien auf die Dauer die Leute
um Hugenberg und von Papen. Sie könnten es fertigbringen, sich unmittelbar oder mittelbar durch
ihnen nahestehende Persönlichkeiten aus den verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens die
Apparatur des Staates und seine Machtmittel anzueignen, weil diesen Herren die Sympathie der
Reichswehr sicher sei.
Carlo Schmid: Erinnerungen, 2. Aufl. München 1985, S. 149–153.
Hinweise
Carlo Schmid (1896–1979), Staatsrechtler und Politiker, war 1948/49 Mitglied des Parlamentarischen Rates, gilt als einer der Väter des Grundgesetzes und gehörte in den fünfziger und sechziger Jahren zu den profiliertesten Politikern der SPD (Mitglied des Deutschen Bundestages, stellvertretender Fraktionsvorsitzender, Bundestagsvizepräsident).
Die Rechtschreibung entspricht der Textvorlage.
¹ drüben: Gemeint sind hier die Siegermächte Großbritannien, USA und Frankreich.
² archaisch: urtümlich, urzeitlich
³ Herrschaft Zions, hier: Herrschaft der Juden
⁴ Hjalmar Schacht (1877–1970), deutscher Bankier und Politiker, zunächst parteilos, später Mitglied der NSDAP. Er war von 1923 bis 1930 und von März 1933 bis Januar 1939 Reichsbankpräsident sowie von 1934 bis 1937 Reichswirtschaftsminister und schuf die finanziellen Grundlagen für Hitlers Aufrüstungsprogramm.
⁵ Tribute, hier: Reparationen
3
Begründen Sie, warum es für „Bürger, die stolz darauf waren, daß in ihrer Familie die Tradition der achtundvierziger Jahre [des 19. Jahrhunderts] lebendig geblieben sei“ (Material), keine Option hätte sein können, die NSDAP zu wählen. Berücksichtigen Sie dabei insbesondere Ziele und Ideologie der Nationalsozialisten.
(30 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 Begründen Sie, warum es für „Bürger, die stolz darauf waren, daß in ihrer Familie die Tradition der achtundvierziger Jahre [des 19. Jahrhunderts] lebendig geblieben sei“ (Material), keine Option hätte sein können, die NSDAP zu wählen. Berücksichtigen Sie dabei insbesondere Ziele und Ideologie der Nationalsozialisten.
Lösung: Ausführliche Begründung und Urteilsbildung im Vergleich der 1848er-Tradition mit Zielen und Ideologie der NSDAP gemäß Erwartungshorizont.
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