Aufgabe Vorschlag C - Aufgaben 1-3 · Abitur Hessen Geschichte GK 2022

Thema: Friedliche Revolution in der DDR und deutsche Einheit 1989/90 · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Angst vor einem zu starken Deutschland?

Der vorliegende Vorschlag enthält in Aufgabe 4 alternative Arbeitsanweisungen. Bearbeiten Sie hier die Aufgaben 1 bis 3.

Material 1

Der Journalist Serge July in der französischen Tageszeitung „Libération“ am 11. November 1989

Die Berliner Mauer war für den Kommunismus, was die Bastille für den Absolutismus war: das symbolhafte Bild eines erschöpften Regimes, dessen Zerstörung einem seit langem begonnenen historischen Prozess Sinn verleiht. Alle Ereignisse, die sich seit Beginn dieses Epochenjahrs in Osteuropa überstürzen, scheinen zusammen diesen 9. November vorzubereiten, der in der Zukunft das Ende des bürokratischen Totalitarismus 1 datieren wird. Zwischen der ersten ungarischen Lücke im eisernen Vorhang und dem Sturz der Berliner Mauer sind nur wenige Monate vergangen. Aber was für eine Geschwindigkeit zwischen diesem 2. Mai und diesem 9. November. Nichts weniger als eine Revolution. […]

Hier [war es] die Straße, die das ostdeutsche Regime auf friedlichem Weg gestürzt hat. Die Straße, die von Hunderttausenden Demonstranten bevölkert war, aber auch die Straße, die andere Massen nutzten, um aus der DDR zu fliehen. Die Staatsführung der sozialistischen Festung – durch diesen Aderlass schlicht und einfach von ihrem eigenen Verschwinden bedroht – musste überstürzt in wenigen Tagen umsetzen, was ihre sowjetischen Kollegen in fünf Jahren unternommen hatten. Um einer demographischen Schrumpfkur zu entgehen, hat die ostdeutsche Staatsführung angesichts des demokratischen Aggiornamento 2 alles auf eine Karte gesetzt: de facto Abschaffung der Mauer und freie Wahlen. Trotz seiner Überheblichkeit wird der ostdeutsche Kommunismus schneller zusammengebrochen sein als alle anderen: wie eine Strohhütte. Der Zug nach Westen kommt einer Meinungsumfrage über die Beliebtheit des Kommunismus gleich. Als letzter Ausweg blieb nur eine Lösung, um hoffentlich die Möbel, also die Existenz des ostdeutschen Staats, zu retten, dass die Bürger der DDR genügend Gründe hätten, bleiben zu wollen.

So spontan wie diese Flucht in den Westen auch war, so ist die Rolle Gorbatschows doch nicht weniger entscheidend. […]

Als im letzten Sommer amerikanische, deutsche und französische Diplomaten Gorbatschows Mitarbeiter zur Berliner Mauer und zur deutschen Einheit befragten, erhielten sie überraschende Antworten: Zum einen, dass man die Mauer von selbst einstürzen lassen solle und dass im Übrigen die sowjetische Staatsführung davon abgerückt sei, eine deutsche Wiedervereinigung als absolutes Tabu zu betrachten. […]

Und schließlich die deutsche Frage: Sie ist für die Sowjets eine zentrale Frage. Das ist der andere paradoxe Aspekt der Situation, die durch die Berliner Revolution entstanden ist. Das Ziel der sowjetischen Strategen war immer die militärische Neutralisierung Westdeutschlands. Dieses Ziel ist heute weniger unerreichbar als gestern: Die kulturelle Wiedervereinigung der Berliner, die sich in der freudentrunkenen Nacht vom 9. November zeigte, wird von nun an alle Faktoren unterstützen, die einer Demilitarisierung der beiden deutschen Staaten zuträglich sind. Dieser neue Sieg der Demokratie und der Freiheit, das Wiedersehen in Berlin, all das weckt natürlich Begeisterung. Wenn die erste Gefühlsregung vorbei ist, entsteht eine leichte Unruhe: Ist der Frieden nicht bedrohlicher als das Gegenüber der beiden Militärblöcke in Europa? Im Kielwasser der Ereignisse in der DDR sieht man nun in den USA und Westeuropa das Gespenst eines wiedervereinigten Deutschlands umhergehen, das in seiner Brust die beiden deutschen Mächte vereint, die DDR und die BRD.

Von nun an gibt es nicht mehr zwei deutsche Staaten, sondern eine Nation, die wirtschaftliche, kulturelle und familiäre Bande verbinden, anders ausgedrückt, eine Gesellschaft, die in zwei verschiedenen Staaten lebt und die den Kern einer deutschen Konföderation 3 im Herzen Europas bilden kann. […]

1 bürokratischer Totalitarismus: ein diktatorisches Regime, das durch einen Verwaltungsapparat gestützt wird

2 Aggiornamento, hier: Anpassung an die Verhältnisse, Erneuerung

3 Konföderation: Staatenbund

Serge July: Die andere Oktoberrevolution, in: Libération vom 11. November 1989, S. 4 (eigene Übersetzung), URL: https://www.liberation.fr/planete/1989/11/11/l-autre-revolution-d-octobre_591501 (abgerufen am 19.04.2020).

Hinweise

Serge July: französischer Journalist, geb. 1942, einer der Mitbegründer der Tageszeitung „Libération“

Libération: eine französische Tageszeitung, eher Mitte-links orientiert

Material 2

Karikatur im französischen Politmagazin „Le Nouvel Observateur“, November 1989

WIAZ (Pierre Wiazemsky), in: Le Nouvel Observateur. 16. bis 22.11.1989, S. 92, URL: https://www.cvce.eu/de/education/unit-content/-/unit/c3c5e6c5-1241-471d-9e3a-dc6e7202ca16/d6a52ee2-f45c-4e37-96a6-6d244ecd4ed5/Resources#21856661-c760-4ba0-84be-c29c2133a331_de&overlay (abgerufen am 01.02.2020).

Hinweis

Le Nouvel Observateur: ein französisches Politmagazin, das wöchentlich erscheint, eher Mitte-links orientiert

1

Fassen Sie zusammen, wie der Autor die Ereignisse des Jahres 1989 einschätzt. (Material 1)

[20 BE]

2

Setzen Sie die Karikatur (Material 2) und den vorliegenden Text (Material 1) zueinander in Beziehung.

[15 BE]

3

Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf Material 1, den Prozess der deutschen Einigung 1989/90 im deutschen und internationalen Kontext.

[35 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - Aufgaben 1-3 · Abitur Hessen Geschichte GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Fassen Sie zusammen, wie der Autor die Ereignisse des Jahres 1989 einschätzt. (Material 1)

Lösung: Einleitung mit Nennung von Autor (Serge July), Textsorte (Zeitungsartikel in „Libération“), Erscheinungsdatum (11.11.1989) und Thema (Öffnung der Mauer und Konsequenzen). Zentrale Aspekte der Zusammenfassung: Die Mauer als Symbol für den Kommunismus (Vergleich mit der Bastille für den Absolutismus); die Ereignisse als „Revolution“, die durch Demonstrationen und Fluchtbewegungen von der Bevölkerung friedlich erzwungen wurde; die Maueröffnung als letzter Versuch der DDR-Staatsführung, die eigene Existenz zu retten; die entscheidende Rolle Gorbatschows und der sowjetischen Haltung, die eine Wiedervereinigung nicht mehr als absolutes Tabu ansieht; die durch die Maueröffnung ermöglichte „kulturelle Wiedervereinigung“ der Berliner bei gleichzeitigen Ängsten in den USA und Westeuropa vor einem wiedervereinigten Deutschland; die Prognose einer Konföderation der beiden deutschen Staaten im Herzen Europas.

2. Setzen Sie die Karikatur (Material 2) und den vorliegenden Text (Material 1) zueinander in Beziehung.

Lösung: Vergleich von Text und Karikatur: Während July unmittelbar unter dem Eindruck der Euphorie nach der Maueröffnung schreibt, betont die Karikatur von WIAZ die von July nur als „leichte Unruhe“ wahrgenommene Skepsis und das „Gespenst eines wiedervereinigten Deutschlands“. In der Karikatur überragt Helmut Kohl die Staatschefs Margaret Thatcher und François Mitterrand um ein Vielfaches. Kohl neigt sich bedrohlich/beschwichtigend über sie und beteuert harmlos wirkend, es gebe keinen Grund zur Sorge („Je vous assure, vous n'avez pas à vous inquiéter...“). Das Bild kontrastiert diese Beschwichtigung mit den offensichtlichen Ängsten der beiden verängstigt wirkenden und zur Flucht ansetzenden europäischen Politiker. Beide Quellen spiegeln somit die in Frankreich und Großbritannien vorherrschende Furcht vor einer neuen deutschen Dominanz in Europa wider.

3. Erläutern Sie, auch unter Bezugnahme auf Material 1, den Prozess der deutschen Einigung 1989/90 im deutschen und internationalen Kontext.

Lösung: Erläuterung des Prozesses auf deutscher und internationaler Ebene: - Nationale Ebene 1989/90: Wahlfälschung der Kommunalwahl im Mai 1989, Massenflucht über Ungarn und Prag; Formierung der Bürgerrechtsbewegung (z. B. Neues Forum) und Montagsdemonstrationen („Wir sind das Volk!“); Rücktritt Honeckers und Maueröffnung am 9. November 1989; Runder Tisch; Kohls Zehn-Punkte-Programm (November 1989) mit der Idee einer Konföderation; Wandel der Losung zu „Wir sind ein Volk!“; erste freie Volkskammerwahl (März 1990) mit Sieg der „Allianz für Deutschland“; Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion (Juli 1990); Einigungsvertrag und Beitritt der DDR zur Bundesrepublik nach Art. 23 GG am 3. Oktober 1990. - Internationale Ebene: Ausgangspositionen der Siegermächte (USA unter Bush befürworten die Einheit bei Verbleib in der NATO; UdSSR unter Gorbatschow fordert Wahrung eigener Sicherheitsinteressen; Großbritannien unter Thatcher und Frankreich unter Mitterrand hegen erhebliche Vorbehalte wegen möglicher wirtschaftlicher und politischer Vormachtstellung Deutschlands); Verhandlungsprozess 1990 im Rahmen der Zwei-plus-Vier-Gespräche; Treffen Kohl-Gorbatschow im Kaukasus (NATO-Verbleib akzeptiert, Zusicherung von Wirtschaftshilfen und Truppenabzug); Bestätigung der Oder-Neiße-Grenze; Unterzeichnung des Zwei-plus-Vier-Vertrags im September 1990 zur Wiedererlangung der vollen Souveränität Deutschlands.

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